PTA-Forum online
Vergiftungen bei Kindern

Gefahren im Haushalt

15.08.2017  13:12 Uhr

Von Clara Wildenrath / Was essbar ist und was nicht, können kleine Kinder nicht unterscheiden. Allzu oft passiert es deshalb, dass sie Reinigungsmittel, Kosmetika oder elterliche Medikamente verschlucken.

Kleine Kinder nehmen gerne alles in den Mund, was ihnen interessant erscheint. Und im Haushalt findet sich vieles, was ihre Neugier weckt: der lecker aussehende rote Saft am Spülbecken, Pillen auf dem Nachttisch der Mama oder bunte Waschmittelkapseln. Nur einen Moment nicht aufgepasst – schon hat der Nachwuchs probiert, wie der Inhalt der Putzmittelflasche oder der Medikamentenpackung schmeckt.

Jedes Jahr bekommen die bundesweit acht Giftinformationszentralen mehr als 200 000 Anfragen, weil Kinder gefährliche Substanzen geschluckt haben. Die Zahl dieser Anfragen hat sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt. Betroffen sind vor allem Kleinkinder im Alter von zehn Monaten bis etwa zwei Jahren. Erst ab dem dritten oder vierten Lebensjahr lernen sie, Essbares von Nicht-Essbarem zu unterscheiden, und die Gefahr lässt nach. Etwa 20 000 Kinder müssen jährlich wegen Vergiftungen oder Verätzungen medizinisch behandelt werden – das sind mehr als 50 pro Tag. In den meisten Fällen geht das aber zum Glück glimpflich aus.

In rund 40 Prozent der Fälle sind chemische Helfer für Küche, Haushalt und Toilette der Grund für den Giftnotruf. Damit haben sie inzwischen die Medikamente als Hauptursache solcher Unfälle überholt. Die meisten Allzweckreiniger enthalten in erster Linie anionische und nichtionische Tenside – also waschaktive, schaumbildende Substanzen. Sie sind nicht direkt giftig, reizen aber den Magen. Deshalb muss sich das Kind nach der Einnahme meist übergeben. Weil das Erbrochene stark schäumen kann, besteht die Gefahr, dass es sich daran verschluckt und Flüssigkeit in die Lunge gelangt (Aspiration). Aufgrund der Schaumbildung im Magen-Darm-Trakt kommt es auch oft zu Bauchschmerzen.

Die Experten der Giftnotrufzentralen empfehlen nach der versehentlichen Einnahme von tensidhaltigen Reinigungsmitteln die Gabe eines Entschäumers wie Dimeticon oder Simeticon. Auf keinen Fall darf Erbrechen ausgelöst werden. Anders als bei anderen Vergiftungen sollte das Kind besser nur wenig trinken, um die Schaummenge nicht zu erhöhen. Bei anhaltendem Husten ist ein Arztbesuch ratsam.

Konzentrierte Säuren

Weitaus gesundheitsschädlicher als die meisten Universalreiniger sind Haushaltschemikalien, die ätzende Substanzen oder konzentrierte Säuren enthalten. Dazu gehören zum Beispiel viele WC-, Abfluss- oder Backofenreiniger und unverdünnte Entkalker. Sie können die Mundschleimhaut und die Speiseröhre ernsthaft verletzen. Typische Anzeichen für eine solche Verätzung sind Schmerzen, Speichelfluss und geschwollene, gerötete Lippen und Schleimhäute.

Bei diesen Symptomen muss das Kind sofort zum Arzt. Noch mehr als bei anderen Vergiftungen gilt hier: Auf keinen Fall Erbrechen herbeiführen! Das würde die Speiseröhre ein weiteres Mal verätzen. Hilfreich ist dagegen, viel zu trinken, um Säuren oder Laugen zu verdünnen. Vorher sollten eventuelle Reste der Chemikalie aus dem Mund gewaschen werden. Nach Kontakt mit der Haut oder den Augen ist ausreichendes Spülen (mindestens zehn Minuten) mit nicht zu kaltem Wasser wichtig.

Lampenöl besonders giftig

Zu den gefährlichsten Produktgruppen im Haushalt zählt laut der Aktion »Das sichere Haus« Lampenöl auf Petroleumbasis. Die eingefärbten und aromatisierten Flüssigkeiten üben auf Kinder eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Oft trinken sie sie direkt aus der ungesicherten Lampe auf dem Tisch oder lutschen am Docht. Schon weniger als 1 Gramm kann schwere Atemwegskomplikationen durch Verschlucken in die Lunge verursachen. Warnzeichen sind anhaltender Husten, Luftnot oder eine beschleunigte Atmung. Bei diesen Symptomen sollte sofort der Rettungsdienst alarmiert werden. Neuere Lampenöle auf Basis von Rapsöl oder Biodiesel sind weniger gefährlich.

