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Kanülen und Infusionsbesteck

Von der Nadel zum Tropf

14.08.2018  16:16 Uhr

Von Caroline Wendt / Kanülen, Katheter, Überleitsysteme: Um einem Patienten Medikamente oder Nahrungsbestandteile parenteral zu verabreichen, benötigen Ärzte eine Menge Zubehör. Was bei der Auswahl zu beachten ist und worin sich Kanülen und Co. unterscheiden, zeigt der Text.

Das lateinische Wort infundere bedeutet hineingießen oder einschütten. Bei einer venösen Infusion wird dem K­örper Flüssigkeit parenteral, ­also unter Umgehung der Darmpassage, verabreicht. Mal soll über die Infusion Flüssigkeit substituiert werden, ein ­anderes Mal sollen Arzneimittel ver­abreicht oder der Patient parenteral ­ernährt werden. Je nach Erkrankung und Therapieform legt der Arzt dazu einen peripheren Zugang in ein herzfernes Blutgefäß oder einen zentralen Zugang in eine große Vene in Herznähe.

Für einen peripheren Zugang wählen Mediziner in der Regel die Hand­rücken-, die Unterarm- oder die Ellenbogenvene. Werden Infusionen voraussichtlich nur kurzfristig gegeben, kommt dabei meist eine Kanüle – eine Hohlnadel mit abgeflachter Spitze – zum Einsatz (zum Beispiel BD Eclipse™ Sicherheitsinjektionskanüle oder Sterican® Kanüle). Flügelkanülen (zum Beispiel Infusionszubehör Butterfly oder Venofix® Safety) werden wegen ihrer Form auch Butterfly- oder Schmetterlingskanülen genannt. Die beiden ­seitlich angebrachten Kunststoffflügel verringern das Risiko, dass die Kanüle nach der Venenpunktion verrutscht.

 

Ø 0,9 x 40 mm, 20G x 1 1/2", Gr. 1: Auf der Verpackung von Kanülen sind viele Größenangaben zu finden. Der Durchmesser der Kanüle (Ø) und die Länge sind in Millimeter angegeben. Die Kanülenlänge kann in der US-amerikanischen Längeneinheit Inch (") angegeben sein. G steht für Gauge und beschreibt die Durchflussrate. Dabei geben kleine Gauge-Werte eine hohe Flussrate an. Die Größe (Gr.) einer Kanüle geht auf das Maßsystem des französischen Orthopäden Charles Gabriel Pravaz zurück. Dieser ent­wickelte Mitte des 19. Jahrhunderts die erste Injektionsspritze. Eine wichtige Orientierungshilfe bieten auch die Farben der Kanülen: Sie sind herstellerunspezifisch und nach DIN Norm EN ISO 6009 dem Außendurchmesser der Kanüle zugeordnet (siehe Tabelle). Um die Größe der Kanülen eindeutig zu beschreiben, nennen die Hersteller in der Regel alle verschiedenen Größenangaben.

Größen und Farben von Kanülen (nach Sterican®)

Farbe Größe Gauge Inch (") Länge (mm) Außendurchmesser (mm)
Gelb 1 20 1 1/2 40 0,90
Grün 2 21 1 1/2 40 0,80
Schwarz 12 22 1 1/4 30 0,70
Blau 14 23 1 1/4 30 0,60

Jeder Stich eine Verletzung

Die Punktion einer Vene ist eine kleine Verletzung. Hygienisches Arbeiten beim Legen des Zugangs ist daher ­unerlässlich. Auch die Anzahl der Ein­stiche sollte möglichst gering gehalten werden, denn jede Perforation der ­Venenwand reizt das Gefäß. Deshalb verwenden Mediziner häufig eine periphere Venenverweilkanüle (PVK), umgangssprachlich auch Venüle genannt (zum Beispiel Vasofix® Braunüle®). Hierbei handelt es sich um eine Kunststoffkanüle, in der sich eine Stahl­kanüle, der Mandrin, befindet. Die Vene wird mit dem scharfen Stahlmandrin durchstochen, welcher wenige Millimeter aus der Kunststoffkanüle ­herausragt. Läuft Blut in den Mandrin ­zurück, zeigt das, dass die Vene erfolgreich punktiert wurde, die Stahlkanüle kann anschließend entfernt werden. Lediglich die Kunststoffkanüle bleibt in der Vene. Das senkt die Verletzungs­gefahr, wenn der Patient sich während der Infusion bewegt.

