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Kreuzschmerz-Leitlinie

Bewegen statt schonen

15.08.2017  13:12 Uhr

Von Maria Pues / Im Frühjahr dieses Jahres ist die ­aktualisierte Fassung der Nationalen Versorgungs­leitlinie »Nicht spezifischer Kreuzschmerz« erschienen. Die dazu­gehörige Patientenleitlinie wird zwar noch überarbeitet, aber es gibt bereits aktualisierte ­Infoblätter für Patienten.

Weniger Untersuchungen, weniger Arzneimittel und vor allem keine Massagen und keine Bettruhe – stattdessen der Rat, sich zu bewegen. Kreuzschmerz-Patienten, die nach einem Arztbesuch die Apotheke aufsuchen, zeigen sich über diese Empfehlungen möglicherweise verwundert. Häufig reagieren sie auch mit Unverständnis oder gar Unmut auf derlei Veränder­ungen und vermuten dahinter »reine Sparmaßnahmen«. PTA und Apotheker können dann nicht nur auf die aktualisierte Version der Nationalen Therapie­leitlinie »Nicht spezifischer Kreuzschmerz« verweisen, sondern ihnen auch Handzettel zu einigen der aktuellen Empfehlungen weiterreichen (siehe auch Kasten).

Zum Hintergrund: Kreuzschmerzen sind ein häufig vorkommendes Leiden. Kaum jemand bleibt im Verlauf seines Lebens davon verschont. Die Leitlinie zitiert eine telefonische Befragung aus den Jahren 2009 und 2010, wonach zum Zeitpunkt der Befragung 25 Prozent der Frauen und 17 Prozent der Männer angaben, unter Kreuzschmerzen zu leiden, die mindestens drei Monate anhielten und sich nahezu täglich bemerkbar machten. Die Wahrscheinlichkeit für Kreuzschmerzen steigt mit dem Alter, aber auch eine Reihe weiterer Faktoren spielt dabei eine Rolle. Dazu gehören etwa Bildungsgrad und Beruf, aber auch psychische Fak­toren. Ziel der Behandlung ist zu verhindern, dass sich aus einem akuten Kreuzschmerz ein chronischer ent­wickelt.

Weniger Röntgen

Wenn sich während der Anamnese und der körperlichen Untersuchung keine Hinweise auf spezifische Ursachen für den Kreuzschmerz zeigen, sind laut Leitlinie keine weitergehenden Untersuchungen vorgesehen. Denn weitere Untersuchungen haben meistens keinen Einfluss auf die dann folgende Thera­pie. Anders sieht es aus, wenn sich Anhaltspunkte für eine spezifische Ursache ergeben: wenn etwa der Verdacht auf Osteoporose besteht oder auf ein Geschehen, das auch Nerven­fasern dauerhaft schädigen kann, beispielsweise ein Bandscheibenvorfall. Auch Infektionen können mit Rückenschmerzen einhergehen. Halten die Beschwerden trotz leitliniengerechter Therapie jedoch an, soll eine bildgebende Diagnostik wie Röntgen oder eine Magnetresonanztomografie (MRT) in Betracht gezogen werden.

Patienten, die zum ersten Mal mit akuten nicht spezifischen Kreuzschmerzen einen Arzt aufsuchen, bekommen von diesem häufig die Informa­tion, dass die Beschwerden oft von selbst wieder verschwinden. Sie er­halten lediglich Tipps zu einer rückengesunden Lebensführung, besonders mit mehr Bewegung.

Weniger Arzneimittel

Die Zahl der Wirkstoffgruppen, die bei unspezifischem Kreuzschmerz zum Einsatz kommen, hat sich verringert. Als Mittel der ersten Wahl gelten nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Di­clofenac, Ibuprofen oder Naproxen. Diese sollen in der niedrigsten wirksamen Dosis und für möglichst kurze Zeit angewendet werden. Die Leitlinienautoren raten zu einer Tagesdosis von 100 mg Diclofenac, 1200 mg Ibuprofen oder 750 mg Naproxen. Können NSAR beispielsweise aufgrund von Kontraindikationen nicht eingesetzt werden, kann der Arzt auf Opioide ausweichen. Auch diese sollen nur über einen begrenzten Zeitraum gegeben werden. Für den Patienten ist wichtig zu wissen: Das Schmerzmittel ist nicht die Therapie, sondern soll diese erst ermög­lichen.

Paracetamol empfehlen die Autoren der Leitlinie nicht, da dieses bei Kreuzschmerzen in Studien im Vergleich zu Placebo keinen Vorteil zeigte. Auch Phytotherapeutika wie Teufelskralle, topisch anzuwendende Arzneimittel mit NSAR oder Beinwell sowie Injektionen mit Analgetika, Lokalanästhetika, Glucocorticoiden oder Mischungen davon werden nicht mehr empfohlen.

In Bewegung bleiben

Die wichtigste Therapiemaßnahme bei akuten unspezifischen Rückenschmerzen lautet: bewegen, bewegen, bewegen. Eine ausgewogen trainierte Muskulatur – nicht nur die des Rückens – trägt ein geringeres Risiko für un­spezifischen Kreuzschmerz. Passive Maßnahmen wie Massagen oder Packungen werden wegen fehlender Evidenz nicht mehr em­pfohlen. Entwickelt sich aus einem akuten ein chronischer Kreuzschmerz, empfehlen Ärzte eine individuelle multimodale Therapie.

»Wozu soll ich dann überhaupt zum Arzt? Die Tabletten kann ich mir auch selbst kaufen.« Auch eine solche Reaktion ist den meisten PTA und Apothe­kern nicht fremd. Bezüglich Schmerzlinderung und vor allem in Sachen Bewegung hat der Patient sicher recht. Doch die Frage, ob nicht auch Anzeichen berücksichtigt werden müssen, denen er bisher vor lauter Rückenschmerzen noch gar keine Beachtung geschenkt hatte, kann er selbst nur schwer beantworten. Auch das Risiko für eine Chronifizierung kann er allein sicher kaum abschätzen.

Spätestens wenn sich nach einigen Tagen der Selbstbehandlung keine Besserung einstellt, sollte der Arzt untersuchen, ob es sich tatsächlich um einen akuten unspezifischen Rückenschmerz handelt oder ob nicht etwa eine andere Ursache hinter den Beschwerden steckt. Neben den genannten spezifischen Ursachen kommen nicht zuletzt auch solche infrage, die ihre Ursache gar nicht im Rücken haben. So strahlen etwa Gallensteinleiden mitunter in den Rücken aus. Auch eine Nierenbeckenentzündung kann sich wie ein Bandscheibenvorfall anfühlen. /

Weiterführende Informationen

Die Nationale Versorgungsleitlinie (NVL) Nicht spezifischer Kreuzschmerz in Kurz- und Langfassung, Faltblätter mit wichtigen Empfehlungen im Überblick sowie Patienteninformationen und Fragebögen finden Interessierte auf www.leitlinien.de/nvl/kreuzschmerz.