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Herzinfarkt

Zeitgewinn durch Wissen

15.08.2017  13:12 Uhr

Von Elke Wolf / Ein wesentlicher Grund für die mehr als 48 000 Herzinfarkt-Toten in Deutschland: Die Symptome eines Infarktes werden häufig nicht rechtzeitig erkannt oder nicht ernst genommen, sodass kein Notruf erfolgt. Die gute Nachricht: Patienten, die schon vorher typische Infarkt-Beschwerden kennen, erreichen die Klinik schneller und haben damit eine höhere Überlebenschance, teilt die Deutsche Herzstiftung mit.

Im Notfall zählt jede Minute. Der Infarkt kann jederzeit lebensbedrohende Herzrhythmusstörungen, ein sogenanntes Kammerflimmern, auslösen. Das kann, wenn es nicht sofort be­hoben wird, einen Herzstillstand zur Folge haben. Vor diesem Schicksal kann der rechtzeitige Notruf 112 bewahren. Bereits im Rettungswagen kann ein Defibrillator eingesetzt werden. Je schneller die Klinik erreicht wird, desto besser sind die Überlebenschancen und umso geringer das Risiko einer schweren Schädigung des Herzens.

Viele Betroffene und ihre Angehörigen zögern im Ernstfall zu lange, bis sie den Notruf absetzen. Nicht wenige ordnen die Symptome falsch ein, haben Scheu vor Fehlalarm besonders am Wochenende oder an Feiertagen oder versuchen, die Beschwerden mit Schmerzmedikamenten zu kupieren. Das kostet den Betroffenen wertvolle lebensrettende Zeit, in der die verheerenden Folgen des Herzinfarkts ihren Lauf nehmen. Etwa jeder zweite Herzinfarkt-Patient stirbt, bevor er die Klinik erreicht. Betroffene sollten beim Notruf unbedingt den Verdacht auf Herzinfarkt deutlich äußern, damit ein Rettungswagen mit Notarzt geschickt wird.

Bei Verdacht auf einen Herzinfarkt – und der besteht, wenn Schmerzen unab­hängig von ihrer Lokalisierung von bislang nicht gekanntem Ausmaß auftreten – sollten Patienten oder An­gehörigen nie zögern, den Notruf zu kontaktieren. »Um in dieser Notfallsituation rasch zu handeln, kommt es darauf an, die Herzinfarkt-Symptome zu kennen. Eine aktuelle Untersuchung belegt den lebensrettenden Zeit­gewinn durch solches Vorwissen als messbaren Effekt«, wird Professor Dr. Thomas Meinertz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, in der Pressemitteilung zitiert.

Nach den Ergebnissen dieser Studie mit 486 untersuchten Herzinfarkt-Patienten, die im Fachjournal »Patient Education and Councelings« publiziert wurde, »haben Herzinfarkt-Patienten mit ausreichendem Vorwissen über die Infarkt-Beschwerden eine 50 Prozent höhere Chance, die Klinik deutlich früher zu erreichen als Betroffene ohne dieses Wissen«, betont Studien­leiter Professor Dr. Karl-Heinz Ladwig von der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psycho­therapie des Klinikums rechts der Isar der TU München. Bei Männern lag die Verzögerungszeitspanne zwischen Herzinfarkt und Behandlung in der Klinik im Schnitt bei 168 Minuten (mit Vorwissen) gegenüber 276 Minuten (ohne Vorwissen), bei Frauen bei 189 Minuten (mit Vorwissen) gegenüber 262 Minuten (ohne Vorwissen). »Wer die Herzinfarkt-Symptome kannte, stufte den Infarkt dann auch schneller als Risikoereignis ein und reagierte eher«, berichtet Ladwig. Der Schlüssel zur erfolgreichen Behandlung liege also beim Patienten und seinen Angehörigen.

Ältere Patienten und Frauen haben ein höheres Risiko für unklare Herzinfarkt-Beschwerden (siehe Kasten), die schwer zuzuordnen sind, etwa Übelkeit, Brechreiz, Schwächegefühl. Sie gehören zur Gruppe mit dem höheren Zeitverlust und benötigen deshalb mehr Aufklärung. »Je älter die Herzinfarkt-Patienten, desto geringer ist der Anteil derjenigen mit spezifischen Symptomen wie Brustschmerz, Kurzatmigkeit oder kalter Schweiß. Das trifft besonders für Frauen über 65 Jahre zu und sollte auch bei Vorsorgeuntersuchungen, Routinekontrollen beim Kardiologen oder in der Nachsorge in den Fokus rücken«, fordert Ladwig, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Herzstiftung.

