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Superfood

Exotische Lebensmittel im Trend

15.08.2017
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Von Judith Schmitz / Exotische Lebensmittel mit scheinbar positiven Effekten auf die Gesundheit, Superfood genannt, liegen im Trend. Doch sind Chia-Samen, Moringablätter und Chlorella-Algen wirklich so super?

Den Hype um Superfood gibt es nun schon einige Jahre, eine offizielle Definition oder gesetzliche Regelung nicht. Der Begriff ist nicht geschützt. Laut dem Europä­ischen Informationszentrum für Lebensmittel (EUFIC) gelten »Lebensmittel, besonders Obst und Gemüse, die aufgrund ihres Nährstoffgehaltes einen höheren gesundheitlichen Nutzen als andere Lebensmittel haben« als Superfood.

In der Regel seien diese pflanzlichen Lebensmittel reich an Mikronährstoffen, Enzymen oder sekundären Pflanzenstoffen, erklärt Angela Clausen, Ernährungswissenschaftlerin bei der Verbraucherzentrale NRW. »Sie sollen schön, gesund und leistungsfähig machen und mindestens einer Krankheit vorbeugen.«

Neben der reinen Pflanze oder Frucht gibt es Superfood-Produkte als Saft oder Pulver für Smoothies, Müsli und Backwaren oder als Nahrungs­ergänzungsmittel in Form von Kapseln und Pulver. Die Palette reicht von Superfruits über Superveggies bis hin zu Supergrains und Superseeds. In Mode sind derzeit auch Pflanzenöle aus Hanfsamen, Granatapfelkernen, Kokos, Moringasamen oder Inka-Nuss. Bestand Superfood vor einigen Jahren nur aus exotischen Produkten, werden inzwischen auch heimische Pflanzen wie Brennnessel, Brokkoli oder Hagebutte als regionales Superfood bezeichnet.

Riesiger Markt

Von 2011 bis 2015 hat sich die Zahl der neu eingeführten Superfood-Produkte verdreifacht. Während der Umsatz 2014 bei 1,5 Millionen Euro lag, wurden die Produkte 2016 für 42,6 Millionen Euro verkauft. Besonders beliebt sind Chia-Samen. Sie machen rund 63 Prozent des Umsatzanteils an Superfood aus, gefolgt von Trockenfrüchten wie Goji- und Aronia-Beeren und Nahrungsergänzungspulvern aus Spirulina, Moringa oder Weizengras. Durchschnittlich gibt jeder Bürger jährlich etwa 21 Euro für Superfood aus. Inzwischen ist dieses nicht mehr nur in Feinkostläden oder Reformhäusern erhältlich. Einige Drogeriemärkte und Discounter haben die Trendprodukte sogar als Eigenmarken im Sortiment.

Clausen erklärt den regelrechten Hype um Superfood mit dem Inkrafttreten der Health-Claims-Verordnung der EU in 2007, die gesundheitsbezogene Aussagen regelt. Seitdem dürfen Hersteller in Europa nicht damit werben, dass Lebensmittel Krankheiten vorbeugen, behandeln oder heilen können. Die Lebensmittelindustrie wolle dennoch den Gesundheitswert einzelner Lebensmittel herausstellen, etwa mit Aussagen wie »aktiviert die Abwehrkräfte«.

Werbeaussagen, die den Nutzen einzelner Produkte oder Inhaltsstoffe für gesunde Personen wiedergeben, sind prinzipiell erlaubt. Der Hersteller muss aber den Slogan bei der Europä­ischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) anmelden und prüfen lassen. Anschließend genehmigt die EU-Kommission die Aussage per Verordnung oder lehnt sie ab. Bisher hat sie nur 240 von mehr als 4600 angemeldeten Aussagen zugelassen, vor allem für Mineralstoffe und Vitamine.

Die Beurteilung der Wirkung von Pflanzenzubereitungen falle besonders schwer, erklärt Clausen. Im Grunde wolle die EFSA weiter ihre strengen Kriterien anlegen, so ihre Einschätzung. Dann allerdings würden für die Zulassung eines traditionellen pflanzlichen Arzneimittels geringere Voraussetzungen gelten als für die Bewerbung eines pflanzlichen Lebensmittels. »Die EU entzieht sich diesem Dilemma durch Nichthandeln. Die Verwendung des Begriffes Superfood ist daher fast schon eine logische Konsequenz, enthält er doch keinen Gesundheitsbezug im Namen und verspricht trotzdem alle Wunder dieser Welt«, so Clausen.

