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Blutgruppen

Kein Blut ist wie das andere

02.08.2016  11:15 Uhr

Von Clara Wildenrath / Mehr als 30 verschiedene Blutgruppen­systeme sorgen dafür, dass das Blut eines jeden Menschen einzigartig ist. Die unterschiedlichen Blutmerkmale sind nicht nur bei Transfusionen von Bedeutung.

Seine Entdeckung revolutionierte die Transfusionsmedizin: Im Jahr 1900 stellte der österreichische Arzt Karl Landsteiner (1868–1943) fest, dass Blutproben verschiedener Menschen beim Mischen manchmal verklumpen – manchmal aber auch nicht. Also folgerte er, das Blutserum müsse einen spezifischen Abwehrstoff enthalten, der die Blutkörperchen anderer Personen zum Gerinnen bringen kann.

Nachdem er Proben seines eigenen Blutes und seiner Mitarbeiter immer wieder unterschiedlich miteinander kombiniert hatte, kam er zu dem Schluss: Es muss mindestens drei verschiedene Blutgruppen geben. Er nannte sie A, B und C. Später wurde C in Null umbenannt. 1902 entdeckten seine Kollegen die vierte Blutgruppe AB. Für seine Leistungen erhielt Karl Landsteiner 1930 den Nobelpreis für Medizin.

Heute ist bekannt, dass auf der Zell­oberfläche der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) zahlreiche unterschiedliche Eiweißmoleküle sitzen, sogenannte Antigene. Ihnen zugeordnet sind über 30 verschiedene Blutgruppensysteme. Gegen fremde Antigene bildet das Immunsystem Antikörper. Wichtigstes Blutgruppenmerkmal ist jedoch nach wie vor Landsteiners AB0-System, denn menschliche Erythrozyten enthalten entweder das Antigen A, das Antigen B, beide zusammen oder keines davon. Entsprechend heißen die Blutgruppen A, B, AB oder 0.

Schon kurz nach der Geburt bildet fast jeder Mensch Abwehrstoffe gegen die Antigene, die er selbst nicht besitzt: Menschen mit der Blutgruppe 0 also gegen A und B, Menschen mit der Blutgruppe AB dagegen gar keine. Vermischt sich das Blut zweier unverträglicher Blutgruppen, also beispielsweise A und B, binden die Antikörper im Blutplasma die Antigene auf den roten Blutkörperchen – das Blut verklumpt (agglutiniert).

Sichere Bluttransfusionen

Von besonderer Bedeutung ist die Agglutination in der Transfusionsmedizin. Vor Landsteiners Entdeckung war die Übertragung von Blut reine Glücks­sache und endete allzu oft für den Empfänger tödlich – eine Folge der bis dahin unbekannten AB0-Unverträglichkeit. Dank der Forschungsarbeiten des Österreichers zum Blutgruppen­system sind Transfusionen viel sicherer geworden. Idealerweise verwenden Ärzte heute Blutkonserven mit den gleichen Blutgruppenmerkmalen von Spender und Empfänger. In Notfällen können sie Ausnahmen machen: Menschen mit der Blutgruppe AB gelten im AB0-System als Universalempfänger, da sie weder gegen die Blutgruppe A noch gegen B Antikörper bilden. Keine Antigene enthalten dagegen die Blutkörperchen der Blutgruppe 0 – man bezeichnet daher die Menschen mit dieser Blutgruppe auch als Universalspender-Gruppe.

Allerdings wird bei Blutspendern und -empfängern nicht nur das AB0-Blutgruppensystem überprüft. Von fast ebenso großer Bedeutung ist das Rhesus-System, an dessen Erforschung Landsteiner in den 1930er-Jahren ebenfalls maßgeblich beteiligt war. Drittwichtigster Faktor ist das sogenannte Kell-System. Mithilfe dieser drei Blutgruppenmerkmale charakterisieren Labormediziner in Deutschland heute routinemäßig alle Blutkonserven.

Im Laufe der Jahre entdeckten Wissenschaftler Dutzende weiterer Merkmale, nach denen menschliches Blut unterschieden werden kann – beispielsweise das MN-, Duffy-, Lutheran- oder Kidd-System. Anders als beim AB0-System produziert der Organismus gegen diese Erythrozyten-Antigene aber nicht schon im ersten Lebensjahr Antikörper, sondern erst nach dem Kontakt mit einer fremden Blutgruppe. Gefährliche Unverträglichkeitsreaktionen sind daher bei einer Ersttransfusion selten. Mit einem Test prüfen Labormediziner vor einer Transfusion, ob das Immunsystem des Empfängers bereits Antikörper gegen ein anderes Blutgruppenmerkmal gebildet hat. Dann muss der Arzt die Blutkonserven zudem auf das entsprechende Antigen untersuchen lassen. Notwendig wird das relativ häufig bei Patienten, die aufgrund einer Krankheit, zum Beispiel Sichelzellen­anämie, Bluterkrankheit oder Anämie, immer wieder Bluttransfusionen benötigen und deshalb schon gegen andere Blutgruppen sensibilisiert sind. Auch während einer Schwangerschaft bildet die Mutter unter Umständen Antikörper gegen fremde Antigene des Ungeborenen.

Die eigene Blutgruppe kennen

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die eigene Blutgruppe festzustellen:

  • beim Hausarzt: Oft wurde die Blutgruppe bereits im Rahmen einer Blut­untersuchung mitbestimmt.
  • mit einem Schnelltest aus der Apotheke.
  • durch eine Blutspende: Jeder Spender erhält beim Roten Kreuz kostenlos einen Blutspenderausweis, in dem AB0-, Rhesus- und Kell-Blutgruppe vermerkt sind.

