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Binge-Eating-Störung

Essen ohne Maß

27.10.2014
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Von Ulrike Becker / Wenn Menschen heimlich riesige Mengen verschlingen, bis ihnen schlecht wird, und sie sich danach selbst verachten, leiden sie möglicherweise an einer Esssucht. Bis zu ein Drittel aller schwer Übergewichtigen ist davon betroffen. Die zugrunde liegende psychische Störung belastet die meisten ebenso wie ihre überzähligen Kilos, die sich zwangsläufig ansammeln. Daher muss die Therapie auf verschiedenen Ebenen ansetzen.

Kann Essen süchtig machen? Sicher beantworten viele diese Frage spontan mit »Ja!« und kokettieren mit der Behauptung, süchtig nach Schokolade, Pudding oder Kartoffelchips zu sein. Ein wirklich unstillbares Verlangen nach Essen erleben etwa 1 bis 3 Prozent der Deutschen. Menschen, die nicht aufhören können, Unmengen an Lebensmitteln in sich hineinzustopfen, leiden unter einer Form der Essstörungen, die Binge-Eating-Disorder oder Binge-Eating-Störung (BES) genannt wird. Übersetzt bedeutet der englische Begriff etwa so viel wie »Essgelage«. Die Mehrzahl der Binge-Eating-Betroffenen ist weiblich. Der Männeranteil ist mit einem Drittel aber deutlich höher als bei anderen Essstörungen wie Anorexia nervosa (Magersucht) oder Bulimia nervosa (Ess-Brechsucht).

Menschen mit Binge-Eating-Disorder verschlingen in wiederkehrenden anfallartigen Essattacken wahllos oft sehr energiereiche Lebensmittel, häufig nur in den eigenen vier Wänden. Die meisten verheimlichen ihre Sucht nach Essen, weil sie sich für ihren Kontrollverlust schämen. Der einzelne Anfall hört erst mit einem unangenehmen Völlegefühl, heftigen Bauchschmerzen oder Übelkeit auf.

Ungebremstes Verlangen

Die Binge-Eating-Störung ist von den psychisch bedingten Essstörungen bisher am wenigsten erforscht. Erst im Jahr 1994 wurde sie als eigenständiges Krankheitsbild beschrieben. Anders als Bulimie-Erkrankte leiten Menschen mit einer Binge-Eating-Störung weder Erbrechen ein, noch nehmen sie Abführmittel oder treiben exzessiv Sport. Die Erkrankung führt daher zwangsläufig zu Übergewicht bis hin zu Adipositas. Deswegen führt die Störung oft langfristig zu gesundheitlichen Problemen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf- oder Gelenkerkrankungen. Auch wenn Menschen mit BES durch ihr maßloses Essen das Übergewicht selbst herbeiführen, ist ihnen ihr Erscheinungsbild nicht egal. Im Gegenteil: Ihre Gedanken kreisen um die Folgen ihrer Essanfälle, und aufgrund ihres Übergewichts ist ihr Selbstwertgefühl nur gering. Zwar versuchen etliche durch Diäten oder Fasten ihr Gewicht zu reduzieren, doch stufen Mediziner dies eher als Versuch ein, die Kontrolle über das ungezügelte Essverhalten wiederzuerlangen.

Gestörte Wahrnehmung

Die eigentliche Ursache für das Auftreten einer Binge-Eating-Störung ist bislang ungeklärt. Jedoch ist das Risiko, daran zu erkranken, bei Übergewichtigen oder Adipösen besonders hoch: Von 100 Übergewichtigen, die einen Arzt mit dem Wunsch zur Gewichts­reduktion aufsuchen, leiden 15 bis 30 Prozent an Esssucht und gleichzeitig häufig an Depressionen, Ängsten, Zwangsstörungen oder anderen Persönlichkeitsstörungen. Wissenschaftler erklären die Entstehung einer Binge-Eating-Störung mit dem Zusammentreffen psychischer, sozialer und genetischer Risikofaktoren, die sich gegenseitig noch verstärken.

