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Interview

Lichttherapie-Café

13.11.2013
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Von Annette van Gessel / Mitten in der Innenstadt Aachens bietet pünktlich zur Zeitumstellung ein Café seinen Gästen kostenlose Lichttherapie an – als erstes Café in Deutschland. Die Holländerin Karin Gulpen gründete im Jahr 2010 in der Kaiserstadt die bislang einzige deutsche Filiale der niederländischen Kette. PTA-Forum befragte die Niederländerin, welche Erfahrungen sie bisher mit diesem Extraangebot gemacht hat.

PTA-Forum: Die Bagels & Beans Kette stammt aus den Niederlanden. Wie sieht das Angebot dort aus? Bieten in unserem Nachbarland bereits mehrere Cafés eine Lichttherapie an? Wenn ja, wie nehmen die Gäste das Angebot an?

Gulpen: Alle Filialen in den Niederlanden bieten die Lichttherapie an. Bagels & Beans ist mit seinen 54 Filialen die erste und einzige Cafékette weltweit, die ihren Gästen diesen Service in den dunkleren Monaten anbietet. Die Gäste in den Niederlanden haben das Angebot sofort gut angenommen. Hier in Aachen hatten wir es am Anfang recht schwer, aber inzwischen kommt es hier auch gut an.

PTA-Forum: Wie kam es überhaupt zu der Idee, in einem Café Lichttherapie anzubieten?

Gulpen: Diese Idee hatten der Gründer der Bagels & Beans Kette, Ronald Bakker und seine Frau Ninande Thio. Sie haben die Idee zusammen mit dem Hersteller von Lichttherapiebrillen in die Tat umgesetzt. Bakker und seine Frau eröffneten vor 15 Jahren das erste Café in Amsterdam. 

PTA-Forum: Welche Erfahrungen haben Sie bislang in Aachen gemacht?

Gulpen: Nach einem relativ schwierigen Anfang hat sich unser Angebot mittlerweile ein wenig herumgesprochen. Allerdings stellen wir einen Unterschied zwischen den Wochentagen fest. Unser Café ist an sieben Tagen geöffnet, auch sonntags, doch die Lichttherapie läuft nur unter der Woche gut. Wochentags ist es im Café etwas ruhiger und das finden an der Lichttherapie Interessierte angenehmer.

PTA-Forum: Wie reagieren andere Caféhausbesucher? Reagieren Sie eher irritiert, wenn jemand mit einer Lichttherapiebrille neben ihnen sitzt oder werden sie neugierig?

Gulpen: Irritiert würde ich nicht sagen. Die anderen Gäste reagieren eher neugierig.

PTA-Forum: Warum setzen Sie diese Brillen ein und nicht Speziallampen wie in den skandinavischen Ländern?

Gulpen: Lampen verändern die ganze Atmosphäre im Café. Das möchten wir nicht. Wir werden also auch in Zukunft die Brillen anbieten, denn nicht jeder Gast will eine Lichttherapie.

PTA-Forum: Haben Sie selbst schon einmal eine solche Brille ausprobiert?

Gulpen: Ja, und ich habe auch selbst eine gekauft.

PTA-Forum: Wie ist die Reaktion der Gäste, nachdem Sie eine solche Brille 15 Minuten getragen haben?

Gulpen: Unterschiedlich. Manche finden den Effekt toll, andere sagen, sie hätten keinen Effekt bemerkt. Ich sage jedoch immer, dass diese Brillen kein Ersatz für eine notwendige Therapie bei echten Depressionen sind. Sie können also auch keine Medikamente ersetzen, beispielsweise bei an Depression erkrankten Menschen.

PTA-Forum: Gibt es auch Stammkunden, die regelmäßig wiederkommen, um die Brille zu tragen? 

Gulpen: Bis jetzt noch nicht. In diesem Jahr haben wir ja erst eine Woche wieder damit begonnen, also nach der Zeitumstellung. Vorige Saison hatte ich drei Stammkunden.

PTA-Forum: Können interessierte Kunden diese Brillen auch bei Ihnen erwerben?

Gulpen: Nein, wir verkaufen die Brillen nicht. Wir bieten sie nur als Service an. Wer interessiert ist, kann eine Brille online kaufen. Einer unserer Slogans lautet: Der Gast soll fröhlicher oder glück­licher aus dem Café hinausgehen, als er hereingekommen ist. Und deshalb passen die Brillen auch gut zu unserem Konzept. /

Winterblues

Der Zusammenhang zwischen dem fehlenden Licht während der dunklen Jahreszeit und depressiven Verstimmungen ist unbestritten. Das zeigt schon allein die Tatsache, dass die Menschen in den skandinavischen Ländern sehr viel häufiger an der sogenannten saisonal abhängigen Depression (SAD) erkranken als die Bewohner des Mittelmeerraums. Daher ist es in Ländern wie Schweden, Finnland und Norwegen relativ normal, dass selbst in öffentlichen Gebäuden Lichttherapie angeboten wird. Im Unterschied zu einer normalen Depression tritt die SAD regelmäßig nur im Herbst und Winter auf. Die Betroffenen fühlen sich niedergeschlagen, sind ständig müde und antriebslos. Um die SAD zu mildern oder abzukürzen, hat sich die Lichttherapie bewährt. Dazu muss die Lichtquelle mindestens 2500, besser 10 000 Lux stark sein. Solches Licht senden spezielle Lampen oder Spezialbrillen aus. Bei den medizinisch zertifizierten Luminette Lichttherapiebrillen, wie sie das Lichtcafé in Aachen an Gäste verleiht, trifft das Licht aus insgesamt 8 LED-Leuchten die Augen nicht direkt, sondern durch ein holografisches Visier. Durch diese Technik ist eine erheblich niedrigere Lichtleistung erforderlich als bei klassischen Lichttherapielampen. Laut Hersteller fällt das UV-freie Licht mit einer Wellenlänge von 462 Nanometern auf die untere Hälfte der Netzhaut. Genau an dieser Stelle befänden sich die meisten Rezeptoren, die bei der Steuerung der inneren Uhr und der Produktion von Melatonin eine Rolle spielen. Aufgrund dieser hohen Lichteffizienz muss die tägliche »Nutzungsdauer« nur 15 Minuten betragen.