PTA-Forum online
Alkoholkrankheit

Tiefe Wunden

27.10.2014
Datenschutz

Von Christiane Berg / Gefährlicher als Heroin und Crack: Immer wieder weisen führende Forscher auf die große Zerstörungskraft von Alkohol hin. Das Gift kann Existenzen vernichten und ganze Familien zerstören.

Bei fehlender Unterstützung von außen sind Partner oder Kinder von Alkoholabhängigen häufig völlig hilflos und überfordert. Die meisten versuchen zunächst, die Alkoholsucht des nahestehenden Menschen zu bagatellisieren, zu verdrängen und zu vertuschen. Dieses Bemühen reißt sie schließlich oft selbst mit in den Abgrund. »Von der Suchterkrankung eines Menschen sind stets auch seine Angehörigen sowie sein gesamtes soziales Umfeld betroffen«, unterstreicht Dr. Silke Kuhn vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung des Universitätskrankenhauses Eppendorf (UKE) in Hamburg.

Kaum eine wissenschaftliche Studie beschäftige sich mit der Situation der in Deutschland lebenden circa acht Millionen Angehörigen alkoholabhängiger Menschen, so Kuhn. Der Statusbericht 2011 der Weltgesundheitsorganisation WHO widme diesem Thema lediglich eine Seite. Die WHO gehe aber davon aus, dass die nahen Verwandten hohen Belastungen ausgesetzt sind; insbesondere sei die Gefahr größer, Opfer häuslicher Gewalt zu werden.

Unterschiedliche Motive

Als alkoholabhängig gelten in Deutschland gemäß »Drogen- und Suchtbericht 2014« circa 1,8 Millionen Menschen im Alter von 18 bis 64 Jahren. Ob Konflikt-, Gelegenheits- oder Gewohnheitstrinker: An den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums (Frauen > 12 g, Männer > 24 g reiner Alkohol pro Tag) sterben in der Bundesrepublik circa 74 000 Menschen pro Jahr.

Zwar sei bei den 12- bis 17-jährigen in den letzten Jahren ein Rückgang des regelmäßigen Alkoholkonsums zu beobachten, doch immer noch sei unter Kindern und Jugendlichen das Phänomen des »Binge-Drinking«, also des Konsums großer Alkoholmengen in kurzer Zeit, weit verbreitet, betont Kuhn. »Trinken, bis der Arzt kommt«, heißt ein nach wie vor in dieser Altersgruppe etablierter Partysport.

So ist im Zeitraum von 2000 bis 2008 die Zahl der Kinder und Jugend­lichen, die aufgrund einer akuten Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt werden mussten, um 180 Prozent gestiegen. Im Jahr 2012 wurden gemäß Angaben des Statistischen Bundes­amtes 26 673 Jungen und Mädchen im Alter von 10 bis 19 Jahren wegen akuten Alkoholmissbrauchs stationär behandelt. Das bedeutet im Vergleich zum Jahr 2011 eine nur leichte Steigerung um 1,2 Prozent.

Als eine Ursache des Rauschtrinkens beschreiben manche Experten das zunehmende Bedürfnis junger Menschen nach Spaß und nach »Ausklinken« aus einem Alltag, den sie als immer schwieriger empfinden. »Jugendliche trinken, um locker und gut drauf zu sein, aber auch um (Gruppen)Druck, Frust und Stress zu bewältigen«, bestätigt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) 2010 in ihrem Bericht »Alkohol und Jugendliche«.

Einstiegsdroge mit Folgen

Zur Erklärung des derzeitigen Alkoholmissbrauchs von Kindern und Jugendlichen reichten jedoch herkömmliche Trinkmotive nicht länger aus. Ein Hauptgrund für den dramatischen Anstieg des Alkoholkonsums junger Menschen im Zeitraum von 2000 bis 2008 sei die Skrupellosigkeit der Industrie, so die Experten der DHS. Diese hat Ende der 1990er-Jahre Alcopops quasi als »Einstiegsdroge für Kids« kreiert und auf den Markt gebracht.

Zwar sei 2004 das Alcopopsteuergesetz (AlcopopStG) eingeführt worden, um den Konsum von Alcopops zu verringern. Auf den Einbruch dieses Marktsegmentes hat die Alkoholindustrie jedoch direkt reagiert. Sie hat neue, spezifisch jugendorientiert beworbene Bier- und Weinmischgetränke auf den Markt gebracht und somit dem Rauschtrinken weiter Vorschub geleistet.

