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Markteinführungen

Vier neue Wirkstoffe im Handel

27.10.2014
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Von Sven Siebenand / In den vergangenen Wochen haben Pharmafirmen vier neue Wirkstoffe auf den deutschen Markt eingeführt: einen Arzneistoff gegen Hepatitis C, ein Mittel für Typ-2-Diabetiker, ein Antibiotikum und ein Krebsmedikament.

Mit Daclatasvir (Daklinza® 30 mg und 60 mg Filmtabletten, Bristol-Myers-Squibb) steht seit Mitte September ein weiterer Wirkstoff zur Hepatitis-C-Therapie zur Verfügung. Ärzte dürfen das Präparat nur in Kombination mit anderen Arzneimitteln zur Therapie Erwachsener mit chronischer Hepatitis C verordnen. Die Monotherapie ist ihnen untersagt.

Daclatasvir blockiert zwei Schritte der Virusvermehrung, indem es das virale Protein NS5A hemmt. Dieses Protein brauchen Hepatitis-C-Viren sowohl für die RNA-Replikation als auch für den Zusammenbau neuer Partikel.

Wie lange der Arzt die Hepatitis-C-Virusinfektion therapiert und welche Arzneimittel er kombiniert, richtet sich nach dem Genotyp der Viren und nach dem Zustand der Leber des Patienten.

In der Regel schlucken die Patienten einmal täglich eine Filmtablette mit 60 mg Daclatasvir mit oder unabhängig von den Mahlzeiten. Nimmt der Patient einen starken CYP3A4-Inhibitor ein, wird empfohlen, die Dosis auf 30 mg pro Tag zu verringern. Bei gleichzeitiger Einnahme eines moderaten CYP3A4-Induktors sollte der Arzt dagegen die Dosis auf 90 mg erhöhen.

Kontraindiziert ist die Kombination von Daclatasvir mit Arzneimitteln, die das Enzymsystem CYP3A4 und den P-Glycoprotein-Transporter (P-gp) stark aktivieren, zum Beispiel Phenytoin, Carbamazepin, Oxcarbazepin, Phenobarbital, Rifampicin, Rifabutin, Rifapentin, systemisch angewendetes Dexamethason und Johanniskraut. Dies kann den Blutspiegel und somit die Wirksamkeit des Hepatitis-C-Wirkstoffs vermindern.

Häufig wird empfohlen, den neuen Wirkstoff nicht mit Interferon zu kombinieren, sondern mit dem Hepatitis-C-Wirkstoff Sofosbuvir. Die Kombination mit Sofosbuvir führte in Studien am häufigsten zu Ermüdung, Kopfschmerz und Übelkeit. Bei der Kombination mit Interferon und Ribavirin ist die Liste unerwünschter Wirkungen länger: Neben Ermüdung, Kopfschmerz und Übelkeit traten Juckreiz, Ausschlag, trockene Haut, Schlaflosigkeit, grippeähnliche Symptome wie Fieber, Husten, Kurz­atmigkeit und Schwäche, Reizbarkeit, Muskel- und Gelenkschmerzen, verminderter Appetit, Alopezie, Anämie, Neutropenie und Diarrhö auf.

In Tierstudien wirkte Daclatasvir embryotoxisch und teratogen. Daher sollten Mediziner Daclatasvir keinen Schwangeren oder Frauen im gebär­fähigen Alter, die nicht zuverlässig verhüten, verordnen. Laut Fachinforma­tion sollten Frauen auch noch fünf Wochen nach der Daclatasvir-Therapie eine Schwangerschaft sicher verhüten. Daten aus Tierversuchen zeigen ferner, dass der neue Wirkstoff und seine Metabolite in die Muttermilch übergehen. Da somit ein Risiko für das Kind nicht ausgeschlossen werden kann, sollten Stillende das Stillen unterbrechen, wenn sie Daclatasavir einnehmen.

Ob Daclatasvir bei HIV- oder bei mit Hepatitis-B- und -C-Infizierten sowie bei Hepatitis-C-Infizierten mit dekompensierter Lebererkrankung sicher wirkt, ist nicht nachgewiesen. Gleiches gilt für Patienten unmittelbar vor oder nach einer Organtransplantation.

Neue Therapieoption bei Typ-2-Diabetes

Direkt nach jeder Mahlzeit schüttet der Darm das Inkretinhormon GLP-1 (GLP = Glucagon-like Peptid) aus. Dieses regt die Betazellen der Bauchspeicheldrüse an. Sie schütten Insulin aus, sodass der Blutzucker sinkt. Des Weiteren senkt GLP-1 den Glucagonspiegel und drosselt Magenentleerung und Appetit. Als Arzneimittel eignet sich das Hormon nicht, weil es sehr schnell durch das Enzym Dipeptidylpeptidase-4 (DPP-4) abgebaut wird. Durch leichte Abänderung der Struktur wirken die sogenannten Inkretin-Mimetika wie Exenatid, Liraglutid, Lixisenatid deutlich länger.

