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Dyspeptische Beschwerden

Magen unter Druck

Susanne Poth
24.07.2015
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Funktionelle Dyspepsie äußert sich in vielen unterschiedlichen Symptomen. Diese reichen von Schmerzen im Oberbauch, Druckgefühl im Magen, über häufiges Aufstoßen und Sodbrennen bis hin zu einem schnellen Sättigungsgefühl.

Die funktionelle Dyspepsie wird häufig auch als Reizmagen bezeichnet. Neben den chronischen oder wiederholt auftretenden Beschwerden im Oberbauch kommen oft zusätzliche Probleme im weiteren Verlauf des Verdauungstraktes hinzu, beispielsweise der Reizdarm. Auch der Übergang zur gastroösophagealen Refluxkrankheit ist fließend. Dann sind Sodbrennen und Aufstoßen die Leitsymptome.

Bei der Diagnose muss der Arzt zunächst andere Erkrankungen ausschließen, wie Entzündungen der Magenschleimhaut, Magengeschwüre oder -karzinome und auch Nahrungs­mittel­un­ver­träg­lich­keiten abklären. Insbesondere Über-50-Jährige sollten den Arzt aufsuchen, aber ebenso alle, die in der Apotheke eines der im Kasten auf Seite 18 aufgeführten Symptome schildern. Der Mediziner kann im Gespräch, durch endoskopische Untersuchungen und anhand der Laborwerte herausfinden, ob andere Ursachen die Beschwerden auslösen.

 

Findet der Therapeut keine organische Ursache, spricht er von funktioneller Dyspepsie. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Patient ein Hypochonder ist. Denn immer deutlicher erkennen Wissenschaftler, dass dem Beschwerdebild ernst zu nehmende Funktionsstörungen des vegetativen Nervensystems zugrunde liegen, auch wenn sich diese nicht visuell oder durch Laborparameter bestätigen lassen.

 

So ist bei manchen Pa­tienten die Magenbewegung erhöht, bei anderen zu gering. Eine Hypermotilität führt dazu, dass die Nahrung den Magen zu schnell passiert, sich vor dem Magenpförtner staut und mit schmerzhaften Magenkrämpfen verbunden ist. Klagt der Patient hingegen über ein frühes Sättigungs- oder Völlegefühl, stehen Übelkeit oder Erbrechen im Vordergrund, liegt eine Hypomo­tilität nahe. Manchmal löst auch eine viszerale Überempfindlichkeit des Magens auf Dehnungsreize die Missempfindungen aus.

 

Das Bauchhirn

Alle Aktivitäten des Magen-Darm-Traktes werden durch das vegetative Nervensystem gesteuert. Hier wirken Sympathikus, Parasympathikus, aber vor allem das enterische Nervensystem (ENS). Während das sympathische und das parasympathische Nervensystem sich als Gegenspieler verhalten, ist das ENS ein vollkommen selbstständiges Regelsystem. Es wird jedoch durch Signale der beiden Antagonisten beeinflusst. Dieses Geflecht aus etwa 100 Millionen Nerven zieht sich vom Ösophagus bis zum Anus und spielt bei der Verdauung eine ganz entscheidende Rolle: Es reguliert lebenswichtige Funktionen des Magen-Darm-Trakts wie die Darmmotilität, den lokalen Blutfluss, die Sekretion und den Ionentransport sowie außerdem immunologische Funktionen im Gastrointestinaltrakt. Umgangssprachlich heißt dieses Nervengeflecht mit etwa gleich vielen Neuronen wie das Rückenmark auch Bauchhirn. Denn es ähnelt strukturell und funktionell dem Gehirn und erbringt vergleichbare komplexe Leistungen.

Alarmsymptome bei Dyspepsie, die einen Arztbesuch erfordern

  • Gewichtsverlust
  • Gastrointestinale Blutungen
  • Appetitlosigkeit, Erbrechen
  • Gastrointestinale Karzinome in der Familienanamnese
  • Schluckstörungen (Dysphagie)

Zwischen enterischem Nervensystem und Gehirn scheint ein Austausch stattzufinden, der auch zu den sogenannten Bauchentscheidungen führt. Die Nervenverbindungen sind für Wech­selwirkungen von Magen und Psyche verantwortlich. Auffälligerweise agieren in beiden Gehirnen die selben Neurotransmitter wie Serotonin. Viele entzünd­liche und funktionelle Erkrankungen im Gastrointestinaltrakt lassen sich auf Fehlfunktionen des ENS zurückführen. Wissenschaftler vermuten, dass Reizmagen- oder Reizdarm-Patienten ein sensibleres enterisches Nervensystem besitzen und ihr Gehirn empfindlicher auf die Informationen des Darms reagiert.

