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Hautpflege bei Strahlentherapie

Die Kunst liegt in der Prophylaxe

14.08.2018
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Von Elke Wolf / Eine Strahlentherapie, die bei nah unter der Haut liegenden Tumoren wie einem Mamma- oder Rektumkarzinom erforderlich ist, zieht mitunter auch die Haut als »Durchgangs­organ« in Mitleidenschaft. Intensive Hautpflege vor und während der Therapie hilft, das Ausmaß von Strahlenschäden zu begrenzen.

Was die Behandlung strahlenbe­lasteter Haut angeht, hat in den vergangenen Jahren ein Umdenken eingesetzt. Während­ man früher in einer Art Schadensbegrenzung die Hautläsionen be­handelte, versuchen Dermatologen und Radiologen heute, sie erst gar nicht entstehen zu lassen. Denn eine wi­ch­tige Voraussetzung für eine schnelle Wiederherstellung der Haut ist ihre bestmögliche Kondition vor und während der Radiotherapie, informiert Professor­ Dr. Petra Staubach-Renz, Oberärztin an der Hautklinik der Universität Mainz, auf Nachfrage von PTA-Forum. 

»Haut­irritationen lassen sich gering halten, wenn man prophylaktisch an die Sache herangeht. Dabei beginnt man mit einer entsprechenden Pflege nicht erst dann, wenn die Rötung da ist, sondern zuvor. Man muss die physio­logische Haut­barriere schützen und bei Bedarf wieder aufbauen, damit es nicht oder nur in geri­ngem Maß zu Irrita­tionen oder Entzündungen kommt. Die Kunst liegt in der Prophylaxe.«

Inwiefern die Haut durch die Bestrah­lungstherapie irritiert wird, lasse sich im Einzelfall nicht vorher­sagen. Was zum einen daran liegt, dass eine Radiotherapie höchst unterschiedlich ausfallen kann. So ist das Ausmaß der Nebenwirkungen an der Haut prinzipiell abhängig von der Gesamtstrahlendosis, von der Fokussierung der Strahlenquelle und den Zeitabständen der Einzeldosen, und zum anderen auch vom Ausgangs­zustand der Haut der Betroffenen, weiß Staubach-Renz.

 

Eine durch Strahlentherapie be­handelte Haut kann man mit einem diskreten Sonnenbrand vergleichen, wenngleich die Schädigungen tiefer reichen können­. Die Haut spannt, juckt, kann gerötet sein und beginnt even­tuell zu schuppen. In fortgeschrittenem Stadium bilden sich Ödeme, die Haut kann nässen und sich ablösen. Man spricht auch von einer Radio­dermatitis. Die Ursache dieser Hautschäden ist vielseitig und mündet in einer gestörten und leicht irritierbaren Hautbarriere. Auch aktinische Hautschäden, die nach Jahren bis zu Haut­tumoren führen, sind zu beobachten – vorwiegend nach Bestrah­lungen, die vor Jahren bis Jahrzehnten durch­geführt wurden und wesent­lich aggress­iver waren, berichtet die Fachfrau.

Rückfettend und -feuchtend

»In jedem Fall ist der transepidermale Wasserverlust erhöht, die Sebum­sekretion geht zurück. Die Haut trocknet aus, reagiert mit Juckreiz und einem­ Erythem. Doch so weit muss es nicht kommen, wenn man vorsorgt. Die Hautbarriere muss wieder auf­gebaut und stabilisiert werden«, erklärt die Dermatologin.

 

Dazu empfiehlt sie Zubereitungen, die der Zusammensetzung der Epidermis angeglichen sind. »Die Basispflege muss sowohl rückfettende als auch hydra­tisierende Inhaltsstoffe ent­hal­ten.« Bei sehr trockener Haut sollte eine gute Rückfettung stattfinden, die bei bestrahlter Haut in Form dünn­flüssiger Lotionen oder auch von Schäumen auf­getragen werden sollte. Diese lassen­ sich leicht auftragen und ziehen schnell ein. Von kühlenden Gelen rät Staubach-Renz ab: »Reine Gele haben oft keinen rückfettenden Charakter. Das trocknet die Haut nur zusätzlich aus.«

 

Bei den Inhaltsstoffen rät Staubach-Renz, sich an aktuellen Leitlinien zu orien­tieren, etwa der 2017 erschienenen S3-Leitlinie zur supportiven Therapie bei onkologischen PatientInnen, die praktische Tipps zur Prophylaxe und Therapie der Strahlendermatitis gibt, oder dem aktuellen Positionspapier zur Xerosis cutis (Trockene Haut).

