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Sport mit Diabetes

Überlegt starten

10.08.2015  10:52 Uhr

Von Isabel Weinert / Einem Diabetiker tut es gut, wenn er sich regelmäßig bewegt. Schaut man etwas genauer hin, gibt es beim Thema Sport mit Diabetes jedoch einiges zu berücksichtigen, damit die Bewegung auch wirklich gesundheitlichen Nutzen bringt. Professor Dr. Hans-Georg Predel, Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln, sprach mit PTA-Forum über die Einzelheiten.

PTA-Forum: Was müssen Typ-1- Diabetiker beachten, wenn sie sportlich aktiv sein wollen?

Predel: Bei Typ-1-Diabetikern haben wir es oft mit jüngeren Menschen zu tun, die vielfach gerne intensiver und ambitionierter Sport treiben möchten als ältere Menschen. In diesen Fällen reichen allgemeine Ratschläge nicht aus, und es ist sehr schwierig, ein hohes Leistungsniveau auf eigene Faust zu erreichen. Vielmehr braucht man in diesen Fällen eine professionelle Begleitung der Stoffwechselführung vonseiten eines Diabetologen und eventuell auch Hilfe von Bewegungsexperten. Dann lässt sich Sport aber auch auf hohem Niveau treiben.

PTA-Forum: Was unterscheidet Typ-2-Diabetiker davon?

Predel: Zunächst einmal liegt bei Typ-2-Diabetikern oft schon bei Dia­gnosestellung ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko vor. Sie leiden meist auch unter hohem Blutdruck, Fettstoffwechselstörungen, Übergewicht und Insulinresistenz. Darüber hinaus mangelt es ihnen in aller Regel an funktionsfähiger Muskulatur.

PTA-Forum: Wie sollte dann das optimale Training aussehen?

Predel: Grundsätzlich nutzt Typ-2-Diabetikern eine Kombination aus moderatem Ausdauersport – bei Übergewicht Gehen, Walking oder Radfahren – mit einem Kräftigungstraining wichtiger Muskelgruppen. Das ist die Erkenntnis der letzten Jahre, dass nur Ausdauer nicht ausreicht.

PTA-Forum: Wie kommt ein Typ-2­Diabetiker an solch ein gezieltes Kombinationstraining?

Predel: Mittlerweile haben sich viele Physiotherapeuten sowie gesundheitsorientierte Fitnessstudios auch auf das Training mit Typ-2-Diabetikern spezialisiert. Dort wird ein sehr dosiertes, die Muskeln aufbauendes Trainingsprogramm angeboten. Die Krankenkassen beteiligen sich mittlerweile häufig an den Kosten. Wer in seiner Nähe kein Studio findet, das auch für das Training mit Diabetikern zertifiziert ist, sollte sich keinesfalls selbst ein Krafttraining maßschneidern. Da kann man zu viel falsch machen. Zunächst ist es dann besser, sich mit einem leichten Ausdauertraining zu behelfen.

PTA-Forum: Was eignet sich dafür, ohne großen Aufwand und für jedermanns Alltag kompatibel?

Predel: Jeder kann direkt damit anfangen, seine tägliche Schrittzahl auf 5000 bis 7000 Schritte zu steigern. Das ist eine flankierende Basismaßnahme, mit der man praktisch nichts verkehrt machen kann. Dafür lohnt sich, in einen Schrittzähler zu investieren, den es heute schon sehr günstig zu kaufen gibt.

PTA-Forum: Was gehört in eine Sporttauglichkeits­untersuchung für Diabetiker auf jeden Fall?

Predel: In jedem Fall ein Belastungs-EKG sowie eine orientierende orthopädische Untersuchung. Die kann auch der Hausarzt durchführen, wenn er über entsprechende Erfahrung verfügt. Selbstverständlich gehört auch abgeklärt, ob sich ein diabetisches Fußsyndrom anbahnt. Dann muss der Aspekt Bewegung noch einmal genau beleuchtet werden.

PTA-Forum: Nun weiß man seit Kurzem, dass sich der Blutzucker nicht bei jedem Typ-2-Diabetiker unter Bewegung bessert. Was hat es mit dieser Erkenntnis auf sich?

Predel: Das hängt davon ab, in welcher körperlichen Situation sich der Diabetiker befindet. Hat er noch funktionsfähige muskuläre Anteile? Ist die Muskulatur so weit abgebaut, dass sie erst einmal langsam wieder aufgebaut werden muss? Setzt das Training individuell zu stark an, dann erreicht man gerade in Bezug auf die Insulinsensitivität nicht die gewünschten Effekte. Ein Hinweis darauf sind höhere Blutzuckerwerte nach dem Training. Dann nimmt die Insulinempfindlichkeit der Zellen durch das Training nicht wie gewünscht zu, sondern man gehört zu den Diabetikern, bei denen sie sich durch Sport verschlechtert. Hier braucht es einen Trainingsplan in Zusammenarbeit mit einem Fachmann.

