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Bergwacht in Deutschland

Auf unwegsamem Gelände unterwegs

13.11.2013  12:33 Uhr

Von Annette Immel-Sehr / Sie arbeiten ehrenamtlich bei jedem Wetter und bringen sich mitunter selbst in Gefahr: die Rettungskräfte der Bergwachten. Gerade im Winter sind sie wieder besonders gefragt. Wintersportler wissen das spätestens dann zu schätzen, wenn sie ihre Hilfe benötigen.

Es war am Samstag, dem 12. Oktober 2013, gegen 21 Uhr, als ein Hüttenwirt im Zugspitzgebiet die Bergwacht Oberau alarmierte. Völlig erschöpft hatte zuvor ein 33-jähriger Wanderer den Hüttenwirt kontaktiert. Er war wegen der Neuschneedecke vom Weg abgekommen und hatte sich alleine auf einer Höhe von 1700 m verlaufen.

Zunächst suchten die Leute der Bergwacht zu Fuß nach dem Erschöpften, konnten ihn aber nicht finden. So wurden weitere Rettungskräfte angefordert. Aus der Luft fahndeten zwei Polizeihubschrauber und ein Rettungshubschrauber nach dem Wanderer. Schließlich konnte er in Zusammenarbeit von Rettungskräften, Hüttenwirt und Hubschrauberbesatzungen geortet werden. Gegen 23.30 Uhr nahm der Rettungshubschrauber den durchnässten und stark unterkühlten Mann auf und transportierte ihn ins Tal. Nach der Untersuchung durch den Bergwacht-Notarzt brachte ein Rettungswagen ihn dann in das Klinikum Garmisch-Partenkirchen. Um 2 Uhr nachts waren alle Helfer wieder ins Tal zurückgekehrt.

Diese Rettungsaktion steht beispielhaft für viele Einsätze der deutschen Bergwachten, wie sie Woche für Woche stattfinden. Manchmal verlaufen sie weniger aufwendig, manchmal dramatischer – mitunter auch ohne Happy End. Im Winter werden die Helfer der Bergwachten besonders häufig gefordert. Wie die Statistik der Bergwacht Bayern zeigt, verursachen Wintersportunfälle die meisten Einsätze im alpinen Raum (Tabelle). »Die Karambolagen auf den Pisten haben mittlerweile eine Schwere wie Motorrad-Unfälle. Das gilt für Skifahrer genauso wie für Snowboarder«, berichtet Thomas Griesbeck, stellvertretender Geschäftsführer der Bergwacht Bayern. »Beim Langlaufen sind die Unfälle längst nicht so häufig und schwer. Hier werden wir eher wegen Kreislaufproblemen um Hilfe gerufen.«

Schutz des Edelweiß

Im Jahr 1920 gründete Fritz Berger aus München die »Bergwacht«. Er und seine Mitstreiter hatten dabei allerdings weniger den Rettungsdienst als den Schutz der Natur vor Augen. Durch den zunehmenden Fremdenverkehr nach dem ersten Weltkrieg, aber auch durch Wilderei, Vieh- und Holzdiebstähle hatten die Alpenflora und -fauna Schaden genommen. »Das Edelweiß hat damals fürchterlich gelitten, fast wäre es ausgerottet worden«, erzählt Griesbeck. Somit ist die Bergwacht eine der ältesten Naturschutzorganisationen Deutsch­lands. Viele Wanderer waren damals mit ungenügender Ausrüstung, schlechter Kondition und ohne Erfahrung in den Bergen unterwegs. Dies führte dazu, dass die Bergwachthelfer bei ihren Streifgängen immer wieder Wanderern und Bergsteigern in Notlagen helfen mussten. Mit der Zeit wurde der Rettungsdienst eine immer bedeutendere Aufgabe der Bergwacht. Auch die Suche nach Vermissten und die Bergung von tödlich Verunglückten gehören zu ihren Diensten. Inzwischen arbeiten die meisten Bergwachten in Deutschland unter dem Dach des Deutschen Roten Kreuzes.

Damit sie einen Menschen, der im Gebirge auf unwegsamem Gelände festsitzt oder verletzt ist, sicher ins Tal bringen können, benötigen Bergretter umfangreiche Kenntnisse und Fähigkeiten. Beispielsweise haben die Einsatzkräfte der Bergwacht Bayern dieses Zusatzwissen und auch das sportliche Geschick in einer durchschnittlich dreijährigen Ausbildung erworben. Auf dem Lehrplan stehen Bergsteigen, Naturschutz, Notfallmedizin sowie Winter-, Sommer- und Luftrettung. Erst wer die zahlreichen Prüfungen erfolgreich abgelegt hat, erhält den Status der »Aktiven Einsatzkraft«. Trotz der langen und intensiven Ausbildung müssen sich die Bergwachten keine Sorgen um Nachwuchs machen. »Allein in Bayern sind rund 1000 Nachwuchskräfte in der Ausbildung«, berichtet Griesbeck stolz. Etwa ein Zehntel seien Frauen. Der Stolz ist berechtigt, denn alle Bergretter sind ehrenamtlich tätig! Nach wie vor liegt der Naturschutz allen Mitgliedern sehr am Herzen. Bundesweit engagieren sich Bergwachten bei Naturschutzprojekten und in der Bildungsarbeit, so organisieren sie beispielsweise Jugendcamps.

Nicht nur in den Alpen

Bergwachten sind nicht nur im alpinen Gelände aktiv, sondern auch in den deutschen Mittelgebirgen. So gibt es sie beispielsweise in der Sächsischen Schweiz, im Harz, im Hunsrück, in der Eifel, im Sauerland und im Thüringer Wald. Das mag verwundern, gilt doch das Mittelgebirge gemeinhin als ungefährlich. Doch auch dort verlaufen Wanderwege und Mountainbiketrails durch unwegsame Waldgebiete. Außerdem locken zahlreiche Skigebiete, Langlaufloipen und Kletterfelsen Touristen an. »Menschen, die heute ins Gebirge gehen, sind meist besser ausgerüstet, als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Das ist eine positive Entwicklung«, berichtet Griesbeck. »Auf der anderen Seite ist alles schnelllebiger geworden. Die Touren werden nicht mehr so gründlich geplant. Die Leute laden sich morgens eine Route aus dem Internet runter und starten dann einfach los. Dann heißt es bei den Hilferufe oft ›Ich weiß aber nicht, wo ich bin‹.«

Einsätze der Bergwacht 

Bergradeln 323 Bergsteigen 407 Canyoning 5 Drachenfliegen 7 Eisklettern 3 Gleitschirmfliegen 89 Höhlenbegehen 7 Klettern 138 Laufen 16 Langlaufen 80 Rodeln 204 Snowboarden 1004 Skifahren 3073 Skispringen 3 Skitouren 72 Schneeschuhwandern 21 Wandern 1329 Sonstige 95

Die Bergwacht muss sich immer wieder auch auf neue Trend-Sportarten einstellen. So ist in den letzten Wintern das Schneeschuhwandern in Mode gekommen. »Mittlerweile bekommen wir Hilferufe aus abgelegenen Tälern, wo wir sonst im Winter nie hin mussten. Außer ein paar Jägern war dort bislang niemand unterwegs.« /

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