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Unterkühlung und Erfrierungen

Kalt und kälter

13.11.2013
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Von Susanne Poth / Die Kombination aus Kälte, Nässe und Wind kann Erfrierungen an den Extremitäten hervorrufen oder sogar den gesamten Körper auskühlen.

Nicht jeder, der durch Kälte ein oder mehrere Gliedmaßen verloren hat, wird erklären, dies habe ihn zu Höchstleistungen angetrieben. Das behauptet zumindest der weltberühmte Bergsteiger Reinhold Messner von sich. Der Südtiroler, der im nächsten Jahr 70 wird, hatte 1970 den 8.125 Meter hohen Nanga Parbat in Nordpakistan bestiegen. Gemeinsam mit seinem Bruder übernachtete er auf dieser Tour bei minus 40 Grad Celsius. Dabei verlor er drei Fingerkuppen der rechten Hand und sieben abgefrorene Zehen mussten ihm anschließend amputiert werden. Messners Bruder kam bei dem Abstieg unter nicht geklärten Umständen ums Leben. Erfrierungen und Unterkühlung drohen jedoch nicht nur Extrem-Kletterern. In kalten Wintern sind sie bei Sportlern wie Ski- oder Radfahrern keine Seltenheit. Auch sind immer wieder Obdachlose betroffen und Kinder, die im Eis einbrechen.

Normalerweise hält ein perfekt abgestimmtes Regelsystem die Körpertemperatur trotz schwankender Außentemperaturen weitgehend konstant auf etwa 37 Grad Celsius. Kühlt die Kerntemperatur des Körpers unter 35 Grad Celsius ab, sprechen Mediziner von einer generalisierten Hypothermie. Dieser Wärmeverlust muss nicht unbedingt nur die Folge einer kalten Umgebung sein. Insbesondere Wind und Luftfeuchtigkeit können den Temperaturverlust des Körpers verstärken.

Wer friert, beginnt zuerst zu zittern und bekommt eine Gänsehaut, manchmal klappern auch die Zähne aufeinander. Danach kommt es zu Muskelzittern. Durch die erhöhte Muskelarbeit versucht der Körper, selbst Wärme zu produzieren. Dadurch steigt jedoch der Sauerstoffverbrauch an, unter Umständen sogar bis auf das Vierfache des normalen Verbrauchs. Um die verbleibende Wärme im Kern zu erhalten, verengen sich die Blutgefäße in der Haut und den Extremitäten. Sinkt die Körpertemperatur auf unter 33 Grad ab, hört das Muskelzittern auf, die Atmung wird flach und unregelmäßig. Möglicherweise zeigen sich erste Bewusstseinsstörungen. Unter 30 Grad verliert der Unterkühlte schließlich das Bewusstsein, Herzschlag und Blutdruck sinken drastisch.

Lokale Erfrierungen

Bei Erfrierungen hingegen handelt es sich um örtlich begrenzte Kälteschäden. Betroffen sind meist Zehen, Finger, Nase und Ohren. Durch den Kältereiz ziehen sich die feinen Blutendgefäße zusammen. Dadurch vermindert sich die Blutversorgung, die Blutplättchen kleben aneinander und der Blutstrom wird langsamer – bis er schließlich still steht. Das Gewebe wird weder erwärmt noch ernährt, die Haut ist blass und unempfindlich gegen Berührung. Erfrierungen, egal wie stark sie sind, sehen zunächst ähnlich aus. Erst nach dem Wiedererwärmen lässt sich das Ausmaß der Erfrierung erkennen.Je nach Stärke teilen Experten Erfrierungen in drei Grade ein:

  • Grad 1: Bei leichten Erfrierungen ist die Haut weiß und unempfindlich. Durch das Erwärmen normalisiert sich die Durchblutung wieder, dabei können Taubheitsgefühl, Schmerzen und Rötung auftreten. In der Regel kommt es zu einer vollständigen Heilung.
  • Grad 2: Auch bei schwereren oberflächlichen Erfrierungen ist die Haut zunächst weiß, erscheint jedoch wachsartig. Das darunter liegende Gewebe ist noch elastisch. Beim Erwärmen verfärbt sich die Haut blau, Blutblasen können sich bilden, die sich möglicherweise infizieren. Erst nach einigen Tagen lässt sich beurteilen, welchen Schaden das Gewebe genommen hat. Meist bleiben die betroffenen Extremitäten dauerhaft sehr empfindlich gegen Kälte, sodass Erfrierungen schneller auftreten.
  • Grad 3: Bei schweren tiefen Erfrierungen ist der betroffene Körperteil bis zum Knochen durchgefroren und hart. Nach dem Auftauen bleiben die Stellen völlig gefühllos und schwellen stark an. Später verfärbt sich die Haut blauschwarz, Blutblasen und Ödeme bilden sich aus. In manchen Fällen stößt der Körper das Gewebe ab. Wie stark es tatsächlich geschädigt ist, lässt sich oft erst nach ein bis zwei Wochen beurteilen. Bisweilen müssen betroffene Körperpartien amputiert werden. Prophylaktisch führen Ärzte solche Amputationen jedoch heute nicht mehr durch.

Wintersportler können Unterkühlungen vorbeugen. Gerade Rauchen und niedriger Blutdruck erhöhen aufgrund der schlechteren Durchblutung das Risiko für Erfrierungen. Daher sollten sich Raucher und Hypotoniker gut gegen die Kälte schützen und den Kontakt der bloßen Haut mit Schnee oder kalten Flächen aus Metall, zum Beispiel an den Schnallen der Skischuhe, meiden.