Vermutlich beginnt die Störung oft bereits in der Pubertät. Experten gehen davon aus, dass bis zu einem Drittel der adipösen Jugendlichen erste Zeichen einer Esssucht zeigen. Die natürliche Wahrnehmung eines Hunger- oder Sättigungsgefühls haben diese Jugendlichen demnach schon in jungen Jahren verloren. Sie essen zunehmend zum Frustabbau und zur Ersatzbefriedigung bei auftretenden Problemen in der Schule oder am Arbeitsplatz, bei Streit mit den Eltern, Freunden oder dem Partner. Die Betroffenen haben keine geeigneten Mechanismen entwickelt, mit denen sie negative Ereignisse anders verarbeiten könnten. Wissenschaftler sprechen in diesen Fällen von fehlender Affektregulation. Ein instabiles soziales Umfeld begünstigt noch diese Entwicklung. Das permanente Grübeln über Essen, Figur und Gewicht führt zu einem negativen Körperkonzept, auch Körperbildstörung genannt.

Vielschichtiger Prozess

Bislang liegen nur wenige Studien vor, wie BES entsteht beziehungsweise aufrecht erhalten wird. Ergebnisse aus einer der seltenen Untersuchungen stammen von weiblichen 12- bis 17-Jährigen während einer Langzeittherapie für adipöse Jugendliche. Ihre Krankengeschichte zeigt folgende Gemeinsamkeiten:

  • häufige und sehr frühe Diäten,
  • ein stark ausgeprägter Schlankheitsdrang mit Überbewertung der äußeren Erscheinung und Unzufriedenheit mit der Figur,
  • Vorbilder für riskantes Essverhalten (Models),
  • depressive Symptome,
  • Frustessen,
  • erhöhter Body-Mass-Index (BMI),
  • niedriges Selbstwertgefühl und
  • geringe soziale Unterstützung.

Diagnosekriterien

Für die Diagnose einer Binge-Eating-Störung gelten folgende Kriterien: Die Betroffenen essen in einer begrenzten Zeit, zum Beispiel innerhalb von zwei Stunden, eine größere Nahrungsmenge als die meisten Menschen unter ähnlichen Bedingungen. Während eines Essanfalls besteht zudem das Gefühl, nicht aufhören oder nicht steuern zu können, was und wie viel man isst.

Während der Essanfälle treten mindestens drei der folgenden Symptome auf:

  • wesentlich schnelleres Essen als normalerweise
  • Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl
  • wegen der Menge, die man isst, nicht in Gesellschaft anderer essen
  • Essen großer Nahrungsmengen, ohne hungrig zu sein
  • Ekelgefühle gegenüber sich selbst, Deprimiertheit, Schuldgefühle nach dem übermäßigen Essen.

Die Betroffenen leiden deutlich wegen der Essanfälle. Die Essanfälle treten durchschnittlich an mindestens zwei Tagen in der Woche in einem Zeitraum von sechs Monaten auf. Sie gehen nicht mit dem regelmäßigen Einsatz von kompensatorischen Verhaltensweisen zur Gewichtskontrolle wie Erbrechen oder Diuretika-Einnahme einher.

Quelle: S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Essstörungen

Im Vergleich mit anderen adipösen Kindern fanden die Forscher bei den jungen BES-Patientinnen die stärksten depressiven Verstimmungen und das niedrigste Selbstwertgefühl. Etwa 29 Prozent hatten sogar bereits einen Suizid versucht, bei den adipösen Kindern ohne Essanfälle waren es weniger als 10 Prozent. Das macht deutlich, wie wichtig ein frühes Einschreiten bei betroffenen Kindern und Jugendlichen ist.

Was genau ihre Essanfälle auslöst, können Betroffene nur zum Teil benennen. Bei den meisten geht eine negative Stimmung, ein Frusterlebnis oder Stress voraus, andere haben nie »normale« Essgewohnheiten erlernt, wieder andere verlieren durch das Überangebot an verfügbaren Lebensmitteln immer wieder die Kontrolle. Nach Beobachtung von Experten planen Menschen, die schon länger unter einer Esssucht leiden, ihre Essanfälle häufig im Voraus: Sie versorgen sich mit den nötigen Nahrungsmitteln, die sie aus Scham oft in mehreren Geschäften kaufen, und sorgen für störungsfreie Stunden. Teilweise dauert ein solcher Anfall mehrere Stunden, an den Beginn oder das Ende der Essattacke erinnern sich viele oft nicht mehr. Zurück bleiben Schuldgefühle und Selbstverachtung.

Schwer erträglich finden Betroffene die Ablehnung durch ihre Mitmenschen. Stark Übergewichtige werden hierzulande häufig stigmatisiert (siehe Kasten). Nicht selten fehlen ihnen daher angenehme, einfühlsame zwischenmenschliche Kontakte, stattdessen dominiert Einsamkeit bis hin zur Isolation ihr Leben. Dies wiederum begünstigt Essanfälle – ein Teufelskreis, aus dem ohne Hilfe von außen selten ein Entkommen gelingt.

