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Humane Papillomaviren

Impfung auch für Jungen

15.08.2016
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Von Barbara Erbe / Die Impfung gegen humane Papillomaviren (HPV) schützt vor Gebärmutterhalskrebs und anderen, seltener auftretenden Krebsarten. Die seit 2007 verfügbare HPV-Impfung empfiehlt die ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) bislang nur für Mädchen. Doch auch Jungen sollten geimpft werden, raten immer mehr Experten.

Das Risiko, sich mit HPV anzustecken, ist Medizinern zufolge prinzipiell bei Frauen und Männern gleich groß. Allerdings entwickelt sich aus einer Infektion bei Männern seltener Krebs. Daher empfiehlt die STIKO zurzeit nur Mädchen im Alter von 9 bis 14 Jahren – möglichst vor dem ersten Sexual- und damit Viruskontakt – gegen humane Papillomviren impfen zu lassen. Der STIKO-Vorsitzende Dr. Jan Leidel berichtet: »Wegen der hohen Kosten entschieden wir uns, die Impfung zunächst einmal nur für Mädchen zu empfehlen.«

Da HP-Viren sehr verbreitet sind, infizieren sich nach Schätzungen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) bis zu 90 Prozent der sexuell aktiven Mädchen und Frauen im Laufe ihres Lebens. Die Ansteckung erfolgt über den Kontakt mit infizierten (Schleim-)Hautzellen. Viele HPV-Typen, zum Beispiel die Erreger harmloser Hautwarzen, werden bei engem Hautkontakt übertragen. Mit genitalen HPV-Typen, die Krebs auslösen können, stecken sich die meisten über Geschlechtsverkehr an.

Normalerweise bleibt die Infektion unbemerkt und das Immunsystem wird mit den Viren schnell fertig, auch wenn das nicht vor wiederholter Ansteckung schützt. Bestimmte Virusvarianten – Hochrisiko-Typen wie HPV 16 oder HPV 18 – können sich aber dauerhaft in der Schleimhaut ansiedeln und dort die Teilung der Zellen stören. Diese werden anfälliger für weitere Schäden, sodass sich daraus im Laufe der Jahre Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) entwickeln kann. Diese Diagnose erhalten laut IQWiG in Deutschland etwa 4800 Frauen pro Jahr. Ungefähr jede dritte von ihnen stirbt daran.

Bereits zu Beginn der 1980er Jahre entdeckten Mediziner, dass ein Zervixkarzinom fast immer auf eine – meist lange zurückliegende – Infektion der Haut- und Schleimhautzellen mit humanen Papillomaviren zurückgeht. Meist entsteht das Karzinom in der Übergangszone des Muttermundes, in der die Schleimhäute der Scheide und des Gebärmutterhalses aneinandergrenzen. Bei sieben bis acht von zehn Fällen entwickelt sich der Tumor aus veränderten Zellen an der Oberfläche der Schleimhaut. Der Tumor wird dann als Plattenepithelkarzinom bezeichnet. Seltener entstehen Adenokarzinome, die ihren Ursprung im Drüsengewebe haben. Es dauert meist Jahre bis Jahrzehnte, bis sich aus den Vorstufen ein Tumor entwickelt.

Im Jahr 2006 wurden zwei Impfstoffe zugelassen: Cervarix® schützt vor den Hochrisiko-Typen HPV 16 und 18, der tetravalente Impfstoff mit den Handelsnamen Gardasil® wirkt zusätzlich gegen HPV 6 und 11, die Feigwarzen verursachen. Beide Impfstoffe, die in die Oberarmmuskulatur gespritzt werden, enthalten keine vermehrungsfähigen Viren, sondern lediglich Proteine der Virushülle. Diese können folglich keine Infektion auslösen, aber dazu führen, dass sich schützende Antikörper bilden. Je nach Alter wird insgesamt zwei oder drei Mal gespritzt. Leidel betont: »Die Schutzwirkung der Impfung vor Zellfehlbildungen, sogenannten Dysplasien, und damit den obligaten Vorstufen von Krebszellen, aber auch vor Feigwarzen und vor allem ihre hohe Effektivität ist durch mehrere randomisierte kontrollierte Studien belegt.«

Test zur Früherkennung

Neben der Impfung gibt es eine weitere Möglichkeit, Gebärmutterhalskrebs vorzubeugen: eine regelmäßige Abstrich-Untersuchung zur Früherkennung, der sogenannte Pap-Test. Die Untersuchung wird auch für geimpfte Frauen empfohlen, da die Impfung nicht alle HPV-Varianten erfasst. Der Pap-Test könne Dysplasien zwar nicht verhindern, aber der Arzt könne sie in den meisten Fällen frühzeitig entdecken und eine schnelle Behandlung ermöglichen, erklärt der Impfexperte Seidel. »Allerdings ist die Vorbeugung durch Impfung auf jeden Fall vorzuziehen, da die Beseitigung von fortgeschrittenen Dysplasien eine vermeidbare Operation darstellt, die auch Konsequenzen im Hinblick auf zukünftige Schwangerschaften haben kann.«

Neuer Impfstoff

Seit April 2016 gibt es mit Gardasil® 9 eine weitere Vakzine, die vor insgesamt neun verschiedenen HP-Viren (6, 11, 16, 18, 31, 33, 45, 52 und 58) schützt und damit noch vor fünf weiteren krebsaus­lösenden Typen, die Frauen und Männer gleichermaßen betreffen: Die Viren können Tumoren im Scham- und Analbereich, am Penis und im Mund- und Rachenraum sowie Genitalwarzen hervorrufen. »Das macht die Impfung auch für Jungen attraktiv«, so Leidel. Vieles spreche dafür, dass die STIKO in absehbarer Zeit die HPV-Impfung auch für Jungen ab neun Jahre empfehlen werde. »Allerdings wird uns die aufwändige Klärung der Bedeutung dieser Impfung für Männer noch viel Zeit kosten.«

Viele Fachgesellschaften, etwa die Deutsche Gesellschaft für Urologie und der Berufsverband der Urologen, empfehlen schon heute, auch Jungen gegen HPV-Viren zu impfen. Diese Empfehlung ist auch Bestandteil der Leitlinie zur Impfprävention HPV-assoziierter Neoplasien, die von verschiedenen Fachgesellschaften herausgegeben wurde. Der Herdenschutz, der bei einer hohen Durchimpfungsrate junger Mädchen bestehen würde, greift nicht. Dafür sind die Impfquoten der Mädchen mit weniger als 40 Prozent bislang zu niedrig.

Seidel bedauert, dass der Impfung noch mehr als anderen Impfungen so viel Skepsis entgegengebracht wird. Denn ihre Nebenwirkungen seien keineswegs schwerer als bei weitläufig akzeptierten Impfungen, etwa gegen Diphterie oder Keuchhusten. Möglich sind Hautreaktionen, Schmerzen und Gewebeschwellungen an der Einstichstelle, in seltenen Fällen auch Verdauungsbeschwerden, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Muskelschmerzen oder auch Kreislaufprobleme. Wegen letzteren ist es auch wichtig, nach der Impfung noch etwa 15 Minuten in der Arztpraxis zu bleiben. Ansonsten gelte: »Alles, was vor einer Impfung passieren kann, kann auch nach einer Impfung passieren – und muss überhaupt nichts mit ihr zu tun haben.« /