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Ernährung nach Ayurveda

Körper, Geist und Seele

15.08.2016  10:28 Uhr

Von Judith Schmitz / Die typische Ayurveda-Ernährung gibt es nicht. Im Sinne der indischen Heilkunst werden alle­ Nahrungs­mittel so ausgewählt, zusammengestellt und zubereitet, dass sie zum jeweiligen Wesen und Lebensstil ­passen. Individualität lautet das Schlagwort. Wer dies verstehen möchte, muss sich auf die Philosophie einlassen, ­­ die hinter dieser Ernährungsweise steckt.

Die ayurvedische Ernährung ist Teil einer 5000 Jahre alten, von der Weltgesundheitsorganisation WHO anerkannten Heil- und Gesundheitskunde aus Indien. Ayus bedeutet Leben und meint die Gesamtheit aus Körper, Geist und Seele. Der Geist ist in der Philosophie des Ayurveda der Verstand und die Seele das Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit. Veda heißt so viel wie reines Wissen, im Sinne einer allumfassenden Weisheit. Ayurveda ermöglicht, gesund zu leben und sanft zu heilen, sagen die Anwender, darunter Kerstin Rosenberg, ayurvedische Ernährungsberaterin, Therapeutin und Leiterin der Europäischen Akademie für Ayurveda in Birstein.

»Wichtig ist, dass jeder selbst die Verantwortung für seine Gesundheit übernimmt und sich aktiv am Heilungsprozess beteiligt«, erklärt sie. Svasthya, das Wort für Gesundheit im Ayurveda, bedeutet »bei sich selbst (sva) sein (stha)«. Entsprechend ist die ayurvedische Ernährung ganzheitlich ausgelegt, um Körper, Geist und Seele gemäß den individuellen Bedürfnissen mit allen Nähr- und Vitalstoffen zu versorgen. Rosenberg erklärt: »Sind wir in unserem wahren Selbst, befinden wir uns in einem ausgeglichenen und kraftvollen Zustand auf allen Ebenen unserer Persönlichkeit.«

Die richtigen Lebensmittel und die richtige Ernährungsweise unterstützen dabei. Funktioniert das Zusammenspiel, melden die inneren Impulse automatisch die momentan passenden Lebensmittel. »Im Winter, wenn es kalt und trocken ist, essen wir vermehrt deftige Eintöpfe. Im Sommer gleichen wir die Hitze mit einem kühlenden Salat aus«, erläutert die Ernährungsberaterin. Zu einem ungesunden Essverhalten komme es nur, wenn innere Anteile unserer körperlichen und psychischen Persönlichkeitseigenschaften, die sogenannten Doshas, ins Ungleichgewicht geraten. Denn hierdurch geht unser Gespür für die eigenen Bedürfnisse verloren.

Die drei Doshas

Nach der ayurvedischen Lehre hat jeder Mensch einen Prakriti, eine Art angeborenen Bauplan, der sein Wesen beschreibt. Er wird auch häufig mit Konstitutionstyp übersetzt. Die fünf Elemente Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde bilden die Grundlage von allem Lebenden und damit auch von Prakriti. Die Zusammensetzung ist bei jedem Menschen spezifisch, unterliegt dennoch einem ständigen Wandel. Der Konstitutionstyp äußert sich im individuellen Körperbau, Charakter, in Stärken und Schwächen sowie der Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten. Die fünf Elemente bilden die strukturellen und die funktionellen Bestandteile des Menschen. Letztere machen den Stoffwechsel oder »das Verdauungsfeuer«, das Agni, und die Doshas aus.

Dynamisches Verhältnis

Die Doshas sind Bioregulatoren, sie steuern die körperlichen und geistigen Funktionen des Menschen. Neben den drei Basis-Dosha-Typen Vata (Elemente Luft und Raum), Pitta (Elemente Feuer und Wasser) sowie Kapha (Elemente Erde und Wasser) gibt es Mischformen. Nach der Lehre enthält jeder Mensch vom Moment der Zeugung an die drei Doshas in einem spezifischen Verhältnis. Dieses Verhältnis ist dynamisch und ändert sich stetig in unterschiedlichen Lebensphasen, gemäß des Tagesrhythmus, abhängig vom Alter oder dem Menstruationszyklus. Trotz dieser Schwankungen behält jeder Mensch während seiner Lebensabschnitte aber ein durchschnittlich konstantes Mischverhältnis der einzelnen Doshas, ist also in seiner Gesamtheit beispielsweise eher ein Pitta- oder ein Kapha-Pitta-Typ.

