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Wechseljahre

Gelassenheit plus Phytopharmaka

24.07.2015  11:18 Uhr

Von Ulrike Viegener / Hitzewallungen und Stimmungs­schwankungen sind die klassischen Symptome, aber auch knirschende Knie und Harnwegsinfekte führen die Wechseljahre im Gepäck. Zur Selbstmedikation der typischen Beschwerden stehen vor allem Phytopharmaka zur Verfügung.

Angelika schwitzt Tag und Nacht, und der Taschenventilator ist zu ihrem wichtigsten Begleiter geworden. Beate versucht panisch, mit Botox und Olivenöl ihre weibliche Attraktivität zu erhalten und buhlt mit ihrer Gynäkologin Evelyn um den jungen Yogalehrer. Nie zuvor sind die Wechseljahre so verständnisvoll amüsant in Szene gesetzt worden wie in der Serie »Klimawechsel« von Doris Dörrie. Zwar finden die betroffenen Frauen diese Lebensphase gar nicht spaßig, aber im Verlauf des Films schaffen sie es, ihre Fixierung auf das Klimakterium aufzugeben und diese schwie­rige Zeit mit einer Portion Humor zu meistern – ein zweifellos gutes Rezept!

Laut einer im Fachmagazin der größten Standesvertretung amerika­nischer Ärzte (JAMA = Journal of the American Medical Association) veröffentlichten US-amerikanischen Studie dauern die klassischen Wechseljahresbeschwerden wie nächtliche Hitzewallungen und Schweißausbrüche durchschnittlich sehr viel länger als bisher angenommen: Über die Hälfte der rund 1500 betroffenen Frauen kämpfte mehr als sieben Jahre lang mit diesen Symptomen. Besonders lange litten Frauen, die ängstlich auf ihre Beschwerden fixiert waren und sich deswegen unter Druck setzten.

Boom der Phytoestrogene

Seit die Hormonersatztherapie mit synthetischen Estrogenen wegen des Thromboserisikos und des Verdachts auf ein erhöhtes Brustkrebsrisiko zunehmend in die Kritik geraten ist, fragen immer mehr Frauen ihren Arzt oder in der Apotheke nach therapeutischen Alternativen, beispielsweise nach Präparaten mit Phytoestrogenen. Diese estrogenähnlichen pflanzlichen Inhaltsstoffe kommen in besonders hohen Konzentrationen in der Soja­pflanze vor. Die Beobachtung, dass asia­tische Frauen deutlich seltener an den typischen Wechseljahresbeschwer­den leiden, wird mit deren hohem Sojakonsum in Zusammenhang gebracht.

In der Folge hat in Europa ein wahrer Soja-Boom eingesetzt, allerdings hielten weder Sojadiät noch Sojapräparate der wissenschaftlichen Überprüfung stand. In einer Meldung vom 15. Juni 2015 rät die Stiftung Warentest dringend von der unkritischen Anwendung rezeptfreier hochdosierter Phytoestrogene ab, die vor allem aus Soja und Rotklee gewonnen werden. Einerseits sei die Studienlage zu positiven Effekten mehr als mager, andererseits bestehe der Verdacht, dass auch Phytoestro­gene zu Entartungen des Brustgewebes führen. Außerdem wurden ungünstige Wirkungen auf die Schilddrüse sowie Kreuzreaktionen bei Frauen mit einer Birkenpollenallergie beobachtet. Das Bundesinstitut für Risiko­bewertung hat sich ebenfalls gegen die Anwendung von Nahrungsergänzungs­mitteln mit Phytoestrogenen ausgesprochen.

Interessantes Profil

Ein ausgewogenes Nutzen-Risiko-Verhältnis scheint dagegen bei der Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa) vorzuliegen, die auch als Wanzenkraut bekannt ist. Die Wurzeln von Cimicifua racemosa enthalten sogenannte Triterpenglykoside mit estrogenartigen Wirkungen. Anders als Phytoestrogene aus Soja und Rotklee wirken die Cimicifuga-Inhaltsstoffe als selektive Estrogen-Modulatoren (SERM), die ihre Wirkung nur an bestimmten Subtypen des Estrogenrezeptors entfalten. So ist zu erklären, dass nachweislich kein Risiko bösartiger Zellveränderungen am Brustgewebe besteht.