Gemeinsam läuft es besser

Zusammen mit der Sporthochschule Köln hat der Typ-1-Diabetiker Michael Rosenbaum das »Diabetes Programm Deutschland« entwickelt. Seit fünf Jahren starten Diabetiker und seit vergangenem Jahr auch Menschen mit Prädiabetes jeweils zu Jahresbeginn mit einem ein- bis zweiwöchentlichen Training über zehneinhalb Monate, das Ausdauer, aber auch Kräftigung und Koordination umfasst.

Die Teilnehmer können walken oder joggen. Wer es sich zutraut, kann bei einem Marathon starten (ganze Distanz oder Teilstrecke). Die Teilnehmer genießen in den Trainingsmonaten ein Rundum-sorglos-Paket, von dem jeder über das Training hinaus profitieren kann. Neben geschulten Lauftrainern, die die wöchentlichen Treffen leiten, gibt es für jede Gruppe einen betreuenden Diabetologen und einen Diabetesberater. Parallel steht eine Hotline zur Verfügung. Apotheken sind seit Beginn Partner der Initiative und können Diabetiker auf die Möglichkeit, über ein Gruppenprogramm zum Sport zu kommen, ansprechen.

www.diabetes-programm-deutschland.de

PTA-Forum: Welche positiven Effekte von Sport sind für Diabetiker bewiesen?

Predel: Im Moment ist die Studienlage kontrovers, was harte Endpunkte angeht. Die Look-Ahead-Studie lief methodisch alles andere als gut ab. Man wollte mit dieser Studie zeigen, dass Diabetiker, die sich regelmäßig bewegen, deutlich weniger Herz-Kreislauf-Ereignisse haben. Es zeigte sich ein positiver Trend, aber signifikante Ergebnisse wurden verpasst. Jetzt sagen viele, Bewegung bringe gar nichts. Das ist natürlich Blödsinn. Es existiert zum Beispiel eine wunderbare Studie von Di Loretto mit dem schönen Titel »Make Your Diabetic Patient Walk«. Sie zeigt exzellent, dass sich mit der täglichen Gehzeit tatsächlich alle relevanten Parameter bessern, die für das weitere Risiko von Bedeutung sind, also Cholesterin, LDL, Bauchumfang, Blutzuckerwerte, HbA1c. Dazu gehört allerdings ein gewisser Einsatz. Das Minimum sind die vorab bereits erwähnten 5000 bis 7000 Schritte täglich.

PTA-Forum: Welches Fazit ziehen Sie aus den ambivalenten Daten?

Predel: Ich sage immer, wer auf eine Studie wartet, die den Nutzen von Bewegung für Diabetiker eindeutig belegt, und deswegen auf der faulen Haut liegen bleibt, der bringt sich um ganz große Möglichkeiten. Nicht zuletzt sind eine gesteigerte Lebensqualität und eine bessere Alltagskompetenz ganz wesentliche Effekte von Bewegung beziehungsweise Sport.

PTA-Forum: Was ist entscheidend, um als Diabetiker in Bewegung zu kommen?

Predel: Der entscheidende Punkt nach meiner Erfahrung und auch nach Auffassung von Verhaltenspsychologen ist, dass ich überhaupt anfange. Viele Diabetiker sind motiviert, aber der Weg in die Handlungsebene, der ist oft das Problem. Also: sich verabreden und starten und eine gewisse soziale Verbindlichkeit reinbringen. Mit einem oder mehreren Gleichgesinnten zu beginnen und weiterzumachen, stabilisiert enorm. Dieser Bewegungstermin gehört wie andere wichtige Termine in den täglichen Ablauf des Alltags. /

Regeln der Deutschen Diabetes Gesellschaft (

  • Bei fortschreitender (proliferativer) Retinopathie ist ein Blutdruckanstieg über 180 bis 200/100 mmHg zu vermeiden.
  • Bei einer Retinopathie darf weder Kraft-, noch Kampfsport betrieben werden.
  • Nach einer Laser-Operation der Netzhaut oder einer Augenoperation darf man sich sechs Wochen lang nicht körperlich belasten.
  • Bei peripherer diabetischer Neuropathie ist besonders auf die Wahl des passenden Schuhwerks zu achten, weil sonst die Gefahr steigt, ein diabetisches Fußsyndrom zu entwickeln.
  • Bei bestehender autonomer Neuropathie muss der Arzt eine Störung der Blutdruck- und Herzfrequenz-Regulation beachten, wenn es darum geht, ob und wie ein Diabetiker Sport treiben darf.