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Borretsch

Raue und borstige Schönheit

23.10.2013
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Von Gerhard Gensthaler / Ein Blick in alte Schriften zeigt: Die Menschen nutzten in der Vergangenheit Borretsch zu ganz unterschiedlichen Zwecken. So haben die Kelten vor kriegerischen Auseinandersetzungen Wein mit eingelegten Borretsch­blättern getrunken, um ihren Mut zu steigern. Die Römer wollten mit Borretsch trübe Gedanken vertreiben. In alten Dokumenten des arabischen Raums finden sich Hinweise, dass die Ärzte das Kraut hauptsächlich zum Schwitzen verwendeten, um Krank­heiten auszutreiben.

Borretsch (Borago officinalis L.) gehört zur Familie der Borretsch- oder Raublattgewächse (Boraginaceae). Das einjährige Kraut wird bis zu 80 Zentimeter hoch. Die hohlen Stengel sind stark verzweigt, kräftig und rau behaart. Die meist elliptisch geformten Blätter stehen wechselständig an einem kurzen Stiel. Ganz junge Blätter fühlen sich noch samtig weich an, werden aber in kurzer Zeit rau und borstig.

Borretsch bildet wunderschöne himmelblaue, selten rosafarbene sternförmige fünfteilige Blüten. Bei ungenauem Hinsehen ist er leicht mit Beinwell zu verwechseln. Blütezeit sind die Monate Mai bis September. Borretsch bildet vierteilige Spaltfrüchte mit ei­förmigen Samen, die 4 bis 8 Millimeter lang sind und nussartig schmecken. Die Samen sind sehr beliebt bei Ameisen, die somit für eine rasche Verbreitung der Pflanze sorgen. Geruch und Geschmack des Krauts erinnern an frische Gurken, daher sein volkstümlicher Name Gurkenkraut. Die Liste der volkstümlichen Bezeichnungen für Borretsch ist allerdings noch länger: Er wird auch Augenzier, Biretsch, Borgel, Borungen, Boraken, Blauhimmelstern, Burres, Herzblume, Herzfreud, Liebäuglein, Wohlgemut und Wohlmutsblume genannt. Engländer nennen ihn borage, Franzosen bourrache, Italiener boragine und Spanier borraja.

Interessant sind die in Frage kommenden Herleitungen seines botanischen Namens. Möglicherweise stammt die Bezeichnung Borago aus dem Alt-Arabischen »abo-rag«, was Vater des Schweißes bedeutet und auf seine Verwendung als Schweiß treibendes Mittel hinweisen könnte. Aus dem Lateinischen kommt die nächste Deutung: »borra« heißt soviel wie »Gewebe aus rauer Wolle« und könnte auf sein Äußeres anspielen. Die dritte Erklärung bezieht sich auf den keltischen Wortstamm »borrach«, was Mut bedeutet und zu dem bereits erwähnten Gebrauch vor kriegerischen Auseinandersetzungen passt.

In jedem Garten heimisch

Ursprünglich stammt die Pflanze aus Kleinasien. Nach Mitteleuropa gelangte Borretsch erst im Mittelalter. Vermutlich brachten die Araber ihn nach Spanien und er breitete sich von dort im elften und zwölften Jahrhundert in Europa aus. Heute wird Borretsch in fast ganz Europa und Nordamerika kultiviert. Verwildert wächst er auf nährstoffreichen, feuchten Böden, vor allem an Wald- und Wegrändern, aber auch auf dem Ödland. Er bevorzugt Plätze, wo die Sonne durchgehend scheint. Ansonsten ist die Pflanze recht anspruchslos.

Bei Gärtnern sehr beliebt wegen seiner blauen oder weißen Blüten ist auch der ausdauernde Borretsch (Borago pygmaea). Diese Art ist weder medizinisch, noch kulinarisch von Bedeutung, sondern lediglich als Zierpflanze.

Gesammelt und als Droge eingesetzt werden die Blüten (Boraginis flos), das Kraut (Boraginis herba) und die Früchte, aus deren Samen das Borretschöl (Boraginis oleum) gewonnen wird. Die Sammelzeit für die Blüten ist Mai bis September, für das Kraut und die frischen Blätter sind es die Monate März bis Mai. Blätter und Blüten sollen getrennt gesammelt und aufbewahrt werden. In einer dünnen Schicht in der Sonne angewelkt, werden sie danach im Schatten völlig getrocknet.

