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EGFR-Inhibitoren

Hautreaktionen abmildern

02.08.2016  11:15 Uhr

Von Gudrun Heyn / Monoklonale Antikörper sind für Krebskranke eine wichtige Therapieoption. Allerdings sind die Behandlungen vielfach mit Nebenwirkungen verbunden. Doch gerade Krebs­patienten, die EGFR-Inhibitoren erhalten, können durch geeignete Dermatika aus der Apotheke eine der Nebenwirkungen lindern.

EGFR-Inhibitoren sind hoch wirksame Therapeutika. Die Arzneimittel richten sich gegen den epidermalen Wachs­tumsfaktor-Rezeptor (EGF-Rezeptor, EGFR), der bei vielen Krebsarten überaktiv oder besonders häufig vorhanden ist. An diesen Rezeptor können mehr als zehn Substanzen (Liganden) binden und ihn aktivieren. Monoklonale Antikörper ­gegen den EGF-Rezeptor blockieren diesen, sodass Liganden ihn nicht mehr aktivieren können.

Wie die Therapie mit klassischen Zytostatika ist auch die Behandlung mit EGFR-Inhibitoren vielfach mit stark belastenden Nebenwirkungen verbunden. Dazu gehören vor allem Veränderungen der Haut. Davon sind bei manchen monoklonalen Antikörpern bis zu 90 Prozent der Patienten betroffen. Dermokosmetika aus der Apotheke können den charakteristischen Verlauf dieser Nebenwirkung beeinflussen und Symptome lindern.

Hautreaktionen sind die häufigste Nebenwirkung der Behandlung mit einem EGFR-Inhibitor und werden durch die pharmakologische Wirkung der Arzneisubstanzen verursacht. So löst die Bindung eines Liganden an den EGF-­Rezeptor in der Zelle eine Reihe von ­Signalkaskaden aus. Dadurch wachsen Krebszellen unkontrolliert und entgehen dem natürlichen Zelltod. In diesen Prozess greifen monoklonale Antikörper ein, indem beispielsweise EGFR-­Inhibitoren wie Cetuximab (Erbitux®), Panitumumab (Vectibix®) und Necitumomab (Portrazza®) die Signalweiterleitung in das Zellinnere stoppen. Doch da die EGF-Rezeptoren auch in ­ den Zellmembranen gesunder Hautzellen vorkommen, können bei jeder EGFR-Inhibitor-Therapie Hautreaktionen auftreten.

Der unerwünschte Effekt dieser Wirkstoffklasse betrifft auch orale Krebsmedikamente, die gegen die Aktivität des EGF-Rezeptors gerichtet sind, wie Afatinib, Erlotinib, Gefitinib. Die Hautveränderungen nehmen einen typischen Verlauf. Die ersten Hautreak­tionen zeigen sich in der Regel innerhalb der ersten Wochen nach Behandlungsbeginn. In dieser frühen Phase leiden die Betroffenen unter einem akneartigen Ausschlag. Mediziner bezeichnen die Papeln und Pusteln als papulopustulöses Exanthem oder kurz als Rash. Davon betroffen sind vor allem das Gesicht und der obere Brust- oder Rückenbereich.

Im weiteren Verlauf bilden sich auf der geschädigten Haut juckende, schuppige Verkrustungen, die sich allmählich ablösen. Die Spätphase beginnt zumeist in der vierten Therapiewoche. Dann wird die Haut trocken, dünn und sehr lichtempfindlich, vor allem an Armen, Beinen, Händen und Füßen, und sie juckt. Zudem entstehen bei manchen Patienten schmerzhafte Einrisse (Rhagaden), hauptsächlich an den Fingern und Fersen.

Damit die Patienten wegen der teilweise sehr entstellenden Hauteffekte nicht das Vertrauen in die Therapie verlieren, sollten PTA oder Apotheker sie darüber aufklären, dass sich die Hautveränderungen meist innerhalb weniger Wochen nach Therapieende spontan und vollständig zurückbilden. Sind mehr als 30 Prozent der Körperoberfläche von den Hautveränderungen betroffen, ist eine Dosisanpassung oder sogar der Abbruch der Tumortherapie notwendig.

Phasengerechte Hilfe

Auch wenn ein Rash der Akne sehr ­ähnlich sieht, sind rezeptfreie Akne­medikamente oder Pflegeprodukte gegen Akne oder Hautunreinheiten zur Linderung des Hautausschlags ungeeignet. Zur Behandlung der Akne-ähn­lichen Hautausschläge verordnen Ärzte Antibiotika zur topischen oder systemischen Therapie, bei Patienten mit schweren Hautveränderungen auch in Kombination mit systemischen Glucocorticoiden.

