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Markteinführungen

Zwei Neulinge Mitte Juli

24.07.2015  11:18 Uhr

Von Sven Siebenand / Seit Mitte Juli bereichern zwei neue Wirkstoffe den deutschen Markt: Cangrelor (Kengrexal®) zur Hemmung der Thrombozytenaggregation und der Antikörper Nivolumab, der bei fortgeschrittenem Hautkrebs eingesetzt wird. Beide neuen Arzneisubstanzen kommen als Konzentrat in den Handel, aus dem unmittelbar vor der Applikation eine Injektions- beziehungsweise Infusionslösung hergestellt werden muss.

Die zur Hemmung der Plättchenaggregation eingesetzten Arzneisubstanzen lassen sich in mehrere Gruppen einteilen. Eine davon sind die Hemmstoffe des Adenosindiphosphat-(ADP)-Rezeptors P2Y12. Zu dieser Klasse gehören Arzneistoffe wie Clopidogrel, Prasugrel, Ticlopidin und Ticagrelor. Im Unterschied zu den ersten drei Substanzen, die die Aktivierung der Thrombozyten durch Blockade des Rezeptors P2Y12 irreversibel hemmen, blockiert Ticagrelor den Rezeptor reversibel. Das ist auch der Wirkmechanismus des Cangrelor (Kengrexal® 50 mg Pulver für ein Konzentrat zur Herstellung einer Injektions- beziehungsweise Infusions­lösung, The Medicines Company). Der Wirkstoff ist jedoch ausschließlich für den intravenösen Einsatz im Krankenhaus vorgesehen. Zugelassen wurde er in Kombination mit Acetylsalicylsäure (ASS) um bei erwachsenen Patienten mit einer koronaren Herzkrankheit das Risiko thrombotischer kardiovaskulärer Ereignisse zu senken. Ärzte dürfen Cangrelor allerdings nur denjenigen Patienten injizieren, die vor Einleitung einer perkutanen Koronarintervention (PCI) keine oralen P2Y12-Hemmer erhielten und bei denen die orale Therapie mit P2Y12-Hemmern nicht möglich oder wünschenswert ist.

Die intravenöse Injektion beginnt mit in einer Dosis von 30 µg Cangrelor pro Kilogramm Körpergewicht und sollte innerhalb von maximal einer Minute abgeschlossen sein. Unmittelbar daran anschließend erhält der Patient im Minutenabstand weitere Infusionen von jeweils 4 µg/kg Körpergewicht. Diese Behandlungsabfolge sollte vor der PCI erfolgen und mindestens zwei Stunden lang oder für die Dauer der gesamten PCI fortgesetzt werden, je nachdem, welcher Zeitraum länger ist. Der Arzt kann die Infusion auch für bis zu vier Stunden fortsetzen, wenn er das für erforderlich hält. Nach Abschluss der Infusion sollten die Patienten auf die orale Dauertherapie mit Clopidogrel, Ticagrelor oder Prasugrel umgestellt werden.

Patienten mit einer akuten Blutung dürfen kein Cangrelor erhalten. Dasselbe gilt für Patienten, deren Blutungs­risiko erhöht ist, zum Beispiel weil ihre Hämostase beeinträchtigt ist und/oder ihre Gerinnung (Koagulation) irrever­sibel gestört. Ebenso sollten Patienten, bei denen kürzlich ein großer chirur­gischer Eingriff erfolgte, die Traumata erlitten oder deren Bluthochdruck medikamentös schwer einstellbar ist, kein Cangrelor erhalten. Auch bei Patienten, die bereits einen Schlaganfall erlitten haben, ist der neue Wirkstoff kontraindiziert. Nimmt ein Patient Arzneimittel ein, die das Blutungsrisiko erhöhen können, sollten Ärzte den neuen Thrombozytenaggregationshemmer mit Vorsicht anwenden.

Zu den schwerwiegenden Nebenwirkungen von Cangrelor zählen ernsthafte und lebensbedrohliche Blutungen sowie allergische Reaktionen. Außerdem traten sehr häufig leichte und mäßige Blutungen sowie Atembeschwerden auf.