 

Damit sich weder Patient noch medizinisches Personal an der entfernten Stahlkanüle verletzen, haben einige PVK einen Sicherheitsschutz (zum Beispiel Vasofix® Safety oder BD Insyte™ Autoguard™). Nach dem Herausziehen des Mandrins aus der Vene verschwindet derselbe entweder automatisch oder per Knopfdruck in einer Schutzvorrichtung. Manche Venenver­weil­kanülen verfügen zudem über Zuspritz­ports, worüber zusätzlich ­Medikamente verabreicht werden können, ohne dass die Vene erneut punktiert werden muss.

Verschiedene Kanülen für die Punktion peripherer Venen

Kanülen für periphere Venen Beispiele Beschreibung
Kanüle BD Eclipse™ Sicherheits­injektionskanüle, Sterican® Kanüle Einmalkanüle
Flügelkanüle Infusionszubehör Butterfly, Venofix® Safety Einmalkanüle mit seitlichen Flügeln für mehr Stabilität
Venenverweilkanüle Vasofix® Braunüle®, Vasofix® Safety, BD Insyte™ Autoguard™ Plastikkanüle kann mehrere Tage in der Vene blieben, Stahlmandrin wird nach der Punktion entfernt

In der Intensivmedizin, wenn viele Medikamente appliziert werden müssen oder bei schlechtem Venen­zustand, kann es notwendig sein, dass Patienten einen zentralen Venenkatheter (ZVK) erhalten. Auch bei einer ­Chemotherapie kann ein ZVK von Vorteil sein: Die ­aggressiv wirksamen ­Arzneimittel ­können ansonsten die dünnen Wände der peripheren Venen zum Teil irreversibel schädigen.

Ernährung über die Sonde

Ein ZVK ist auch dann nötig, wenn die Nahrungsaufnahme über den Magen-Darm-Trakt nicht funktioniert und ein Patient über längere Zeit, das heißt mehr als sieben Tage, parenteral ­ernährt werden muss. Denn nur die großvolumigen Gefäße sind in der Lage, die hyperosmolaren Lösungen aufzunehmen. Würden sie über eine periphere Vene verabreicht, könnten Lösungen mit einer Osmolarität von mehr als 800 mosmol/l zu Gefäßirritationen und einer Thrombophlebitis – einer Entzündung der Vene mit Thrombenbildung – führen. Die parenteralen ­Ernährungslösungen selbst werden auf die individuellen Bedürfnisse der Pa­tienten angepasst und können neben Kohlenhydraten und Elektrolyten auch Eiweiße, Fette, Vitamine und Spurenelemente enthalten.

 

Ein zentraler Venenzugang wird in einem chirurgischen Eingriff gelegt. Punktiert wird meistens eine Thoraxvene oder eine Vene im Kopf/Hals-­Bereich. Der Katheter wird über die obere oder untere Hohlvene bis vor den rechten Vorhof des Herzens vorgeschoben. Das Legen eines ZVK birgt Risiken: Während des Eingriffs können Gefäße oder Nerven verletzt werden. Bei einer Schädigung der Lunge oder des Brustfells kann Luft in den dazwischen­liegenden Raum, den sogenannten Pleuraspalt, gelangen. Hier herrscht normalerweise ein Unterdruck. Dringt Luft ein, kann der Lungenflügel zusammenfallen (Pneumothorax). Luft kann ebenso über die punktierte Vene in das Gefäßsystem eindringen, was zu einer Luftembolie führt. Aufgrund dieser R­isiken wird der Patient während des Eingriffs über Ultraschall- und EKG-Untersuchungen sowie nach der OP durch eine Röntgenuntersuchung überwacht. Ein weiteres Risiko besteht generell aufgrund der permanenten Öffnung zur Blutbahn hin: Dringen Bakterien von außen in das Kathetersystem ein, kann das im schlimmsten Fall zu einer Sepsis führen.