Nicht ohne Risiko

Borretschkraut enthält bis zu 17 Prozent Schleimstoffe, Saponine, Harze, Gerbstoffe und Spuren (0,004 Prozent) von ungesättigten Pyrrolizidin-Alkaloiden (PA). Pyrrolizidin-Alkaloide schädigen in großen Mengen und über langen Zeitraum hinweg die Leber. Bei kurzzeitiger Einnahme geringer Mengen – maximal 1 Mikrogramm PA täglich – sind keine toxischen Erscheinungen zu befürchten. Dennoch sollten Schwangere und Stillende sowie Kinder keinesfalls Borretsch-Zubereitungen anwenden. Aus denselben Gründen verwendet die Schulmedizin Borretsch nicht als Heilpflanze. In der Volksmedizin wurde Borretsch traditionell als schweiß- und harntreibendes Mittel sowie als Schleimmittel bei Husten, gegen nervöse Herzbeschwerden wie Herzklopfen, gegen schlechte Stimmung, oft auch bei Melancholie und Depressionen, eingesetzt. Die Pflanze soll zudem Fieber lindern und bei Infektionen im Mund- und Bronchialbereich helfen.

Nur kurzzeitig verwenden

Die häufigste Zubereitungsform ist der Tee. Dazu werden zwei Teelöffel getrocknetes Kraut (= 1 Gramm Droge) mit 250 Millilitern kochendem Wasser übergossen und zehn Minuten ziehen gelassen. Von diesem Aufguss können täglich zwei bis drei Tassen getrunken werden. Wegen der enthaltenen Pyrrolizidin-Alkaloide sollte die Verwendung allerdings auf maximal drei Wochen beschränkt sein. Bei Fieber und zur Anregung des Nervensystems nutzen manche Naturheilkundler auch eine Borretsch-Weintinktur. Hierzu wird ein Teil Blüten mit zehn Teilen Weißwein übergossen und fünf Tage stehen gelassen. Nachdem die Blüten abgeseiht sind, beträgt die tägliche Dosis zwei bis drei Likörgläschen. Auch hier sollte die Einnahme nicht über einen längeren Zeitraum erfolgen.

Homöopathen setzen Borretsch (Borago officinalis HAB 34) gegen Hautausschläge, bei Erkrankungen der oberen und unteren Luftwege und bei leichten Depressionen ein.

Borretschsamen sind reich an γ-Linolensäure. Mit einem Gehalt von 21 Prozent übertrifft das Öl beispielsweise deutlich das Nachtkerzenöl, das lediglich 9 Prozent aufweist. Ferner enthalten die Samen 30 bis 40 Prozent Linolsäure und etwa 15 Prozent Ölsäure. Im Europäischen Arzneibuch, 7. Ausgabe, Grundwerk 2011 findet sich eine Monographie »Raffiniertes Borretschöl«. Das Öl muss unter Inertgas, in dicht verschlossenen, dem Verbrauch angemessenen, möglichst vollständig gefüllten Behältnissen vor Licht geschützt aufbewahrt werden. Wegen der Gefahr der schnellen Oxidation ist die Zugabe eines geeigneten Antioxidans erlaubt und notwendig. Das aus den Samen gewonnene Öl ist praktisch frei von den schädlichen Alkaloiden, sofern es durch Kaltpressung gewonnen wurde.

Öl äußerlich bewährt

Zubereitungen aus Borretschsamenöl werden in Form von Kapseln als Nahrungsergänzungsmittel innerlich und äußerlich bei Hauttrockenheit, verschiedenen entzündlichen Hauterkrankungen, Ekzemen sowie bei rheuma­toider Arthritis angewendet. Die reizlindernde Wirkung kann auf den Schleimstoffgehalt zurückgeführt werden. Patienten sollten Salben mit einem Gehalt von 3 bis 10 Prozent Borretschsamenöl immer erst nach Rücksprache mit dem Arzt verwenden.

Auch als »Anti-Aging-Mittel« für die Haut hat Borretsch große Verbreitung gefunden. Zudem wird ihm eine ausgleichende Wirkung auf das Immunsystem nachgesagt. Borretschsamenöl ist kontraindiziert bei Menschen mit Anfallsleiden sowie für alle Patienten, die blutgerinnungshemmende Medikamente oder Arzneimittel einnehmen, die die Krampfschwelle herabsetzen.

Vom Garten in die Küche

Borretsch ist in der Küche viel bekannter als in der Heilkunde. Die frischen, jungen Blätter und die Blüten eignen sich ausgezeichnet als Beigabe zu Salaten und kalten Soßen, außerdem zum Einlegen von Gurken. Häufig wird Borretsch mit Dill kombiniert. Auch Käse- und Eierspeisen, Mayonnaisen und Raviolifüllungen, werden mit Borretsch zubereitet. Ätere Blätter verstärken Geschmack und Farbe von Spinat.

Zum Würzen sollten nur die frischen, jungen Blätter oder die Blüten verwendet werden, da Borretsch beim Trocknen rasch sein Aroma verliert. Borretsch lässt sich übrigens auch gut einfrieren. Wen die haarigen Blättern stören, sollte sie vor dem Verzehr klein hacken

Die sehr hübschen Blüten eignen sich bestens zur Dekoration von kalten Platten oder Salaten sowie kandiert zur Verzierung von Torten, Puddings und Konfekt. Kandierte Blüten mit Sekt übergossen sind der Hit bei der nächsten Party. /

E-Mail-Adresse des Verfassers
gerhard.gensthaler(at)t-online.de