Schwangere sollten kein Cangrelor erhalten und bei Stillenden kann ein Risiko für das gestillte Kind nicht aus­geschlossen werden.

Neue Therapieoption bei Hautkrebs

Krebszellen können sich vor Angriffen durch das Immunsystem schützen, beispielsweise, indem sie regulatorische Signalwege wie die sogenannten Checkpoint-Moleküle nutzen. Auf dieser Tatsache basiert der Wirkmechanismus des Nivolumab (Opdivo® 10 mg/ml Konzentrat 10 mg/ml Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Bristol-Myers Squibb). Die neue Arzneisubstanz bindet an den Immun-Checkpoint-Rezeptor PD-1 auf aktivierten T-Zellen und erhöht die T-Zell-Aktivität gegen die Tumorzellen. Der Antikörper aktiviert also das Immunsystem gegen die Hautkrebszellen, direkt gegen den Tumor richtet sich der PD-1-Immun-Checkpoint-Inhibitor dagegen nicht. Auch das bereits seit Längerem verfügbare Ipilimumab (Yervoy®) gegen Hautkrebswirkt nach einem ähnlichen Mechanismus, bindet aber an ein anderes Checkpoint-Molekül.

Zugelassen ist Nivolumab zur Monotherapie des fortgeschrittenen, operativ nicht entfernbaren oder metastasierten Melanoms bei Erwachsenen. Auch die Erstlinientherapie ist mit dem Antikörper möglich. Der Patient erhält Nivolumab 60 Minuten lang intravenös. Der Hersteller empfiehlt als Dosierung in der Fachinformation 3 mg/kg Körpergewicht und die Infusion alle zwei Wochen zu wiederholen. Von einer Dosissteigerung oder -reduktion rät er ab. Je nach individueller Verträglichkeit kann der Arzt die erneute Infusion auch aufschieben oder die Therapie komplett abbrechen. Bei Patienten mit mäßig oder stark eingeschränkter Leberfunktion darf er Nivolumab nur mit Vorsicht einsetzen.

Sehr häufig beobachtete Nebenwirkungen des Antikörpers waren Müdigkeit, Hautausschlag und Juckreiz, Übelkeit und Durchfall. Laut Fachinformation kann die Behandlung mit dem neuen Antikörper zu immunvermittelten Nebenwirkungen führen, zum Beispiel zu immunvermittelten Entzündungen der Leber (Hepatitis), des Dickdarms (Kolitis), der Nieren (Nephritis) oder der Lunge (Pneumonitis). Ärzte sollten die Patienten hinsichtlich klinischer Anzeichen und Symptome dieser Nebenwirkungen überwachen. Beobachten sie diese, sollten sie in Abhängigkeit von deren Schweregrad die Gabe von Nivolumab aufschieben und die Patienten mit Corticosteroiden behandeln, unter Umständen sogar zusätzlich mit nicht-steroidalen Immunsupressiva.

Schwangere und gebärfähige Frauen, die nicht verhüten, sollten aus Vorsichtsmaßnahmen kein Nivolumab erhalten, es sei denn, der klinische Nutzen überwiegt das potenzielle Risiko. PTA und Apotheker sollten darauf hinweisen, dass Frauen nach der letzten Nivolumab-Gabe mindestens fünf Monate lang wirksam verhüten. Bei Stillenden muss der Arzt zum einen den Nutzens des Stillens für das Kind und zum anderen den Nutzen der Behandlung für die Mutter abwägen und dann entscheiden, ob das Stillen oder die Behandlung mit dem Antikörper unterbrochen werden soll.

Zukünftig könnte der Antikörper auch bei anderen Krebsarten zum Einsatz kommen. Mittlerweile hat Nivolumab (Nivolumab BMS®) auch die EU-Zulassung beim lokal fortgeschrittenen oder metastasierten nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom mit plattenepithelialer Histologie nach Chemotherapie erhalten. Nivolumab ist bei 2 bis 8 ° C im Kühlschrank zu lagern. /