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Schluckauf

Mittel gegen Hicksen

13.11.2013  12:33 Uhr

Von Ursula Sellerberg / Akuter Schluckauf ist ein harmloser Reflex, der meist durch die Anwendung von Hausmitteln wieder verschwindet. Hält das lästige Hicksen länger an, können Arzneimittel oder im Extremfall eine Operation helfen.

Schluckauf – medizinisch Singultus genannt – entsteht durch eine Reizung der beiden Nerven Nervus phrenicus und Nervus vagus. Das Zwerchfell und die am Einatmen beteiligte Muskulatur kontrahieren daraufhin schnell und unwillkürlich. Verkrampft sich das Zwerchfell rhythmisch, dehnt sich die Lunge aus und saugt dabei Luft an. Das typische Geräusch des Hicksens entsteht, wenn die angesaugte Luft gegen die geschlossene Stimmritze prallt.

Schluckauf ist ein Reflex, also eine unwillkürliche, stereotype Reaktion des Nervensystems auf einen Reiz. Im Mutterleib scheint er sinnvoll zu sein: Ab der achten Schwangerschaftswoche hicksen Föten häufig minutenlang, wahrscheinlich trainieren sie so die Bauchatmung und den Saugreflex. Die geschlossene Stimmritze verhindert dabei, dass sie Fruchtwasser schlucken. Auch beim Stillen schließt sich die Stimmritze des Säuglings, damit keine Milch in die Lunge gelangt.

Auch Säuglinge hicksen

Vom Tag der Geburt an nimmt die Häufigkeit des Schluckaufs stetig ab: Neugeborene hicksen 3000-mal häufiger als Erwachsene. Wie schnell ein Hickser auf den anderen folgt, ist individuell verschieden – gezählt wurden schon bis zu 60 Hickser pro Minute.

Akuter Schluckauf ist zwar lästig, aber meist harmlos. Probleme können jedoch bei Frühgeborenen auftreten, ebenso nach einem akuten Herzinfarkt oder bei einer Intubation im Verlauf einer Operation. Hält das Hicksen an, sprechen Experten nach 48 Stunden von einem persistierenden und nach vier Wochen von einem chronischen Schluckauf.

Chronischer Schluckauf ist jedoch selten. Rund 2 Prozent der palliativ versorgten Patienten geben an, unter chronischem Schluckauf zu leiden. Dann leiden die Betroffenen mitunter erheblich, beispielsweise unter körperlichen Einschränkungen oder Schlaflosigkeit. Da das Essen schwer fällt, sind manche mangelernährt. Wunden im Oberkörper oder an inneren Organen heilen schlechter oder können aufplatzen. Zu den psychischen Folgen zählen beispielsweise Erschöpfung, Depressionen oder sozialer Rückzug.

Harmlose Auslöser für akuten Schluckauf sind übermäßiger Genuss von Alkohol oder von sehr kalten oder heißen Getränken sowie hastiges Essen und Trinken, weil es den Reflex durch eine Magenüberdehnung verursacht. Schwangere leiden ebenfalls häufiger unter Schluckauf. Außerdem spielen oft psychische Faktoren wie Lachen, Angst oder Aufregung eine Rolle. Die Ursachen für chronischen Schluckauf finden sich meist im zentralen Nervensystem. In diesen Fällen kommen Vollnarkose oder Intubationen, Krebserkrankungen, Stoffwechselstörungen wie Diabetes oder eine Urämie (Auftreten harnpflichtiger Substanzen im Blut) infrage. Aber auch Störungen im Magen-Darm-Trakt, etwa andauerndes Sodbrennen, schwerer Durchfall oder Darmverschluss, können den Reflex auslösen. Neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Multiple Sklerose, Gehirnentzündung oder Blutungen im Gehirn kommen als Verursacher ebenfalls infrage. Auch einige Medikamente können Schluckauf auslösen, beispielsweise Alpha-Methyldopa, Barbiturate, Dexamethason oder Diazepam.

Zahlreiche Tricks

Gegen Schluckauf gibt es viele nicht-medikamentöse Tipps. Jeder Ratschlag soll den Reflexbogen unterbrechen, ist jedoch nur in den ersten Stunden erfolgreich. Systematische Studien zu nicht-medikamentösen Ansätzen fehlen. Eine verbreitete Methode ist, den Betroffenen zu erschrecken. Viele schwören zudem auf spezielle Techniken. Hier eine Auswahl:

  • Atemmanöver, zum Beispiel den Atem anhalten, husten, in eine Plastiktüte atmen, sich nach vorne lehnen, die Beine anziehen oder die tief eingeatmete Luft im Brustkorb zusammendrücken (sogenanntes Valsalva-Manöver),
  • Stimulation der Nase, des Kehlkopfs oder des Vagusnervs durch Trinken von Eiswasser, Essig oder Pfefferminztee,
  • Gurgeln mit Wasser, von der anderen Seite des Glases trinken, Druck auf die Nasenwurzel, Lutschen eines Zuckerwürfels, Herausziehen der Zunge, Reizen des Gaumenzäpfchens durch einen Gegenstand, zum Beispiel einem Plastikkatheter,
  • Beruhigung des Nervus phrenicus durch Kühlen oder Massieren des Oberbauchs,

Achtung: Einige Hausmittel können gefährlich werden. Die Halsschlagader zu massieren, birgt die Gefahr, dass sich Plaques von der Arterienwand lösen und schlimmstenfalls einen Schlaganfall auslösen.

Letzte Optionen

Hält ein Schluckauf längere Zeit an, verschreiben Ärzte – je nach vermuteter Ursache – ein Medikament dagegen. Löst höchstwahrscheinlich eine Störung im Verdauungstrakt den Schluckauf aus, können Protonenpumpenhemmer wie Omeprazol (in geringen Dosierungen rezeptfrei) helfen. Baclofen (Lioresal® und Generika) entspannt die Muskeln und blockiert die nervale Reizung. Metoclopramid (Paspertin® und Generika) soll die Magendehnung reduzieren. Neuroleptika können den Reflex zentral unterdrücken.

In manchen Fällen verordnen Ärzte auch ein zentral wirksames Antiepileptikum, ein Sedativum oder Antidepressivum oder peripher wirksame Substanzen wie Anticholinergika, Muskelrelaxantien oder Prokinetika. Gegen chronischen Schluckauf kommen neben den genannten Arzneimitteln suggestive Therapien wie Akupunktur, Hypnose, Psychotherapie, im Extremfall kann eine Operationen Abhilfe schaffen. Aber selbst das hilft nicht immer: Der längste bekannte Schluckauf dauerte fast 70 Jahre. /

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ursula.sellerberg(at)yahoo.de