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Babys erstes Jahr

Jedes Kind is(s)t anders

27.10.2014
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Von Daniela Biermann / Nach frühestens vier und spätestens sechs Monaten sollte es losgehen mit der Beikost für das Baby. Dann können Eltern viel dafür tun, um Allergien und Übergewicht im späteren Leben ihres Kindes zu verhindern. Zur Orientierung gibt es dabei einige Empfehlungen der Fachgesellschaften, aber keinen festen Fahrplan.

Nach Expertenmeinung sollten alle Babys mindestens die ersten vier Lebensmonate voll gestillt werden oder, falls das nicht möglich ist, Milch-Fläschchen mit Prenahrung erhalten. Wenn das Kind dann bereit ist, können die Eltern ganz behutsam mit der Beikost beginnen. Bereit heißt dabei nicht, dass das Baby schon Zähne haben muss, allein sitzen kann oder gar selbst den Löffel in die Hand nimmt. Entscheidend ist das Interesse des Kindes am Essen und an Vorbildern wie den Eltern und Geschwistern. Daher sollte es schon früh an den Familienmahlzeiten teilnehmen, ob auf dem Schoß, in einem speziellen Hochstuhlaufsatz oder gut gestützt in einer Babywippe.

Jedes Kind hat sein eigenes Tempo und von Beginn an seinen eigenen Geschmack. Das sollten alle Eltern im Hinterkopf behalten. Essen ist ein relativ komplexer Prozess, den das Baby erst lernen muss. Schiebt es den ersten Löffel Brei mit der Zunge wieder aus dem Mund, ist es vielleicht noch nicht soweit. Die meisten Kinder legen diesen Schutzreflex im fünften oder sechsten Lebensmonat ab. Wichtig ist ein Start in entspannter Atmosphäre.

Das Baby sollte nicht zu müde und nicht zu hungrig sein und die Eltern sollten sich Zeit nehmen. Ob sie es vor oder nach der vollen Milchmahlzeit probieren, ist Geschmackssache. Kann das Kind noch nicht allein aufrecht sitzen, muss es entsprechend gestützt werden. Babys sollten nicht im Liegen gefüttert werden, da sie sich sonst leicht verschlucken.

Löffel für Löffel

Für die ersten Versuche reicht mitunter schon ein einziger Löffel, denn essen ist anfangs schwieriger als Milch trinken. Ein kleiner Tipp aus der Praxis: Zuerst können die Eltern das Baby den Brei auch vom Finger absaugen lassen. Auf jeden Fall muss das Baby freiwillig den Mund aufmachen. Die Eltern sollten dazu keine Tricks anwenden und jedes Mal warten, bis das Kind geschluckt hat, bevor sie ihm einen weiteren Löffel direkt vor den Mund halten. Wenn das Baby ständig nach dem Löffel greift, können sie ihm einen eigenen in die Hand geben. Für Babys und Kleinkinder gelten übrigens noch keine Tischmanieren, sondern sie sollen Freude am Essen entwickeln – rummatschen und Teller umdrehen gehören dazu.

Eltern sollten mit einem Breiversuch am Tag beginnen. Erst, wenn das Baby so viel isst, dass es offensichtlich satt wird, kann der Brei eine Milchmahlzeit vollständig ersetzen. Hierbei ist Eile völlig unangebracht: Alters­gerechtes Milchpulver und erst recht Muttermilch enthalten alle wichtigen Nährstoffe auch noch für ältere Babys; ein begleitendes Stillen bis ins zweite oder dritte Lebensjahr ist problemlos möglich, wenn Mutter und Kind dies wollen.

Los geht es mit püriertem, weichem oder weichgekochtem Obst oder Gemüse. Nach einem Monat können Fleisch und Fisch sowie Getreide und Milch dazu kommen. Ab dem neunten Monat sollten die Kleinen Breis mit Stückchen oder Risotto probieren und zwischendurch an Reiswaffeln, Dinkelstangen und Knäckebrot knabbern oder lutschen. Gegen Ende des ersten Lebensjahres können Eltern einfache, mild gewürzte Familiengerichte anbieten (siehe Tabelle).

Pastinake oder Möhre

Mit welchen Gemüse- und Obstsorten Eltern anfangen, ist kulturell sehr unterschiedlich. In Deutschland beginnen sie meist mit Möhre oder Pastinake sowie Banane oder Birne – alles gut verträgliche und recht süße Sorten (siehe Kasten). In den USA zum Beispiel bekommen viele Babys zuerst Avocado pur vom Löffel oder Süßkartoffel. Wichtig ist, jede neue Sorte einzeln anzubieten, das heißt, am besten nur eine Sorte über mehrere Tage zu füttern. Zum einen lernt das Baby so jeden Geschmack einzeln kennen. Zum anderen kann sich der Magen besser daran gewöhnen.

