PTA-Forum online
Selbsttests

Mini-Labore für zu Hause

27.10.2014  13:25 Uhr

Von Michael van den Heuvel / Egal, ob Medikamenten­unverträglichkeit, Eisenspiegel oder Menopause: Öffentliche Apotheken bieten mittlerweile zahlreiche Selbsttests an. Bei der Abgabe sollten PTA oder Apotheker ihre Kunden gut beraten, da es Laien oft schwer fällt, die Ergebnisse richtig zu interpretieren.

Seit einigen Jahren gehört es zum Angebot vieler Apotheken, verschiedene Parameter im Blut zu bestimmen. Da sie meist auf keinen Termin warten müssen, nehmen etliche Patienten diese niedrig schwellige Dienstleistung gerne an. Seit Kurzem vermarkten Pharmafirmen verschiedene apothekenexklusive Selbsttests, die Patienten zu Hause durchführen können.

Dazu gehört ein Menopausetest, mit dem Frauen die FSH-Konzentration im Urin bestimmen können, denn mit dem Beginn der Wechseljahre steigt dieses Hormon im Blut an. Der Eisentest gibt Auskunft über eine zu niedrige Eisenkonzentration im Blut. Um abzuklären, ob Helicobacter-pylori-Bakterien die Magenprobleme verursachen, kann der Betroffene mit dem Test Antikörper gegen die Bakterien bestimmen. Der sogenannte FOB-Test zeigt nicht sichtbare Darmblutungen an. Außerdem können PTA oder Apotheker interessierten Kunden einen Test zur Überprüfung einer Glutenunverträglichkeit anbieten. Für die Durchführung der Tests sind lediglich einige Tropfen Blut, Urin oder eine Stuhlprobe nötig. PTA oder Apotheker sollten den Patienten bei der Abgabe eines solchen Tests unbedingt folgenden Hinweis mit auf den Weg geben: »Beim geringsten Zweifel an dem Testergebnis müssen Sie immer ihren Arzt aufsuchen.«

Eigentlich ist diese Entwicklung nicht neu, denkt man an Schwangerschaftstests oder Teststreifen zur Bestimmung der Blutglucose. Den jetzt erhältlichen Sets liegen zwei unterschiedliche Prinzipien zugrunde. Manche Verfahren setzen auf der Ebene des Stoffwechsels an. Mit dieser Methode lässt sich beispielsweise eine Gluten­unverträglichkeit, ein Eisenmangel oder eine Infektion mit Helicobacter pylori herausfinden. Andere Kits gehen einen Schritt weiter und nehmen das menschliche Erbgut unter die Lupe.

Farbumschlag als Ergebnis

Um Marker auf Ebene des Stoffwechsels nachzuweisen, gibt es unterschiedliche biochemische Herangehensweisen. Beim Test auf fäkales, okkultes Blut (FOB) werden Stuhlproben mit Guajakharz und Wasserstoffperoxid zusammengebracht. Ist Häm aus Blut vorhanden, bildet sich durch Redox-Reak­tionen ein blauer Farbstoff. Dann sollten Patienten ihren Gastroenterologen zur weiteren Abklärung aufsuchen. In den meisten Fällen kommen antikörperbasierte Verfahren zum Einsatz, der sogenannte Enzyme Linked Immunosorbent Assay. Mit ELISA, so die Abkürzung, lassen sich Hormone, Proteine oder Viren bestimmen. Diese werden als Antigene von spezifischen Antikörpern gebunden. Letztere sind – wie der Name sagt – mit einem Enzym verknüpft, sodass der positive Nachweis mit einem Farbumschlag verbunden ist. Fragt der »Selbsttester« bei posi­tivem Ergebnis in der Apotheke nach, bleibt PTA oder Apotheker noch, den Arztbesuch zu empfehlen.

HIV-Tests basieren ebenfalls auf dem Prinzip von ELISA. Laut § 11 Medizinproduktegesetz dürfen Kits zur HIV-Testung nur an »Ärzte, ambulante und stationäre Einrichtungen im Gesundheitswesen, Großhandel und Apotheken, Gesundheitsbehörden des Bundes, der Länder, der Gemeinden und Gemeindeverbände« abgegeben werden. In den USA verfolgt die Food and Drug Administration (FDA) als oberste Gesundheitsbehörde eine andere Strategie. Die FDA kritisiert, viele Menschen wüssten gerne, ob sie sich infiziert hätten. Deshalb wurde in den USA ein umstrittener Selbsttest zugelassen. Aktuelle Zahlen zeigen, wo das Problem liegt. Pro 5000 Untersuchungen war ein Ergebnis falsch-positiv und jede zwölfte Infektion wurde mit dem Test nicht erkannt.

Auf Spurensuche im Erbgut

Neben Tests, die auf biochemischen Reaktionen basieren, bieten Apotheken seit einiger Zeit DNA-Tests an. Dann erwerben Kunden eine Box, mit der sie ihren Arzt aufsuchen. Neben dem Beratungsgespräch nimmt er eine Blutentnahme vor. Diese Probe schickt er in ein spezialisiertes Labor zur molekularbiologischen Untersuchung. Dabei hilft ein Trick weiter: Die menschliche DNA besteht aus 3,27 x 109 Basenpaaren und 23 000 Genen.