Schutz vor Väterchen Frost

Zum Wintersport gehört zweckmäßige Kleidung, beispielsweise Funktionstextilien, die Wasser abweisen und die Feuchtigkeit nach außen ableiten. Bewährt hat es sich, mehrere Kleidungsstücke nach dem Zwiebelprinzip übereinander zu tragen. Wichtig ist auch eine Mütze oder ein warmer Skihelm mit Ohrenschutz. Wie viel Körperwärme Menschen über die Kopfoberfläche verlieren, wird meist unterschätzt, bei Kindern sind es bis zu 70 Prozent. Energiereiche Nahrung verschafft dem Körper genügend Brennstoff. Vorsicht jedoch bei Bier und Schnaps: Alkohol weitet die Blutgefäße und öffnet die Poren. Das erhöht den Wärmeverlust.

Um lokalen Erfrierungen vorzubeugen, sollten Sportler besser lockere Kleidung tragen, die nirgendwo einschnürt. Denn die Kombination aus Kälte und Druck birgt ein hohes Risiko für lokale Erfrierungen. Gerade enge Schuhe mindern die Blutzirkulation der Zehen. Wer beim Wintersport unter kalten Händen und Füßen leidet, sollte Wärmepads in Schuhe und Handschuhe einlegen und so über viele Stunden hinweg für wohlig warme Extremitäten sorgen. Wintersportler sollten auch immer auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten. Bei einem Flüssigkeitsmangel kann das Blut eindicken, sodass die Gewebe schlechter versorgt werden.

Sowohl bei Unterkühlung als auch bei Erfrierung, selbst wenn diese harmlos erscheinen, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Zunächst jedoch muss der Betroffene schnellstmöglich in eine warme Umgebung gebracht werden. Nasse Kleidung sollte er gegen trockene tauschen. Früheren Empfehlungen zufolge sollten gefrorene Stellen warm gerieben werden. Da dies das Gewebe aber schädigen kann, raten die Ärzte heute davon ab. Stattdessen können Finger und Zehen vorsichtig unter der Achsel einer anderen Person aufgewärmt werden, Nase und Ohren tauen unter warmen Händen auf. Erfrorene Körperglieder sollten Helfer in körperwarmem Wasser von 37 bis 40 Grad vorsichtig bewegen. Das kann sehr schmerzhaft sein, gegebenenfalls ist die Einnahme eines Schmerzmittels erforderlich. Sehr heiße oder direkte Wärmequellen sind absolut tabu. Sie können dem Gewebe schaden, da sich die Blutgefäße zusammenziehen statt sich zu weiten.

Die Therapie der generalisierten Hypothermie hat trotz vorhandener Erfrierungen absoluten Vorrang! Lokale Erfrierungen müssen zweitrangig behandelt werden. Alle Maßnahmen, die Blutgefäße der Extremitäten weit zu stellen und zu durchbluten, führen dazu, dass sich das kalte Blut ins Zentrum des Körpers verlagert. Dadurch kann es zu einem Temperatursturz mit Kreislaufschock und Herzrhythmusstörungen bis hin zum Kammerflimmern kommen. Damit dem Körperkern keine Wärme entzogen wird, soll der Betroffene möglichst ruhig und flach liegen.

Langsam erwärmen

Der unterkühlte Körper soll sich langsam erwärmen. Bevor der Rettungsdienst eintrifft, sollen Helfer in einem beheizten Raum bereits die nasse, kalte Kleidung des Betroffenen entfernen – vorsichtig und ohne den Frierenden zu stark zu bewegen. Außerdem ist es hilfreich, ihn in trockene Decken zu hüllen. Helfer können den Frierenden noch zusätzlich durch Körperkontakt wärmen. Auch warme, gezuckerte, aber alkoholfreie Getränke sind in dieser Situation hilfreich. Je nach Ausmaß der Hypothermie wird der Notarzt zusätzlich eine intravenöse Infusion von Kristalloidlösungen über Infusionswärmer und Sauerstoff verabreichen. /

Unterkühlung als Therapie

Um das Risiko von Komplikationen zu reduzieren, nutzen Ärzte den Kühl­effekt in der Intensivmedizin. Sie sprechen dann von therapeutischer Hypothermie.

Zum Beispiel während eines chirurgischen Eingriffs oder nach Reanimation kühlen sie den Patienten auf eine Kerntemperatur von etwa 32 bis 34 Grad Celsius ab. Der Stoffwechsel und der Sauerstoffverbrauch des Gewebes werden so verlangsamt und eine Gewebe- oder Organschädigung verhindert–vor allem des Gehirns. Mediziner des Uniklinikums Erlangen untersuchen beispielsweise gerade in einer klinischen Studie den Einsatz der Kältetherapie nach einem Schlaganfall. Über Zugänge in der Armbeuge erhalten die Betroffenen bis zu 2 Liter einer 4 °C kalten Kochsalzlösung. Nach etwa einer Stunde senken die Ärzte die Körpertemperatur mithilfe eines speziellen Kühlkatheters durch die Leiste bis auf 34 °C. Nach 24 Stunden wird der Patient wieder erwärmt, im Idealfall sind die Symptome dann geringer oder abgeklungen.

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