Mittlerweile sind Alcopops out. Deren Markteinführung hat allerdings die »Alcopopgeneration« der heute 22- bis 28-jährigen geprägt. Bei ihnen sind Spirituosen auch heute noch beliebter als in anderen Altersgruppen. Ein Blick auf die beeindruckende Zunahme des Al­koholkonsums von 2000 bis 2008 um 180 Prozent macht selbst für Laien deutlich: Alcopops haben den Pfad zu den Trinkgewohnheiten der heutigen »Generation Wodka« geebnet.

Selbstgemixt oder pur, Wodka, Rum oder Tequila: Die Trinkgewohnheiten sind noch extremer, die Getränke noch hochprozentiger geworden, so Fachleute. Gleich geblieben ist die unter Jugendlichen damals wie heute geltende Prämisse »Hauptsache billig«. Daher plädiert die DHS weiterhin eindringlich nicht nur für ein Verbot jugendorientierter Werbung, sondern auch für eine weitere Erhöhung der Steuern und Preise.

Studien bestätigen den direkten Zusammenhang zwischen der Erschwinglichkeit eines Getränks und dem Konsumniveau, insbesondere bei Jugendlichen. »Alkohol muss deutlich teurer werden«, so die DHS. Nur hohe Preise könnten den Alkoholkonsum und somit auch das Rauschtrinken verringern.

Mehr Männer als Frauen

In Deutschland sind circa 100 000 Kinder alkoholabhängig beziehungsweise in Gefahr, dem Suchtmittel zu verfallen. Als besonders gefährdet gelten Kinder und Jugendliche, die vernachlässigt und verwahrlost aufwachsen oder sogar Opfer (sexuellen) Missbrauchs und Gewalt sind.

Erwartungsgemäß ist die Zahl der männlichen Jugendlichen unter den regelmäßigen Trinkern größer als die der weiblichen. Auch trinken männliche Jugendliche durchschnittlich mehr. Während bei den Jungen jedoch mehr Haupt- und Realschüler regelmäßig zur Flasche greifen als Schüler von Gymnasien, ist dieses Verhältnis bei Mädchen umgekehrt. Bekannt ist zudem, dass Jungen mit niedrigem Sozialstatus häufiger Alkohol konsumieren als die aus Familien mit höherer sozialer Anerkennung, während Mädchen mit niedrigem Sozialstatus weniger trinken als die mit hohem sozialem Rang.

Daher fordert die DHS unter anderem, die tieferen Ursachen dieser geschlechtsspezifischen Unterschiede zu analysieren und dafür Lösungen zu erarbeiten. Diese Forderung teilen die Experten der DHS mit führenden Gender-Medizinern. Auch diese halten die geschlechtsspe­zifische Prävention und Therapie von Männern und Frauen im Kampf gegen die Alkoholkrankheit für unumgänglich.

Die Alkoholkrankheit ist multifak­toriell bedingt. Neben gesellschaftlichen und genetischen Konstellationen spielen stets auch individuelle, bio­graphische und sozialisationsbedingte Faktoren eine wichtige Rolle. So sei es beispielsweise »typisch männlich«, körperliche und seelische Strapazen im Berufs- und Privatleben zu ignorieren und mit Alkohol zu »bewältigen«. Während viele Menschen das »soziale Trinken« von Männern öffentlich anerkennen, sei übermäßiger Alkoholkonsum von Frauen sehr viel stärker tabuisiert. Deshalb tränken alkoholabhängige Frauen häufig heimlich.

Als Gründe für den übermäßigen Alkoholkonsum von Frauen nennen Experten Depressionen und Ängste, beispielsweise als Folge posttraumatischer Belastungsstörungen, die sie aufgrund physischer und psychischer Gewalterfahrung während ihrer Kindheit und Jugend entwickeln. Doch kann auch eine aufreibende Lebenssituation infolge der Mehrfachbelastung durch Berufstätigkeit, Kindererziehung, Haushaltsführung und Pflege der (Schwieger)Eltern in Alkoholabhängigkeit enden.

Mit anderen Worten: Alkohol wird von Männer und Frauen aus unterschiedlichen Gründen genutzt, um Stress und Spannungen abzubauen. Um die Prävention zu optimieren, müssen Konzepte entwickelt werden, bei der die unterschiedlichen (Beweg)Gründe von Frauen und Männern beziehungsweise Jugendlichen und Erwachsenen altersgerecht berücksichtigt werden, so die DHS.