Nach heutigem Wissensstand sind aber nur rund 30 Gene für die meisten Pharmakotherapien relevant. Wissenschaftler fanden heraus, dass bei Stoffwechselanomalien einzelne Basen ausgetauscht wurden. Sie sprechen von Einzelnukleotid-Polymorphismen (Single Nucleotide Polymorphisms, SNPs). Diese Fehler sind dafür verantwortlich, dass manche Enzyme nicht mehr in der biologisch aktiven Form entstehen oder in zu niedriger Konzentration vorliegen. Folglich wird nicht der gesamte DNA-Code bestimmt, sondern die Labors untersuchen nur bekannte Stellen im Erbgut, an denen SNPs häufig auftreten. Die Betroffenen bemerken Polymorphismen so lange nicht, so lange sie keine Medikamente einnehmen.

Bei einer Pharmakotherapie kann es zum Problem kommen. Wird ein Arzneistoffmolekül (Prodrug) erst im Magen-Darm-Trakt zur biologisch aktiven Form umgewandelt, bleibt die Konzentration der Wirksubstanz im Plasma zu niedrig. Sind Enzyme jedoch für den Abbau eines Arzneistoffs verantwortlich, reichert sich dieser im Organismus an. Vergiftungen können die Folge sein.

In manchen Fällen verringern SNPs auch die Zahl der Rezeptoren, an die ein Pharmakon bindet. Über das Erbgut lässt sich also herausfinden, ob Medikamente ausreichend wirken und ob der Arzt deren Dosierung anpassen muss.

DNA-Tests unter der Lupe

Zurück in die Apothekenpraxis: Stada bietet DNA-Tests für den Handverkauf an, um den Einsatz von Clopidogrel, Tamoxifen oder von Statinen zu optimieren. Mit dem Kit lässt sich herausfinden, ob 16 häufig verordnete Substanzen wirken beziehungsweise ob der Arzt deren Dosierung anpassen muss. Auch Antidepressiva werden stark enzymabhängig verstoffwechselt. Dazu gehören die Trizyklika und Tetrazyklika, selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sowie selektive Sero­tonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI). Patienten zahlen für ihre Box und für Laboruntersuchungen rund 200 bis 400 Euro. Hinzu kommen noch individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL-Leistungen) der Arztpraxis.

Als erste gesetzliche Krankenkasse übernimmt die Brandenburgische BKK die Kosten für Statin-Tests im Rahmen einer Erprobungsregelung. PTA und Apotheker sollten Patienten raten, generell bei ihrer jeweiligen Krankenversicherung nachzufragen, ob eine Teil­erstattung möglich ist.

Mit Stratipharm setzt das Biotechnologie-Unternehmen Humatrix auf ein anderes Konzept, das öffentliche Apotheken stärker einbindet. Bei der Abgabe verschreibungspflichtiger Medikamente können PTA oder Apotheker Patienten identifizieren, für die Gentests interessant sein könnten. Entscheidet sich der Patient für die Untersuchung seines Erbguts, erhält er für 195 Euro eine Starterbox. Beim Arzt erfolgt die Blutentnahme und die Ana­lyse von 100 pharmakogenetisch relevanten Variationen in über 30 Genen. Mithilfe einer Datenbank lassen sich dann in der Apotheke mögliche Risiken erkennen. Detailanalysen des Datensatzes schlagen mit weiteren 70 Euro pro Arzneistoff zu Buche. 50 Euro gehen an die Firma und 20 Euro an die Apotheke.

Stratifizierte Therapie

»Wenn es um die korrekte Diagnose von Krankheiten geht, können Selbsttests die ärztliche Untersuchung und Beratung nicht ersetzen«, warnt der Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holsteins, Dr. Franz-Joseph Bartmann. Experten aus den USA befürchten, Pa­tienten könnten beispielsweise nach einem positiven HIV-Selbsttest schwerwiegende Entscheidungen treffen, ohne einen Arzt zu kontaktieren.

Bei der Vorstellung des Innovationsreports 2014 der Techniker Krankenkasse (TK) forderte Professor Dr. Gerd Glaeske von der Universität Bremen weitere Studien. Glaeske bezweifelt, dass sich der erste positive Eindruck langfristig halte. Zugleich weist der Wissenschaftler darauf hin, nicht nur an das Erbgut zu denken. Vielmehr sei, so Glaeske, das Zusammenspiel von Arzneistoffen, Genen und Umwelteinflüssen nicht hinreichend untersucht. Geht es nach Pharmazeuten, soll sich das bald ändern. Delegierte der Apothekerkammer Brandenburg planen eine Machbarkeitsstudie zur strati­fizierten Pharmakotherapie in öffent­lichen Apotheken. /

Pharmakotherapien: Maßgeschneidert oder von der Stange

Standard-Pharmakotherapie: Über Jahrzehnte hinweg erhielten alle Pa­tienten mit einer bestimmten Krankheit den gleichen Arzneistoff. Nicht immer führt dies zum gewünschten Erfolg, vergleichbar mit Kleidungs­stücken, die es nur in einer Größe gibt.

Stratifizierte Pharmakotherapie: Mit DNA-Tests werden geeignete Pharmaka in der optimalen Dosierung ausgewählt. Die Präparate selbst sind für Patientengruppen mit speziellen Merkmalen zugelassen. Es handelt sich nicht um »Maßkleidung«, aber zumindest um »Kleidergrößen«, aus denen Ärzte auswählen können.

Individualisierte/ personalisierte Pharmakotherapie: Hierbei verfolgen Forscher das Ziel, für einen bestimmten Patienten das geeignete Präparat zu finden. In manchen Fällen ist dies tatsächlich gelungen. Impfstoffe gegen bestimmte Krebserkrankungen werden als »Maßanfertigung« aus den Tumorzellen des Patienten gewonnen, befinden sich aber noch im experimentellen Stadium.