Seit Oktober ergänzt ein vierter Wirkstoff diese Klasse: Albiglutid (Eperzan® 30 und 50 mg Pulver und Lösungsmittel zur Herstellung einer Injektionslösung, GSK). Er besteht aus einem DPP-4-resistenten GLP-1-Dimer, das an rekombinantes humanes Albumin gekoppelt ist. Die Halbwertszeit dieser neuen Substanz beträgt mehrere Tage.

Indiziert ist das neue Inkretin- Mimetikum bei erwachsenen Typ-2- Diabetikern. Ärzte können Albiglutid als Monotherapeutikum denjenigen Patienten verordnen, bei denen der Blutzucker mit Diät und Bewegung allein nicht ausreichend kontrolliert werden kann und die Gabe von Metformin ungeeignet ist. Das Präparat kann auch mit anderen blutzuckersenkenden Arzneimitteln, einschließlich Basalinsulin, kombiniert werden, wenn diese zusammen mit Diät und Bewegung den Blutzucker nicht ausreichend senken.

Die Patienten müssen nur einmal wöchentlich 30 mg Albiglutid subkutan injizieren, unabhängig von einer Mahlzeit und zu jeder beliebigen Tageszeit. Eine Erhöhung auf 50 mg ist möglich. Als Injektionsorte kommen Bauch, Oberschenkel oder Oberarm infrage.

Muss der Patient auch ein Insulin spritzen, so sollten die beiden Injektionsstellen nicht direkt nebeneinander liegen. Um das Risiko einer Unterzuckerung zu senken, muss der Arzt mög­licherweise die Dosierung des Insulins oder des Sulfonylharnstoffes senken. Die Metformin-Dosierung muss er laut Fachinformation nicht ändern.

In Studien mit Albiglutid traten wie bei anderen GLP-1-Rezeptoragonisten als Nebenwirkungen Durchfall und Übelkeit auf, ebenfalls sehr häufig waren Reaktionen an der Injektionsstelle wie Hautausschlag, Rötung und Juckreiz. In der Fachinformation informiert der Hersteller ferner darüber, dass die Anwendung von GLP-1-Rezeptoragonisten das Risiko einer Pankreatitis erhöht. Eine akute Entzündung der Bauchspeicheldrüse sei in klinischen Studien beobachtet worden. Daher sollten die Patienten das charakteristische Symptom dieser Erkrankung kennen: anhaltende starke Bauchschmerzen. Bei Verdacht auf eine Pankreatitis muss der Arzt das Albiglutid absetzen. Bei Patienten mit einer Pankreatitis in der Vorgeschichte ist Vorsicht geboten.

Ist die Nierenfunktion eines Patienten leicht oder mittelschwer ein­geschränkt, ist keine Dosisanpassung erforderlich. Dagegen sollte der Arzt Patienten mit schwerer Nierenfunk­tionsstörung den neuen Wirkstoff nicht verordnen. In der Fachinformation wird darauf hingewiesen, dass Albiglutid nicht für Typ-1-Diabetiker zugelassen ist. Schwangere und Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht zuverlässig verhüten, sollten den Wirkstoff ebenfalls nicht anwenden. Bei Stillenden muss entschieden werden, ob Albiglutid vorübergehend abgesetzt oder das Stillen unterbrochen wird.

Da Albiglutid die Magenentleerung verzögert, beeinflusst es damit potenziell die Resorption anderer Wirkstoffe. Daher ist Vorsicht geboten bei Patienten, die gleichzeitig Arzneimittel mit enger therapeutischer Breite einnehmen oder solche, die eine sorgfältige klinische Überwachung erfordern.

Neues Antibiotikum

Seit Oktober ist mit Ceftobiprol (Zevtera® 500 mg Pulver für ein Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Basilea Medical) ein neues Antibiotikum im Handel. Das Cephalosporin wirkt wie andere Vertreter dieser Antiinfektiva-Klasse, indem es Bakterien am Aufbau ihrer Zellwände hindert und diese dann absterben.

Anwendungsgebiet von Ceftobiprol ist die Pneumonie. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich der Patient außerhalb oder innerhalb eines Krankenhauses infiziert hat. Die im Krankenhaus erworbene Lungenentzündung nennen Ärzte auch nosokomiale Pneumonie. Als unwirksam hat sich die neue Substanz jedoch bei Patienten erwiesen, bei denen die Lungenentzündung erst durch eine Beatmung hervorgerufen wurde. Nicht empfohlen wird zudem der Einsatz bei Kindern oder Jugendlichen unter 18 Jahren.

Ceftobiprol erhalten die Patienten im Krankenhaus als zweistündige intra­venöse Infusion. Die empfohlene Dosis beträgt 500 mg alle acht Stunden. Bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion muss der Arzt die Dosis anpassen.