Hitzewallungen und Schweißausbrüche lindert Cimicifuga gut, ebenso psychische Symptome wie Nervosität, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen und Schlafstörungen. Außerdem sind günstige Effekte auf die Schleimhäute beschrieben. Für die Behandlung gilt: Je früher mit der Therapie begonnen wird, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Weiter sollten die Frauen wissen, dass sie erst nach vier bis sechs Wochen mit einer Wirkung rechnen können. Das Phytopharmakon gilt als sehr gut verträglich, vereinzelt reizte es die Magenschleimhaut.

Auch der Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus) scheint in der Lage zu sein, den Hormonhaushalt in den Wechseljahren zu harmonisieren. Darauf weisen Erfahrungsberichte hin, allerdings ist dies in Studien nicht überzeugend dokumentiert. Auf welchem Mechanismus die beobachteten günstigen Effekte in den Wechseljahren beruhen, ist nicht abschließend geklärt. Der Name des Mönchspfeffers stammt aus der überlieferten Tatsache, dass Mönche früher versucht haben, mit den Extrakten dieser Pflanze ihre Lust im Zaum zu halten.

Fliegende Hitze

Die Frauen kämpfen mit Hitzewallungen und Schweißausbrüchen, weil für die Wärmeregulation die nötige Menge Estrogen fehlt. Deshalb erweitern sich die Gefäße spontan, und das Blut gerät »in Wallung«. Viele Frauen können ein Lied davon singen, dass die fliegende Hitze sie häufig in einem äußerst unpassenden Moment erwischt. Auch das hängt mit einer ängstlichen Erwartungshaltung zusammen. Wem es gelingt, gelassen mit der anfliegenden Hitze umzugehen, der wird die Problematik deutlich entschärfen. Abgesehen von der Traubensilberkerze ist auch Salbei geeignet, vasomotorische Beschwerden zu bessern. Wichtig ist die regelmäßige Anwendung, das gilt für Tees ebenso wie für Fertigpräparate.

Gute Kombination

Eine weiteres typisches Szenario der Wechseljahre sind Reizbarkeit und depressive Verstimmungen. Eben noch war alles gut, dann aber – aus heiterem Himmel – fließen Tränen. Stimmungsschwankungen sind eine Folge des Chaos im Hormonhaushalt, aber auch eine Reaktion auf den körperlichen und psychischen Umbruch, den viele Frauen als Verlust erleben.

Bei depressiven Verstimmungen in den Wechseljahren ist die Wirkung von Johanniskraut (Hypericum perforatum) gut dokumentiert. Begleiten Unruhe und Reizbarkeit die Stimmungsschwankungen, hat sich die Kombination von Johanniskraut und Traubensilberkerze bewährt.

Harnwegsinfekte

Auch Harnwegsinfekte und Blasenschwäche sind unangenehme Begleiterscheinungen der Wechseljahre. Unter der nachlassenden Estrogenwirkung verlieren Bindegewebe und Muskulatur des Beckenbodens an Festigkeit beziehungsweise Elastizität und schaffen es nicht mehr, Organe des Beckens wie die Harnblase optimal zu stützen. Vor allem bei körperlicher Anstrengung oder auch beim Niesen passiert es dann schon einmal, dass die Blase den Harn nicht halten kann und ein paar Tropfen oder auch mehr verliert.

Frauen mit Blasenschwäche ist Beckenbodentraining zu empfehlen. Oft stärken bereits leicht zu erlernende Übungen den Beckenboden. Allerdings geht das nicht von heute auf morgen: Erfolge sind erst nach drei bis sechs Monaten zu erwarten. Ein wichtiger Aspekt bei der Behandlung von Blasenschwäche ist schließlich der Abbau von Übergewicht, denn jedes Kilo zuviel belastet den geschwächten Beckenboden noch zusätzlich.

Außerdem begünstigen solche »Undichtigkeiten« das Eindringen von Bakterien in die Blase. Hinzu kommt, dass die Schleimhäute der Geschlechtsorgane und der Harnwege infolge des Estrogenmangels weniger gut durchblutet werden und deshalb weniger widerstandsfähig sind. Krankheitserreger haben es jetzt leichter, die Scheide zu besiedeln und von dort aus auch in die Harnwege vorzudringen. Dasselbe gilt für Darmbakterien. Daher ist eine gute Genitalhygiene im Klimakterium besonders wichtig.

