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Autismus

Schwierige Kommunikation, besondere Begabungen

10.08.2015
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Von Barbara Erbe / Ungefähr jeder hundertste Mensch ist von Autismus betroffen. Das heißt, soziale Fähigkeiten, Kommunikation und Sprache sind beeinträchtigt, das Verhalten stark an Routinen orientiert. Oft entwickeln Betroffene aber auch spezielle Begabungen. Selbst wenn die Störung nicht heilbar ist: Eine frühzeitige Diagnose und Förderung verbessern die Aussichten auf ein selbstständiges Leben.

Autismus gehört zu den Entwicklungsstörungen, erläutert Professor Dr. Ludger Tebartz van Elst, leitender Oberarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik Freiburg. Das heißt, die typischen Symp­tome bilden sich in der frühen Kindheit heraus; Jungen sind aus bisher unbekannten Gründen ungefähr vier Mal häufiger betroffen als Mädchen.

Fachleute unterscheiden im Wesentlichen drei Formen, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Die Symptome des frühkindlichen Autismus (auch: Kanner-Autismus, benannt nach seinem Erst-Beschreiber Leo Kanner), die bereits in den ersten drei Lebensjahren hervortreten, beschreibt der Ratgeber des Autismus-Kompetenzzentrums Unterfranken so: »Einige Kinder sprechen nicht oder entwickeln Sprache nur sehr verzögert, und gleichen dieses Defizit auch nicht durch Gestik oder Mimik aus. Andere reden vor sich hin, ohne dass sie etwas Bestimmtes mitteilen wollen. Sie benutzen und verstehen die soziale Bedeutung von Sprache als Medium zum Austausch nicht.«

Problem mit Nähe

Autisten meiden darüber hinaus den Blickkontakt und oft auch körperliche Nähe. Wenn sie angelächelt werden, lächeln sie eher nicht zurück, und sie können Gefühle von sich und anderen kaum deuten. »Ihr Interesse ist eher auf Objekte als auf Personen bezogen«, erläutert die Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. Regina Taurines vom Universitätsklinikum Würzburg und Vorstandsmitglied des Autismus-Kompetenzzentrums. So beschäftige sich ein betroffenes Kind oft ausschließlich und immer wieder mit einem einzigen Aspekt eines Spielzeugs. »Beispielsweise dreht es immerfort an den Rädern eines Autos oder öffnet und schließt ausschließlich eine bestimmte Klappe.«

Das Asperger-Syndrom unterscheidet sich von anderen autistischen Störungen vor allem dadurch, dass es nur selten mit einer Verzögerung oder einem Rückstand in Sprache oder kognitiver Entwicklung einhergeht. Menschen mit Asperger-Syndrom sind nicht weniger intelligent als andere. Sie besitzen oft in Teilgebieten sogar eine besonders hohe Intelligenz, dann wird dies als »hochfunktionaler Autismus« bezeichnet. Sie entwickeln manchmal intensive Sonderinteressen, im Einzelfall Inselbegabungen, etwa in Bezug auf naturwissenschaftliche oder mathematische Themen wie Fahrpläne oder Computercodes, aber auch auf anderen Gebieten wie Musik. Gleichzeitig sind sie sehr auf Routine in Form von gleich bleibenden (Tages-) Abläufen und Aktivitäten fixiert.

Besondere Verhaltensweisen bei einem Asperger-Autisten können zunächst weniger offensichtlich sein. Auffällig sind Betroffene in ihrer sozialen Interaktion dennoch: Sie treten wenig oder nur in starren Blickkontakt mit anderen und können Gefühle von sich und anderen kaum deuten oder benennen. Kinder und Erwachsene haben Schwierigkeiten, Gespräche zu beginnen, mit Mitmenschen zu interagieren oder Freundschaften zu schließen. Da diese Form des Autismus wegen der wenig deutlichen Symptome spät oder gar nicht diagnostiziert wird, durchlaufen Asperger-Betroffene oft einen langen Leidensweg, berichtet Maria Kaminski, Vorsitzende des Bundesverbandes Autismus Deutschland. »Sie stoßen wegen ihres Verhaltens immer wieder auf Unverständnis und Ablehnung, geraten in Konflikte und laufen Gefahr zu vereinsamen.«

Genetische Ursachen

Der atypische Autismus wiederum ähnelt der frühkindlichen Form, tritt allerdings erst im dritten Lebensjahr oder später auf und umfasst nicht immer alle Symptome aus den beschriebenen Bereichen (Kommunikation und Sprache, Beziehungsgestaltung, Flexibilität von Verhalten). Auch sind die Übergänge zwischen den verschiedenen Formen des Autismus fließend. Deshalb verwenden Mediziner inzwischen zusammenfassend den Begriff Autismus-Spektrum-Störung.