Als häufigste Nebenwirkungen traten Reaktionen an der Infusionsstelle, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Geschmacksstörungen auf, weniger häufig, aber ernst waren zum Beispiel Agitiertheit, epileptische Anfälle und Nierenversagen. Wie bei allen Betalaktam-Antibiotika reagierten manche Patienten extrem überempfindlich auf den Arzneistoff, sodass sie im Extremfall starben. Beim Auftreten erster Symptome muss der Arzt sofort die Behandlung mit dem Antibiotikum abbrechen und eine Notfallbehandlung einleiten. Besondere Vorsichtig ist auch geboten bei Patienten mit Störungen des zentralen Nervensystems beziehungsweise mit Erkrankungen, die mit Krampf­anfällen einhergehen. Dies gilt ebenso bei gleichzeitiger Gabe von Arzneimitteln mit enger therapeutischer Breite.

Schwangere sollten das neue Antibiotikum nicht erhalten, es sei denn, dies ist unbedingt erforderlich. Bei Stillenden sollte der Arzt entscheiden, ob er der Frau rät abzustillen oder auf die Therapie verzichtet.

Neues Krebsmedikament

Zwei langsam wachsende unheilbare Tumorarten des Blutes, die chronisch lympathische Leukämie (CLL) und das follikuläre Lymphom (FL) können zu lebensbedrohlichen, behandlungsbedürftigen Komplikationen wie Anämien, schwere Infektionen und Knochenmarksversagen führen. Das Behandlungsziel bei Patienten mit diesen beiden Krebsarten ist daher immer, ihre Lebensqualität zu verbessern und – möglichst auch – ihr Leben zu verlängern.

Mit Idelalisib (Zydelig® 100/150 mg Filmtabletten, Gilead Sciences) ist im Oktober eine neue Therapieoption für diese Erkrankungen auf den deutschen Markt gekommen. Zur Behandlung der CLL wurde Idelalisib in Kombination mit Rituximab bei erwachsenen Patienten zugelassen, die bereits mindestens eine Therapie erhalten haben. Ärzte können den neuen Wirkstoff bei CLL-Patienten aber auch als Erstbehandlung einsetzen, bei denen aufgrund einer Genmutation eine Chemotherapie nicht infrage kommt. Zur Behandlung des FL wurde Idelalisib als Monotherapie bei erwachsenen Patienten zugelassen, wenn der Krebs nach zwei Therapien zurückkommt.

Idelalisib inhibiert das Protein Phosphoinositid 3-Kinase(PI3K)delta, das bei vielen Patienten mit malignen B-Zell-Erkrankungen überexprimiert ist und eine Schlüsselrolle beim Überleben, der Vermehrung und Ausbreitung dieser Krebszellen spielt.

Die Patienten müssen zweimal täglich 150 mg des neuen Wirkstoffs einnehmen und zwar solange, bis ihre Erkrankung voranschreitet oder die Nebenwirkungen aufgrund der Toxizität zu extrem werden. So muss der Arzt die Behandlung unterbrechen, wenn sich bestimmte Leberwerte erhöhen, schwerer Durchfall oder ein schweres Exanthem auftritt, ebenso bei Verdacht auf eine Pneumonitis.

Nachdem diese Nebenwirkungen zurückgegangen oder abgeklungen sind, kann die Therapie mit zweimal 100 mg Wirkstoff pro Tag wieder aufgenommen werden. Unter Umständen kann der Arzt später auch wieder die Dosierung auf zweimal 150 mg Idealisib pro Tag erhöhen.

Wichtig ist, dass der Arzt regelmäßig die Leberenzym-Werte der Patienten überprüft. Will er Idelalisib auch Patienten mit schweren Leberfunk­tionsstörungen verschreiben, so sollte er dabei besonders vorsichtig vorgehen und die Patienten verstärkt auf Nebenwirkungen überwachen.

PTA und Apotheker sollten wissen, dass das Krebsmedikament nicht mit mittelstarken oder starken Induktoren des Enzyms CYP3A4, zum Beispiel Rifampicin, Phenytoin, Johanniskraut und Carbamazepin, kombiniert werden sollte, weil dies die Plasmakonzentration von Idelalisib verringern und damit seine Wirksamkeit vermindern kann.

Außerdem ist der Hauptmetabolit von Idelalisib ein starker CYP3A4-Inhibitor, was den Blutspiegel anderer Arzneimittel erhöhen kann. In der Fach­information rät der Hersteller daher, Idealisib nicht gleichzeitig mit CY3A4-Substraten, zum Beispiel Alfuzosin, Amiodaron, Cisaprid, Pimozid, Chinidin, Ergotamin, Dihydroergotamin, Quetiapin, Lovastatin, Simvastatin, Sildenafil, Midazolam oder Triazolam, zu kombinieren. Das könnte zu schwerwiegenden und/oder lebensbedrohlichen Nebenwirkungen führen.

Neben Exanthemen, Durchfällen und Erhöhungen der Leberenzym-Werte traten außerdem in Studien sehr häufig Infektionen, Fieber, Neutropenien und erhöhte Triglycerid-Werte auf.

Schwangere und Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht zuverlässig verhüten, sollen den Arzneistoff nicht erhalten. Außerdem sollten Frauen nicht nur während der Einnahme, sondern auch noch bis zu einem Monat nach Ende der Behandlung mit Idelalisib verhindern,schwanger zu werden. Noch ein Rat für Patientinnen: Stillen sollten die Mütter während der Behandlung mit Idelalisib unterbrechen./