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Mittel der Volksmedizin

Wenn der Hals dick wird

27.10.2014
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Von Ernst-Albert Meyer / Menschen mit einem Kropf hatten es schon immer schwer: Meist waren sie dem Hohn und Spott ihrer Umgebung ausgesetzt. Besonders junge Mädchen fanden nur schwer einen Ehemann. Um den Unglücklichen zu helfen, kannte die Volksmedizin eine Vielzahl von Maßnahmen gegen den unschönen Kropf.

Mediziner bezeichnen eine Vergrößerung der Schilddrüse als »Struma«. In deren Folge schwillt der Hals unterhalb des Kehlkopfes an. Laien kennen die Struma fast ausschließlich unter dem Namen »Kropf«. Das alte deutsche Wort »Kropf« bedeutet »Auswuchs am Hals von Mensch und Tier«. Eine Struma kann sowohl mit einer normalen (euthyreoten) als auch mit einer erhöhten (hyperthyreoten) Schilddrüsenfunktion einhergehen. Darüber hinaus können Entzündungen oder Tumore zu einer Struma führen. Die häufigste Ursache aber ist eine unzureichende Iodversorgung durch die Nahrung.

Die Schilddrüse benötigt Iod zur Produktion der Schilddrüsen-Hormone. Kann sie nicht genug synthetisieren, kommt es zur vermehrten Ausschüttung von Thyrotropin und Faktoren, die das Wachstum der Schilddrüse anregen. So versucht der Körper, den Hormonmangel zu kompensieren.

Frauen entwickeln bei Iodmangel bedeutend häufiger einen Kropf als Männer, meist bis zu ihrem 20. Lebensjahr. Je nach Ausmaß behindert er sie beim Schlucken und Atmen.

Alte Schriften

Wahrscheinlich als Erster im europä­ischen Sprachraum beschrieb der Römer Pollio Vitruvius (ca. 70 bis 10 v. Chr.) die Kropfbildung bei den Bewohnern der Alpen in seinem Werk »homo bene figuratus« (»Die Theorie des wohlgeformten Menschen«). Vermutlich erkannte der berühmte Schweizer Arzt Paracelsus (1493–1541) erstmals den Zusammenhang zwischen einem Kropf und dem sogenannten Kretinismus. Als Kretinismus bezeichnen Mediziner Entwicklungsstörungen des Skelett- und Nervensystems sowie typische Hautveränderungen, die durch den Mangel an Schilddrüsenhormonen bedingt sind. Nach Paracelsus beschäftigten sich weitere berühmte Ärzte mit der Kropfbildung und dem Kretinismus. Der französische Chirurg Pierre Joseph Desault (1744–1795) führte vermutlich im Jahr 1791 die erste Schilddrüsenoperation durch.

Tierische Rezepte

Sogenannte Sympathiemittel besitzen seit Jahrtausenden große Bedeutung in der Volksmedizin. Dazu gehörte auch die früher weit verbreitete Ansicht, Tiere und Pflanzen könnten die Krankheiten eines Menschen auf sich nehmen und ihn so heilen. Symbolische Handlungen, Riten und Beschwörungsformeln begleiteten die Behandlung. Wichtig war es, dass der Kranke das Tier oder die Pflanze berührte, um so eine Verbindung herzustellen.

Im Römischen Reich war es üblich, ein in Wein gekochtes Wiesel auf den Kropf zu legen oder ihn mit Wieselblut zu bestreichen. Die Volksmedizin in Rheinland-Pfalz empfahl stattdessen, eine lebende Kröte auf den Kropf zu setzen. In Italien mussten die Kranken so lange ein Säckchen mit einer lebenden Eidechse um den Hals tragen, bis das Tier verfault war.

Die Versuche der Frauen

Vor allem Frauen probierten alle mög­lichen Kropfmittel aus – auch Ekel erregende, um die unschöne Schwellung ihres Halses zu beseitigen. Welches junge Mädchen wollte schon als »kropfetes Mädchen« verspottet werden und ewig auf einen Freier warten. Als spezielles Mittel für Frauen galt damals: Den Kropf mit dem Brei einer mit ihrem Gehäuse zerstampften Schnecken zu bestreichen.