 

Faktor Lebensstil

Häufig fragen Betroffene in der Apotheke nach medikamentöser Hilfe und Tipps, die ihre Beschwerden langfristig lindern. Doch allein schon wegen der unterschiedlichen Symptomatik gibt es keine Standardtherapie. Effektiv und langfristig helfen vor allem allgemeine Maßnahmen wie Stressabbau und Ernährungsumstellung. Dies scheint sich positiv auf die Wechselwirkungen zwischen ENS und Gehirn auszuwirken.

Zu den absoluten Tabus bei Reizmagen gehören Rauchen, Kaffee, Alkohol und Schokolade, denn sie vermindern den Tonus des Schließmuskels am unteren Ende der Speiseröhre. Das kann zu Sodbrennen führen. Zigaretten, aber auch fettreiches Essen verzögern die Magenentleerung. Alkohol greift zusätzlich die Magenschleimhaut an. Außerdem belasten zu hastiges Essen oder üppige Mahlzeiten den Verdauungstrakt. Wer unter Reizmagen leidet, sollte lieber kleine Portionen mit Muße aufnehmen und gut kauen.

 

Den Alltag zu entschleunigen, ist ebenfalls hilfreich, beispielsweise durch kurze Erholungsphasen. Wem das Abschalten schwer fällt, sollte eine Entspannungstechnik wie die progressive Muskelentspannung erlernen. Insbesondere bei Patienten, denen keine andere Therapie half, zeigten sich psychotherapeutische Verfahren der medikamentösen Behandlung langfristig überlegen.

 

Für den Patienten wichtig ist auch die Information, dass die funktionelle Dystonie kein eingebildetes Leiden ist, aber auch keine Vorstufe einer schwerwiegenden Erkrankung und dass sie ohne Spätschäden abheilt.

 

Nie länger als zwei Wochen

Gegen akute Schmerzen ist je nach Beschwerdebild die medikamentöse Therapie der Symptome sinnvoll. Stehen Sodbrennen oder saures Aufstoßen im Vordergrund, helfen H2-Ant­agonisten wie Ranitidin oder Protonenpumpenhemmer wie Omeprazol in der niedrigsten Dosierung, in der Selbstmedikation allerdings nie länger als 14 Tage. Der Patient sollte wissen, wann er das Medikament einnehmen muss: Während er Ranitidin erst nach dem Abendessen schlucken soll, gilt für Omeprazol etwa eine halbe Stunde vor der Mahlzeit als geeigneter Einnahmezeitpunkt. Er kann sich auch am Bedarf orientieren, also nur dann Tabletten einnehmen, wenn die Beschwerden akut sind. Um den Säurefluss schnell zu neutralisieren, eignen sich Antacida. In Frage kommen Cal­cium-, Aluminium- und Magnesiumsalze. Als Schichtgitter weisen sie ein hohes Neutralisationsvermögen sowie schleimhautschützende Eigenschaften auf.

Tipp: Tagebuch über Beschwerden führen

Ein guter Rat ist, die Beschwerden zu dokumentieren. Dabei sollte der Patient die Art der Beschwerden, auf­genommene Nahrungsmittel oder Medikamente sowie die äußeren Umstände wie Stress, Sorgen oder Ärger notieren. Das hilft ihm, das eigene Verhalten zu überdenken und erlaubt gegebenenfalls auch dem Arzt wichtige Rückschlüsse.

Stehen die Symptome Übelkeit und Erbrechen im Vordergrund, verordnen Ärzte meist vorübergehend ein Prokinetikum wie Metoclopramid oder Domperidon. Diese Arzneistoffe regen die Peristaltik im oberen Magen-Darm-Trakt an und lindern damit diese Beschwerden. Da die Wirkstoffe Dopamin-antagonistisch wirken, können Nebenwirkungen wie Parkinsonismus auftreten, die sich unter anderem im Zittern der Hände und Finger äußern.

 

Zahlreiche Phytopharmaka

Verschreibungsfrei und wirksam sind hingegen zahlreiche Helfer aus dem Pflanzenreich, entweder als Tee oder besser noch als hoch dosierter, alkoholischer oder alkoholfreier Extrakt. Eine Hauptrolle spielt hier die Kamille: Sie beruhigt die gereizte Magenschleimhaut, hemmt Entzündungen und löst Krämpfe. Ähnliches leistet auch die Schafgarbe für den Magen. Die bittere Schleifenblume wirkt prokinetisch, erhöht also den Tonus der glatten Muskulatur des Magen-Darm-Traktes, Kümmel hilft gegen Blähungen und Krämpfe, Melisse beruhigt Magen und Nerven, Süßholz heilt die entzündete Magenschleimhaut und entkrampft, Pfefferminze löst Krämpfe und Schöllkraut entkrampft den Verdauungstrakt. Die Bitterstoffe des Enzians helfen bei Appetitlosigkeit und Völle­gefühl. Je nach Beschwerdebild ist auch ein Kombinationsarzneimittel aus verschiedenen Pflanzenextrakten die richtige Wahl. Ein kombiniertes Fertigarzneimittel ist besonders dann sinnvoll, wenn sich die Beschwerden überschneiden. /