Zusätzlich überprüft der Arzt vor jeder Transfusion mit einem Schnelltest direkt am Krankenbett des Empfängers noch einmal die AB0-Blutgruppe und den Rhesusfaktor. Dieser sogenannte Bedside-Test soll vor Verwechslungen von Blutkonserven schützen mit mög­licherweise tödlichen Folgen für den Empfänger.

Eltern vererben Blutgruppe

Für die Ausprägung der Blutgruppenmerkmale sorgt in der Regel ein einzelnes Gen oder eine Gruppe von mehreren eng nebeneinander liegenden Genen. A und B werden kodominant vererbt, 0 dagegen rezessiv. Das bedeutet: Menschen mit der Blutgruppe AB haben von einem Elternteil das Merkmal A und von dem anderen Elternteil das Merkmal B geerbt. Bei Blutgruppe 0 muss das Kind von Vater und Mutter jeweils ein Chromosom mit dem Merkmal 0 erhalten haben. Da 0 aber als sogenanntes verdecktes Gen vorhanden sein kann, haben die Eltern die Blutgruppe A, B oder 0, nicht jedoch AB. Gehören dagegen beide Elternteile der Blutgruppe 0 an, ist auch beim Kind keine andere Blutgruppe möglich.

Evolutionärer Vorteil

In Deutschland besitzen 43 Prozent die Blutgruppe A, dicht gefolgt von der Gruppe 0 (41 Prozent). Die Blutgruppen B (11 Prozent) und AB (5 Prozent) finden sich dagegen relativ selten. 85 Prozent sind Rhesus-positiv, 91 Prozent Kell-negativ. Weltweit sind die Blutgruppen jedoch unterschiedlich verteilt. In vielen asiatischen Ländern kommt die Blutgruppe B beispielsweise fast dreimal so häufig vor wie in Europa; die Blutgruppe 0 ist dagegen besonders in Afrika und Amerika weit verbreitet.

Erklären lässt sich das zumindest zum Teil durch einen Selektionsvorteil bestimmter Erythrozyten-Merkmale. Seit Langem wissen Forscher, dass die Träger der Blutgruppe 0 eine schwere Malariainfektion eher überleben. Offenbar sind rote Blutkörperchen ohne die Antigene A oder B resistenter gegen die vom Erreger (Plasmodium falciparum) induzierte Verklumpung des Blutes. Das schützt vor lebensbedroh­lichen Komplikationen. In Gebieten, in denen die Malaria verbreitet ist, bringt deshalb die Blutgruppe 0 einen evolu­tionären Vorteil. Dagegen verlaufen Infektionen mit bestimmten Stämmen des Choleraerregers (Vibrio cholerae) bei Menschen mit Blutgruppe 0 schwerer. Auch für Magen-Darm-Infektionen scheinen sie anfälliger zu sein.

Träger der Blutgruppen A, B oder AB sind indes besser gegen die Pest gerüstet. Auf der anderen Seite enthält ihr Blut mehr gerinnungsfördernde Substanzen. Das führt dazu, dass leichter Thrombosen entstehen – was wiederum das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall steigert. Die höhere Gerinnungsbereitschaft des Blutes kann aber bei Geburten oder Verletzungen ein Evolutionsvorteil sein.

Krankheitsanfälligkeit

Greifswalder Wissenschaftler fanden heraus, dass bei Menschen mit Blutgruppe B das Risiko, eine chronische Pankreatitis zu entwickeln, um den Faktor 2,5 erhöht ist. Auch auf die Gedächtnisleistung im Alter wirkt sich die Blutgruppe aus: Eine US-amerikanische Studie belegt, dass Träger der Blutgruppe AB fast doppelt so häufig an Demenz erkranken wie Träger der Blutgruppe 0. Forscher vermuten, dass beide Phänomene mit blutgruppenbedingten Unterschieden im Eiweißstoffwechsel zusammenhängen.

Neben den eigentlichen Blutgruppenmerkmalen spielt bei einigen Krankheiten aber auch der sogenannte Sekretorstatus eine Rolle. Bei etwa 80 Prozent der Bevölkerung befinden sich die Erythrozyten-Antigene nicht nur auf den Blutzellen, sondern auch in anderen Körperflüssigkeiten wie Speichel oder Schweiß. Mediziner bezeichnen diese Menschen deshalb als Sekretoren. Bei Nonsekretoren ist diese Fähigkeit aufgrund einer Genmutation verloren gegangen. Bei Sekretoren mit der Blutgruppe 0 beispielsweise siedeln sich im Magen offensichtlich leichter Helicobacter pylori an, die Magen­schleim­haut­ent­zündungen und Magengeschwüre verursachen können. Möglicherweise beeinflusst der Sekretorstatus auch, wie attraktiv Stechmücken den Geruch eines Menschen finden.

Wissenschaftlich nicht haltbar ist dagegen die Theorie, dass die Blutgruppe und der Sekretorstatus dafür verantwortlich sind, welche Lebensmittel ein Mensch verträgt und welche nicht. Für einen gesundheitlichen Nutzen der sogenannten Blutgruppendiät fanden sich in einer systematischen Übersichtsarbeit keinerlei Hinweise. Auch der vor allem in Japan weit verbreitete Glaube, dass die Blutgruppe Rückschlüsse auf Charakter, Persönlichkeit und Partnerwahl erlaubt, entbehrt wissenschaftlich jeder Grundlage. /