Estrogenhaltige Salben

Gute Erfolge bei ständig wiederkehrenden (rezidivierenden) Harnwegsinfekten in den Wechseljahren erzielen estrogenhaltige Salben und Cremes, die in die Scheide eingebracht oder auf den äußeren Genitalbereich aufgetragen werden. Außerdem lindern diese Cremes ebenso wie estrogenhaltige Zäpfchen die Scheidentrockenheit, ein weiteres häufiges Symptom des »Klimawandels«.

Manche Frauen verwenden estrogenhaltige Vaginalcremes schon einmal zweckentfremdet: Zum Beispiel kursiert in Internetforen der Tipp, mit Vaginalcremes ließen sich im Gesicht erstaunliche »hautverjüngende« Effekte erzielen. Weil glatte Haut und kräf­tige Haare zu den Attraktivitätsmerkmalen zählen, fürchten viele Frauen, dass ihre Haare ausfallen und Haut und Bindegewebe erschlaffen. Bei hormonell bedingtem Haarausfall lohnt sich der Versuch mit einer estrogenhaltigen Haartinktur. Im Unterschied zum natürlichen beta-Estradiol beeinflusst das in Haartinkturen enthaltene 17-alpha-Derivat die Sexualfunktion nicht nennenswert.

Knirschende Knie

Wenig bekannt ist eine weitere, keineswegs seltene Begleiterscheinung der Wechseljahre: Viele Frauen sind überrascht, wenn plötzlich ihre Knie knirschen und nicht mehr so belastbar sind. Medizinisch überraschend ist das allerdings nicht, denn Estrogene stabilisieren den Gelenkknorpel. Lässt die Estrogenausschüttung nach, leistet dies Arthrose Vorschub. Dabei manifestiert sich ein solcher Knorpelabbau vor allem an den meistbelasteten Gelenken, also an den Knien und Hüften.

In den Wechseljahren sollten die Frauen sich deshalb regelmäßig bewegen, dabei aber ihre Gelenke nicht überlasten. Der Gelenkknorpel ist nicht an das Blutgefäßsystem angeschlossen, sondern er saugt wie ein Schwamm Nährstoffe aus der Synovialflüssigkeit (Gelenkschmiere) auf – und dazu muss das Gelenk belastet werden.

Zu den sogenannten Chondroprotektiva ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Internationale Gremien kommen angesichts der vorliegenden Studien zu widersprüchlichen Urteilen bezüglich der Wirksamkeit der oralen Gabe dieser natürlichen Knorpelbausteine. Die wichtigsten Chondroprotektiva sind Glucosaminsulfat, Chon­droitinsulfat und Hyaluronsäure.

Die Europäische Rheumaliga EULAR (= European League against Rheumatism) spricht sich aktuell für die Gabe von Chondroprotektiva bei den Anzeichen einer Kniearthrose aus. Allerdings sollten PTA oder Apotheker die Anwender darauf hinweisen, dass sie die Substanzen ausreichend hoch dosieren müssen. Auch sollten die Frauen wissen, dass sie mit einer Besserung der Beschwerden erst nach einigen Wochen rechnen können. Die Supplementierung von Vitamin D ist – im Fall zu niedriger Spiegel – ebenfalls einen Versuch wert, um Arthrosebeschwerden zu lindern. /

Die »Schatzkiste« der Homöopathie

Auch in der Homöopathie ist Cimicifuga ein wichtiges Mittel gegen körperliche und psychische Wechseljahresbeschwerden. Frauen mit Stimmungsschwankungen empfehlen Homöo­pathen die Ignatiusbohne (Ignatia amara) und gegen Hitzewallungen die Kanadische Blutwurzel (Sanguinaria canadensis). Reizbarkeit, Erschöpfung und Schlafstörungen soll die Tinte des Tintenfischs (Sepia) günstig beeinflussen. Fragt eine Frau in der Apotheke nach einem Homöopa­thikum, eignet sich eher ein homöopathisches Komplexpräparat wie Klimaktoplant®N, denn in der Apotheke fehlt häufig die Zeit und Ruhe ein passendes Einzelmittel herauszufinden.

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