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Marie Curie

Die Frau der Strahlen

23.10.2013  19:44 Uhr

Von Ralf Daute / Marie Curie machte als Klassenbeste mit 16 Jahren Abitur, durfte aber nicht studieren. Sie arbeitete in Polen als Privat‑ lehrerin, durfte aber nicht heiraten. Da zog die junge Frau nach Paris, wurde als Erforscherin der Radioaktivität weltberühmt und mit zwei Nobelpreisen geehrt.

Marie Curie wurde vor 146 Jahren am 7. November 1867 als Maria Salomea Sklodowska in Warschau geboren. Ihr Leben birgt viel zu viel Stoff, als dass es ein Artikel auch nur annähernd angemessen zusammenfassen könnte. Sie ist eine der größten Wissenschaftlerinnen aller Zeiten, prägte im Jahr 1898 das Wort Radioaktivität, und ist bislang die einzige Frau, der zwei Nobelpreise verliehen wurden.

Maria war das Kind eines Lehrer­ehepaares, wurde zunächst von ihrer Mutter unterrichtet und bestand im Alter von 16 Jahren am Öffentlichen Gymnasium Nr. 3 in Warschau das Abitur als Beste ihrer Klasse. Weiter ging es für sie damals erst einmal nicht, denn Frauen durften nicht studieren.

 

Allerdings existierte zu jener Zeit eine inoffizielle, sogenannte »fliegende Universität«, an der Maria ihren Wissensdurst zumindest teilweise stillen konnte. Später verdingte sie sich in einem Haushalt als Privatlehrerin und nutzte ihre Freizeit, um Bücher über Physik, Soziologie, Anatomie und Psychologie zu lesen. Sie verliebte sich in den ältesten Sohn des Hauses. Doch da dessen Familie gegen eine Hochzeit war, wechselte Maria die Stelle und unterrichtete in einem Badeort an der Ostsee.

 

Sieben Jahre nach der Abitur­prüfung zog sie zurück zu ihrem Vater nach Warschau, die Mutter war lange zuvor an Tuberkulose gestorben. Dort konnte sie in den Räumen eines Museums erstmals eigene wissenschaftliche Experimente durchführen. Das weckte in ihr die Lust auf mehr, und so fällte die damals 24-Jährige die folgenschwerste Entscheidung ihres Lebens: Sie zog zum Studieren nach Paris.

 

An der Universität Sorbonne waren von den 9000 Studenten nur 210 Frauen, und Marie war eine der Exotinnen. Als Studentin der Physik setzte sie ihre exzellente Schullaufbahn nahtlos fort. Ihren Abschluss machte sie als Jahrgangsbeste und erhielt ein Stipendium. Als Zweitbeste schloss sie ein Zusatzstudium in Mathematik ab.

 

Bei kleineren Forschungsaufträgen lernte sie Pierre Curie kennen und lieben. Am 26. Juli 1895 heirateten die beiden. Gut zwei Jahre später brachte Marie Curie ihre erste Tochter Irène zur Welt. Das Zentrum ihres Lebens blieb jedoch das Labor. »Ein Gelehrter in seinem Laboratorium ist nicht nur ein Techniker; er steht auch vor den Naturgesetzen wie ein Kind vor der Märchenwelt«, sagte sie.

 

Eigenschaften der Atome

Immer noch auf der Suche nach einem Thema für ihre Doktorarbeit widmete sie sich der von Henri Becquerel im Jahr 1896 erstmals beschriebenen Strahlung. Diese hatten die Wissenschaftler bis dahin weithin unbeachtet. Curies beharrliche Forschung führte zu der Erkenntnis, dass diese Strahlung nicht in chemischen Eigenschaften der Elemente begründet liegt, sondern in den Atomen selbst. Als Becquerel Maries Forschungsergebnisse vor der Akademie der Wissenschaften präsentierte, benutzte er in seinem Vortrag erstmals das von Marie Curie geprägte Wort »radioaktiv«.

