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Dysphagien

Wenn Schlucken zur Qual wird

13.11.2013
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Von Michael van den Heuvel / Hinter dem Symptom Schluck­störungen verbergen sich ganz unterschiedliche Erkrankungen. Das Spektrum reicht von einfachen Halsentzündungen über Mundtrockenheit bis zu schwerwiegenden neurologischen Krankheiten und malignen Tumoren. Je nach Ursache können Arzneimittel aus der Selbstmedikation oder verschreibungs­pflichtige Medikamente helfen.

Über das Schlucken machen sich Menschen erst Gedanken, wenn es ihnen Probleme bereitet. Dieser Prozess läuft zwischen 1000 und 3000 Mal an jedem Tag ab, und zwar häufiger im Schlaf als im wachen Zustand. Daran beteiligt sind 26 verschiedene Muskelstrukturen in Rachen, Kehlkopf, der Speiseröhre sowie im Magen. Die Steuerung findet im Schluckzentrum des Gehirns statt, Hirnnerven übertragen die Signale.

Beim Kauvorgang wird die Nahrung im Mund zunächst rein mechanisch zerkleinert. Dies ist willentlich steuerbar. Langkettige Kohlenhydrate, die Mucine, machen die Nahrungsbrocken gleitfähiger. Von der Mundhöhle aus wandert eine schluckfähige Portion (Bolus) über wellenförmige Muskelbewegungen in Richtung Zungengrund oder Rachenhinterwand. Jetzt wird der Schluck­reflex ausgelöst. Ab diesem Zeitpunkt entziehen sich alle weiteren Vorgänge der willentlichen Kontrolle. Damit bei der pharyngealen Transportphase keine Nahrung in die Luftröhre gelangt, schließen verschiedene Muskeln und der Kehldeckel die Atemwege hermetisch ab. Verschlucken, Mediziner sprechen von einer Aspiration, löst sofort starken Hustenreiz aus. Dadurch gelangen die Partikel schnell wieder nach außen. Beim Schluckvorgang öffnet sich der obere Schließmuskel (Sphinkter) der Speiseröhre. Nachdem der Bolus in die Speiseröhre gelangt ist, schließt sich dieser Muskel. Die Muskeln der Speise­röhre drücken die Nahrung in Richtung Magen. Das funktioniert sogar beim Kopfstand, wie Kinder gerne ausprobieren. Erkrankungen der beteiligten Strukturen führen zu mehr oder minder starken Schluckbeschwerden.

Typisch für den Winter

Die Erkältungszeit bleibt für viele Menschen nicht ohne Folgen: Mancher erwacht morgens mit starken Halsschmerzen und Schluckbeschwerden (Dysphagien). Die Wangen sind gerötet und das Fieberthermometer zeigt erhöhte Werte an. Umgehend suchen Betroffene dann Rat in der Apotheke. Für PTA und Apotheker gehört das Krankheitsbild einer Pharyngitis derzeit zum Tagesgeschäft. Meist entzündet sich die Schleimhaut im Rachen durch Adeno-, Influenza- oder Parainfluenza-­Viren. Seltener verursachen Bakterien wie Streptokokken das Leiden. Infizieren diese die Lymphbahnen im Rachenbereich, sprechen Ärzte von einer Seitenstrangangina. Neben den Dyspha­gien klagen die Erkrankten über Kopf-, Hals und Ohrenschmerzen und hohes Fieber. Befallen Viren oder Bakterien die Gaumenmandeln, entwickelt sich eine Tonsillitis mit starken Schluck­beschwerden und Halsschmerzen.

Berichten Patienten in der Apotheke von starken Beschwerden (siehe Kasten), ist grundsätzlich die Abklärung durch einen Internisten erforderlich, da andere Ursachen als eine Erkältungskrankheit dahinterstecken können.

Entzündungen therapieren

Virale Halsentzündungen, wie sie in der Erkältungszeit an der Tagesordnung sind, heilen in der Regel von selbst wieder aus, ohne dass Medikamente erforderlich wären. Zeitgleich verschwinden auch die Schluckbeschwerden. Bis es soweit ist, verschaffen Lutschtabletten mit Benzocain (wie in Dorithricin®, Dolo-Dobendan®) oder Lidocain (in Trachilid®) durch ihre örtlich betäubende Wirkung rasch Linderung. Darüber hinaus wirkt Flurbiprofen (in Dobendan® Direkt) gegen Entzündungen und Schmerzen. Lutschtabletten und Gurgellösungen enthalten oft Antiseptika wie Cetylpyridiniumchlorid, Benzalkoniumchlorid, Hexetidin beziehungsweise Chlorhexidin. Diese wirken nur oberflächlich, Viren oder Bakterien dringen jedoch tief in das Gewebe ein. PTA und Apotheker können erwachsenen Patienten mit starken Halsschmerzen zur Linderung auch systemische Analgetika wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen oder Paracetamol empfehlen.