Akut- und Entzugstherapie

Die Deutschen zählen im Trinken zur Weltspitze. Gemäß Zahlen der WHO gilt Deutschland als »Alkohol-Problem-Nation«. Ob jung, ob alt, ob Mann ob Frau: Bei einer akuten Alkoholvergiftung wird die Einweisung in eine Klinik meist unumgänglich. Die Therapie erfolgt primär symptomatisch: Atmung, Puls, Bewusstsein, Blutdruck- und Blutzuckerwerte sowie die mit Alkohol­vergiftungen einhergehende Unterkühlung (Hypothermie) werden kontrolliert und überwacht. Starke psychomotorische Erregungszustände behandeln Intensivmediziner mit dem Neuroleptikum Haloperidol.

Oft schließt sich direkt an die akute Notfallsituation die Entzugstherapie an, die zumeist zwei bis drei Wochen dauert. Wie viel Zeit im Einzelfall nötig ist, richtet sich nicht nur nach der Stärke des Abhängigkeitssyndroms. Die Ärzte müssen dabei auch Begleiterkrankungen, zum Beispiel der Leber, des Magen-Darm-Traktes, des Herzens oder sogar Tumorerkrankungen, berücksichtigen.

Ist der Betroffene in der Lage aktiv mitzuarbeiten und kein schwerer, lebensbedrohlicher Entzug mit Krampfanfällen und Delirien zu erwarten, kann der Entzug auch ambulant beziehungsweise teilstationär erfolgen. Gemäß der Leitlinie »Akutbehandlung alkoholbezogener Störungen« ist lediglich bei schweren Erscheinungsformen eine Arzneimitteltherapie zur Entzugsbehandlung angezeigt. Mittel der Wahl bei stationärer Behandlung ist Clomethiazol. Zudem setzen Ärzte auch hier Haloperidol sowie Carbamazepin, Clonidin und – obwohl für die Indikation in Deutschland nicht zugelassen – Benzodiazepine ein.

Die Alkoholkrankheit verläuft von Mensch zu Mensch anders. Typischerweise gelingt es Alkoholkranken meist über Jahre, ihre fatale Situation zu ignorieren oder zu verleugnen. »Unmerklich rutschen sie tief und tiefer in die Abhängigkeit, zumal auch nur ein kleiner Teil der Alkoholkranken durch das Suchthilfesystem erreicht wird«, berichtet Kuhn.

Ein langer, harter Weg

Kuhn betont, dass nur etwa 10 Prozent der Menschen mit behandlungsbedürftiger Alkoholabhängigkeit die erforderliche suchtspezifische Therapie erhalten. Warum das so ist, versucht derzeit das Zentrum für Interdiszipli­näre Suchtforschung am UKE in einem Forschungsprojekt herauszufinden. Ein Endziel des Projektes ist es, ärztliche Maßnahmen zur Früherkennung, Kurzintervention und Behandlung zu stärken. Diese professionelle Unterstützung betrachten Suchtexperten als unumgänglich, damit mehr Betroffene den Weg zurück in ein normales Leben finden.

Dieser Weg ist hart. Laut Untersuchungen geht die Risikorate eines Rückfalls trotz psycho- und pharmakotherapeutischer Gesamtkonzepte selbst nach jahrelanger Abstinenz nicht zurück, auch dann nicht, wenn die Betroffenen Acamprosat, Naltrexon oder Baclofen erhielten. Große Hoffnungen setzen Experten nunmehr in den in Deutschland neu zugelassenen Wirkstoff Nalmefen (siehe auch Nalmefen: Weniger ist mehr).

Mit Nalmefen wird nicht – wie es bislang striktes Therapieziel war – Abstinenz, sondern die Reduk­tion des Alkoholkonsums angestrebt. Laut Ergebnissen dreier randomisierter, doppelblinder, placebokontrollierter Studien mit insgesamt fast 2000 Patienten minderten die Studienteilnehmer ihren Alkoholkonsum unter Nalmefen innerhalb von sechs Monaten um durchschnittlich 60 Prozent. Das entspricht etwa einer Flasche Wein täglich.

