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Markteinführung

Neues Zytostatikum verfügbar

15.08.2016
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Von Sven Siebenand / Mitte August hat Servier Deutschland mit Lonsurf® Filmtabletten ein neues Medikament für Darmkrebs­patienten auf den deutschen Markt gebracht. Es handelt sich um ein Kombinationspräparat: Dem bekannten Wirkstoff Trifluridin wird der Neuling Tipiracil an die Seite gestellt.

Trifluridin ist bereits seit mehr als 50 Jahren bekannt. Es wird in Form seines Triphosphats als falscher Baustein in die DNA eingebaut und wirkt so zytotoxisch. Schon früher wusste man, dass die Substanz eine Antitumor-Aktivität besitzt. Allerdings wurde die Entwicklung von Trifluridin als Zytostatikum gestoppt, da bei den erforderlichen Dosen die Toxizität zu groß war. Der Wirkstoff war zeitweise aber in Form von Augentropfen zur Behandlung von durch Herpes-simplex-Viren ausgelösten Keratitiden auf dem deutschen Markt.

Durch Hinzunahme des Kombinationspartners in Lonsurf, Tipiracil, ließ sich das Problem mit der Toxizität in den Griff bekommen, sodass nun ein oral verfügbares Arzneimittel mit Trifluridin erstmals verfügbar ist. Wie funktioniert das? Trifluridin wird im Blut rasch durch das Enzym Thymidin-Phosphorylase abgebaut. Deshalb müsste es sehr hoch dosiert werden, um eine Wirkung zu erzielen, gleichzeitig ist dann aber auch die Toxizität sehr stark. Tipiracil hemmt die Thymidin-Phosphorylase, wodurch Trifluridin nicht mehr so schnell abgebaut wird. Es kann niedriger dosiert werden und die Wirkspiegelkurve verläuft flacher. Nebenwirkungen sind damit nicht vollkommen ausgeschlossen, nun ist die Toxizität aber in einem akzeptablen Ausmaß.

Zugelassen ist Lonsurf zur Behandlung von Erwachsenen mit metastasierendem kolorektalem Karzinom. Es darf bei Patienten zum Einsatz kommen, die bereits andere verfügbare Behandlungen erhalten haben oder die für diese nicht geeignet sind. Das Präparat wird in Behandlungszyklen von 28 Tagen verabreicht. Die zu verabreichende Dosis richtet sich nach der Körperoberfläche des Patienten. Die empfohlene Anfangsdosis beträgt 35 mg/m2.

Patienten nehmen die Tabletten an den Tagen 1 bis 5 sowie 8 bis 12 in jedem Behandlungszyklus zweimal täglich ein. Das sollte innerhalb einer Stunde nach den Mahlzeiten am Morgen und am Abend erfolgen. Beim Auftreten bestimmter Nebenwirkungen muss der Arzt die Dosis reduzieren oder die Behandlung unterbrechen. Die Behandlung sollte so lange fortgesetzt werden, wie ein Nutzen ersichtlich ist und Nebenwirkungen vertretbar sind. Bei schwerer Nierenfunktionsstörung oder terminaler Niereninsuffizienz sowie bei mäßiger oder schwerer Leberfunktionsstörung wird vom Einsatz des Medikaments abgeraten.

Interaktionen möglich

Im Hinblick auf mögliche Wechselwirkungen ist zu bedenken, dass bei der Anwendung von Arzneimitteln, die zu den humanen Thymidin-Kinase-Substraten gehören, etwa Zidovudin, Vorsicht geboten ist. Bei gleichzeitiger Anwendung mit Lonsurf können diese Arzneimittel mit Trifluridin um die Aktivierung durch die Thymidin-Kinase konkurrieren und sind dann möglicherweise weniger wirksam. Ärzte sollten daher Alternativen in Betracht ziehen, die keine Thymidin-Kinase-Substrate sind, zum Beispiel Lamivudin, Zalcitabin, Didanosin und Abacavir.

Sehr häufige Nebenwirkungen von Lonsurf sind Übelkeit, Müdigkeit, Anämie, Neutropenie und Leukopenie. Zu den schwerwiegendsten Nebenwirkungen zählt die Knochenmarksdepression. Ärzte sollten ein Gesamtblutbild vor Therapiebeginn und nach Bedarf erstellen, zumindest jedoch vor jedem Zyklus.

Bei Schwangeren darf Lonsurf nicht angewendet werden, es sei denn, dass die Behandlung aufgrund des klinischen Zustands der Frau erforderlich ist. Das Stillen sollten Mütter während der Behandlung mit dem neuen Präparat unterbrechen. Es ist ferner laut Fachinformation nicht bekannt, ob Lonsurf die Wirksamkeit von hormonellen Kontrazeptiva he­rabsetzt. Frauen, die diese anwenden, sollten daher eine Barrieremethode zur Empfängnisverhütung in Erwägung ziehen. /

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