Herzinfarkt-Vorboten

Dem Herzinfarkt geht oft jahrzehntelang unbemerkt die koronare Herzkrankheit (KHK) voraus, charakterisiert durch Brustschmerzen und/oder Atemnot, die bei körperlicher Belastung wie Treppensteigen, Getränkekisten tragen oder seelischer Erregung auftreten. Endet die Belastung, verschwindet der Schmerz in wenigen Minuten wieder. Man spricht von einer stabilen Angina pectoris. Die KHK kann jahrelang stabil bleiben, dennoch birgt sie ein Gefahren­potenzial, weil sie die Grundlage für den Herzinfarkt darstellt. Nimmt die Intensität oder Dauer der Angina-pectoris-Anfälle zu, sollte der Patient einen Internisten oder Kardiologen aufsuchen. Ist ein Termin nicht sofort zu erhalten, sollte er sich an eine CPU (Chest Pain Unit, Brustschmerzambulanz) oder an die Ambulanz einer Klinik (möglichst mit Herz­katheterlabor) wenden, rät die Deutsche Herzstiftung.

Treten Brustschmerz und/oder Atemnot bei kleinster Belastung oder in Ruhe auf (instabile Angina pectoris), »muss die 112 sofort angerufen werden, weil sich daraus jederzeit ein Herzinfarkt entwickeln kann. Übergänge zwischen instabiler Angina pectoris und Herzinfarkt sind fließend«, warnt Meinertz. Bei der instabilen Form verschließt ein Blutgerinnsel ein Herzkranzgefäß teilweise, beim Herzinfarkt vollständig.

Die Deutsche Herzstiftung warnt aktuell vor einer Verwechslung der bundesweiten Rufnummer 116 117 (»Notdienstnummer«) für den Ärztlichen Bereitschafts- beziehungsweise Notdienst mit der Notrufnummer 112 für den Rettungsdienst und Feuerwehr.

Die Rufnummer 116 117 ist dann zu wählen, wenn es sich um eine Erkrankung handelt, mit der man normalerweise einen niedergelassenen Arzt aufsuchen würde, aber die Behandlung nicht bis zum nächsten Tag warten kann, etwa bei einer Magenverstimmung während der Feier­tage oder hohem Fieber am Wochenende. Leider komme es immer häufiger vor, so die Herz­stiftung, dass Personen bei Bagatell­erkrankungen den Notarzt (112) alarmieren anstelle des Bereitschaftsdienstes (116 117). Damit blockieren sie die Versorgung von Notfällen. Umgekehrt verlieren Patienten mit echten Notfällen wie einem Herzinfarkt wertvolle Zeit, wenn sie die Rufnummer des Bereitschaftsdienstes wählen. Die 112 ist die einzige Notrufnummer. /

Infarkt-Alarmzeichen

Ursache eines Herzinfarktes ist der plötzliche Verschluss einer Herzkranzarterie. Je nach Größe und Lage des verstopften Gefäßes variieren die Symptome. Manche Infarkte verlaufen auch stumm, also ohne die klassischen Beschwerden. Andere bedingen wiederum den sofortigen Herztod. Besonders bei Diabetikern und älteren Patienten fehlt oft das Leitsymptom eines Infarktes, der heftige Brustschmerz.

Auch bei Frauen verläuft ein Herz­infarkt oft untypisch und wird deshalb nicht immer rechtzeitig erkannt. So klagen Frauen seltener über Brustschmerzen, dafür aber häufiger über un­typische Oberbauchbeschwerden oder Rückenschmerzen. Dabei wird selten an einen Herzinfarkt gedacht und nicht sofort der Notarzt verständigt. Ein Grund, warum etwa in der Alters­gruppe der Unter-60-Jährigen in den ersten Krankenhaustagen fast doppelt so viele weibliche wie männliche Infarkt-Patienten versterben.

Wichtige Symptome sind:

  • Schwere, länger als fünf Minuten anhaltende Schmerzen im Brustkorb, die auch in Arme, Schulterblätter, Hals, Kiefer und Oberbauch ausstrahlen können. Männer klagen eher über Schmerzen im Brustbereich, Frauen eher über ein Druckgefühl.
  • Engegefühl, heftiger Druck und Brennen im Brustkorb
  • Luftnot
  • Unruhe, Angst, mitunter ­Todesangst
  • meist niedriger Blutdruck
  • schweißnasse Haut, blasse ­bis graue Gesichtsfarbe
  • Schwächegefühl ­(vor allem bei ­Frauen)
  • Oberbauchbeschwerden, ­Übelkeit/Erbrechen, Rückenschmerzen (vor allem bei Frauen)