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Akute Sehstörungen

Rasch handeln oder schwarz sehen

30.07.2018
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Von Michael van den Heuvel / Berichten Kunden von plötzlich auftretender Fehlsichtigkeit, stecken mitunter schwere Erkrankungen dahinter. Es handelt sich um medizinische Notfälle, die vom Augenarzt sofort zu behandeln sind. In vielen Fällen gibt es Arzneistoffe.

Unbehandelt sind Augenerkrankungen wie altersbedingte Makuladegenera­tion (32 Prozent), Glaukome und diabetische Retinopathie (je 16 Prozent) die häufigsten Gründe einer Erblindung bei Patienten über 50 Jahren. Neben den bereits in der Titelgeschichte dieses Heftes ab Seite 10 beschriebenen Folgen von Diabetes mellitus gibt es weitere Leiden, mit denen Apotheker oder PTA am HV-Tisch konfrontiert werden.

Altersbedingte Makuladegeneration (AMD)

Bei Patienten mit AMD fallen Bereiche im zentralen Gesichtsfeld aus, teil­weise nimmt aber auch die Wahr­nehmung von Kontrasten oder Farben ab, und die Augen können sich schlechter an Änderungen der Lichtverhältnisse anpassen.

Dahinter stecken biochemische Vorgänge im sogenannten gelben Fleck (Macula lutea), einem zentralen Bereich der Netzhaut. Die Gelbfärbung kommt durch Lutein und Zeaxanthin zustande. Im retinalen Pigmentepithel, einer Struktur des gelben Flecks, reichert sich bei AMD-Patienten Lipofuszin an. Das Abfallprodukt führt früher oder später zum Untergang von Zellen. Bei Patienten verschlechtert sich der Visus im zentralen Gesichtsfeld, während Randbereiche ihre Funktion behalten. Neben genetischen Faktoren ­begünstigen Rauchen und ein hoher Homocysteinspiegel die Erkrankung.

Bei der trockenen AMD lagern sich Stoffwechselprodukte ab, und die Aderhaut wird schlechter durchblutet. Diese Form lässt sich kaum behandeln. Augenärzte verordnen Lutein, um Zellen vor dem Untergang zu bewahren. Hoch dosierte Gaben der Vitamine B6, B12 und Folsäure sollen den Homocysteinspiegel senken.

Im Unterschied dazu steht die feuchte Form mit einer Neubildung von Gefäßmembranen und mit Einblutungen in Verbindung. Hier gibt es bessere Möglichkeiten der Therapie. Ziel ist, den Gefäßwachstumsfaktor VEGF ­(Vascular Endothelial Growth Factor) unschädlich zu machen. Das geschieht mit Aflibercept, Avastin, Pegaptanib oder Ranibizumab. Alle Wirkstoffe werden direkt in den Glaskörper des Auges injiziert.

Der grüne Star

Keine Augenerkrankung gleicht der anderen. Der »grüne Star« (das Glaukom) lässt sich auf einen erhöhten Augen­innendruck zurückführen. Auslöser sind Störungen bei der Bildung beziehungsweise beim Abfluss des Kammerwassers. Betroffene klagen über rote Augen, Kopfschmerzen, einen nachlassenden Visus und gelegentlich auch über Übelkeit. Zur medikamentösen Therapie eignen sich topische alpha-2-Agonisten, Betablocker, Carboanhy­drasehemmer oder Prostaglandine. Teilweise wird die Erkrankung operiert.

Glaukome sind chronische Krankheiten. Allerdings kann ein Glaukom­anfall auch akut auftreten. In kurzer Zeit steigt der Augeninnendruck stark an, da kein Kammerwasser mehr abfließt. Patienten klagen über starke Schmerzen, ihr Auge ist extrem verhärtet und gerötet. Hier handelt es sich um einen Notfall, da Patienten ohne Behandlung erblinden. Ärzte verabreichen Pilo­carpin-Augentropfen als Parasympathomimetika und intravenöse Carboanhydrasehemmer. Anschließend sind chirurgische Eingriffe erforderlich.

Entzündliche Vorgänge

Weniger dramatisch läuft eine Bindehautentzündung (Konjunktivitis) ab. Am HV-Tisch berichten Kunden von brennenden, geröteten, tränenden ­Augen mit starkem Fremdkörpergefühl. Haben Bakterien die Beschwerden ausgelöst, verordnen Ärzte antibiotikahaltige topische Präparate. Stecken Herpes-Viren hinter den Beschwerden, lohnt sich ein Versuch mit Aciclovir.

Bakterien, Viren oder Pilze lösen nicht nur Entzündungen der Bindehaut, sondern auch der mittleren ­Augenhaut (Uvea) aus. Ärzte sprechen von einer Uveitis. Die Erkrankung tritt oft isoliert auf, ohne dass der Arzt konkrete Ursachen findet. Neben der typischen Augenrötung leiden Patienten an einem Fremdkörpergefühl, unter Schmerzen, Lichtempfindlichkeit, unscharfem Sehen und an vermehrtem Tränenfluss. Ärzte therapieren mit Corticoid-haltigen Augensalben, um die Entzündung zu kontrollieren. In schweren Fällen kommen systemische Corticoide, Methotrexat, Cyclosporin A oder andere Immunsuppressiva zum Einsatz. Bakterien machen hoch dosierte Antibiotikagaben erforderlich.