Künstliche Kammer

Eine Sonderform des ZVK ist das Portsystem (siehe Grafik). Hier wird eine punktierbare Kammer ins Unterhautfettgewebe eingesetzt, welche­ mit einem zentralen Venen­katheter verbunden ist. Diese Metall- oder Kunststoffkammer besitzt eine Membran, die von außen durch die Haut mit einer Kanüle durchstochen werden kann. So wird nicht ständig die Vene, sondern lediglich die Haut am Port­system mit einer speziellen Portkanüle (Huber-Nadel) punktiert. Dies hilft, Entzündungen und Infektionen zu redu­zieren. Um die Entstehung von Thrombosen zu verhindern, muss ein Portsystem nach jeder Blutentnahme mit Kochsalzlösung oder gegebenenfalls mit Heparin gespült werden. Das regelmäßige Durchspülen – etwa alle sechs bis zwölf Wochen – ist auch in Therapiephasen, in denen der Port nicht gebraucht wird, wichtig.

Bei Kindern verzichtet man häufig auf ein Portsystem, um ihnen das ­regelmäßige Durch­stechen der Haut zu ersparen. Sie erhalten stattdessen einen Hickman-Katheter mit einem großen Durchmesser für die Appli­kation hochviskoser Lösungen oder einen dünneren Broviac-Katheter für dünnflüssige Infusionen. Hier liegt die Anschlussstelle für die Infusion außerhalb der Haut. Um die Gefahr einer Infektion zu verringern, verlaufen diese­ Katheter in einem Tunnel unter der Haut bis zur punktierten Vene. Direkt­ unter der Haut befindet sich zudem eine antimikrobielle Manschette (Cuff), welche das Ein­wandern von Bakterien verringert.

 

Das Innere eines Katheters wird als Lumen bezeichnet. Bei Patienten, die nur wenige Medikamente oder nur eine parenterale Ernährung erhalten, reicht in der Regel ein einlumiger ­Katheter aus. Patienten, die intensivmedizinisch versorgt werden, benötigen jedoch unter Umständen einen mehrlumigen Katheter, zum Beispiel wenn Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Arzneimittel auftreten oder wenn der Patient sowohl Medi­kamente als auch eine parenterale Er­nähr­ung bekommt.

 

Von der Kanüle führt ein flexibler Schlauch zur Infusionsflasche. Hierbei handelt es sich um das Überleit­system, auch Infusionsbesteck genannt (zum Beispiel Intrafix® Safeset oder Graviset Varioline Enlock). Es besteht aus einem Ansatzstück, welches sich mit einem genormten Steck­system (Luer-Lock) mit der Kanüle­ verbinden lässt, einem Durchflussregler (Roll- oder Schraub­klemme, Präzisions­tropfenregler), einer­ Tropfkammer und einem Einstechdorn für das Vorratsgefäß der Infusion. ­Besteht dieses Vorratsgefäß aus Glas, muss das System­ über das Infusionsbesteck oder einen separaten Belüftungsschlauch belüftet werden­. Bei Kunststoff­flaschen entscheidet die Flexibilität der Gefäßwand, ob eine Belüftung notwendig ist. Kunststoffbeutel müssen­ nicht belüftet werden, sie kolla­bieren vollständig.

Druck oder Schwerkraft

In Schwerkraftsystemen fließt die Flüssig­keit aus einem höher befestigten Vorratsgefäß über das Schlauchsystem zum Patienten. Die Flussrate der In­fu­sion wird über den Durchflussregler des Überleitsystems geregelt, die Tropfkammer dient der Über­wachung der eingestellten Flussrate. Muss in einer­ Notfallsituation schnell Volumen substituiert werden, kann eine pneumatische Druckmanschette den In­fusionsdruck verstärken. Sie übt einen kon­stanten Druck auf kom­primierbare Infusatbehälter aus.

 

Bei einer Infusionspumpe (zum Beispiel Infusomat®) oder einer Spritzen­pumpe (zum Beispiel Per­fusor®) erfolgt die Dosierung automatisch, zum Beispiel über einen Kolben­ oder durch eine Rolle. Die Dosier­ung ist dadurch­ sehr genau. Die elektrisch betrieb­enen Systeme ver­fügen zudem in der Regel über Luft- und Druckdetektoren. /

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