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Erste Hilfe

Alles ist besser als Nichtstun

15.08.2017  13:12 Uhr

Von Barbara Erbe / Niemand möchte einen medizinischen Notfall hautnah miterleben. Aber wenn es darauf ankommt, muss jeder helfen. Dann ist es ein Vorteil, wenn die Erste-Hilfe-Kenntnisse frisch sind. Aber auch ungeübte Ersthelfer können Leben retten, betonen Notfallmediziner.

Jedes Jahr sterben bis zu 70 000 Menschen durch einen Herz-Kreislauf-Stillstand, weil sie nicht erfolgreich vom Rettungsdienst wiederbelebt werden können, berichtet Professor Dr. Bernd Böttiger, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Rates für Wiederbelebung. »Der Notarzt kommt im Durchschnitt nach acht bis zwölf Minuten. Bereits nach drei bis fünf Minuten sterben aber bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand die ersten Gehirnzellen ab.«

Deshalb ist es entscheidend, dass Ersthelfer im Notfall sofort mit der Herzdruckmassage beginnen. »Momentan werden in Deutschland 37 Prozent der Reanimationen durch Laien durchgeführt«, berichtet der Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Köln. Er zitiert Zahlen aus dem Deutschen Reanimationsregister. »Das ist zwar ein Fortschritt gegenüber 2011, als die Laienreanimationsquote noch bei 18 Prozent lag. Gegenüber den Niederlanden, wo die Quote bei 70 Prozent liegt, ist es aber immer noch viel zu wenig.«

Anders als noch in den 1970er- und 1980er-Jahren, als Unfälle die Hauptursache für den Einsatz von Rettungsdiensten waren, machen inzwischen Herz-Kreislauf-Ereignisse drei Viertel aller Notfälle aus. Eine solch lebensbedrohliche Situation zu erkennen und umgehend den Rettungsdienst zu alarmieren, sei schon ein entscheidender Schritt, erklärt Privatdozent Dr. Jan-Thorsten Gräsner, Direktor des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. »Danach geht es – wenn die Person ansprechbar ist und keine Herzdruckmassage nötig ist – häufig nur noch darum, sie durch persönliche Ansprache zu beruhigen und dafür zu sorgen, dass sich ihr Leiden bis zum Eintreffen der Rettungskräfte nicht durch Stress verschlimmert.« Das sieht auch DRK-Bundesarzt Professor Dr. Peter Sefrin so: »Man kann bei der Ersten Hilfe eigentlich nichts falsch machen – deshalb kann sich auch niemand damit herausreden, dass er oder sie sich nicht genügend auskennt.«

Was Ersthelfer tun sollten

In vielen Notsituationen hören Menschen auf zu atmen, oder ihr Herz schlägt nicht mehr – am häufigsten beim Herzinfarkt. Aber auch in anderen Situationen, etwa bei Unterkühlung, Stromschlag, Vergiftung oder Schockzustand, kommt es vor, dass Herz und Lunge nicht mehr mit Sauerstoff versorgt werden und der Patient wiederbelebt werden muss.

Die 5 »W« beim Notruf

Egal, welcher Art der Notfall ist – als Erstes gilt es immer, die 112 zu wählen! Diese Informationen brauchen die professionellen Retter:

  • Wo ist der Notfall? (Die genaue Ortsangabe ist heute wichtiger denn je. Denn viele Notrufe gehen per Mobiltelefon ein und es ist dem Rettungsdienst nicht möglich, den Unfallort über die Telefonleitung ausfindig zu machen)
  • Was ist geschehen?
  • Wie viele Verletzte sind zu ver­sorgen?
  • Welche Krankheitszeichen haben die Betroffenen?
  • Warten Sie immer auf Rück­fragen der Rettungsleitstelle!

