PTA-Forum online
PTA im Krankenhaus

Besondere Herausforderung

24.10.2013  16:57 Uhr

Von Annette Immel-Sehr / Zwar gehen die meisten Absolventen der PTA-Schulen in die Offizin-Apotheke, doch gibt es eine Vielzahl anderer interessanter Arbeitsfelder für pharmazeutisch-technische Assistentinnen. PTA Melanie Michel arbeitet in der Krankenhausapotheke der Zentralklinik Bad Berka in Thüringen. Die Apotheke bietet einen Service, der in Deutschland eher eine Seltenheit ist: Die Arzneimittelanamnese bei neu aufgenommenen Patienten. Melanie Michel übernimmt dabei eine wichtige Aufgabe.

PTA-Forum: Wie läuft es ab, wenn ein Patient in die Klinik kommt?

Melanie Michel: Die Patienten melden sich erst mal an der Rezeption. Wenn dort alle Formalitäten erledigt sind, kommen sie als nächstes zu uns. Wir verfügen über Räume direkt im Eingangsbereich. Hier arbeite ich zusammen mit einem Apotheker. Die Patienten, um die wir uns hier kümmern, kommen geplant – beispielsweise für eine Operation – ins Krankenhaus. Wir erfassen alle Medikamente, die der Patient dauerhaft oder bei Bedarf einnimmt oder anwendet. Das bezeichnet man als Arzneimittel-Anamnese.

PTA-Forum: Wie läuft eine solche Anamnese ab?

Melanie Michel: Die Grundlage für unsere Arzneimittel-Anamnese ist ein Fragebogen, den der Patient vorab vom jeweiligen Fachbereich zugeschickt bekommt. In diesem Bogen werden alle seine Medikamente abgefragt. Außerdem wird er nach Erkrankungen gefragt beispielsweise nach Diabetes oder Nierenerkrankungen, ob er Raucher ist, oder ob er früher schon mal einen Schlagfall, Herzinfarkt oder eine Thrombose hatte. Den Bogen muss der Patient in Rücksprache mit seinem Hausarzt ausfüllen und dann an die Krankenhausapotheke schicken. Der Hausarzt wird dabei darauf hingewiesen, dass Blut verdünnende Medikamente bei bestimmten anstehenden Operation sieben Tage vorher abgesetzt werden sollten.

PTA-Forum: Was müssen Sie denn noch fragen, wenn der Patient kommt? Steht nicht alles Wichtige schon in dem Fragebogen?

Melanie Michel: Ja, das könnte man denken, aber in der Praxis ist das nicht so. Ich gehe den ganzen Bogen noch einmal in Ruhe mit dem Patienten durch. Manchmal haben Patienten ein Medikament vergessen, das ihnen wieder einfällt, wenn wir darüber sprechen. Oder sie haben gar nicht daran gedacht, dass auch OTC-Medikamente von Bedeutung sind. Nasen- und Augentropfen vergessen zum Beispiel fast alle und auch Vitamin- und Mineralstoffpräparate.

Dann frage ich gegebenenfalls nach, ob der Blutverdünner abgesetzt wurde und ob eine Thromboseprophylaxe gemacht wird. Manchmal ist auch etwas unklar, dann versuche ich das aus den Arztunterlagen zu entnehmen, oder ich rufe den Hausarzt an

PTA-Forum: Wie lange dauert so ein Gespräch?

Melanie Michel: Wir brauchen alles in allem – also inklusive Dokumentation und Statistik – im Durchschnitt etwa 20 Minuten. Bei manchen Patienten ist das Gespräch recht kurz, vor allem bei jüngeren, die keine Arzneimittel regelmäßig einnehmen müssen. Dafür braucht man bei alten Menschen, die mehrere Erkrankungen haben, länger.

PTA-Forum: Wie reagieren die Patienten?