Abläufe im Gehirn

Die Symptome einer Esssucht lassen sich durchaus mit anderen Sucht­erkrankungen vergleichen: starkes Verlangen, mangelnde Selbstkontrolle und der Bedarf immer größerer Mengen. Die Experten der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin des Zen­tral­instituts für SeeIische Gesundheit in Mannheim erforschen intensiv die Abläufe im Gehirn, die sich bei klassischen Suchterkrankungen und Adipositas überschneiden. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass positiv empfundene Lebensmittel wie Süßes oder Kalorienreiches das sogenannte Belohnungssystem im Gehirn aktivieren, ähnlich wie Alkohol oder Drogen. Das heißt, bestimmte Hirnregionen vermitteln vor allem über den Botenstoff Dopamin ein angenehmes Gefühl. Das erhöht die Motivation, dieses Empfinden bewusst herbeizuführen. Da dieses Bestreben zum Überleben des Menschen beigetragen hat, ist es durchaus natürlich, in belastenden Situationen ein besonders starkes Verlangen nach etwas Süßem beziehungsweise Kalorienreichem zu erleben – so wie die Lust auf Schokolade bei besonderem Stress.

Doch im Unterschied zu Esssüch­tigen gelingt es Normalgewichtigen üblicherweise, diesen Anreiz für die Nahrungsaufnahme kognitiv zu kontrollieren. Wer Essen allerdings immer wieder dazu benutzt, Frust abzubauen und seine Stimmung zu verbessern, für den kann dieser Stimulus zur Gewohnheit werden. Essen erfolgt dann automatisch bis hin zu zwanghaften Verhaltensmustern. Manche Menschen entwickeln als Folge eine Esssucht. Der Verzicht auf Essen löst eine negative Empfindung aus, das Verlangen nimmt zu und wird immer heftiger. Auch bestimmte Situationen, in denen die Betroffenen bereits eine positive Verstärkung durch das Essen erlebt haben, können das Verlangen auslösen beziehungsweise verstärken.

Verändertes Verhalten

Die fortschreitenden Veränderungen im Essverhalten lassen sich im Gehirn durch bildgebende Verfahren sichtbar machen. Diese Scans bestätigen tatsächlich das verbreitete Vorurteil, dass es Übergewichtigen schwerer fällt als Normalgewichtigen, Schokolade oder Kuchen zu widerstehen. Denn die Hirnregionen, die für Belohnung verantwortlich sind und das Essverhalten beeinflussen, scheinen bei Adipösen stärker auf Essen zu reagieren als bei Normalgewichtigen. Gleichzeitig vermuten die Forscher, dass bei Adipösen die zielgerichtete Verhaltenskontrolle vermindert ist. Ob diese Veränderungen allerdings die Folge der ungünstigen Essgewohnheiten oder genetisch bedingt sind, können die Hirnforscher derzeit noch nicht beantworten.

Eine aktuelle Studie der Universität Luxemburg bestätigt die Erkenntnisse der Mannheimer Forscher. Die Wissenschaftler bescheinigen den übergewichtigen Probanden weniger Willenskraft als den normalgewichtigen, denn übergewichtige Frauen fühlten sich durch Essensbilder stärker angesprochen, teilweise entwickelten sie Heißhunger, obwohl sie kurz zuvor gegessen hatten. Diese Unterschiede führen die Luxemburger Forscher sowohl auf die genetische Veranlagung als auch auf Lebenserfahrungen zurück.

Langfristige Behandlung

Wie finden Betroffene aus diesem suchtähnlichen Essverhalten wieder heraus? Laut den ärztlichen Leitlinien zur Behandlung von Essstörungen verspricht die kognitive Verhaltenstherapie bei Menschen mit einer Binge-Eating-Störung den meisten Erfolg. Allerdings ist die Datenlage noch recht dünn. Wie bei der Behandlung von klassischen Suchterkrankungen müssen BES-Patienten beim verhaltenstherapeutischen Ansatz beispielsweise trainieren, beim Anblick zum Beispiel einer Tafel Schokolade alternativ zu handeln. Durch viele Wiederholungen der Ersatzhandlung sinkt die Erwartung auf das gute Gefühl beim Essen großer Mengen.