Zigaretten liegen ebenfalls in vielen Haushalten frei zugänglich herum. In einer einzigen ist schon eine für ein Kleinkind tödliche Nikotindosis enthalten, warnt »Das sichere Haus«. Dennoch werden beim Verschlucken von Zigarettenteilen nur selten schwerwiegende Symptome beobachtet, da Nikotin im Magen und Darm nur langsam aus dem Tabak freigesetzt wird. Gefährlicher ist Tabaksud, zum Beispiel aus Aschenbechern auf dem Balkon oder aus halbleeren Getränkedosen, in die Zigarettenkippen entsorgt wurden. Nikotinkaugummis oder -pflaster, die Kinder in den Mund nehmen, können ebenfalls bedrohliche Beschwerden verursachen. Auch die Inhaltsstoffe von E-Zigaretten sind für Kinder potenziell gefährlich. Eine leichte Nikotinvergiftung äußert sich in Unruhe, Zittern, Erbrechen, Schwitzen und Blässe; bei schweren Verläufen kommen Bewusstseins- und Atemstörungen, Krampfanfälle und bedrohliche Kreislaufstörungen hinzu.

Kindersicher verwahren

Auf Platz 2 der häufigsten Vergiftungsunfälle rangieren Arzneimittel. Gefährdet sind vor allem Kinder im dritten und vierten Lebensjahr. Oft passieren auch den Eltern Fehler bei der Gabe von Medikamenten, weil sie sie mit ähnlichen Mitteln verwechseln, zum Beispiel bei Fluoridtabletten oder Fieberzäpfchen. Eine Auswertung des Gemeinsamen Giftinformationszentrums (GGIZ) der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ergab: Die meisten Anfragen beziehen sich auf Ibuprofen, gefolgt von Paracetamol und hormonellen Verhütungsmitteln.

Giftnotrufnummern

bei schweren Symptomen (Atemnot, Bewusstlosigkeit):

  • Notruf 112
  • Berlin: 030-19240
  • Bonn: 0228-19240
  • Erfurt: 0361-730730
  • Freiburg: 0761-19240
  • Göttingen: 0551-19240
  • Homburg/Saar: 06841-19240
  • Mainz: 06131-19240
  • München: 089-19240

Wichtig sind folgende Angaben:

  • Wer (Alter, Körpergewicht) hat was (Name des Produkts, Ver­packung oder Etikett bereithalten) wann und in welcher Menge eingenommen?
  • Welche Krankheitserscheinungen hat der Betroffene?
  • Wer ruft an? Name und Telefonnummer für eventuellen Rückruf

Unterschätzt wird oft die Gefährlichkeit von Paracetamol, das Kinder als Schmerzmittel oder zur Fiebersenkung bekommen. Das Tückische daran: Direkt nach der Einnahme verursacht Paracet­amol auch in größeren Mengen kaum Beschwerden. Symptome wie Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen beginnen schleichend und sind unspezifisch. Bereits ab der Tageshöchstdosis von 50 mg pro kg Körpergewicht kann Paracet­amol zu Leberfunktionsstörungen führen. Für ein 15 kg schweres Kind reichen dafür schon eineinhalb Tabletten à 500 mg. Bei größeren Mengen droht Organversagen, das tödlich enden kann. Ibuprofen gilt im Vergleich dazu als ungefährlich: Dass Kinder so viele Tabletten oder Saft schlucken, dass es zu Vergiftungserscheinungen kommt, ist sehr selten. Auch die versehentliche Einnahme der Antibabypille schätzt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) als relativ harmlos ein. Abhängig von der Menge kann es zu Übelkeit, Appetitlosigkeit und Erbrechen kommen. Meist treten die Symptome etwa zwölf Stunden später auf.

Gefährlich für Kinder sind laut BfR besonders drei Medikamentengruppen: Antiarrhythmika (zum Beispiel Amio­daron, Chinidin, Flecainid oder Propafenon), Antidepressiva (wie Ami­triptylin, Imipramin und Opipramol) und Antidiabetika wie Glibenclamid. Wenn ein Kind nur eine einzige Tablette mit einem dieser Wirkstoffe erwischt, kann das bereits bedrohliche Folgen wie Herzrhythmusstörungen und Bewusstseinseintrübungen haben. Deshalb sollte das Kind besser im Krankenhaus überwacht werden. Treten etwa Schläfrigkeit oder Verwirrtheit auf, ist der Notarzt zu alarmieren.