Beispiele für Superfoods

Superfruits
Açai Aronia Baobab Blaubeere Camu-Camu Cranberry Goji Granatapfel Lucuma Maqui Opuntia
Supergrains/Superseeds
Amaranth Buchweizen Chia-Samen Hanfsamen Inka-Nuss Kokosnuss Kürbiskerne Leinsamen Quinoa
Superveggies
Algen: Spirulina, AFA, Chlorella Avocado Brennnessel Dinkel-/Weizengras, Gerstengras Matcha Moringa Rote Bete Spinat
Quelle: Verbraucherzentrale NRW

Was versprechen sich die Verbraucher von Superfood? Die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Daniela Graf vom Max Rubner-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, sagt: »Für viele ist es eine schöne Vorstellung, sich keine vollwertige Mahlzeit zubereiten zu müssen, sondern ohne großen Aufwand ein Pulver zu sich zu nehmen und zu denken, das macht gesund oder hält fit.« Das Marketing nutze diesen Wunsch geschickt für die Platzierung der Produkte. Dass die einzelnen Superfoods meist nicht das hielten, was sie versprechen, zeige nicht zuletzt die Beobachtung, dass alle paar Monate ein neues Lebensmittel zum Superfood erklärt werde und sich keines auf Dauer durchsetze.

Studienlage unbefriedigend

Tatsächlich sei die Studienlage zu den einzelnen Supernahrungsmitteln rar, sagt Clausen. Oft würden Ergebnisse aus Zell- oder Tierversuchen übertrieben dargestellt und einfach auf den Menschen übertragen. Die wenigen Studien mit Menschen fielen durch kleine Probandenzahlen, fehlende Kontrollgruppe, unrealistisch hohe Dosierungen oder durch die Verwendung nicht vergleichbarer, isolierter Inhaltsstoffe auf.

Clausen bemängelt außerdem, dass Superfood häufig mit einem deutlich höheren Gehalt an wertvollen Inhaltsstoffen verglichen mit anderen Lebensmitteln beworben werde. »Das relativiert sich schnell, wenn man die eigentliche Verzehrmenge betrachtet.« Chia-Samen beispielsweise enthalten mit 638 mg pro 100 g viel Calcium. Die Tageshöchstmenge für Chia-Samen hat die EFSA allerdings auf 15 g festgelegt. Diese Menge enthält demnach 95,7 mg Calcium. Das Dreifache hat man bereits mit einem Glas Milch zu sich genommen: 250 ml Milch enthalten rund 300 mg Calcium. »Zudem gibt es kaum offizielle, sondern vor allem kommerzielle, interessengesteuerte Nährwertanalysen. Diese weichen zwischen den Anbietern erstaunlich ab«, so Clausen.

Ernährungswissenschaftlerin Graf sieht kritisch, dass Superfoods oft nicht frisch verzehrt werden, sondern in Form von Kapseln oder Pulver, die den vermeintlich gesundheitsfördernden Inhaltsstoff in konzentrierter Form enthalten. »Davon rate ich ab. Ein Zuviel dieser Inhaltsstoffe kann etwa zu negativen Wechselwirkungen mit Medikamenten führen, wenn diese gleichzeitig eingenommen werden.« Sie geht noch einen Schritt weiter: »Es gibt kein Superfood.« Es sei nicht möglich, ein Lebensmittel einzunehmen und dann zu denken, man sei gesund. »Zu einer gesunden Ernährung gehören frisches Obst und Gemüse sowie möglichst wenig verarbeitete Lebensmittel.«

Clausen gibt zu bedenken, dass frisches exotisches Superfood zwar anfänglich sehr nährstoffreich sei. Fraglich sei jedoch, welche Mengen der beworbenen Inhaltsstoffe das Endprodukt noch enthalte, wenn man allein die langen Transportwege berücksichtigt. Auch bemängelt sie die intensive Verarbeitung dieser Lebensmittel. Etwa würden sie mit Konservierungsmitteln haltbar gemacht. Teils kämen Säuerungs-, Antioxidations-, Verdickungs- und Überzugsmittel hinzu. »Cranberries werden wie Rosinen getrocknet angeboten, sind im Gegensatz zu diesen aber immer mit fast 50 Prozent Zucker versetzt, teils sogar zusätzlich aromatisiert.«

Clausen spricht auch Hygienepro­bleme bei exotischen pflanzlichen Lebensmitteln an. Auf frischen Kräutern aus Asien wurden etwa Enterobakterien gefunden, Salmonellen bei getrockneten Produkten wie Moringablattpulver. »Immer wieder wird festgestellt, dass Superfood übermäßig mit in Europa nicht zugelassenen Pestiziden und Schwermetallen wie Cadmium belastet ist. Algen oder getrocknete Pflanzen fallen mit polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen auf, Samen durch hohe Gehalte an Schimmelpilzen beziehungsweise deren Toxinen sowie Mineralölrückständen.«

Zu beachten seien auch negative Auswirkungen auf die Menschen und Umwelt in den Herkunftsländern von Superfood, etwa in Asien und Lateinamerika, so Clausen. Die gesteigerte Nachfrage bei uns habe mehrere Folgen: Der dortige Anbau werde professioneller. Dadurch würden mehr Chemikalien auf die Felder gebracht, häufig ohne Schutz der Landarbeiter. Die Biodiversität weiche Monokulturen. Die Einheimischen müssten nun mehr für das Superfood-Lebensmittel bezahlen, von dem sie sich seit Generationen ernähren. »Der Preis für Quinoa ist in Bolivien derart gestiegen, dass viele Einheimische ihr traditionelles Grundnahrungsmittel nicht mehr bezahlen können und auf andere Nahrungsmittel ausweichen müssen. Diese haben aber oft nicht die gleiche ernährungsphysiologische Qualität«, berichtet Clausen.