Nach anderen alten Rezepten sollte Taubenkot, ein Regenwurm oder ein zerstampfter Maulwurfkopf gegen den Kropf helfen. Wenn diese und weitere, ebenso ekelige Methoden nicht halfen, sollte die Frau den Mond beschwören. Bei Mondschein, wenn der Mond zunahm, musste das Mädchen seinen Kropf kneten und sprechen: »Was ich schaue, soll wachsen, was ich drücke, soll schwinden!«

Aus heutiger Sicht noch abstoßender ist die Behandlung des Kropfes mit Leichenteilen. So glaubten die Menschen in England, ihren Kropf durch Berührung mit der Hand eines Toten heilen zu können. Die Heilkraft dieser »Toten-Fetische« beruhte auf dem Volksglauben, dass ebenso wie Leichen verwesen, auch die Krankheiten verschwinden müssten, nachdem die magisch heilende Kraft der Leichtenteile auf die betroffenen Körperteile einwirken konnte. Als besonders wirksam galt die Hand eines hingerichteten Verbrechers oder eines Ertrunkenen.

Heilkraft der Könige

Besonders den Königen von England und Frankreich wurde früher die Gabe zugesprochen, durch bloßes Auflegen der Hände auf einen Kropf Heilung zu bewirken. So soll der englische König Edward der Bekenner diese Gabe im Jahr 1062 von Gott als Dank für seine Frömmigkeit erhalten haben. »Le Roy te touche, et Dieu te guerit«, (»der König berührt dich und Gott heilt dich«) hieß es damals in Frankreich. Bei bestimmten Anlässen strömten die Kranken zusammen, damit ihr König seine Hände auf ihren Kropf legte. Dies praktizierten Könige Jahrhunderte lang. Der französische König Karl X. soll noch bei seiner Krönung im Jahr 1825 in Reims auf diese Art Kropfkranke geheilt haben. Im Mittelalter waren besonders die Grafen von Habsburg dafür bekannt, »Kropfige« heilen zu können. Zusätzlich zum einfachen Handauflegen musste der Kropfleidende auch aus den Händen der Grafen trinken.

Erstaunlich lange vor der Entdeckung des Spurenelements Iod und seiner Bedeutung für die Schilddrüse berichteten bereits die Autoren der Antike, dass man damals die Vergrößerung der Schilddrüse mit Algen, Asche aus Meertang (Blasentang – Fucus vesiculosus) und getrocknetem Meerschwamm behandelte.

Die Meeresschwämme erhielten später den Namen »Kropfschwämme«. Diese Schwämme stammten meist aus dem Mittelmeer und wurden vorwiegend als Badeschwämme (Spongia marina) verwendet. Sie bestehen aus einem Eiweißgerüst, Kieselsäure und enthalten 0,5 bis 1,2 Prozent Iod. Diese Kropfschwämme wurden von den Kranken pulverisiert, manchmal noch mit Essig vermengt eingenommen. Viele trugen auch ein Säckchen mit pulverisiertem Kropfschwamm am Hals. Dabei kann das eingeatmete Iod durchaus einen therapeutischen Effekt auslösen. Bereits im 12. Jahrhundert berichtete der italienische Chirurg Roger von Palermo von Ex­trak­ten aus dem Meerschwamm, die zur Kropftherapie eingesetzt wurden. Die Menschen in der Steiermark stellten aus Kropfschwamm, Schokolade, Eiweiß und Zucker Konfekt her. Von diesen »Busserln« nahmen die Kranken täglich drei bis vier Stück ein.

Nachdem 1811 der französische Salpeterhersteller Bernard Courtois Iod aus Seetangrückständen isoliert hatte, wurde aus Algen gewonnenes Iod zielgerichtet zur Kropftherapie verwendet.

Spezielles Kropfbrot

Auch die lindernden Eigenschaften bestimmter Heilquellen erkannten die Menschen recht früh. Für »Kropfkranke« bekannt waren die Haller Iodquellen in Oberösterreich. Ihr Wasser nannte der Volksmund »Kropfwasser«. Dieses Wasser wurde bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zum Backen des sogenannten Kropfbrotes verwendet. /