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Schlafstörungen

Wenn die Erholung ausbleibt

13.11.2013  12:33 Uhr

Von Ernst-Albert Meyer / »Ich habe wieder nicht geschlafen!« Diese Klage äußern heute immer mehr Menschen. Denn jeder dritte Deutsche schläft ständig oder zeitweilig schlecht.

In ver­gangenen Zeiten waren diese Beschwerden nicht so häufig. Die meisten Menschen mussten tagsüber körperlich schwer arbeiten, sanken daher abends erschöpft ins Bett und schliefen gut. So waren Schlafstörungen früher ein Problem der »besseren Kreise« und der Senioren.

Jahrtausende lang empfanden die Menschen den Schlaf als passiven und schutzlosen Zustand sehr rätselhaft, gespenstisch, er flöste vielen Angst ein. Die alten Griechen nannten den Gott des Schlafes Hypnos und dessen Bruder, den Tod Thanatos. Beide lebten in der Unterwelt. Hypnos brachte Menschen und Tieren den Schlaf. Damals nahm der Schlaf eine Sonderstellung zwischen Leben und Tod ein. Bei den Römern hieß der Gott des Schlafes Somnus und wurde sehr verehrt. Dem Schlaf widmete der griechische Philosoph Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) die Aufsätze »Über Schlafen und Wachen« und »Über Träume«. Der Schlaf sei für alle Lebewesen – so der Philosoph – ein lebensnotwendiges Phänomen und besitze Erholungswert. Ein im Körper vorhandener, unbekannter Stoff würde im Laufe des Tages ständig zunehmen und beim Überschreiten eines bestimmten Grenzwertes den Schlaf auslösen. Umgekehrt würde die Konzentration dieses Stoffes während der Nacht sinken und so das morgendliche Aufwachen ermöglichen. Von den damals gebräuchlichen Schlafmitteln hielt Aristoteles nicht viel. Dazu bemerkte er, dass »alle, ob flüssig oder fest, einen schweren Kopf machen, etwa Mohn, Mandragora (Alraune), Wein ....«

Schlafmittel der Volksmedizin

Auf der Suche nach wirksamen Mitteln gegen die Schlafstörungen griffen die Leidgeplagten zu den absonderlichsten Zubereitungen. In Bayern galt ein Trunk aus Hasengalle in Wein als probates Schlafmittel oder noch drastischer Wein, der die Galle von einem Aal enthielt. Dieser Trunk sollte eine Schlafdauer von 36 Stunden garantieren. Ein weiteres Rezept der Volksmedizin lautete: »Nimm ein frisch abgezo­genes Hasenfell oder Hasenohren und lege solches unters Kopfkissen. Du wirst gut schlafen.« Auch eine Schlafsalbe sollte helfen. Sie wurde aus Muskatöl und Rosensalbe hergestellt. Damit sollte der »Schlaflose« beide Schläfen, das Genick, die Nasenlöcher, beide Arme, die Pulse und die Fußsohlen einreiben. Und zum Schluss hieß es: »Dieses thue etliche Tage nacheinander, wenn du zu Bette gehen willst, es bringt den natürlichen Schlaf.« Schwaben verrieben Eichhorn- oder Fledermausschmalz an ihren Schläfen. In Böhmen legten die Menschen bei Schlaflosigkeit das Horn einer Ziege unter das Kopfkissen. Als weitere beliebte Mittel galten das Kauen von Baldrianwurzel oder Anissamen sowie das Bestreichen des Kopfes – besonders der Schläfen – mit Tee aus Dillkraut oder der Zaunrübe (Bryonia dioica). In England ist es noch heute üblich, bei Schlafstörungen das Kopfkissen mit Hopfenzapfen zu füllen. Und um Wöchnerinnen einen ruhigen Schlaf zu sichern, hängt man in Italien jetzt noch Sträuße aus Schafgarbe in deren Schlafräumen auf.

Hypnotika aus der Apotheke

Doch Menschen mit Schlafstörungen vertrauten nicht nur auf die meist obskuren, aber wirkungslosen Mittel der Volksmedizin, sondern nahmen auch von Apothekern hergestellte – meist nach Rezepten der Ärzte – stark wirksame Hypnotika ein. Die Schlafmittel aus der Apotheke enthielten vor allem Auszüge aus hypnotisch, gleichzeitig halluzinogen wirkenden Nachtschattengewächsen (Solanaceae), vor allem von Tollkirsche, Stechapfel, Bilsenkraut und Alraune sowie außerdem Schlafmohn beziehungsweise Opium, Lattich (Lactuca serriola), Seerose (Nymphaea) und Gefleckten Schierling (Conium macculatum). Auffällig sind die vielen Arzneiformen der Schlafmittel, die in den Apotheken vorrätig waren: Schlafschwämme, Öle, Umschläge, Salben, Pflaster, Zäpfchen, Pillen, Pulver, Tränke, Wässer, Räucherungen und Riechmittel. Das beliebte Hypnotikum »requies magna« (große Ruhe) enthielt neben anderen Bestandteilen Opium, Bilsenkraut und Alraune.