Erste Hilfe bei Vergiftungen

  • Ruhe bewahren
  • eventuell Reste aus dem Mund entfernen
  • Tee, Wasser oder Saft zu trinken geben (keine Milch!)
  • kein Erbrechen auslösen
  • Giftnotrufzentrale anrufen

Für die Erste Hilfe im Vergiftungsfall soll die Hausapotheke enthalten:

  • medizinische Kohle in Pulverform: Sie bindet Gifte und verhindert deren Aufnahme ins Blut
  • entschäumende Tropfen: zum Beispiel mit Simeticon (wie Sab simplex® oder Lefax® Pump Liquid)

Opioide wie Morphin, Codein oder Tramadol finden in entsprechender Dosierung auch in der Kinderheilkunde Verwendung. Dennoch können sie lebensbedrohlich werden, wenn der Nachwuchs größere Menge davon einnimmt: Es drohen Bewusstlosigkeit, Krampfanfälle und eine Verminderung der Atemtätigkeit. Besonders gefährlich sind Retard-Präparate, weil ihre Wirkung mit Verzögerung einsetzt – unter Umständen unbemerkt in der Nacht.

Vorsicht bei Babypuder

Auch im Badezimmer finden Kinder vieles, was ihre Neugier weckt, ihrer Gesundheit aber schaden kann. Wirklich giftig sind die meisten Körperpflegeprodukte nicht. Shampoos, Badezusätze oder Duschgele enthalten wie Universalreiniger und Spülmittel allerdings schäumende Tenside, die die Schleimhäute reizen und bei Erbrechen in die Atemwege gelangen können. Auch bei öligen Flüssigkeiten wie Babyöl besteht die Gefahr des Verschluckens in die Lunge. Lungenschäden drohen auch nach dem Einatmen von Babypuder.

Zahnpasta kann Vergiftungserscheinungen verursachen, wenn das Kind größere Mengen davon verschluckt. Entscheidend ist dabei der Fluoridgehalt: Kinderzahnpasta enthält nur 0,05 Prozent Fluorid und verursacht allenfalls Bauchschmerzen. Eine ganze Tube Zahnpasta für Erwachsene oder Fluoridgelee mit bis zu 1,25 Prozent Fluorid kann dagegen Übelkeit, Erbrechen und ernsthafte Herz-Kreislauf-Beschwerden verursachen. Als Erste-Hilfe-Maßnahme empfiehlt das BfR in diesem Fall – aber nur in diesem –, dem Kind ein Glas Milch zu trinken zu geben: Das enthaltene Calcium hemmt die Aufnahme des Fluorids.

Um ihr Kind vor einer Vergiftung zu schützen, können Eltern schon beim Einkauf viel tun: Chemikalien mit Warnsymbolen für Gesundheitsgefährdung meiden, auf kindersichere Verschlüsse achten und Reinigungsmittel mit zugesetzten Bitterstoffen (wie Bitrex®) bevorzugen, die ein Kind nach einem Schluck sofort wieder ausspucken würde. Putzmittel sollten außerdem stets in verschließbaren Schränken aufbewahrt und nicht in Getränkeflaschen oder Lebensmittelbehälter umgefüllt werden. Gewerbliche Produkte enthalten fast immer deutlich höhere Mengen an ätzenden Säuren oder Laugen als Mittel für den Hausgebrauch und sollten deshalb in keinem Haushalt mit Kindern zu finden sein. Arzneimittel gehören – am besten getrennt nach Präparaten für Kinder und für Erwachsene sowie nach innerer und äußerer Anwendung – in einen kindersicheren Medikamentenschrank. Eine selten bedachte Gefahrenquelle ist der Haushalt von Oma und Opa: Hier liegen allzu oft Medikamente leicht zugänglich herum, und auch Putzmittel sind selten kindersicher verstaut.

Selbst beim leisesten Verdacht, das Kind könnte gefährliche Mengen einer giftigen Substanz eingenommen haben, sollten Eltern nicht auf Anzeichen einer Vergiftung warten, sondern gleich bei einem Giftinformationszen­trum anrufen. Dort erfahren sie schnell, ob eine akute Gefährdung besteht und was zu unternehmen ist.

Meist nicht bedrohlich

In der überwiegenden Zahl der Fälle können die Experten die Anrufer beruhigen: Nur sehr selten nehmen Kinder so viel von potenziellen Gefahrstoffen zu sich, dass es ernsthaft bedrohlich ist. In 75 Prozent aller bei den Giftinforma­tionszentren gemeldeten Verdachtsfälle traten keine Symptome auf. Vermeiden lassen sich die Aufregung und mögliche Gesundheitsschäden durch größtmögliche Umsicht im Umgang mit Haushaltschemikalien und Medikamenten – bis der Nachwuchs gelernt hat zu unterscheiden, was lecker und bekömmlich ist und was nur so aussieht. /