Kennt das Baby bereits ein paar Gemüsesorten, können diese mit sättigenden Kartoffeln und magerem Fleisch oder Fisch kombiniert werden. Insbesondere Seefisch, natürlich ohne Gräten, gehört wegen seines Iod­gehalts ein- bis zweimal die Woche auf Babys Speiseplan Das Obst kann nach einem Monat mit Getreideflocken wie Dinkel, Hirse oder Hafer kombiniert werden. Obst und Gemüse dürfen dabei durchaus aus der Tiefkühltruhe kommen, insbesondere im Winter. Grundsätzlich sollten Eltern auf eine gute Qualität der Lebensmittel Wert legen – vor allem Bio-Produkte sind für die Kleinen empfehlenswert. Ansonsten gilt wie für Erwachsene: Möglichst regional und saisonal kochen, zum Beispiel Pastinake im Frühjahr, Möhre im Sommer, Kürbis im Herbst. Mit den Monaten entwickelt sich auf dieser Basis eine abwechslungsreiche Ernährung.

Egal, welcher Brei: Ein Teelöffel hochwertiges Rapsöl gehört immer dazu. Dieses Öl wird für Babys empfohlen, denn es enthält viele ungesättigte Fettsäuren, vor allem Omega-3-Fettsäuren wie α-Linolensäure, die wichtig für die Hirnentwicklung sind. Das Öl wird erst nach dem Erhitzen zugefügt. Fleischbrei sollte einen Schuss Vitamin C in Form von Orangen- oder Apfelsaft bekommen, damit das Eisen besser aufgenommen wird (siehe Beispielrezepte).

Aufgrund der Keimgefahr sollten Eltern Babybrei nicht wieder aufwärmen. Sie können jedoch von einer Sorte gleich mehrere Portionen kochen, zugedeckt abkühlen lassen und sofort einfrieren.

Schonende Zubereitung

Die schonendste Zubereitungsmethode ist das Dampfgaren. Wer keinen speziellen Dampfgarer oder Einsatz besitzt, gibt einfach wenig Wasser zu den Lebensmitteln und kocht mit geschlossenem Deckel. Manche Gemüsesorten enthalten viel Nitrat, das beim Erwärmen zum schädlichen Nitrit reduziert wird. Wer Breis mit Fenchel, Kohlrabi, Spinat und Mangold aufbewahren will, sollte diese daher nach der Zubereitung direkt ohne abzukühlen einfrieren und bei Bedarf schnell wieder erhitzen, zum Beispiel in der Mikrowelle statt im Gläschenwärmer.

Tageszeit Stufe 1 (ab dem 5. Monat) Stufe 2 (ab dem 6. Monat) Stufe 3 (ab dem 9. Monat) Stufe 4 (ab dem 11. Monat)
morgens Milch Milch Milch zartes Müsli oder Vollkornbrot mit Butter
vormittags Milch Milch Milch oder Zwieback-Brei, Obst-Getreide-Brei, Reiswaffel, Knäckebrot, frisches Obst Reiswaffel, Knäckebrot, frisches Obst
mittags Milch und erste Löffelversuche (Obstmus, Gemüse­püree oder Getreideflocken mit Wasser verrührt) Gemüse-Kartoffel-Fleisch- oder -Fisch-Brei oder vegetarisch Gemüse-Kartoffel-Fleisch- oder -Fisch-Brei oder vegetarisch, Suppe, sämiges Risotto mit weichen Stückchen erstes einfaches, mit der Gabel zerdrücktes, kleinkindgerechtes Familien­essen
nachmittags Milch Obst-Getreide-Brei oder Milch Obst-Getreide-Brei, Zwieback-Brei Frisches Obst, Zwieback, Reiswaffel, Knäckebrot, Trockenobst
abends Milch Milch oder Getreide-Milch-Brei Getreide-Milch-Brei Vollkornbrot mit Butter, Frischkäse, Scheibenkäse oder Schinken, etwas Rohkost

Vorschlag für Beikosteinführung in Schritten, zu jeder Mahlzeit gehört Wasser. Die Altersangaben beziehen sich auf das frühestmögliche Alter. Die Bausteine können innerhalb des Tages beliebig ausgetauscht werden.