Graf regt an, sich den Kontext der Superfood-Wirkung klarzumachen. Açai-Beeren etwa gelten als Super-Energielieferant. Sie würden viel in südamerikanischen Staaten gegessen, wo Mangelernährung herrsche. »In Deutschland haben wir aber eher mit Übergewicht zu kämpfen. Einen Super-Energiespender brauchen wir nicht.« Man sollte auch kritisch hinterfragen, ob die angepriesene Wirkung überhaupt benötigt wird.

Die gesundheitsfördernde Wirkung einer Ernährungsweise lasse sich nicht auf einzelne Lebensmittel einschränken, sagt auch die Ernährungswissenschaftlerin Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Sie basiere auf einer ausgewogenen und abwechslungsreichen pflanzenbetonten Ernährung. »Superfood-Lebensmittel können den Speiseplan durchaus ergänzen und vervielfältigen, aber man sollte sich keine Wunder erhoffen.« Deutschland sei kein Vitaminmangelland und daher seien keine exotischen Früchte notwendig, um unseren täglichen Nährstoffbedarf zu decken. Gahl hat sich für PTA-Forum einige Superfood-Produkte genauer angesehen.

Chia-Samen

Werbeaussagen, dass Chia-Samen die Verdauung fördern, den Blutzucker regulieren oder schlank machen, sind in Verbindung mit Lebensmitteln unzulässig. Über positive langfristige Gesundheitseffekte gibt es derzeit keine wissenschaftlich gesicherten Aussagen. Hersteller dürfen allerdings mit einem Hinweis auf den hohen Ballaststoffgehalt werben. Die Samen bestehen zu etwa 20 Prozent aus Proteinen, zu 30 Prozent aus Fett und bis zu 40 Prozent aus Kohlenhydraten, enthalten Antioxidanzien sowie essenzielle mehrfach ungesättigte Fettsäuren wie Omega-3-Fettsäuren. Chia-Samen sind sehr quellfähig und reichern Speisen mit Ballaststoffen an. Ein Kilogramm kostet zwischen 10 und 20 Euro. Alternative Quellen für Omega-3-Fettsäuren sind auch wesentlich günstigere Lebensmittel wie geschroteter Leinsamen, Rapsöl und Nüsse. Aufgepasst: Werden Chia-Samen als Ganzes statt geschrotet gegessen, ergeht es ihnen wie Leinsamen. Sie verlassen den Körper mitsamt ihrer Inhaltsstoffe unverdaut.

Goji-Beeren

Den Früchten wird eine antioxidative Wirkung und ein Anti-Aging-Effekt zugeschrieben. Sie sollen blutdrucksenkend und immunstärkend sein sowie Schlafprobleme lindern. Wissenschaftliche Belege fehlen. Bei uns werden vor allem getrocknete Beeren aus China angeboten. Sie liefern verschiedene Nährstoffe wie die Vitamine A, C, E, außerdem Eisen, Calcium, Magnesium. Der Vitamin-C-Gehalt etwa liegt bei rund 48 mg pro 100 mg und ist mit dem von Zitronen vergleichbar.

Heimische Alternativen mit viel Vitamin C sind Paprika, Rosenkohl, Grünkohl und schwarze Johannisbeere. Calcium liefern Spinat, Brokkoli sowie Milchprodukte. Haselnüsse enthalten Eisen, Magnesium und Vitamin E. Zum Nährstoffgehalt von Goji-Beeren lägen generell wenig verlässliche Daten vor, so Gahl. Ein Kilogramm kostet zwischen 15 bis 20 Euro, eine Handvoll (etwa 20 g) täglich entsprechen 40 Cent.

Chlorella-Algen

Chlorella-Algen zählen wie Spirulina zu den Süßwasseralgen und sollen angeblich das volle Nährstoffspektrum an Vitaminen, Mineralstoffen, Eiweiß und Fettsäuren enthalten. Kapseln und Tabletten mit den Algen eigneten sich kaum, um diese Erwartungen zu erfüllen, sagt Gahl. Die Algen enthielten zwar viel Eiweiß. Doch in der empfohlenen Tageshöchstdosis von 1,1 bis 5,4 g deckten die Präparate kaum den Tagesbedarf. Ein 70 kg schwerer Mann etwa benötigt 56 g Eiweiß pro Tag. Zusätzlich werde der hohe Jodgehalt der Algen beworben. Doch dieser schwanke in getrockneten Algen zwischen 5 und 11 000 mg/kg, so Gahl. Als Höchstmenge empfiehlt die DGE 0,5 mg Jod pro Tag. »Ein Jod-Überangebot kann gesundheitsgefährdend sein.« Nehmen Menschen mit latenter oder unbehandelter Schilddrüsenüberfunktion viel Jod auf, kann dies Beschwerden einer Überfunktion auslösen oder bestehende verschlimmern. /