Stigmatisierung

Stark übergewichtige Menschen sehen sich hierzulande häufig mit negativen Vorurteilen konfrontiert: Adipöse gelten als undiszipliniert, schwach und faul, und die Mehrheit glaubt, sie sei selbst an ihrer Körperfülle schuld. Das sind die Ergebnisse einer Befragung von mehr als 3000 Personen in Deutschland bezüglich ihrer Einstellung zu stark übergewichtigen Menschen. Durchgeführt hat die Studie das Integrierte Forschungs- und Behandlungszentrum AdipositasErkrankungen in Leipzig. Die Wissenschaftler fordern mehr Respekt und Toleranz, insbesondere auch von Ärzten und deren Mitarbeitern, denn eine Teilstudie hat Ärzten mangelnde Empathie bescheinigt. Nur 40 Prozent der Allgemein­mediziner sprechen das Thema Übergewicht und Gewichts­reduktion überhaupt an. Den Ärzten mangelt es nach eigenen Angaben am Willen und der Geduld für eine Behandlung, teilweise fühlen sie sich auch überfordert. Kein Wunder, dass Adipöse sich von Ärzten oft unzureichend betreut fühlen und seltener an Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen oder den Arztbesuch sogar ganz meiden. Das Leipziger Forscherteam fordert, schon Medizinstudenten und Pflegekräfte zu sensibilisieren und über diskriminierende Vorurteile aufzuklären. Nicht nur Empathie gilt es zu fördern, sondern vor allem Akzeptanz und Achtung.

Doch Sucht ist vielschichtig. Nicht immer ist dazu der sogenannte Substanzgebrauch nötig, beispielsweise bei Internet- oder Glücksspielsucht. Hier gelten die ausgelösten Emotionen als der entscheidende Suchtfaktor. Das starke Verlangen nach Essen lässt sich damit durchaus vergleichen. Die Therapie von BES muss daher auch die psychischen Störungen wie mangelndes Selbstwertgefühl, Körperbildstörung oder fehlende Stressregulation einbeziehen. Eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie kann hier helfen; allerdings sind die Ergebnisse nicht immer überzeugend. Das größte Anliegen der meisten BES-Patienten ist allerdings weniger die Behandlung ihrer psychischen Störungen, sondern die Gewichtsreduktion. Allein die Besserung der psychischen Symptome führt nicht zum Verlust überzähliger Kilos. Zielführend ist daher nur der gemeinsame Ansatz aus Ernährungsberatung und Psychotherapie. Denn die Patienten müssen sowohl ihr Essverhalten ändern und gesunde Gewohnheiten entwickeln als auch ungünstige Verknüpfungen zwischen Essen und Psyche auflösen. Das gelingt jedoch nur interdisziplinär. Das Ziel einer bejahenden Lebensführung erfordert meist die langfristige Zusammenarbeit mit Psychotherapeuten, Ernährungsberatern, Ärzten, Physiotherapeuten und Fitnesstrainern.

Sensibler Umgang

Adipöse vermeiden häufig, über ihren Körper und ihr Gewicht zu reden. Viele wehren diese so offensichtliche Thematik heftig ab. Einen Hinweis auf Esssucht liefern zum Beispiel die Bagatel­lisierung von tiefgreifenden Lebensproblemen und eine merklich ungesunde Lebensführung. Wenn PTA oder Apotheker Zugang zu einem esssüchtigen Kunden finden und mit ihm über das heikle Thema ins Gespräch kommen, sollten sie behutsam eine Beratungsstelle oder einen Psychotherapeuten empfehlen. In der Apotheke selbst ist die erforderliche umfassende Beratung nicht zu leisten. Letztendlich muss ein Mensch mit Binge-Eating-Störung selbst bereit sein, sich mit der übermäßigen Nahrungszufuhr nicht länger zu schaden. /

Hilfreiche Links

Bundesfachverband Essstörungen: www.bundesfachverbandessstoerungen.de

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: www.bzga-essstoerungen.de

Patientenservice der KBV:

www.kbv.de/html/service_fuer_patienten.php

BundesPsychotherapeutenKammer:

www.bptk.de/service/therapeutensuche.html

Suche nach Spezialkliniken für Essstörungen, Psychosomatische und Psychiatrische Kliniken: http://krankenhaus.weisse-liste.de

Informationen zu Binge-Eating von Betroffenen für Betroffene: www.binge-eating-online.de

Aktionskreis für Ess- und Magersucht Cinderella e. V.: www.cinderella-rat-bei-essstoerungen.de

Online-Beratung bei Essstörungen: www.EssFrust.de