Bricht eine Person zusammen, sind drei Dinge wichtig. Erstens ist zu prüfen, ob die Person ansprechbar ist (»Hören Sie mich?«, Schütteln an den Schultern). Kommt keine Reaktion, ist auf die Atmung zu achten. Ist vor Nase und Mund ein Luftzug zu spüren? Hebt und senkt sich der Brustkorb? Dann sollte ein Notruf an die 112 abgesetzt werden und die Symptome möglichst genau beschrieben werden. Danach muss der Helfer – wenn die Atmung ausgesetzt hat – sofort mit der Herzdruckmassage beginnen. Dazu den Brustkorb des Betroffenen frei­machen, den Handballen auf die Mitte der Brust zwischen die Brustwarzen setzen und den Ballen der anderen Hand darüberlegen. Nun wird der Brustkorb mit gestreckten Armen senkrecht zweimal pro Sekunde beziehungsweise 100 bis 120 Mal pro Minute (etwa im Takt des Bee Gees Songs »Staying Alive« oder »Get lucky« von Daft Punk) 5 bis 6 cm tief eingedrückt und sofort wieder entlastet.

Stabile Seitenlage

Ist eine Person bewusstlos, noch ein Kreislauf vorhanden und atmet sie noch normal, so lagern Sie sie in der stabilen Seitenlage. Dadurch schützen Sie sie vor möglichem Ersticken. Dadurch, dass der Mund zum tiefsten Punkt des Körpers wird, bleiben die Atemwege frei. Erbrochenes oder auch Blut können so abfließen.

  • Treten Sie von der Seite an die Person heran. Heben Sie ihre Hüfte leicht an und schieben Sie den Arm derselben Seite darunter.
  • Beugen Sie jetzt das Bein und stellen den Fuß an das Gesäß.
  • Fassen Sie Schulter und Hüfte der gegenüberliegenden Seite an und ziehen Sie die Person vorsichtig zu sich herum.
  • Ziehen Sie den Arm der Person am Ellenbogen von hinten unter dem Körper hervor, sodass sie auf ihrer Schulter liegt.
  • Zuletzt beugen Sie den Kopf Richtung Nacken und drehen das Gesicht Richtung Boden. Um den Kopf zu stabilisieren, schieben Sie den Finger der nahen Hand an die ­Wange.
  • Prüfen Sie kontinuierlich und bis der Rettungsdienst eintrifft, ob weiterhin ein Kreislauf und eine normale Atmung vorhanden sind. Wenn nicht oder im Zweifel: Rückenlage herstellen und sofort mit der Herzdruckmassage – gegebenenfalls mit Beatmung – beginnen.

Mund-zu-Mund-Beatmung sollten Helfer dann durchführen, wenn sie das möchten und auch können, und zwar im Verhältnis von 30 Herzdruckmassagen zu zwei Beatmungen. »In den ersten Minuten haben die Betroffenen noch ausreichend Sauerstoff im Blut, sodass bei Erwachsenen die alleinige Durchführung der Herzdruckmassage bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes in der Regel reicht«, erläutert Böttiger.

In vielen öffentlichen Gebäuden sind automatische, selbsterklärende Notfall-Defibrillatoren vorhanden. Sind mehrere Nothelfer vor Ort, sollte einer danach Ausschau halten oder fragen. »Ansonsten aber hat die Herzdruckmassage immer Vorrang, weil sie sofort möglich ist«, betont Gräsner.

Herzinfarkt und Apoplex

Im Folgenden werden einige typische Notfallsituationen vorgestellt und erläutert, was als Ersthelfer zu tun ist. Der häufigste Anlass für eine Rettungsaktion ist eine akute Herz-Kreislauf-Erkrankung. Bei einem Herzinfarkt spürt der Betroffene zunächst Schmerzen hinter dem Brustbein, die oft in den linken Arm, die Schulter oder den Oberbauch ausstrahlen. Manchmal kommt Übelkeit hinzu. Doch Vorsicht: Bei Frauen sind die Symptome oft weniger deutlich ausgeprägt als bei Männern. Wenn eine Frau über ex­tremes Unwohlsein oder Übelkeit klagt, kann das auch auf einen Herzinfarkt hindeuten.