Tumorerkrankungen

Nicht nur Pathogene führen zu Erkrankungen. Im Auge können sich auch ­Tumore entwickeln. Besonders häufig treten Aderhautmelanome mit einer Neuerkrankung auf 100 000 Menschen auf. Sie entwickeln sich aus ­Melanozyten der Adernhaut. Die Erkrankung tritt zwischen dem 60. und dem 70. Lebensjahr gehäuft auf. Sie wird bei augenärztlichen Untersuchungen oft zufällig entdeckt.

Retinoblastome sind mit einem Fall pro 20 000 Geburten eine wichtige ­Tumorerkrankung des Auges in jungen Jahren. Etwa 45 Prozent aller Betroffenen haben erbliche Formen. Eltern fällt zu Beginn meist die sogenannte Leukokorie auf, was »weiße Pupille« bedeutet. Fotografieren sie ihren Nachwuchs, wird das Blitzlicht normalerweise von der Netzhaut und der darunterliegenden Aderhaut reflektiert, was zu den typischen roten Augen führt. Bei Retinoblastomen erscheint die Pupille im betroffenen Auge weiß, da der Tumor Licht reflektiert. Er kann auch zu einer Schielstellung führen, die nicht mit ­Augenmuskeln in Verbindung steht.

Onkologen setzen generell auf chirurgische Eingriffe sowie auf Chemo- oder Strahlentherapien. Je nach Größe und Krebsart sind auch Zerstörungen des Tumorgewebes mit Lasern oder mit tiefen Temperaturen möglich. Gelingt es ihnen nicht, die Krebserkrankung zu kontrollieren, entfernen sie das betroffene Auge vollständig. Ohne diesen Eingriff würden Patienten sterben. Sie erhalten postoperativ ein Glasauge vom Ocularisten (siehe auch Beitrag Auge um Auge: Einblick in die Arbeit eines Ocularisten).

Durchblutung gestört

Sehstörungen können darüber hinaus auf eine Minderdurchblutung zurückzuführen sein, etwa infolge einer Arteriosklerose. Dazu gehören transitorische ischämische Attacken (TIA), also Durchblutungsstörungen des Gehirns, die mit optischen Ausfallerscheinungen einhergehen. Sie sind mögliche Vorboten eines großen Schlaganfalls. Auch Verschlüsse kleiner, die Netzhaut und den Sehnerv versorgenden Gefäße bedrohen unser Sehvermögen. Typisch ist die einseitige, schmerzlose, schnell eintretende Verschlechterung der Sehschärfe. Sinneszellen überleben nur wenige Stunden nach der Unterbrechung der Blutversorgung. Ziel der Therapie ist deshalb, die Durchblutung mit pharmakologischen oder physikalischen Methoden wiederherzustellen. Nach dem stationären Aufenthalt versuchen Ärzte, die Stoffwechsellage pharmakologisch zu optimieren.

Netzhautablösungen

Trennen sich Anteile der Netzhaut vom retinalen Pigmentepithel als versorgender Struktur, ist ebenfalls schnelle Hilfe erforderlich. Die Erkrankung wird durch Risse, Zugkräfte oder Flüssigkeitsansammlungen ausgelöst. Auch Tumoren lösen unsere Netzhaut ab. Leichte Formen lassen sich per Laser ­fixieren, während beim schwereren Verlauf komplexe Operationen notwendig sind, um Läsionen zu verschließen.

Migräne-Aura

Nicht zuletzt gaukeln neurologische Schmerzen Augenerkrankungen vor. Zeigen sich Flimmererscheinungen, Ausfälle bestimmter Bereiche des Sehfelds oder visuelle Artefakte, steckt vielleicht eine Migräne-Aura hinter den Beschwerden. Sie ist bei etwa 15 bis 20 Prozent ­aller Patienten mit dieser Kopfschmerzform zu finden und entsteht im Gehirn. Manchmal berichten Patienten von Störungen ihres ­Geruchsempfindens, des Gleichgewichts oder der Sinneswahrnehmung. Häufig, aber nicht immer, folgt nach der Aura- die Kopfschmerzphase. Treten die Symptome zum ersten Mal auf, sind sie Anlass für eine MRT-Untersuchung, um Gehirntumoren oder Aneurysmen (Aussackungen von Blut­gefäßen) auszuschließen.

Neurologen verordnen bei Migräne zur Akuttherapie ASS, Ibuprofen oder Triptane. Am besten wurde die prophylaktische Wirkung der Betablocker Propranolol und Metoprolol, des Calciumantagonisten Flunarizin sowie der Anti­konvulsiva Topiramat und Amitriptylin ­untersucht. Lamotrigin reduziert möglicherweise die Häufigkeit von Migräneattacken mit Aura. Und Flunarizin verringert die Häufigkeit von Migräneattacken beziehungsweise Auren. Wegen Missbildungen des menschlichen Fetus ist der Einsatz von Valproinsäure bei Frauen im gebärfähigen Alter nicht mehr zu rechtfertigen. /