Im Ayurveda ernährt sich der Mensch entsprechend seines momentan vorherrschenden Doshas und gleicht die drei so untereinander aus. Hierin liegt die Individualität dieser Ernährungsweise begründet. Befinden sich die drei Doshas im Gleichgewicht, ist der Mensch gesund, sagen die Gelehrten. Grundsätzlich gibt es dabei Lebensmittel, die für den jeweiligen Dosha-Typen günstig sind und das Gleichgewicht unterstützen und wiederum andere, die das Gleichgewicht negativ beeinflussen und die er daher meiden sollte. Diese speziellen Ernährungsempfehlungen werden vor allem unter dem ayurvedischen Aspekt »Food is Medicine« berücksichtigt. Dieser Anteil ist in der Praxis jedoch gering: Die ayurvedische Ernährung wird zu 20 Prozent im Rahmen einer Therapie eingesetzt. Zu 80 Prozent diene sie der Prävention, erläutert Rosenberg.

Ayurveda im Alltag

»Im Alltag braucht man sich gar nicht so sehr damit beschäftigen, welcher Konstitutionstyp man ist«, sagt die Ernährungsberaterin. Wer keinen therapeutischen Ansatz verfolge, sondern sich nur gesund ernähren möchte, kann einfach einige ayurvedische Grundregeln befolgen, ohne im Detail aufzudröseln, ob er nun ein Kapha-, Pitta-, Vata- oder ein Mischtyp ist. »Wenn Sie bestimmte Dinge beachten, ist bei einer ayurvedischen Mahlzeit für jedes Familienmitglied und damit für jeden Dosha-Typen etwas dabei.«

Zum Beispiel beim Gericht Spaghetti mit Tomatensoße, Gemüse und Salat: Ein Familienmitglied, das zu viel Kapha hat und damit eher träge, antriebslos und übergewichtig ist, braucht Power im Essen. Automatisch würzt die Person wahrscheinlich mit Pfeffer nach und kurbelt damit das Verdauungsfeuer Agni an. Diese Person sollte bevorzugt das Leichte der Mahlzeit, den Salat und das Gemüse, wählen. Ein Familienmitglied, das temperamentvoll ist und viel gearbeitet hat, nimmt sich eine große Portion Nudeln als Energiespender. In seinem Körper dominiert gerade Pitta, es herrscht also Hitze. Sein Verdauungsfeuer muss nicht entfacht werden. Dieses Mitglied geht daher eher sparsam mit Salz und Pfeffer um. Rosenberg ist sich sicher: Wer sich nach den ayurvedischen Prinzipien ernährt, vermeide auch Ernährungsfehler nach einem stressigen Tag wie Heißhungerattacken auf Chips und Bier nach 21 Uhr, weil er seinen Körper mit der richtigen Ernährungsweise schon zum Abendessen ausgeglichen hat.

Rosenberg: »Einer meiner Ayurveda-Lehrer sagte, es genüge, 80 Prozent der gesunden Empfehlungen zu folgen. 20 Prozent Ungesundes wirkten harmonisierend und befriedigend auf das emotionale Gleichgewicht.« Denn nicht für jeden lässt es sich etwa einrichten, zweimal am Tag zu kochen, vor allem nicht, wenn man berufstätig ist. Dennoch kann die Ernährung am Arbeits­platz ausgewogen gelingen (siehe Kasten).

Ayurvedische Ernährungsregeln

Auf einen ausgewogenen Geschmack achten Ganz wichtig im Ayurveda: Das Essen soll schmecken. Daher ausgewogen würzen, sodass eine Mahlzeit alle sechs Geschmacks­richtungen enthält, die man idealerweise in folgender Reihenfolge zu sich nimmt: süß, sauer, salzig, scharf, bitter und herb/zusammenziehend. Auch heimische Kräuter eignen sich. Auf diese Weise vermeidet man ein ungesundes Futterkarussell aus Sahnetorte, wenig später zum Ausgleich die scharfe Salami und eine halbe Stunde später Gelüste auf salzigen Käse.

Die richtige Menge essen Zu viel oder zu wenig Nahrung führt zu Störungen. Am besten stellt man sich das Fassungsvermögen des Magens vor: Die Hälfte des Inhalts sollte aus einem festem Bestandteil der Mahlzeit, ein Viertel aus flüssiger Nahrung (Getränk oder Suppe) bestehen. Ein Viertel bleibt frei, damit die Verdauung gut funktionieren kann.

Rund um die Mahlzeiten nicht trinken Schluckweise von einem Glas warmen Wasser trinken, fördert die Verdauung. Bis zu einer halben Stunde vor und nach dem Essen sollte optimalerweise nicht getrunken werden, um das Verdauungsfeuer nicht zu löschen.

Hochwertige Nahrungsmittel verwenden Lebensmittel sollten frisch, reif und qualitativ hochwertig sein, zum Beispiel aus dem Eigenanbau oder dem Bioladen, bevorzugt aus der näheren Umgebung stammen und der Saison entsprechen.