Ein typisches Zeichen für einen Schlaganfall ist eine plötzliche Halbseitenlähmung und ein hängender Mundwinkel. Außerdem können Seh- oder Sprachstörungen, starker Schwindel und Taubheitsgefühle in einzelnen Körperregionen auftreten. Einen Schnelltest können auch Laien durchführen: Kann die Patientin oder der Patient den Mund zu einem gleichmäßigen Lächeln formen? Kann er beide Arme mit den Handflächen nach oben in die Höhe halten und einen einfachen Satz nachsprechen? Ist die Person bewusstlos, ihr Kreislauf aber aktiv und eine normale Atmung noch vorhanden, sollte sie in die stabile Seitenlage (siehe Kasten) gebracht werden. Ist sie bei Bewusstsein, öffnen Sie enge Kleidung und sorgen Sie für frische Luft. Reden Sie beruhigend auf den Patienten ein, bis der Rettungsdienst eintrifft – Aufregung und Unruhe schaden ihm.

Knochenverletzungen

Ob ein Knochen oder Gelenk gebrochen oder nur verletzt ist, spiele für die Erste-Hilfe-Maßnahmen zunächst keine Rolle, erklärt Sefrin. »Rufen Sie den Krankenwagen und bewegen Sie den Betroffenen so wenig wie möglich. Ein ausgerenktes Gelenk darf nur ein Arzt wieder einrenken.« Blutet ein Bruch stark oder sehen Sie gar den Knochen, bedecken Sie die Wunde mit möglichst keimfreien Auflagen oder Tüchern. Danach polstern Sie den gesamten Bruchbereich mit weichem Material ab. Schwellungen kühlen Sie mit kalten Umschlägen.

Blutungen

Nachdem der Rettungsdienst alarmiert ist, legen Sie bei starken Blutungen eine saubere Auflage auf die Wunde und drücken Sie sie auf die blutende Stelle. Anschließend umwickeln Sie sie zwei bis drei Mal mit einem Verband. Legen Sie ein geschlossenes zweites Verbandpäckchen oder ein anderes Druckpolster darauf und umwickeln es mit dem restlichen Verband. Versuchen Sie, genau auf die Stelle zu drücken, aus der das meiste Blut kommt. Lagern Sie den verletzten Körperteil hoch – sobald er sich über dem Herzen befindet, wird weniger Blut hineingepumpt und der Blutverlust verringert.

Ersthelfer in der Apotheke

In jedem Betrieb, also auch in der Apotheke, muss der Arbeitgeber nach § 10 Arbeitsschutzgesetz Mitarbeiter benennen, die Aufgaben der Ersten Hilfe übernehmen. Ein Betrieb mit 2 bis 20 Beschäftigten muss einen Ersthelfer haben, bei mehr als 20 Beschäftigten müssen 5 Prozent der Mitarbeiter ausgebildete Ersthelfer sein. 

Die betrieblichen Ersthelfer müssen ihr Erste-Hilfe-Wissen in entsprechenden Kursen alle zwei Jahre auffrischen. Kurse gibt es etwa beim Deutschen Roten Kreuz (DRK), den Johannitern und den Maltesern.

Menschen, die stark unterkühlt sind, müssen langsam und schonend von innen, also vom Körperstamm her, erwärmt werden, etwa durch heiße Getränke und wärmende Decken. Plötzliche Wärme von außen kann ihre schlecht durchblutete Haut verbrennen. Auch dürfen stark unterkühlte Personen so wenig wie möglich bewegt oder gar aufgerichtet werden. Der Grund: Ein unterkühlter Körper stellt zuerst die Blutversorgung der Außenzonen wie Zehen oder Finger ein, um so lange wie möglich Herz und Organe versorgen zu können. Wird der Unterkühlte plötzlich bewegt, erweitern sich eventuell Gefäße, die sich zum Schutz des Körperinneren bereits geschlossen hatten. Aus den Randzonen fließt kaltes Blut zum Herzen. In der Folge sinkt die Bluttemperatur rund um das Herz weiter ab, schlimmstenfalls kommt es zum sogenannten Bergungstod.

Bei Bewusstlosigkeit, aber sicher vorhandenem Kreislauf und normaler Atmung, sollten Sie den Betroffenen vorsichtig und mit möglichst kleinen Bewegungen in die stabile Seitenlage bringen. Bei Kreislaufstillstand oder nicht sicher vorhandenem Kreislauf und normaler Atmung (»keine Lebenszeichen«): immer sofort Herzdruckmassage (»Prüfen – Rufen – Drücken«) durchführen, wenn nötig mit Beatmung.

