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Christiaan Barnard

Der Chirurg als Star

27.10.2014
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Von Ralf Daute / Am 3. Dezember 1967 gelang dem Chirurgen Christiaan Barnard die erste Herztransplan­tation. Dafür ließ er sich feiern und fand eine zweite Heimat in den Klatschspalten der internationalen Presse. Am 8. November 2014 wäre Barnard 92 Jahre alt geworden.

Er transplantierte Herzen und brach sie. Auf diese Kurzformel lässt sich das Leben des südafrikanischen Chirurgen Christiaan Barnard bringen, wenn man sein berufliches Wirken und seine privaten Eskapaden zusammenfasst. Am 3. Dezember 1967 machte sich der Mediziner »unsterblich«, als er mit einem 31-köpfigen Ärzteteam dem 54 Jahre alten Gemüsehändler Louis Washkansky den Brustkorb öffnete, dessen nach drei Herzanfällen schwerst geschädigtes Herz entfernte und durch das Herz eines 24 Jahre alten Unfallopfers ersetzte. Die Operation am Groote Schuur Hospital in Kapstadt dauerte von Mitternacht bis fünf Uhr morgens.

Es war die erste Herztransplantation an einem Menschen. Allein Barnard führte später noch mehr als 50 Eingriffe dieser Art durch, bis ihn eine Arthritis dazu zwang, das Skalpell aus der Hand zu legen. Heute ist diese Opera­tion immer noch alles andere als medizinische Routine. Doch zeigen allein 313 Herzverpflanzungen 2013 in Deutschland, dass dieser chirurgische Eingriff inzwischen eine etablierte Methode geworden ist. Sie ermöglicht Menschen, deren Herz unrettbar verloren ist, ein Weiterleben – vorausgesetzt, es finden sich genügend Organspender.

Die Erfolgsaussichten sind mittlerweile erstaunlich. Einer Statistik der Münchener Universitätsklinik zufolge sind zehn Jahre nach einer Herztransplantation noch rund 60 Prozent der Patienten am Leben. Einer der Patienten lebt sogar schon ein Vierteljahrhundert mit dem neuen Organ.

Dieses Glück war dem ersten Empfänger in Südafrika nicht beschieden. Louis Washansky überlebte den Eingriff nur 18 Tage, dann starb er an den Folgen einer Infektion. Diese hatte er sich zugezogen, weil das menschliche Immunsystem in den Anfängen der Transplantationsmedizin nahezu komplett ausgeschaltet werden musste, um Absto­ßungs­reak­­tionen zu verhindern. Heute sind die Erfolgsaussichten bei der Verpflanzung von Organen weitaus besser, da sich die Palette der Immunsuppressiva rasant weiterentwickelt hat.

Doch kein mystischer Ort

Barnard hatte mit seinem Eingriff vom 3. Dezember 1967 den Beweis geliefert, dass die Verpflanzung eines Herzens prinzipiell möglich ist. Vor dieser Operation galt das Herz des Menschen vielfach als ein mystischer Ort, der auch die Seele beherbergt und deshalb niemals angetastet werden darf. Nach der erfolgreichen Transplantation hatten diejenigen Ärzte gewonnen, die in dem Organ nur eine faustgroße Pumpe sahen, deren Aufgabe es ist, rund 75-mal pro Minute jeweils etwa 100 ml Blut in das Adernetz des menschlichen Körpers zu pumpen. Nichts anderes als ein Motor sozusagen, der im Schadensfall ausgetauscht werden kann.

Bereits der zweite Patient, dem Barnard zu Beginn des Jahres 1968 ein fremdes Herz einpflanzte, überlebte 18 Monate mit dem neuen Organ. Zweifel aber waren dem eloquenten Mediziner ohnehin fremd. Danach gefragt, sagte er einmal: »Nein, ich glaube nicht, dass ich jemals einen Zweifel an unserem Auftrag hatte. Ich zweifle auch jetzt nicht daran, dass wir mit unserer Arbeit Erfolg haben werden und dass diese Operation schließlich eine Routineoperation werden wird.«

Britische Wissenschaftler bezeichneten die epochale Operation als eine Art »Atombombe der Medizin«. Doch es war nicht nur der Eingriff an sich, sondern auch die für damalige Verhältnisse geradezu unerhörte Offenheit, die der Chef-Chirurg an den Tag legte. Er nannte den Patienten immer mit vollem Namen und erlaubte, dass Fotos von ihm im Krankenbett gemacht wurden.