Grundsätzlich sind rückfeuchtende Inhaltsstoffe wie Urea oder Glycerin das A und O. Um physiologische Barrierelipide zuzuführen, sollten in der Formulierung zusätzlich Ceramide, Sterole, Squalene oder Nachtkerzensamenöle enthalten sein. Hautberuhigende oder juckreizstillende Inhaltsstoffe wie Dexpanthenol können bei bereits bestehender Dermatitis angewandt werden. »Harnstoff hat bei trockener Haut die beste Evidenz. Seine Wirksamkeit lässt sich in Kombination mit anderen natürlichen Feuchthaltefaktoren und Ceramiden, dem Zellkitt, noch steigern«, weiß die Expertin. »Mit je weniger Inhalts­stoffen eine Pflege auskommt, desto besser­. Produkte mit Alkohol, Duft- und anderen potenziell allergisierenden Stoffen (gerade bei solchen mit pflanzlichen Inhaltsstoffen) sind zu meiden.«

 

Die Hautpflege sollte mit dem Strahlen­therapeuten abgesprochen sein. Wichtig: Das regelmäßige Fetten und Feuchten der Haut sollte zwischen den Bestrahlungssitzungen laufend er­folgen. Direkt vor den Sitzungen sollte das Bestrahlungsareal jedoch nicht eingecremt werden. »Die Radioonkologen müssen das zu bestrahlende Hautareal optimal vorbereitet vorfinden. Deshalb ist mit diesen zu besprechen, ob oder gegebenenfalls für wie lange vor der Bestrahlung keine Pflege aufgetragen werden sollte«, rät Staubach-Renz.

Individuell austesten

Welche Fertigpräparation für den jeweiligen Patienten infrage kommt, muss der Betroffene austesten. Die Vorliebe für ein Präparat kann sich auch im Laufe der Therapie ändern. »Gut ist eine Hautpflege dann, wenn der Pa­tient­ sie als angenehm und lindernd empfindet«, sagt die Expertin. Ist er nicht zufrieden, empfiehlt sich der Wechsel auf ein alternatives Produkt. Möglich sind etwa Linola® Radioderm von Dr. Wolff, Eucerin® pH 5 Hautschutzlotion F, Dermasence® Adtop plus. »Ganz wichtig ist, dass sich der Patient trotz seiner Tumorerkrankung wohl in seiner Haut fühlt. Die Pflege muss ihm angenehm sein, wobei auch der Duft und die Konsistenz einer Emulsion eine Rolle spielen. Wenn es dem Patienten nicht angenehm ist, wendet er es nicht an.«

Wenig Reibung, viel Luft

Reinigung und Pflege der Haut müssen unter der Maßgabe erfolgen, die Hautmarkierungen, die der Radio­onkologe für die gezielte Ausrichtung der Strahlung anbringt, nicht von der Haut abzuwischen. Deshalb wurde Patien­ten oft geraten, die betroffene Haut nicht zu waschen. Eine solche Empfehlung gibt es heute nicht mehr. »Am besten duscht man kurz mit lauwarmem Wasser. Es muss bei der Reinigung nicht überall schäumen.« Allenfalls milde Waschsyndets sind erlaubt. Beim Abtrocknen heißt es: abtupfen statt trocken rubbeln. Danach die Haut sofort eincremen.

 

Ansonsten gilt es, viel frische Luft an die Haut zu lassen und sie vor direkter Sonneneinstrahlung zu schützen. Lockere, gut sitzende und nicht scheuernde Kleidung sowie kein Schmuck auf dem bestrahlten Hautareal schützen die Haut vor mechanischer Reizung. Für Frauen mit einem Mammakarzinom kann das für einige Wochen auch der Verzicht auf einen BH bedeuten.

 

Um die Markierungsfelder auf der Haut besser haltbar zu machen, gab es früher­ die Auflage: »Puder und sonst nichts«, so Staubach-Renz. Lokale Puder­ vergrößern die Hautoberfläche und verbessern die Wärmeableitung, weshalb­ viele Strahlentherapeuten zur Prophylaxe Talkum einsetzten. »Die Erfahrung zeigte aber, dass die Betroffenen dann so viel gepudert haben, dass die Haut austrocknete und bei nässender Haut verklebte.« Heute werde das Auftragen von Puder weniger empfohlen.

 

Reagiert die Haut trotz optimaler Pflege irritiert, muss alles dafür getan werden, der Entzündung Einhalt zu gebieten. »Wichtig ist, die Bestrahlungstherapie nicht abzubrechen wegen der Haut.« Dann besteht zum Beispiel die Möglichkeit, mit kühlenden Umschlägen die Haut zu beruhigen oder mit hoch dosierten modernen Corticoid-haltigen Topika zwischen den Therapie­sitzungen gegen die Entzündung vorzugehen, um sie für die nächste Einheit vorzubereiten. Die Gefahr atrophierter Haut ist bei einer kurzzeitigen lokalen Corticoid-Therapie nicht gegeben, erklärt die Dermatologin. /

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