Atemnot

Wer sich verschluckt und in Atemnot gerät, hustet. Je ernster die Situation wird, desto weniger kann der Betroffene aber durch Husten oder Japsen auf sich aufmerksam machen. Wer überhaupt keine Luft mehr bekommt, gibt keine Laute mehr von sich. Beugen Sie die Person vornüber und schlagen ihr kräftig zwischen die Schulterblätter, um sie zum Husten zu bringen. Kleinkinder halten Sie an den Füßen nach oben. Versuchen Sie, den Gegenstand herauszuklopfen oder zu -schütteln. Bei Insektenstichen im Hals-Rachen-Raum lassen Sie den Betroffenen Speiseeis oder Eiswürfel lutschen, sofern er noch problemlos schlucken kann.

Verbrennungen

Kleiderbrände löschen Sie mit Wasser. Wenn Sie kein Wasser zur Hand haben, ersticken Sie die Flammen mit einer Decke. Fehlt auch die, wälzen sie den Betroffenen auf dem Boden.

Kleinflächige Verbrennungen, etwa am Arm oder Bein, übergießen Sie für wenige Minuten mit kaltem Wasser oder tauchen sie in kaltes Wasser ein. Am Körperstamm wird nicht gekühlt, denn eine mögliche Unterkühlung könnte schlimmer sein als die Folgen der Verbrennung. Decken Sie dann den Betroffenen zu. Öffnen Sie auf keinen Fall Brandblasen und versuchen Sie nicht, versengte Kleidung von der Haut zu lösen. /

Im Notfall richtig handeln

Verena Arzbach / In einer absoluten Ausnahmesituation umsichtig und besonnen zu helfen, ist generell nicht einfach. Bei vielen liegt zudem der letzte und oft einzige Erste-Hilfe-Kurs lange zurück. Angst, etwas falsch zu machen, und Unsicherheit stehen Ersthelfern dann oft im Weg.

Eine Auffrischung der Erste-Hilfe-Kenntnisse ist daher immer empfehlenswert. Das Erste-Hilfe-Handbuch aus dem Verlag Dorling Kindersley ist hierfür bestens geeignet: Es zeigt die wichtigsten Maßnahmen der Ersten Hilfe und Lebensrettung in klaren Schritt-für-Schritt-Anleitungen in Kombination mit anschaulichen Fotos.

Das Handbuch ist in Zusammenarbeit mit dem Malteser Hilfsdienst entstanden und folgt den aktuellen Richtlinien der Bundesärztekammer und des European Resuscitation Council. Es zeigt zum Einstieg grundlegende Verhaltensregeln für den Notfall und geht danach Kapitel für Kapitel auf verschiedene Notfall-Situationen ein: So wird unter anderem das richtige Verhalten bei Herzinfarkt, Schlaganfall und Atemnot gezeigt und die Versorgung von Verletzungen wie Knochenbrüchen, Verbrennungen oder Wunden detailiert erläutert.

Die in der jeweiligen Situation zu leistenden Maßnahmen sind gut erklärt und auch aufgrund der Fotos leicht verständlich. Zu Beginn jedes Kapitels gibt es außerdem kurze laienverständliche Erläuterungen zur Anatomie und Physiologie. So kann der Leser die im Folgenden beschriebenen Schritte besser verstehen und nachvollziehen.

Das Erste-Hilfe-Handbuch eignet sich als Begleitlektüre zum Erste-Hilfe-Kurs sowie zur regelmäßigen Auffrischung der eigenen Kenntnisse. Aufgrund der farbigen Kapitelmarkierungen, die ein schnelles Nachschlagen ermöglichen, kann das Buch auch direkt und gezielt im Notfall genutzt werden. Es ist absolut empfehlenswert, ein solches Buch in der Apotheke griffbereit zu haben – damit im Notfall Kunden oder Kollegen schnell geholfen werden kann. /

Erste-Hilfe-Handbuch. Wissen – Ratschläge – Selbsthilfe.

Dorling Kindersley Verlag, 288 Seiten mit mehr als 400 Abbildungen und 70 Illustrationen,

ISBN 978-3-8310-2996-9, 16,95 Euro.