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Winterfarbe

Berauschendes Rot

13.11.2013  12:33 Uhr

Von Annette Behr / Rot ist die sinnlichste aller Farben. Sie steht unangefochten für Liebe, Lust und Leidenschaft. Zu Weihnachten als dem Fest der Liebe gehört wärmendes Rot daher dazu wie der Schnee zum Winter.

»Ein weißes Feld, ein stilles Feld. Aus veilchenblauer Wolkenwand hob hinten, fern am Horizont, sich sacht des Mondes roter Rand.« So hoffnungsfroh beschreibt Gustav Falke in seinem Gedicht »Winter« die kalte Jahreszeit: Eine so stimmungsvolle Szenerie erleben wir im Winter leider viel zu selten. Dabei freuen wir uns bei Eis und Kälte besonders über Gemütlichkeit und sanfte Wärme. Straßencafés locken ihre Gäste in der kalten Jahreszeit daher mit Heizstrahlern und Accessoires in warmen Tönen: einladende rote Kissen und Decken, auf den Tischen dicke Kerzen in schönstem Karminrot.

»Die größte Steigerung der Farben ist rot«, meinte schon Johann Wolfgang von Goethe. Das Wort »Rot« steht in der indogermanischen Sprache für Blut. Die Körperflüssigkeit, der Lebenssaft, symbolisiert wiederum generell das Leben und damit Dynamik, Energie, Liebe und Leidenschaft. Auch feurig können sie sein, die großen Gefühle. Dann beschleunigen die Emotionen den Puls, den Atem und die Durchblutung. Rote Wangen und rote Lippen stehen für Sinnlichkeit und Erotik. Keine Frage, Rot ist die Farbe der Liebe und wer rote Rosen verschenkt, bringt damit – ganz ohne Worte – seine intensiven Gefühle zum Ausdruck. Hildegard Knef sang einst sehnsuchtsvoll: »Für mich soll’s rote Rosen regnen, mir sollten sämtliche Wunder begegnen, die Welt sollte sich umgestalten und ihre Sorgen für sich behalten.« Die großen Gefühle erfüllen zwar das Herz, können aber auch schmerzhaft sein, wie manche leidvoll erfahren, deren Liebe nicht erwidert wird.

Die Lippen mit roter Farbe zu betonen, ist angesagt und Zeichen eines momentanen Lebensgefühls. Das zurzeit populärste und reinste Lippenrot ist das »Russian Red«. Die klassische Lippenfarbe gilt aber nicht nur als sexy, sondern auch als sündig und verrucht. Weil die Etablissements der körperlichen Liebe sich meistens in rotes Licht hüllen, entstand der Begriff »Rotlichtmilieu«.

Auch rotes Haar polarisiert. Bei Julia Roberts in »Pretty woman« gilt es als sexy, bei anderen hingegen als verrucht oder sogar als teuflisch. Frauen mit roten Haaren wurden früher verspottet, als Dirnen oder Hexen beschimpft. Redensarten und Sprichwörter wie: »Rotes Haar, böses Haar« oder »Rot ist die Liebe, Rot ist das Blut, rot ist der Teufel in seiner Wut«, sind vielen auch heute noch geläufig.

Signalfarbe

Rot wirkt aber nicht nur stimulierend, aktivierend und belebend, es kann auch aggressiv und wütend machen. Auf diesen Effekt beziehen sich die beiden Ausdrücke »ich sehe rot« oder »das ist ein rotes Tuch für mich«. Beides sagen wir, wenn uns jemand provoziert oder wir uns sehr ärgern. So reizt auch der Matador mit der Muleta, einem leuchtend roten Tuch, den Stier im Kampf. Angeblich macht die rote Farbe das Rind aggressiv. Doch das ist ein weit verbreiteter Irrtum, denn Stiere sind rot-farbenblind. Das getriebene Tier reagiert lediglich auf das Umherschwenken des Umhangs. Ich finde, dieser Qual hätte schon längst die »rote Karte« gezeigt werden müssen. Geboren wurden die roten und damit auch die gelben Karten bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1966. Zeigt der Schiedsrichter einem Spieler die rote Karte, muss dieser umgehend das Spielfeld verlassen.

Einen ähnlichen Ausbremseffekt haben im Straßenverkehr rote Ampeln und Stoppschilder. Die auffallende Signalfarbe soll meist warnen oder auf einen wichtigen Hinweis aufmerksam machen. Daher nutzt auch das Deutsche Rote Kreuz Rot in seinem Logo und auch die Apotheker verwenden es seit Langem für das rote »Apotheken-A«.

