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Vitiligo

Stigmatisierende Pigmentstörung

02.08.2016  11:15 Uhr
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Von Nicole Schuster / Das charakteristische Merkmal der Krankheit sind weiße Flecken auf der Haut. Diese bilden sich, weil an den betroffenen Stellen die Zellen kein Melanin mehr bilden. Die Ursachen sind unklar. Zudem fehlt eine Therapie, die bei allen Patienten zu einem zufriedenstellenden Ergebnis führt.

Haut und Haare erhalten ihre typische Farbe durch das Pigment Melanin, das in spezialisierten Zellen, den Melanozyten, gebildet wird. Bei Vitiligo (auch Weißfleckenkrankheit genannt) fehlt lokal Melanin, daher heben sich unterschiedlich große helle Flecken deutlich sichtbar von der übrigen Haut ab.

Die weißen Stellen können grundsätzlich an jedem Körperteil auftreten, also auch an Schleimhäuten, Innenohren oder Augen. Meist bilden sie sich zuerst an sichtbaren Stellen, im Gesicht, an Händen oder Armen. Wenn die Kopfhaut betroffen ist, wirkt sich der Wegfall der Pigmente auch auf die Haarfarbe aus. An diesen Stellen wachsen dann weiße Haare. Mediziner nennen dieses Phänomen Leukotrichie.

Da die Krankheit harmlos ist, keine Schmerzen bereitet und die Erkrankten niemanden anstecken können, betrachten Ärzte sie mitunter sogar nur als ein kosmetisches Problem. Allerdings fühlen sich die Patienten sehr oft stigmatisiert, ihr Leidensdruck ist hoch und ebenso das Risiko, zusätzlich eine Depression zu entwickeln.

Säuglinge selten betroffen

Schätzungen zufolge sind 0,5 bis 4 Prozent der Bevölkerung an Vitiligo erkrankt. Bei den meisten Patienten erscheinen die ersten weißen Flecken zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Auch bei Kindern tritt Vitiligo manchmal auf, aber nur selten bei Säuglingen.

Je nach Erscheinungsbild der Flecken unterscheiden Ärzte die nicht­segmentale Form mit meist an beiden Körperhälften symmetrisch auftretenden Flecken von der selteneren segmentalen Form, die nur eine Körperseite betrifft.

Welchen Verlauf die Erkrankung nimmt, ist schwer vorherzusagen. In einigen Fällen heilt sie sogar spontan aus. Theoretisch sind drei unterschiedliche Verläufe möglich, wobei auch Misch­formen auftreten. Im günstigsten Fall wachsen von den Seitenrändern der weißen Hautstellen neue Melanozyten ein und die Flecken verkleinern sich. In diesen Fällen können die Patienten auf vollständige Heilung hoffen. Beim sogenannten stabilen Verlauf kommt die Krankheit zwar zum Stillstand, die weißen Stellen verschwinden jedoch nicht wieder. Im ungünstigsten Fall wachsen die Herde weiter und es kommen immer neue hinzu. Dieser progrediente Verlauf kann bei generalisiertem Viti­ligo dazu führen, dass nahezu die gesamte Haut weiß ist.

Pathologie bleibt ein Rätsel

Wodurch die Krankheit entsteht, ist unklar. Da Vitiligo in einigen Familien gehäuft vorkommt, spielen höchstwahrscheinlich die Gene eine Rolle. Als spezifische Auslöser kommen Stress, Unfälle, Hautverletzungen mit Narben­bildung oder starke Sonnenbrände oder infrage. Auch die Einnahme von Medikamenten wie Beta-Blockern, Statinen oder Tetracyclinen könnte die Entstehung herbeiführen.

»Die Frage nach der genauen Pathologie können wir Patienten allerdings bis heute nicht beantworten«, sagt Professor Dietrich Abeck, Facharzt für Dermatologie und Allergologie, Referent, Autor und Gründungsmitglied des Portals www.derma.plus im Gespräch mit PTA-Forum. Es gebe zwar verschiedene Theorien, keine beschreibe jedoch den Prozess vollständig und gelte für alle Betroffenen.

Möglicherweise handelt es sich bei Vitiligo um eine Autoaggressionskrankheit, bei der sich körpereigene Abwehrstoffe gegen Melanozyten richten. Andere Experten sind davon überzeugt, dass körpereigene Substanzen die Pigmentzellen schädigen oder Zwischenstoffe der Pigmentbildung zur Selbstzerstörung der Melanozyten führen. Es gibt Hinweise, dass oxidativer Stress die Melaninproduktion stoppt und das Enzym Katalase beeinträchtigt ist. Katalase macht normalerweise das für Zellen giftige Wasserstoffperoxid unschädlich. Außerdem erkranken Vitiligo-Patienten auffällig häufig auch an bestimmten Autoimmunkrankheiten.

Diagnose

Bilden sich auf der Haut weiße Flecken, sollten Patienten sobald wie möglich den Dermatologen aufsuchen. Gerade im Anfangsstadium ist es für Laien schwierig, Vitiligo von anderen Pigmentstörungen oder einer Pilzinfek­tion zu unterscheiden. Zur Diagnose und Verlaufskontrolle setzen Hautärzte das sogenannte Wood-Licht ein, mit dem sie die Haut des Patienten in einem abgedunkelten Raum betrachten. Im Licht der Lampe fluoreszieren Viti­ligo-Flecken bläulich-hellweiß. So können Ärzte die Herde bereits im Frühstadium erkennen und eher als bei Tageslicht.

Zur Diagnose gehört neben der sorgfältigen Anamnese, dass der Arzt die Schwere der Erkrankung einschätzt. Als schwerer Befund gilt zum Beispiel, wenn sich weiße Flecken außer an sichtbaren Stellen wie dem Gesicht oder den Händen an der Brust der Frauen sowie in der Genitalregion beider Geschlechter gebildet haben.