Noch revolutionärer aber war das Auftreten von Barnard selbst. Wo seine Kollegen den Habitus von Obermedizinalräten pflegten, trat der Südafrikaner auf, als wäre er der vorweggenommene George Clooney. Als er nach seinen erfolgreichen Operationen nach Deutschland reiste, um darüber zu berichten, löste er ein riesiges Medienecho aus. Der Spiegel schrieb damals: In Baden-Baden tanzte er, wie »Bild«-Leser erfuhren, mit Starlet Uta Levka, 24, »eng umschlungen wie ein Liebespaar«. Für den »Stern« ließ er sich im Fasching-Look, mit Pappnase und Scherzbrille fotografieren. Münchens Boulevard-Chronist Sigi Sommer registrierte gar »eine Treibjagd der Schönen« auf den Herz-Buben aus Kapstadt. Die Tour d’Europe des Herzverpflanzers Christiaan Barnard, 44, dokumentierten Journalisten und Fotografen – klick: Barnard mit Heidi Brühl, klick: der Professor mit Gina Lollobrigida in Rom, klick: Barnard im »Crazy Horse Saloon«, Paris.

Christiaan Barnard wurde am 8. November 1922 in Beaufort West in Südafrika geboren und wuchs in einer burischen Predigerfamilie in ärmlichen Verhältnissen auf. In seinem Heimatort besuchte er die weiterführende Schule, dann studierte er Medizin, zunächst in Kapstadt und anschließend in Minnesota. Dort absolvierte er seine Ausbildung zum Chirurgen und lernte damals noch experimentelle Operationstechniken kennen.

Zurück in seiner Heimat Südafrika, fand er eine Stelle am Groote Schuur Hospital in Kapstadt. In dieser Klinik verbrachte er seine gesamte berufliche Llaufbahn und führte mehr als 1000 Herzopera­tionen durch. In einem Interview bekannte Barnard freimütig: »Ich muss sagen, dass ich wahrscheinlich Arzt geworden bin, um viel Geld zu verdienen.«

Seine erste Ehe, aus der ein Sohn und eine Tochter hervorgingen, schloss er im Alter von 26 Jahren. Die Scheidung wurde nach 22 Jahren vollzogen oder, anders ausgedrückt, drei Jahre, nachdem Barnard durch die Herztransplantation zu Weltruhm gelangt war. Die zweite Ehe ging der damals 48-jährige Medizinstar mit einer erst 18 Jahre alten Frau ein, die ihm zwei Söhne gebar. Nach zwölf Jahren wurde auch diese zweite Ehe geschieden. Im Alter von 66 Jahren schließlich fand der Südafrikaner 1988 seine dritte Frau, die ihm noch eine Tochter und einen Sohn schenkte. Auch diese Ehe endete nach zwölf Jahren.

Am 2. September 2001, ein Jahr nach der dritten Scheidung, starb Christiaan Barnard während eines Urlaubs auf Zypern infolge eines Asthmaanfalls. Er wurde in seinem Geburtsort beigesetzt. Im Gedächtnis der Menschheit bleibt er präsent als ein schillernder und faszinierender Mensch, der die Grenzen seines Faches neu ausgelotet hat. In einem Interview sagte er einmal: »Ich glaube nicht, dass Wissenschaft an irgendeinem Punkt haltmacht. Ich glaube, dass die Wissenschaft fortfahren wird, ihr Möglichstes zu tun. Und ich glaube, es hieße das Licht unter den Scheffel stellen, wie es in der Bibel heißt, wenn wir nicht jene Fähigkeiten gebrauchten, die Gott uns gegeben hat.« /