Dabei gehen sie davon aus, dass die Ursachen autistischer Störungen vor allem in Veränderungen im Erbgut liegen, so etwa in einer genetischen Veränderung am X-Chromosom, erläutert Tebartz van Elst. Zwillings- und Geschwisterstudien unterstützen diese Theorie. Auch haben sich in bestimmten Hirnarealen, die für die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten verantwortlich sind, Auffälligkeiten gezeigt. Schließlich weisen Betroffene häufig höhere Werte der Botenstoffe Serotonin und Dopamin auf. »Wie bei anderen persönlichen Merkmalen, beispielsweise der Körpergröße, sind an der Veranlagung oder Ausprägung um die 100 Gene beteiligt«, erklärt van Elst. Als belegt gilt, dass autistische Störungen keine Folge fehlerhafter Erziehung sind, betont Taurines.

Nicht belegt sind dagegen Theorien, etwa von Imfpgegnern, denen zufolge autistische Störungen auf Impfungen oder Impfzusätze zurückzuführen sind. Auch ein Zusammenhang mit einem Mangel bestimmter Vitamine oder Mineralien wie Vitamin B und Magnesium ist nicht nachgewiesen. Die Expertin kann zwar verstehen, dass Eltern betroffener Kinder häufig große Hoffnungen auf jegliche neu auftauchenden Wundermittel setzen. »Aber ich rate dringend, den Rat von Fachleuten zu suchen, bevor man Geld und Hoffnungen auf mögliche neue Behandlungsansätze setzt oder wertvolle Zeit verstreichen lässt, bis nachgewiesenermaßen wirksame Therapien beginnen.« Nahrungsergänzungsmittel beispielsweise seien nur im Einzelfall sinnvoll, wenn ein betroffenes Kind sehr selektiv esse und deshalb insgesamt mangelernährt sei – »ein häufiges Problem«, so Taurines. Dann gehe es aber um die allgemeine Versorgung mit lebenswichtigen Vitaminen in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt, nicht um einen störungsbedingten Mehrbedarf.

Verhaltenstherapie und Erziehung

Auch wenn autismusbedingte Beeinträchtigungen im Kern nicht geheilt werden können: Je früher die Diagnose durch einen Kinder- und Jugend- oder Erwachsenen-Psychiater gestellt wird und Therapien beginnen können, desto besser entwickeln sich die sprachlichen, kommunikativen und adaptiven Fähigkeiten. Den Schlüssel dazu sieht Kamins­ki »in einer Mischung aus Verhaltenstherapie und liebevoll konsequenter Erziehung, bei der das gesamte Umfeld, etwa Kindergarten, Schule, Arbeitsplatz, Bekanntenkreis, informiert und einbezogen wird.« Durch soziales Kompetenztraining etwa lernen Kinder und Jugendliche, Kontakt zu anderen aufzunehmen, soziale Regeln zu beachten, eigene Wünsche und Bedürfnisse passend zu äußern und sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Andere Förderprogramme helfen ihnen dabei, zeitliche Abläufe zu strukturieren oder Aufgaben zu gliedern. Dabei kommen Tagespläne, Symbolkarten und Rituale zum Einsatz. Da es vielen Betroffenen schwerfällt, Sprache zur Verständigung zu verwenden, bringen Sprachentwicklungsprogramme Verständigung mit anderen Menschen als positives Erlebnis nahe und zeigen, wie es möglich ist, in einen zwischenmenschlichen Austausch zu treten.

Schwer verständlich

Ebenso wichtig wie das Training ist aber auch, das Umfeld in Kenntnis zu setzen, ergänzt Tebartz van Elst. »Gerade im Bereich der Sprache müssen wir uns immer wieder klar machen, dass autistische Störungen das sprachpragmatische Verständnis beeinträchtigen.« Ausdrücke wie »ein Brett vor dem Kopf haben« oder »große Ohren machen« nehmen Betroffene beispielsweise wörtlich und verstehen nicht, was ihr Gegenüber meint. So erinnert sich Tebartz van Elst an einen Patienten, den er darum gebeten hatte, sich tagsüber nicht ins Bett zu legen, weil abends eine schlafmedizinische Untersuchung anstand. »Als er doch müde wurde, legte er sich zum Schlafen auf den Boden, um der Anweisung Folge zu leisten.« /

Medikamente bei Begleitstörungen

Viele Autisten entwickeln im Laufe der Zeit psychische Begleitstörungen wie ADHS, Depressionen, Angst-, Schlaf- oder Essstörungen sowie (auto)aggressives Verhalten. Manche treten mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auf, wenn autistische Besonderheiten nicht frühzeitig und angemessen behandelt werden.

Gegen viele Begleitstörungen gibt es – anders als gegen die autistische Störung selbst – Medikamente. So hilft Methylphenidat bei ADHS, atypische Antipsychotika können impulsiv-aggressives Verhalten verbessern und das Hormon Melatonin kann gegen Schlafstörungen wirken, erläutert Jugendpsychiaterin Taurines. »Wichtig ist aber, dass Medikamente immer nur zusätzlich zu psychotherapeutischen und flankierenden Maßnahmen eingesetzt werden.« Eine frühe Diagnose mit anschließender spezifischer Therapie könne der Entwicklung von Begleitstörungen vorbeugen, indem sie Kompetenzen aufbaut, Stress reduziert und so den Menschen selbstbewusster macht.