Besonderes Augenmerk

Auch Nalmefen dürfen Ärzte nur im Rahmen eines Gesamttherapiekonzeptes verordnen, zu der die psychosoziale Begleitung gehört. Nur psycho- und verhaltenstherapeutische Maßnahmen können helfen, die der Alkoholsucht zugrundeliegenden Muster zu identifizieren und zu überschreiben, betont die Leitlinie.

Als bedeutend für den Heilungsprozess hebt die Leitlinie zudem den Besuch von Selbsthilfegruppen hervor. Dazu gehören die Anonymen Alkoholiker, die Guttempler, das Blaue Kreuz e.V., der Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe e.V. und der Kreuzbund e.V. (siehe Kasten). Nachweislich nähmen abstinente Patienten häufiger als rückfällige Patienten an Selbsthilfegruppen teil.

Die Selbsthilfeverbände bieten Hilfe auch für Angehörige. »Bei einigen von uns sind tiefe Wunden entstanden, die auch dann bleiben, wenn der uns nahestehende Mensch nicht mehr trinkt, nicht mehr mit uns zusammenlebt oder gar gestorben ist«, berichten Verwandte und Freunde, die sich zu den »Alcoholics Anonymous (Al-Anon)«- Familiengruppen zusammengeschlossen haben. »Wir glauben, dass Alkoholismus nicht nur den Alkoholiker, sondern die ganze Familie zerstört. Durch Teilen unserer Erfahrungen wollen wir unsere gemeinsamen Probleme lösen.«

Neben den Familiengruppen bieten die großen Selbsthilfeverbände auch spezielle Selbsthilfegruppen für Kinder aus alkoholkranken Familien an. Diese sind »im Familiensystem die schwächsten Mitglieder« und brauchen besondere Aufmerksamkeit, betonen die »Freundeskreise Sucht«.

Die besondere Situation in der Familie führe dazu, dass betroffene Kinder oft an Schuldgefühlen leiden. Viele von ihnen übernähmen viel zu früh viel zu viel Verantwortung. Trotz negativer Erlebnisse lieben sie ihre Eltern und versuchen, diese vor Angriffen von außen zu schützen. Die Kinder bemühen sich mit allen Kräften, das Suchtproblem zu lösen, ohne zu wissen, dass ihr Einsatz scheitern muss, sagen die Experten.

Die Arbeit der Kinder-Gruppen wird intensiv von der NACOA Deutschland–Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien e.V. unterstützt. NACOA hat es sich zur Aufgabe gemacht, die öffentliche Aufmerksamkeit für Kinder aus suchtbelasteten Familien zu erhöhen. Diese Kinder seien eine besondere »Hochrisikogruppe«. Häufig verinnerlichen die Kinder Gebote und entwickeln Überlebensstrategien und Rollenmuster. Diese führten zunächst in die Co- und dann in die eigene Abhängigkeit, so die NACOA.

In Deutschland leben schätzungsweise sechs Millionen Erwachsene, die als Kinder in süchtigen Familien aufgewachsen sind. Circa 2,65 Millionen Kinder unter 18 Jahren leben aktuell mit alkoholkranken Eltern zusammen. Obwohl diese Kinder laut wissenschaft­licher Untersuchungen in großer Gefahr schweben, entwickeln einige trotz widriger Umstände ein hohes Maß an Resilienz, sprich: Widerstandsfähigkeit.

Dies wird dann möglich, wenn die Kinder sichere Beziehungen zu anderen erwachsenen Bezugspersonen aufgebaut haben, so die NACOA. Das könnten eine liebevolle Großmutter, ein Onkel, Menschen aus der Nachbarschaft oder Lehrer(innen) sein. Das Wichtigste, was Kinder aus alkoholkranken Familien brauchen, seien »Aufmerksamkeit, ein offenes Ohr, ein offenes Herz und Liebe«. /

Abstinenz- und Selbsthilfeverbände

Anonyme Alkoholiker, 84177 Gottfrieding-Unterweilnbach, www.anonyme-alkoholiker.de

Blaues Kreuz in Deutschland e. V., 42289 Wuppertal, www.blaues-kreuz.de

Blaues Kreuz in der Evangelischen Kirche Bundesverband e. V., 44149 Dortmund, www.blaues-kreuz.org

Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe – Bundesverband e. V., 34117 Kassel, www.freundeskreise-sucht.de

Guttempler in Deutschland, 20097 Hamburg, www.guttempler.de

Kreuzbund e. V. – Bundesgeschäftsstelle, 59065 Hamm, www.kreuzbund.de