Welche gesundheitlichen Risiken mit diesen Hypnotika verbunden waren, war bekannt: So untersagen Apothekerordnungen des 14. und 15. Jahrhunderts die Abgabe dieser Schlafmittel an unbekannte Frauen beziehungsweise die Abgabe ohne Rezept. Außerdem gingen Ärzte und Apotheker mit diesen Schlafmitteln ein Risiko ein, denn die eingesetzten Nachtschattengewächse waren auch die Hauptbestandteile der berüchtigten Hexensalben. Um 1600 verschwinden diese Nachtschatten-Hypnotika fast schlagartig aus den Arzneibüchern und die Ärzte schreiben sie nicht mehr auf, weil sich zu dieser Zeit die Hexenverfolgungen zu einer Massenhysterie entwickelten. Welcher Arzt oder Apotheker wollte schon bei der Inquisition in Verdacht geraten, das Hexenwesen zu unterstützen? So wurden wiederholt – wie die Protokolle der Inquisition belegen – auch Apothekerinnen als Hexen verbrannt.

Alp und Trude

Noch ein anderes Problem beschäftigte damals die Menschen: Wachte jemand in der Nacht plötzlich Schweiß gebadet auf und verspürte Angst und Herzbeklemmung, weil ein starker Druck auf Brust und Magen lastete, konnte das nur ein Alp (auch Alb) sein. Die Betroffenen glaubten, dass sich dieser Dämon im Schlaf auf ihre Brust gesetzt und sie gewürgt habe. Aus dieser Zeit stammt auch der Begriff »Albtraum«. Das Volk stellte sich den Alp beispielsweise als Tier mit rauen Haaren vor. In Süddeutschland waren die Menschen davon überzeugt, dass die Trude (auch Drud), eine hexenartige Gestalt, sie nachts peinigte. Mit verschiedenen Mitteln versuchten die Geplagten, diese drückenden Geister an ihren nächtlichen Besuchen zu hindern. Weit verbreitet waren Zaubersprüche, um Alp und Trude fernzuhalten. Als bewährte Mittel galten in Böhmen mit Lilien, Maiglöckchen oder Veilchen gefüllte Säckchen unter dem Kopfkissen oder eine weiße Ziegendecke auf dem Betttuch. Amulette aus Koralle, Jaspis oder ein Wolfszahn um den Hals sollten ebenfalls die nächtlichen Geister vertreiben. Wen die Trude »drückte«, der sollte sich sofort auf die Seite legen. Dann verschwände ihre Macht. Wer ein Amulett mit einem Drudenstein, einem Kieselstein mit einem Loch, besaß, brauchte ebenfalls die Nachtdämonen nicht zu fürchten.

Schlafen und Wachen

Leicht verständliche medizinische Schriften des Mittelalters enthielten etliche Regeln für eine gesunde Lebensweise. Zu dieser Zeit folgten alle Ärzte der Empfehlung des arabischen Arztes Avicenna (980 bis 1037), der forderte, während des Schlafens bestimmte Lagen einzunehmen: Am Anfang solle man auf der rechten Seite liegen, dann auf die linke wechseln, um schließlich auf die rechte Seite zurückzukehren. Andere Lagen waren nicht erlaubt, weil sie zu Krankheiten führen sollten. Da die Menschen im Mittelalter in der Regel nackt schliefen, sollten sie eine Nachtmütze tragen und außerdem nicht mit Schuhen ins Bett gehen.