Melanie Michel: Ich erlebe immer wieder, dass die Patienten nach dem Gespräch richtig erleichtert sind. Die meisten sind ja aufgeregt, wenn sie in das Krankenhaus kommen. Sie sind dann schon mal beruhigt, dass sie gut versorgt sind, was die Medikamente betrifft. Und dass sie Fragen stellen können, hilft ihnen oft auch. Ich sage allen Patienten, dass wir während ihres gesamten Aufenthaltes für sie da sind, wenn sie Fragen zu Arzneimitteln haben. Entweder können sie direkt zu uns in die Apotheke kommen, oder wir kommen auf die Station, wenn wir angerufen werden.

Viele Patienten wussten vorher gar nicht, dass die Krankenhausapotheke für ihre gesamte Arzneimittelversorgung zuständig ist. Sie denken zum Beispiel, sie müssten ihre Blutdruckmittel mitbringen, wenn sie auf einer orthopädischen Station liegen. Ich muss die Patienten natürlich immer darauf hinweisen, dass die Medikamente unter Umständen bei uns etwas anders heißen oder anders aussehen, weil wir sie von einer anderen Firma beziehen.

Außerdem informiere ich die Patienten, dass sie auch die Bedarfsmedikamente von uns erhalten, also mal eine Kopfschmerz- oder Schlaftablette, wenn sie sie benötigen. Sie brauchen nur die Schwester zu fragen.

Wenn ich alle Medikamente erfasst habe, rufe ich in der Station an, damit ein Pfleger den Patienten mit seinem Gepäck abholt. Das tut den Patienten gut, wenn man sich so um sie kümmert.

PTA-Forum: Was passiert mit den gewonnenen Informationen und wann kommt eigentlich der Apotheker ins Spiel?

Melanie Michel: Also nach dem Anamnese-Gespräch gebe ich die Informationen ins System ein. Der Apotheker kontrolliert dann die Eingaben und führt einen Interaktions-Check durch. Danach werden die Daten sozusagen freigeschaltet, sodass jeder Arzt und Pfleger sie einsehen kann.

Wenn ich mit dem Patienten spreche, ist immer ein Apotheker im Raum. Ich arbeite ja unter Verantwortung eines Apothekers. In der Regel lässt er mich das Gespräch allein führen. Wenn ich aber Fragen habe oder Hilfe brauche, kann ich ihn jederzeit ansprechen. Er macht mich auch manchmal auf Dinge aufmerksam, wenn er die Anamnese-Daten prüft. Dadurch lerne ich immer dazu.

PTA-Forum: Ihre Arbeit ist sehr anspruchsvoll. Wie sind Sie dazu gekommen und wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Melanie Michel: Ja, ich bin da sozusagen hineingewachsen. Nach der PTA-Schule habe ich mein Praktikum hier in der Krankenhausapotheke gemacht. Damals fing es so langsam an, dass die Apotheke diese Dienstleistung angeboten hat. Ich hatte das Glück, dass ich nach Abschluss der Ausbildung übernommen wurde. So war ich dabei, als wir dieses Tätigkeitsfeld erweiterten und die Anam­nese für immer mehr Fachbereiche durchführten. Wir betreuen derzeit die Patienten der Wirbelsäulenchirurgie, Orthopädie, Neurochirurgie, Neurologie, Angiologie, Gefäß- und Thorax­chirurgie, Querschnitt, Gastrologie, Viszeralchirurgie, Schmerztherapie und Kardiochirurgie. So habe ich ständig dazugelernt und konnte ja immer auch die Apotheker fragen.

So weit ich weiß, gibt es für meine Tätigkeit keine spezielle Fortbildung. Aber wenn die Kammer eine Fortbildung zu einer Arzneistoffgruppe anbietet, die hier häufig vorkommt, zum Beispiel zu Blutdruckmitteln, dann gehe ich da natürlich hin.

PTA-Forum: Wie erleben Sie Ihren Berufsalltag und diese spezielle Tätigkeit?

Melanie Michel: Meine Arbeit erfüllt mich sehr. Ich gehe gefühlsmäßig mit, was die Patienten mir erzählen und was sie bewegt. Viele Patienten wachsen mir richtig ans Herz. Daher kann ich mir gar nicht vorstellen, woanders zu arbeiten. /