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Durchfall

Was gehört in die Reiseapotheke?

15.08.2016  10:28 Uhr

Von Verena Arzbach / Durchfall zählt zu den häufigsten Erkrankungen auf Reisen. Damit der Urlaub nicht ins Wasser fällt, gehört ein wirksames Antidiarrhoikum ins Gepäck. Welche Wirkstoffe sich bei akutem Durchfall eignen, haben Experten der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) in der aktuellen Leitlinie »Gastrointestinale Infektionen« zusammengefasst.

Die Reisediarrhö tritt meist zu Beginn des Urlaubs auf. Die Betroffenen leiden neben Durchfall oft auch unter Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen. Doch in der Regel ist der Reisedurchfall eine unkomplizierte Erkrankung und oft auch selbstlimitierend. Gefährlich kann es jedoch bei älteren oder immungeschwächten Patienten werden. Sie sollten besser den Arzt aufsuchen. Weitere Alarmzeichen, die auf einen schwereren Krankheitsverlauf hindeuten, sind Fieber, Blut im Stuhl sowie eine ausbleibende Besserung der Symptome nach zwei bis drei Tagen.

Das Risiko, an Reisedurchfall zu erkranken, ist vor allem in Äquatornähe hoch, also in bestimmten Gebieten Afrikas, Lateinamerikas, Asiens und Südostasiens. Die Erreger einer Reisediarrhö, zum Beispiel Escherichia-coli-Bakterien, Salmonellen, Noro- oder Rotaviren, werden fäkal-oral übertragen. In vielen Reiseländern sind die hygienischen Bedingungen, etwa bei der Zubereitung von Speisen, nicht mit denen in Deutschland vergleichbar. Hohe Temperaturen begünstigen zusätzlich die Verbreitung der Keime. Meist infizieren sich Urlauber über die Nahrung, etwa über rohes Obst oder Gemüse, nicht ausreichend gegartes Fleisch, Speiseeis oder verunreinigtes Trinkwasser (siehe Kasten).

Die pathogenen Keime binden im Darm an Rezeptoren auf den Schleimhautzellen. Es entstehen Entzündungsreaktionen, die das Gleichgewicht des Wasseraustauschs zwischen dem Darmlumen und den Zellen der Darmschleimhaut stören. Wasser und Elektrolyte strömen vermehrt in das Darmlumen, der Stuhl verflüssigt sich und die Stuhlfrequenz steigt.

Meist kein Antibiotikum

Die Einnahme eines Antibiotikums bei Reisediarrhö, etwa Rifaximin oder Azithromycin, das der Arzt vor der Reise für den Notfall verordnet hat, sehen viele Experten heute kritisch. Hintergrund ist unter anderem, dass Reisende anschließend vermehrt multiresistente Keime nach Deutschland einschleppen. Zwei Drittel aller Touristen brächten multiresistente Darmkeime von einer Fernreise mit, wenn sie im Ausland unter Reisedurchfall gelitten und Antibiotika eingenommen haben, warnt das Centrum für Reisemedizin (CRM). Gefürchtet sind vor allem ­ESBL- (Extended-Spectrum-β-Lactamase) bil­dende Darmkeime. Diese können über Monate im Darm bleiben und gefährlich werden, wenn sie etwa auf immungeschwächte Personen übertragen werden.

Besser vorbeugen

Beim Essen:

  • »Boil it, cook it, peel it or leave it« (»Koch es, brat es, schäl es oder vergiss es«): vor allem rohes, ungeschältes Obst, Gemüse und Salate meiden, ebenso nicht durchgegartes Fleisch, Fisch, Meeresfrüchte
  • Gefährlich sind auch Speiseeis und Speisen mit rohen Eiern (zum Beispiel Mayonnaise)
  • Vorsicht bei Leitungswasser: nicht trinken, nicht zum Zähne putzen verwenden, besser auf Eiswürfel in Getränken verzichten

Unterwegs:

  • So oft wie möglich Hände waschen (etwa nach dem Toilettengang, nach dem Berühren von Geldscheinen oder Münzen, usw.), zusätzlich Desinfektionsmittel für die Hände benutzen

Einen Vorteil hat das Antibiotikum allerdings: Es lindert die Symptome relativ schnell. Zum Beispiel vor einem Langstrecken-Flug oder einer längeren Busreise oder wenn die Symptome sehr schwerwiegend sind, kann die Einnahme also durchaus sinnvoll und berechtigt sein.

Den Durchfall schnell stoppen, das kann auch der Wirkstoff Loperamid. Er bindet an µ-Opioid-Rezeptoren im Dünndarm und hemmt die Motilität des Darms so direkt. Ein Nachteil ist, dass die Erreger aufgrund des »stillgelegten« Darms mehr Zeit haben, an Darmzellen zu binden und sie sich so weiter ausbreiten können. In der aktuellen Leitlinie, die die DGVS im vergangenen Jahr herausgegeben hat, heißt es, bei unkomplizierten Fällen könne kurzzeitig Loperamid verabreicht werden. Explizit empfohlen wird es allerdings nicht.