Quelle: »Eins, Zwei, Brei – Einfache Grundrezepte, x-mal variiert« von Dunja Rieber

Die bequemere, aber teurere Alterna­tive sind Gläschen. Beim Kauf sollten sich die Eltern an die Altersangaben der Hersteller halten und auf jeden Fall einen Blick auf die Zutatenliste werfen. Oft ist kein oder zu wenig Öl enthalten, daher sollten sie einen kleinen Schuss Rapsöl hinzufügen. Überflüssig sind dagegen Gewürze, Zucker und Salz sowie Konservierungs- und Aromastoffe. Bei Gläschen ist das meist kein Problem. In sehr vielen anderen, vom Hersteller als »Baby-Nahrungsmittel« angepriesenen Lebensmitteln stecken jedoch Zucker oder im Joghurt auch Aromen, die die Geschmacksentwicklung der Kinder negativ beeinflussen können. Erst Ende September forderten Kinder- und Zahnärzte ebenso wie die Verbraucherschutzorganisation Food Watch strengere Regeln für Säuglingsnahrung und warnten vor frühkind­licher Karies und Adipositas. Da sich ab einem gewissen Alter das Naschen nicht mehr vermeiden lässt, sollte es klare Regeln geben, zum Beispiel nur eine Kinderhandvoll Süßes am Tag, am besten auch nur zu einer Gelegenheit. Besser ist natürlich klein geschnittenes Obst.

Vorsicht: Allergierisiko

Als beste Allergieprävention gilt derzeit das Stillen. Aber auch die Beikost im ersten Lebensjahr scheint sich auf das Risiko für Asthma, Neurodermitis und Co. auszuwirken. Während Experten früher bei Schwangeren und Babys empfahlen, auf potenziell allergene Lebensmittel zu verzichten, hat sich dieser Rat mittlerweile umgekehrt. Denn offenbar verringert ein früher Kontakt des Immunsystems mit möglichen Al­lergenen das Risiko einer Überreaktion.

Hat das Baby Verdauungsprobleme, kann häufig eine gezielte Ernährung helfen. Während beispielsweise Bananen und Möhren eher stopfen, regen Birnen und Pflaumen die Verdauung an. Unterschiedlich ist, ob ein Baby von Vollkorn, Kohl oder Hülsenfrüchten Blähungen bekommt. Hier ist ebenfalls die langsame Gewöhnung mit kleinen Mengen wichtig. Bei akuten Problemen hilft oft Reis. Als leicht verdaulich gelten auch Kürbis und Pastinake. Anfangs sollte Obst geschält werden, später kann die Schale mitpüriert werden.

Einen großen Einfluss auf die Verträglichkeit von Obst hat dessen Säuregehalt, denn saures Obst kann zu einem wunden Po führen. Als mild gelten Birnen und Bananen sowie manche Apfelsorten. Mehr Säure enthalten zum Beispiel Orangen, Pfirsiche und Mangos, die als Mus gekocht milder werden.

Besser nicht im ersten Jahr

Nicht geeignet für Kinder im ersten Lebensjahr sind rohe Wurstsorten wie Salami und geräucherter Fisch, Roh­milch-Produkte sowie Honig, da er Clostridien enthalten kann. Fleisch, Fisch und Eier sollten immer gut durchgegart sein. Nüsse sind zwar gesund, aber wegen der Erstickungsgefahr erst für ältere Kleinkinder geeignet. Schon Babys können übrigens relativ problemlos vegetarisch ernährt werden, allerdings müssen die Eltern sich gut mit den Nährstoffgehalten der Lebensmittel auskennen und auf eine besonders abwechslungsreiche Ernährung achten. Unter den Getreidesorten sind beispielsweise Hirse und Hafer besonders eisenhaltig, beim Gemüse sind Linsen, Fenchel und Schwarzwurzeln vorn mit dabei. Sogar vegane Ernährung ist theo­retisch möglich, wenn die Eltern sich sehr gut auskennen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät jedoch von dieser rein pflanzlichen Ernährungsweise ohne jegliche tierischen Produkte für Babys ab.

Breibeispiele für den Anfang

Die Mengenangaben sind Durchschnittswerte, manche Babys essen mehr, andere weniger.

Obst-Getreide-Brei

90 ml Wasser mit 20 g Getreide­flocken (wie Dinkel, Hafer, Hirse, Reis, Weizen) in einen Topf geben, kurz aufkochen. 100 g Obstmus (wie Banane, Apfel, Birne) und 1 TL Rapsöl unter­rühren.

Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei

50 g Kartoffeln und 100 g Gemüse (wie Brokkoli, Fenchel, Möhre, Kürbis, Kohlrabi, Artischocke, Mangold, Pastinake, Spargel, Spinat, Steckrübe, Süßkartoffel, Zucchini) schälen und kleinschneiden. 30 g mageres Fleisch (wie Rind, Kalb, Schwein, Geflügel, Lamm) in 1 cm große Würfel schneiden.

Alles zusammen mit wenig Wasser in einen Topf geben und bei geschlossenem Deckel etwa 20 Minuten lang weichdünsten. Tiefkühl-Gemüse nach Packungsanweisung je nach Garzeit mit in den Topf geben. Den Brei mit dem Kochwasser fein pürieren. 2 EL Vitamin-C-reichen Saft und 1 EL Rapsöl unterrühren.

Quelle: »Eins, Zwei, Brei – Einfache Grund­rezepte, x-mal variiert« von Dunja Rieber

Je mehr Still- oder Fläschchen-Mahlzeiten durch Brei ersetzt werden, umso mehr sollte das Baby trinken. Zu jeder Breimahlzeit sollten Eltern Wasser anbieten, am besten direkt im Becher statt im Fläschchen, um unnötiges und zahnschädigendes Nuckeln zu verhindern. Es gibt eine große Auswahl an Trinkbechern, zum Beispiel angeschrägte Becher mit Handgriffen. Bekommt ein Baby im ersten Lebensjahr bereits drei Breimahlzeiten täglich, sollte es über den Tag verteilt 200 ml Wasser trinken. Ab einem Jahr steigt der Bedarf deutlich, nun braucht das Kind mindestens 600 ml.

Eine Alternative zu Wasser ist ungesüßter Kräuter- oder Früchtetee. Vorsicht: Granulate enthalten oft Zucker. Tees wie Kamille und Fenchel, die nicht in Arzneibuchqualität vorliegen, können durch versehentliche Beimischung bestimmter Unkräuter zu hohe Pyrrolizidinalkaloid-Werte aufweisen. Daher Apothekenware empfehlen oder häufiger das Produkt wechseln. Aufgrund ihrer Süße und des Kaloriengehalts sollten Fruchtsäfte eher die Ausnahme bleiben und nur stark verdünnt als Schorle angeboten werden.

Es muss nicht immer Brei sein

Der neueste Trend bei der Babyernährung ist das sogenannte Baby-led Weaning, was so viel bedeutet wie »vom Baby geführtes Zufüttern«. Dabei soll das Kind sein Essen im wahrsten Sinne des Wortes selbst in die Hand nehmen. Statt Brei bieten die Eltern weiches Fingerfood an wie Bana­nen- und Birnenstückchen oder zart gegartes Gemüse wie Möhren oder Brokkoli-Röschen. Den Begriff hat die britische Hebamme Gill Rapley geprägt. Sie empfiehlt, mit der Methode anzufangen, wenn das Baby volle sechs Monate alt ist, aufrecht sitzen und Essen gezielt zum Mund führen kann. Dem Baby wird eine gesunde Auswahl angeboten, es darf selbst danach greifen. Dazu soll es weiterhin (Mutter-)Milch bekommen. Mehr Informationen unter www. baby-led-weaning.de.

Ab dem sechsten Monat können Babys auch Kuhmilch trinken. Das Forschungsinstitut für Kinderernährung empfiehlt Milch mit 3,5 Prozent Fettgehalt. Fettarme Milch darf es sein, wenn das Kind häufig an den Familienmahlzeiten teilnimmt. Eine kleine Tasse Milch am Tag ist eine gute Ergänzung des Speiseplans, insbesondere, wenn das Kind wenig andere Eiweiß- und Calciumhaltige Lebensmittel wie Käse oder Joghurt isst.

Der Nährstoffgehalt von Soja- oder Hafermilch ist hingegen unausgewogener. Daher sind diese Produkte nicht unbedingt eine empfehlenswerte Alternative. Eine echte Allergie gegen Kuhmilch ist übrigens selten. Dann sollte das Kind lieber spezielle Milchnahrung erhalten.

Derzeit gilt es als Konsens, dass uns die Ernährung in den ersten drei bis vier Lebensjahren ein Leben lang prägt – unseren Geschmack, unser Verhältnis zum Essen, unser Mikrobiom, unser Gewicht, kurz unsere gesamte Gesundheit. Daher sollten sich alle Eltern intensiv mit der Ernährung ihrer Kinder auseinandersetzen. /

Weitere Tipps

Website des Forschungsinstituts für Kinderernährung: www.fke-do.de

Eins, Zwei, Brei – Einfache Grund­rezepte, x-mal variiert von Dunja Rieber, Trias-Verlag, ISBN 978-3-8304-3998-1