Viele Autoren der Gesundheitsbücher beschäftigten sich mit dem Schlaf. So sah beispielsweise der Dominikanermönch Albertus Magnus (um 1193 bis 1280) im Schlaf die »Fessel der äußeren Sinne«. Daher riet der Mönch dazu, nicht zu viel schlafen und niemals am Tage. Vor allem das Schlafen unmittelbar nach dem Mittagessen – der Mittagsschlaf – galt schon seit dem Altertum nicht nur als ungesund sondern sogar als gefährlich. Angeblich trieben in dieser Zeit Dämonen ihr Unwesen, so der Aberglaube. Eine andere Erklärung dafür, warum niemand direkt nach dem Mittagessen schlafen sollte, hatte Hildegard von Bingen (1098 bis 1179): «….damit nicht, wenn er (der Mensch) gleich nach dem Essen einschläft, dieser Schlafzustand Geschmack, Saft und Geruch der Speisen in falsche, unpassende Organe leitet und sie im Gefäßsystem wie einen Staub hierhin und dorthin verwehen würde.« Die heilkundige Nonne empfahl daher, sich erst nach einer gewissen Zeit hinzulegen, «…dann können Blut und Fleisch in ihm gedeihen und er wird gesund.« Zuviel Schlaf und auch zu wenig mache den Menschen krank, so die Nonne.

Und der berühmte Arzt Paracelsus (1493 bis 1541) forderte, möglichst jeder Mensch solle von morgens vier bis abends um acht Uhr wach sein und in der verbleibenden Zeit schlafen. Hält er sich nicht daran, so sei die Ordnung der Natur gebrochen. »Denn die Sonne will, dass alles wach sei.«

Berühmte Kurzzeit-Schläfer

»Schlaf ist wie das Aufziehen einer Uhr…« behauptete der Philosoph Ar­thur Schopenhauer (1788 bis 1860). Doch manche Menschen brauchen ihre Uhr kaum aufzuziehen, denn sie kommen mit extrem wenig Schlaf aus. Paradebeispiel ist das Universalgenie Leonardo da Vinci (1452 bis 1519). Er soll täglich nur 1,5 Stunden geschlafen haben, verteilt auf Häppchen von fünfzehn Minuten alle vier Stunden. Beim Blick auf sein riesiges Gesamtwerk scheint dies realistisch. Konnte da Vinci während seiner 67 Lebensjahre auf diese Weise zusätzlich 20 Schaffensjahre gewinnen, sozusagen auf Kosten seines Schlafs. Ein ebenfalls bekannter »Kurz-Schläfer war Kaiser Napoleon (1769 bis 1821), der sich zudem verächtlich über Langschläfer äußerte: »Fünf Stunden Schlaf für einen reifen Mann – acht Stunden für einen Dummkopf.« In der Tat kam der Kaiser mit drei bis fünf Stunden Nachtschlaf aus. Doch Zeitgenossen berichteten, dass Napoleon wiederholt in einen rätselhaften, lethargischen Schlafzustand fiel, der Minuten andauerte. Danach fühlte sich der Kaiser erfrischt und ausgeruht und war voller Tatendrang. Mediziner bezeichnen dieses Phänomen als Narkolepsie. Dieser plötzliche Schlafzwang überfiel Napoleon auf Empfängen und Bällen, manchmal sogar in der Schlacht. Vor Beginn der Schlacht bei Austerlitz im Jahr 1805 schlief der Feldherr so fest ein, dass er nur mit Mühe geweckt werden konnte.

Nackt mit Fremden im Bett

Wer im Mittelalter auf Reisen ging, nächtigte in Herbergen, Gasthäusern, Spitälern und Klöstern. Meist schliefen mehrere Menschen, die sich oft nicht kannten, in einem Bett. Während eines Aufenthalts in Brüssel zeigte man 1520 Albrecht Dürer ein Bett, das 50 Personen aufnehmen konnte. In anderen, sehr einfachen Unterkünften mussten die Reisenden in einer Schlafkammer sich auf den Boden legen, der mit Stroh, Heu oder Farnkraut ausgelegt war. Damals schliefen die Menschen unbekleidet und legten ihre Kleidung und Habseligkeiten auf eine Bank, die oft nachts gestohlen wurden.

Wegen der meist nur dünnen Decken froren die nackten Menschen und rückten zusammen, um sich zu wärmen. Zu diesen Gelegenheiten erlebte so mancher oft eine heimlich ersehnte oder auch peinliche Annäherung eines Bettgenossen. Wer durch die rechts und links Schlafenden genügend erwärmt war, drehte sich um und schlief dann selbst ein. Aus dieser Zeit stammt zum Beispiel der Ausdruck »Jemandem die kalte Schulter zeigen.« Voller Gefahren war auch der nächtliche Gang zur Latrine. Wegen der Feuergefahr und aus Kostengründen brannten nachts keine Kerzen, sodass der Reisende schlaftrunken, im Dunklen und in einem fremden Haus sich seinen Weg zum »stillen Örtchen« suchen musste. Auch hierbei erlebten einige unliebsame Zwischenfälle. /­

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