Einschränkungen beachten

Bei Loperamid gibt es zunächst einige Kontraindikationen zu beachten: Bei Durchfall mit blutigem Stuhl und/oder Fieber oder einer bakteriellen Enterocolitis durch Salmonellen, Shigellen, Campylobacter, Entamoeba ssp. oder Clos­tridium difficile darf es nicht eingenommen werden. Das gilt auch bei Darmverschluss oder toxischem Megakolon, einer Erweiterung des Dickdarms. Auch bei Säuglingen und Kindern unter zwei Jahren ist Loperamid kontraindiziert. Für ältere Kinder unter zwölf Jahren gibt es verschreibungspflichtige Loperamid-Präparate. OTC-Präparate sind ab zwölf Jahren zugelassen.

Im Beratungsgespräch sollten PTA und Apotheker auch noch einmal auf die Höchstdosis für Loperamid hinweisen: Sie liegt für Erwachsene bei 12 mg pro Tag. Die meisten Präparate enthalten 2 mg pro Kapsel oder Tablette. Bei akuten Durchfällen werden zu Beginn 4 mg (zwei Kapseln oder Tabletten) und nach jedem ungeformten Stuhl weitere 2 mg (eine Kapsel oder Tablette) eingenommen. Die Tageshöchstdosis von sechs Kapseln beziehungsweise Tabletten darf nicht überschritten werden. Bei Kindern über acht Jahre liegt die Höchstdosis bei 8 mg pro Tag, bei Kindern zwischen zwei und acht Jahren wird nach dem Körpergewicht dosiert (0,04 mg Loperamidhydrochlorid pro kg Körpergewicht täglich).

Racecadotril steht seit 2013 als OTC-Präparat zur Verfügung. Der Enkephalinase-Hemmer ist laut der Leitlinie in seiner klinischen Wirksamkeit vergleichbar mit Loperamid und kann als Alternative verwendet werden. Racecadotril wirkt antisekretorisch, hemmt aber nicht die Eigenbewegung des Darms. Erwachsene nehmen zu Beginn der Behandlung zwei Kapseln mit je 100 mg, danach dreimal täglich eine Kapsel vor der Mahlzeit. Bislang war Racecadotril ab 18 Jahren zugelassen, seit März dieses Jahres ist Racecadotril auch für Kinder ab zwölf Jahren für die Selbstmedikation zugelassen. Allerdings: Ein entsprechendes OTC-Präparat für Jugendliche gibt es zurzeit noch nicht.

Die wichtigste Empfehlung bleibt laut der Leitlinie weiterhin die orale Rehydratationstherapie, am besten mit einer Glucose-basierten Elektrolytlösung wie der WHO-Trinklösung (13,5 g/l, Natriumchlorid 2,6 g/l, Kaliumchlorid 1,5 g/l und Natriumcitrat 2,9  g/l). Sie ist laut der Leitlinie anderen Zubereitungen wie gesüßtem Tee in Kombination mit Salzgebäck oder verdünntem Fruchtsaft mit Zucker und Salz vorzuziehen. Nicht geeignet sind laut den Leitlinienautoren reine Fruchtsäfte, Leitungswasser und Limonade. Sie enthalten zu viel Zucker beziehungsweise zu wenig Elektrolyte oder ein falsches Elektrolytverhältnis.

Probiotika für den Darm

Häufig kommen Probiotika zur Behandlung oder auch zur Vorbeugung von Durchfallerkrankungen zum Einsatz. Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die auch physiologisch zur normalen Darmflora gehören. Verwendet werden meist Milchsäurebakterien wie Lactobacillus rhamnosus, Bifidobakterien, unschädliche Escherichia-coli-Stämme und Hefepilze (Saccharomyces). Diese sollen sich im Darm ansiedeln, vermehren und die pathogenen Keime verdrängen. Die aktuelle Datenlage zum Einsatz von Probiotika bei Durchfallerkrankungen ist nicht eindeutig, zumal es eine Vielzahl unterschiedlicher Präparate gibt, heißt es in der Leitlinie. Es gibt zwar einzelne Studien, die auf eine Wirksamkeit von Saccharomyces boulardii und Lactobacillus rhamnosus GG hinweisen. Eine generelle Empfehlung für Probiotika wollen die Autoren der erwähnten Leitlinie aber nicht aussprechen.

Für pflanzliche Antidiarrhoika wie Uzarawurzelextrakt oder getrocknetes Apfelpulver liegen gemäß der Leitlinie keine kontrollierten Studien vor, sodass die Autoren auch für diese Mittel keine Empfehlung aussprechen. Gleiches gilt für Adsorbenzien wie Siliciumdioxid, Tannin und Medizinalkohle. /