Gekochte und eigene Kost bevorzugen Warme Speisen regen die Verdauung und den Stoffwechsel an. Mindestens Mittag- und Abendessen sollten warm zubereitet sein. Dazu etwas Rohkost zu sich nehmen. Auf Konserven und Geschmacksverstärker verzichten. Besonders abends leicht verdauliche Lebensmittel bevorzugen. Nicht mehr als zwei Mal pro Woche Fleisch essen.

Individualität bei Einkauf und Zubereitung Bei der Nahrungsmittelwahl die eigenen Vorlieben und Verträglichkeiten beachten.

Gut kauen sowie in Ruhe und angenehmer Atmosphäre essen Die Nahrung 20 bis 30 Mal gut kauen. Nicht zu langsam essen. Dem Essen volle Aufmerksamkeit schenken und somit die Verdauung fördern.

Regelmäßig essen, keine Zwischenmahlzeiten So werden die Stoffwechsel- und Verdauungsprozesse nicht belastet. Ausnahme: Wer viel Energie verbrennt, kann ein zweites Frühstück und einen Nachmittagssnack einlegen. Morgens ein kleines und leichtes Frühstück, mittags die Hauptmahlzeit essen, denn jetzt ist die Verdauungskraft am stärksten. Abends eine leichte, warme Mahlzeit etwa drei Stunden vor dem Schlafengehen einnehmen. Abends auf Käse, Joghurt und säuerliche Speisen verzichten, da sie die »Transportkanäle« im Körper beeinträchtigen.

Auf die richtigen Kombinationen achten Das ist wichtig, um nicht die »Transportkanäle« zu behindern und das Blut zu »verunreinigen«. Zum Beispiel Milch nie mit Saurem oder Salzigem, Fleisch, Fisch einnehmen. Frische Früchte nicht mit gekochten Speisen.

Aus Sicht des Instituts für alternative und nachhaltige Ernährung (IFANE) ist die ayurvedische Ernährung undogmatisch und gibt dem Menschen Orientierungshilfen, um wieder ein Gespür für individuelle Ernährungs­bedürfnisse zu entwickeln. Hierin sieht das Institut auch einen Unterschied zu den eher standardisierten Empfehlungen der westlichen Ernährungswissenschaft. Aus ernährungswissen­­schaft­licher und -ökologischer Sicht bewertet das Institut den hohen Anteil pflanz­licher Kost positiv. Insgesamt kommt IFANE zu dem Schluss, dass die ayurvedische Ernährung den Empfehlungen der Ernährungswissenschaft für eine gesundheitsfördernde Ernährungsweise entspricht und als Dauerkost geeignet ist.

Effekt bei Arthrose

Dass eine Ernährung nach dem Ayurveda-Prinzip sich auch durchaus positiv auf bereits bestehende Erkrankungen auswirkt, zeigt zum Beispiel eine aktuelle, bisher nur in Teilen veröffentlichte Studie der Berliner Charité mit 151 Patienten mit Kniegelenksarthrose. Im Rahmen der Untersuchung verglichen die Forscher die Wirksamkeit einer ganzheitlichen ayurvedischen Behandlung inklusive ayurvedischer Ernährungsweise mit der einer konventionellen Behandlungsmethode der westlichen Medizin. Zwölf Monate nach Behandlungsablauf hatten sich bei den Patienten aus der konventionellen Therapiegruppe die Symptome ihrer Kniegelenksarthrose um durchschnittlich 30 Prozent verbessert, in der Ayurveda-Gruppe um 60 Prozent. Speziell zur ayurvedischen Ernährung ist auch eine Studie mit Patienten geplant, die unter Reizdarmbeschwerden leiden. /

Foto: Shutterstock/Pikoso.kz

Ayurveda am Arbeitsplatz

  • Beliebte ayurvedische Getränke sind heißes Wasser, Ingwerwasser oder Yogi-Tee. Wer am Arbeitsplatz keinen Wasserkocher hat, nimmt sich eine gefüllte Thermoskanne mit.
  • Wer in der Kantine oder im Restaurant zu Mittag isst, kann die Gerichte mit einem Chutney oder einer eigenen Gewürzmischung ergänzen, um alle sechs Geschmacksrichtungen abzudecken.
  • Am Abend warm kochen und sich einen Mittags­snack für den nächsten Tag mitnehmen, zum Beispiel Kichererbsenbratlinge, Couscous-Salat und Sandwiches mit pflanzlichem Brotaufstrich. Dazu immer Rohkost wie Karotten (zum Vata-Ausgleich), Gurke (zum Pitta-Ausgleich) oder Rettich (zum Kapha-Ausgleich).
  • Bei Heißhunger oder Energieabfall vitale Zwischenmahlzeiten mit Nüssen, Trockenfrüchten und frischen Früchten bevorzugen
  • Abends ist eine warme Suppe die optimale Mahlzeit für das körper­liche und mentale Wohlbefinden. Das Abendessen möglichst früh und in einer entspannten Atmosphäre ein­nehmen.