»Nach der Diagnosestellung ist eine Blutuntersuchung wichtig, um die Schilddrüsenhormone zu überprüfen«, rät der Experte. Da Vitiligo oft mit Hashimoto einhergeht, sollten Ärzte schon bei kleinen Kindern den Hormonstatus ermitteln, damit sie gegebenenfalls frühzeitig die Schilddrüsenfehlfunktion behandeln können. Der Experte warnt aber, dass bei erfolgreicher Therapie der Schilddrüsen­störung keine gleichzeitige Heilung des Vitiligo zu erwarten sei.

Bei der Weißfleckenkrankheit treten mitunter weitere Symptome auf. Gehen auch im Innenohr Melanozyten zugrunde, kann das Hörvermögen beeinträchtigt sein. Ist auch die Netzhaut befallen, sind möglicherweise Sehprobleme wie Lichtempfindlichkeit (Photophobie) oder Nachtblindheit die Folge.

Begrenzte Möglichkeiten

»Die von Patienten gewünschte vollständige Repigmentierung der Haut ist fast nie möglich. Ärzte sollten hier keine falschen Hoffnungen machen und Patienten nicht zu zeitaufwendigen, kostenintensiven und vor allem auch hautschädigenden Behandlungen mit wenig Erfolgsaussichten überreden«, sagt Abeck.

Dermatologen gehen bei der Behandlung nach einem Stufenschema vor und berücksichtigen dabei, wie der Patient auf die Arzneimittel anspricht beziehungsweise wie er diese verträgt. Die Erfolgsaussichten sind umso besser, je früher die Therapie beginnt.

Das Anfangsstadium ist die Stufe der topischen Cortisonbehandlung. Das ist in der Regel auch die einzige Therapie, die gesetzliche Krankenkassen erstatten. Die antientzündlichen Glucocorticoide helfen hauptsächlich bei Krankheitsbeginn. Der Effekt verschwindet allerdings etwa 30 Tage nach Absetzen wieder. Zudem spricht nicht jeder Patient auf die Behandlung an. Im Anschluss an die drei bis sechs Wochen dauernde Cortisontherapie kann der Arzt topische Calcineurinhemmer wie Tacrolimus und Pimecrolimus einsetzen, allerdings off Label. Die Studienlage dazu ist eher dünn.

Bei Patienten mit mittelschwerem Vitiligo wird gemäß der zweiten Stufe im Schema die topische Therapie durch eine Bestrahlung ergänzt. Hierbei wird der Körper des Patienten bis zu einem Jahr lang ganz oder teilweise zwei- bis dreimal in der Woche mit der sogenannten Schmalspektrum-Phototherapie behandelt, das heißt, die Hautflecken werden mit UV-B-Licht im Wellenlängenbereich von 311 nm bestrahlt. Dadurch soll die Pigmentbildung angeregt werden. Diese Therapie hilft etwa jedem Dritten: Nach ungefähr einem Jahr liegt der Anteil repigmentierter Haut bei 75 Prozent. »Das bedeutet aber, dass der Patient immer noch sichtbare weiße Flecken hat, unter denen er weiterhin leidet«, kommentiert der Experte. Zudem beschleunigt die Lichttherapie die Haut­alterung, die Faltenbildung und erhöht das Hautkrebsrisiko.

Chirurgische Maßnahmen stehen ebenfalls auf der zweiten Behandlungsstufe. Hierbei entnehmen Ärzte an gesunden Stellen pigmentierte Haut und pflanzen diese oder daraus isolierte und vermehrte Melanozyten in den Vitiligoherd ein. Die Laserbehandlung zählt ebenfalls zu den Therapiemöglichkeiten.

Kaschieren

Therapieoptionen der dritten Stufe setzen Dermatologen in schweren Fällen ein, beispielsweise wenn mehr als circa ein Drittel der Haut betroffen ist. Zusätzlich zu den Arzneimitteln und Verfahren der beiden ersten Stufen verordnen sie dann systemisch wirkende Arzneistoffe, meist oral Cortison, mitunter auch ein nicht steroidales Immunsuppressivum wie Methotrexat. Doch aufgrund der Nebenwirkungen sind diese Arzneisubstanzen ebenso wie eine Behandlung mit Biologicals nur in begründeten Einzelfällen angezeigt. Die topische Behandlung mit Pseudokatalase erwies sich in Studien als nicht ausreichend wirksam.

Akzeptanz lernen

»Bei allen Therapien ist die Erfolgsaussicht begrenzt und die Rezidivrate hoch«, weiß Abeck. »Bei Patienten mit geringem Leidensdruck ist es das Beste, auf eine Behandlung zu verzichten.« Schämen sich Betroffene für ihre weißen Flecken, können sie diese mit einfachen Mitteln weniger sichtbar machen.

»Eine hervorragende Methode zum Kaschieren der Herde ist Selbstbräuner«, so der Experte. Geeignet ist ebenfalls ein Kosmetikum, das dem eigenen Hautton so genau wie möglich entspricht. Auch spezielles abdeckendes Make-Up, sogenannte Camouflage-Produkte, sind vor allem für Frauen eine gute Lösung.

Männer und Frauen sollten an ausreichenden Sonnenschutz denken, da der Haut an den melaninfreien Stellen der körpereigene Schutz gegen UV-Strahlung fehlt. Außerdem ist gebräunte Haut ein noch stärkerer Kontrast zu den weißen Flecken. Viele Patienten profitieren von einer Psychotherapie und oft auch vom Besuch einer Selbsthilfegruppe. Dort können sie lernen, ein Leben mit der Erkrankung zu akzeptieren. /