Zur Unterstützung der Therapie müssen die Patienten ihre Haut konsequent pflegen. Bei einem Rash eignen sich dazu hydrophile, nicht fettende Cremes oder Lotionen, die schnell einziehen und parfümfrei sind (wie Benevi Hydroderm® Gesichtsfluid, Toleriane Fluide La Roche-Posay, Bepanthol® Körperlotion). Rückfettende Hautpflegemittel sind dagegen in der Frühphase tabu, da die Haut darauf verstärkt mit roten Pusteln reagiert. Auch bei der Hautreinigung sollten sich die Patienten nach dem Hautzustand richten. Bei akneartig veränderter Haut haben sich fettfreie Reinigungsgele und hautfreundliche Syndets (wie Dermowas®, Eubos® Fest Waschstück blau) bewährt, zum Haarewaschen milde Shampoos.

In der Spätphase sollten die Patienten milde Reinigungsöle oder -syndets benutzen, die vor zusätzlichem Austrocknen schützen (wie Eucerin® pH5 Hautschutz Duschöl, Excipial® Clean für die Hände). Denn nachdem sich die Krusten abgelöst haben, ist die Haut besonders empfindlich und trocken. Auch Bäder mit rückfettendem Badeöl (wie Dermasence® Pflegebad mit Mandelöl, Excipial® Mandelöl-Bad) können sinnvoll sein. Zur Pflege der trockenen Haut sind rückfettende Körperlotionen und Cremes empfehlenswert, die zur Erhöhung der Hautfeuchtigkeit 5 bis 10 Prozent Harnstoff und/oder Dexpanthenol enthalten (wie Bepanthol® Intensiv Körperlotion, Excipial U Lipolutio®). Zur Anwendung im Gesicht eignen sich Feuchtigkeitscremes speziell für trockene Haut (wie Abitima® Clinic Gesichtscreme).

Gegen Juckreiz helfen Polidocanol-haltige Externa (wie Optiderm®, Dermasence Polaneth®). Ist die Haut bereits extrem trocken und rissig unterstützen rückfettende, Dexpanthenolhaltige Salben (wie Bepanthen® Wund- und Heilsalbe, Eucerin Aquaphor Repair-Salbe) die Heilung der leichten Hautschäden – auch im Gesicht. Bei kleinen Hauteinrissen schützen Hydrokolloidpflaster oder -verbände (wie Compeed® Fingerrisspflaster, Varihe­sive® extradünn) vor Infektionen. Zugleich sorgen sie für ein heilungsförderndes Wundmilieu.

Tipps zur Prophylaxe

Um einem Rash vorzubeugen, sollten die Patienten bereits zu Beginn der EGFR-Therapie milde Reinigungsöle oder -syndets verwenden und ihre Haut mit rückfettenden, feuchtigkeitsspendenden Pflegeprodukten eincremen. Doch Vorsicht: Sobald die ersten Pusteln auftreten, sind nicht fettende Pflegeprodukte die Präparate der Wahl.

Zur Vorbeugung können PTA oder Apotheker den Patienten zudem wichtige Tipps mit auf den Weg geben. So sollten sie schon zu Beginn der Antikörper-Therapie direkte Sonneneinstrahlung und Solarien meiden und Sonnenschutzmittel (LSF 30 bis 50) verwenden. In der Spätphase benötigen sie ein Sonnenschutzmittel mit einem sehr hohen Lichtschutzfaktor (wie Actinica® Lotion, Anthelios XL LSF 50+), da die Haut dann extrem lichtempfindlich ist. Die Kleidung sollte locker sitzen und luftdurchlässig sein und die Haut nicht mechanisch reizen. Auch an bequeme Schuhe sollten die Patienten denken. Das Risiko von Hautirritationen können sie noch zusätzlich senken, indem sie auf starkes Parfüm und alkoholhaltige Pflegeprodukte verzichten. Zudem sollten sie ihre Hände nicht oft waschen und bei der Haus- und Gartenarbeit baumwollgefütterte Handschuhe tragen. Die Gefahr kleiner Verletzungen ist außerdem geringer, wenn die Patienten ihre Finger- und Fußnägel gerade und nicht zu kurz schneiden und auf eine Nassrasur verzichten. /