Ebenso fürchtet jeder Schüler die roten Korrekturen des Lehrers in schriftlichen Arbeiten.

Im Gespräch möchten wir den roten Faden nicht verlieren. Die Formulierung stammt wahrscheinlich vom Militär: Die britische Marine ließ einst in ihre Schiffstaue einen durchgängigen, roten Faden einflechten. Dieser konnte nicht herausgelöst werden und so konnte jeder auch am kleinsten Stück Seil erkennen, dass es der englischen Krone gehörte.

Königliches Purpur

Wer zu früheren Zeiten rote Kleidung tragen durfte, musste einem hohen Stand angehören. Denn der echte Purpur war extrem teuer, er wurde mühselig aus dem Drüsensekret der Purpurschnecke gewonnen. Das brillante Scharlachrot wurde aus weiblichen Kermes-Schildläusen gewonnen, das Karminrot aus den Cochenille-Schildläusen. So galt die Purpurfarbe nicht nur bei den Römern als Symbol der Macht. Ausschließlich der Kaiser durfte ein purpurfarbenes Gewand tragen. Die Senatoren schmückten sich immerhin mit einem roten Band. Wer welche Farbe tragen durfte, war bis zur Französischen Revolution durch eine strenge Kleiderordnung bestimmt. Die edlen roten Roben trugen nur Könige, Kirchenfürsten, Richter und Henker. Als die wirtschaftliche Macht des Adels schwand und man neue Färbetechniken entwickelte, büßte die Farbe der Privilegierten etwas an Bedeutung ein. Die Richter des Bundesverfassungsgerichts tragen allerdings bis heute leuchtend rote Roben.

Das kleine Rote

Nicht nur Staats- und Kirchenhäupter schreiten bei ihren Besuchen über meterlange rote Teppiche. Auch Stars und solche, die sich dafür halten, laufen zu Filmfestivals, Theater- oder Buchpremieren ebenfalls über den roten Bodenbelag.

Wer sich in Blut-, Tomaten-, Himbeer-, oder Bordeauxrot hüllt, will auffallen. Neben dem unentbehrlichen »Kleinen Schwarzen« gehört heutzutage mindestens ein rotes Kleid zum großen Auftritt dazu. »Rot setzt völlig neue Akzente«, lese ich in einem Modemagazin und muss zustimmen. Da das »Kleine Rote« in unterschiedlichsten Nuancen und Schnitten angeboten wird, findet jede Frau das passende Modell. Vor einigen Jahren saß mir in der U-Bahn eine ältere, weißhaarige Dame in einem dunkelroten Wollkleid gegenüber. Der Schnitt war klassisch einfach. Dazu trug die Frau den passenden Lippenstift. Sie sah umwerfend aus. Zu Weihnachten strickte ich daraufhin meiner Lieblingstante Luise einen Schal in diesem Ton. Sie fand die auffällige Farbe »etwas gewöhnungsbedürftig«. Doch auch sie sah großartig damit aus und trug den Schal aus zwei Gründen: Weil ich ihn ihr geschenkt hatte und er sie wunderbar warm hielt.

Mantel oder Decke

Demnächst werden uns überall in den Innenstädten dicke Männer in roten Kapuzenmänteln begegnen. Denn die Advents- und Weihnachtszeit lockt sie auf Märkte und Einkaufspassagen. Nikoläuse und Weihnachtsmänner hüllen sich traditionell in Rot.

Viele wissen inzwischen, dass Coca-Cola die weltweite Verbreitung des roten Gewands zu verantworten hat. Tatsächlich geht der Weihnachtsmantel mit weißem Pelzbesatz auf den Grafiker Haddon Sunblom zurück, der im Jahr 1931 dem Getränkehersteller einen Entwurf in den Farben des Firmenlogos präsentierte. Die Figur des Weihnachtsmanns, wie auch die des Nikolaus, geht allerdings auf den griechischen Bischof Nikolaus von Myra zurück. Allerdings veränderte sich die Farbe seiner Kutte im Laufe vieler Jahre über Blau-, Braun- und Goldtöne.

Viele Menschen meiden inzwischen den kommerziellen Rummel um das ursprünglich besinnliche Weihnachtsfest. Wer nicht permanent rotsehen möchte, bleibt den zentralen Großveranstaltungen lieber fern. Stattdessen lohnt sich ein Spaziergang durch den Nadelwald. Quasi zur Neutralisation, denn grün ist schließlich die zweite Weihnachtsfarbe.

Danach darf dann zu Hause beim Aufwärmen eine warme rote Decke helfen, oder wenigstens ein paar dicke Socken in der Liebesfarbe. /