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Interview

Achtsamkeit ist der Schlüssel

13.11.2013  12:33 Uhr

Von Ulrike Viegener / Professor Dr. Martin Bohus ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Unter seiner wissenschaftlichen Leitung wurde das Programm »Lebe Balance« entwickelt, ein Präventivprogramm, das die Gesunderhaltung der Psyche zum Ziel hat.

PTA-Forum: Psychische Erkrankungen haben rasant zugenommen. Von welcher Größenordnung sprechen wir?

Bohus: Der prozentuale Anteil psychischer Störungen an den Arbeitsunfähigkeitstagen hat sich in den letzten zehn Jahren um das 15-fache gesteigert. Und der Anteil psychischer Störungen als Ursache für Frühberentung stieg von 8,6 Prozent im Jahr 1983 auf 42,1 Prozent im Jahr 2012.

PTA-Forum: »Lebe Balance« zielt darauf ab, die Resilienz zu stärken. Was bedeutet Resilienz?

Bohus: Resilienz ist die Fähigkeit, auch unter starker Belastung flexibel zu reagieren. Günstig wirken sich aus eine gute soziale Vernetzung, ausreichende Selbstreflexion, Verankerung im Augenblick, das Erleben einer Sinnhaftigkeit sowie Gelassenheit Dingen gegenüber, die nicht zu ändern sind.

PTA-Forum: Ganz zentral bei Ihrem Ansatz ist die Achtsamkeit. Was hat »Lebe Balance« mit dem Buddhismus zu tun?

Bohus: Die Lehre der Achtsamkeit ist eine Jahrtausende alte buddhistische Tradition, die die moderne Psychologie seit einiger Zeit aufgreift, um sie für therapeutische Zwecke zu nutzen. Achtsamkeit entsteht sowohl für den Buddhismus als auch für die Psychologie immer dann, wenn wir uns gezielt darauf konzentrieren, den gegenwärtigen Moment in all seinen Erscheinungen wahrzunehmen und anzunehmen. Dazu gehören äußere Dinge wie Geräusche und Bilder, aber auch inneres Geschehen wie unser Atem und unsere Gedanken, die entstehen und wieder vergehen.

PTA-Forum: Wie wirkt Achtsamkeit?

Bohus: Heute weiß man, dass Achtsamkeitsübungen eine tiefe Wirkung entfalten können – unabhängig von religiösen Aspekten. Menschen, die regelmäßig Achtsamkeitsübungen praktizieren, fühlen sich ausgeglichener und gelassener. Dabei reichen schon 10 bis15 Minuten pro Tag! Durch Achtsamkeitsübungen entwickelt man ein feineres Gespür für die eigene Befindlichkeit und für die Befindlichkeit anderer Menschen. Hinzu kommen eine annehmende Haltung gegenüber Dingen, die nicht zu ändern sind, und frische Kraft, die wirklich wichtigen Dinge anzupacken. Viele dieser Wirkungen von Achtsamkeit konnten in jüngster Zeit wissenschaftlich bestätigt werden.

PTA-Forum: Kann man sich, was im Buddhismus seit Jahrhunderten weitergegeben wird, wirklich in einem achtwöchigen Kursus aneignen?

Bohus: Die moderne Psychologie versucht, einige Methoden der Achtsamkeit für gesundheitliche Zwecke anzuwenden. Natürlich wird dies nicht der tiefen spirituellen Dimension der Achtsamkeit gerecht, aber das ist auch nicht beabsichtigt.

PTA-Forum: Wurde das Programm von »Lebe Balance« vorab getestet?

Bohus: Das Programm lehnt sich an ein in Australien und Holland evaluiertes Programm an. Es verwendet Techniken, die entweder einzeln oder im Zusammenhang mit größeren Programmen wissenschaftlich erprobt wurden.

PTA-Forum: An wen richtet sich das Programm?

Bohus: Teilnehmen an den Kursen können alle, die etwas für ihre psychische Gesundheit tun wollen. Für Menschen mit behandlungsbedürftigen psychischen Störungen ist dieses Programm aber nicht geeignet. »Lebe Balance« ist ein Präventivprogramm! /