 

Am 20. Dezember 1898 entdeckte das Forscher-Paar das stark strahlende Element, das es so lange gesucht hatte und taufte es auf den Namen Radium. Ein zuvor entdecktes Element hatte Marie Curie ihrer Heimat zu Ehren »Polonium« genannt. Ihre Doktorarbeit mit dem Titel »Untersuchungen über die radioaktiven Substanzen« wurde innerhalb eines Jahres in fünf Sprachen übersetzt und 17-mal abgedruckt. Erster Höhepunkt ihrer jungen Karriere als Forscherin war der Nobelpreis im Jahr 1903, den die Wissenschaftlerin jedoch nicht persönlich entgegennehmen konnte. Sie litt bereits an den gesundheitsschädigenden Folgen der Radioaktivität, die damals noch niemand einschätzen konnte.

 

Nachfolge ihres Mannes

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts befand sich das Ehepaar gemeinsam auf der Höhe des Ruhms: Pierre Curie trat im Jahr 1904 in Paris eine Professur an einem eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl an, seine Frau leitete das Labor. Ihr Glück währte jedoch nur zwei Jahre, dann starb Pierre Curie bei einem Verkehrsunfall. Der Verlust traf Marie Curie tief. Dennoch nahm sie die Stelle ihres Mannes ein – als erste Frau, die an der Sorbonne Vorlesungen hielt. Die ordentliche Professur wurde ihr allerdings erst mit zweijähriger Verzögerung zuerkannt.

 

Ihr Geschlecht spielte sicher auch eine Rolle, als sie sich um eine Aufnahme in der Akademie der Wissenschaften bewarb und in zwei Wahlgängen ganz knapp einem männlichen Kandidaten unterlag. Der Vorgang wurde damals in der Öffentlichkeit heftig diskutiert. In einer Zeitung hieß es: »Man solle nicht versuchen, die Frau dem Manne gleich zu machen!«

 

Kurz danach kam es noch schlimmer, als verschiedene Zeitungen pikante Details einer Liebesaffäre der Wissenschaftlerin mit einem verheirateten Mann ausplauderten. In einem Artikel wurde die Nobelpreisträgerin als »eine Fremde, eine Intellektuelle, eine Emanze« beschimpft. Ihr Liebhaber traf sich mit dem Autor zum Duell, es fielen jedoch keine Schüsse.

 

Zum Glück verlief die wissenschaftliche Karriere Curies weiter bestens: Am 10. Dezember 1911 erhielt sie den Nobelpreis für Chemie »in Anerkennung ihrer Verdienste um den Fortschritt der Chemie durch die Entdeckung der Elemente Radium und Polonium, durch Isolierung des Radiums und die Untersuchung der Natur und der Verbindungen dieses bemerkenswerten Elements«.

 

Mobile Röntgenwagen

Im Ersten Weltkrieg widmete sich Marie Curie der Radiologie und entwickelte einen mobilen Röntgenwagen, mit dem verwundete Soldaten in unmittelbarer Frontnähe sofort untersucht werden konnten. 20 Röntgen-Laster wurden hergestellt, Curie selbst machte sogar den Führerschein, um einen Wagen eigenhändig steuern zu können.

 

Als sie Anfang der 1920er-Jahre erstmals die USA besuchte, galt sie dort schon als Star der Wissenschaft. Eine große Menschenmenge hieß sie willkommen, als sie in New York von Bord der RMS Olympic ging. Die New York Times berichtete: »Madame Curie hat vor, dem Krebs ein Ende zu bereiten.« Solcher Überschwang blieb ihr stets fremd, und sie entgegnete, »das Radium kein Heilmittel gegen jede Art von Krebs sei«. In den USA erhielt sie neun Ehrendoktortitel.

 

Die große Wissenschaftlerin starb am 4. Juli 1934 im Sanatorium Sancellemoz (Hochsavoyen) an einer Anämie, deren Ursache vermutlich in der Strahlenbelastung durch ihre Forschung lag. »Was man zu verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht mehr.« Diese Worte könnte man als ihr Vermächtnis an die Nachwelt bezeichnen. Ihr Name und der ihres Mannes leben fort in der Maßeinheit Curie, mit der die Aktivität eines radioaktiven Stoffes gemessen wird. /

E-Mail-Adresse des Verfassers
ralf.daute(at)me.com

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