Alarmsignale im Beratungsgespräch

Bei folgenden Symptomen sollten PTA oder Apotheker einen Arztbesuch empfehlen:

  • Hohes Fieber
  • Beschwerden beim Atmen
  • Kreislaufstörungen
  • Ungewollter Gewichtsverlust
  • Schmerzen im Magen-Darm-Trakt
  • Dunkel gefärbter Stuhl

Wer lieber einen Arzneitee oder ein Phytopharmakon anwenden möchte, sollte mit Salbei- oder Kamillentee gurgeln. Isländisch Moos (in Isla Moos®) oder Hyaluronsäure (zum Beispiel in GeloRevoice® Halstabletten) befeuchten die gereizten Schleimhäute zusätzlich. Auch die Homöopathie verfügt über Mittel zur Behandlung von Halsschmerzen und Schluckbeschwerden (siehe Tabelle). Haben Bakterien die Pharyngitis oder Tonsillitis verursacht, verordnen Ärzte Antibiotika wie Penicillin V, ein Cephalosporin oder ein Makrolidantibiotikum.

Wie die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) in ihrer Halsschmerz-Leitlinie berichtet, sind eitrige Komplikationen wie Abszesse der Gaumenmandeln, Mittelohr- oder Nasennebenhöhlenentzündungen »selten bis sehr selten«. Deshalb sind Antibiotika meist fehl am Platz. Ob Eislutschen bei Tonsillitis hilft, ist wissenschaftlich umstritten. Auf der sicheren Seite sind Patienten, die sich für Teemischungen mit Linden­blüten, Spitzwegerich, Isländisch Moos oder Thymian entscheiden. Wenn die Gaumenmandeln sich in der kalten Jahreszeit immer wieder entzünden, raten Ärzte zur Entfernung, der Tonsillektomie. Zwar bleiben die Pa­tienten künftig von schmerzhaften Entzündungen inklusive Schluckstörung verschont. Sie verlieren aber die Wirkung ihrer Gaumenmandeln zur ersten Abwehr von Krankheitserregern.

Dysphagien im Alter

Nicht nur Erkältungspatienten suchen wegen Schluckstörungen Rat bei PTA oder Apotheker. Fachgesellschaften für Geriatrie schätzen, dass bis zu 45 Prozent aller Senioren jenseits des 75. Lebensjahrs mit Dysphagien kämpfen. Hinter dem Leiden können sich neurologische oder onkologische Erkrankungen verbergen, sodass generell ein Arzt den Patienten untersuchen und therapieren sollte. Ob schlecht sitzende Prothesen oder kieferorthopädische Defekte die Probleme verursachen, kontrolliert am besten der Zahnarzt.

Viele Senioren klagen über Mund­trocken­heit (Xerostomie) und damit einhergehenden Schluckbeschwerden. Neben der im Alter nachlassenden Speichelproduktion haben zahlreiche Arzneistoffe diese Nebenwirkung, beispielsweise Anticholinergika, Diuretika oder Psychopharmaka. Nach der Bestrahlung aufgrund einer Tumorerkrankung nehmen die Speicheldrüsen Schaden. PTA und Apotheker können Menschen mit Xerostomie Speichelersatzprodukte empfehlen, etwa Glandosane® Spray, Emofluor® Mundbefeuchter Spray, Aldiamed® Mundgel oder Saliva natura® Mundspray. Darüber hinaus regen Lutschtabletten und Kaugummis den Speichelfluss an.

Auslöser Schilddrüse

Eine Entzündung der Schilddrüse (Thyroiditis) kann ebenfalls Schluckbeschwerden nach sich ziehen. In diesen Fällen behandeln Ärzte die Grunderkrankung. Bei erfolgreicher Therapie – je nach individueller Situation mit Schilddrüsenhormonen oder einen Thyreostatikum – verringern sich rasch die Schluckbeschwerden und das Enge­gefühl im Hals. Verursacht ein Kropf (Struma) die Beschwerden und werden bereits die Speiseröhre sowie die Luftröhre eingeschnürt, entscheiden sich Ärzte meist für einen operativen Eingriff.

Erkrankungen des Nervensystems

Schluckstörungen sind auch häufig eine Begleiterscheinung bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen, zum Beispiel Morbus Parkinson, Multiple Skle­rose, Chorea Huntington sowie amyotrophe Lateralsklerose (ALS), eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems.

Auch nach einem Schlaganfall haben Patienten sehr häufig Schluckstörungen. Sie müssen den Vorgang des Schluckens erst wieder erlernen. Neben den typischen Symptomen für Morbus Parkinson wie verlangsamte Bewegungen, Muskelstarre, Zittern und instabile Körperhaltung verzögert sich ebenfalls der Schluckakt. Aufgrund geschwächter Muskeln in der Speiseröhre kämpfen ALS-Patienten mit ähnlichen Problemen. Bei ihnen sammeln sich durch Schluckstörungen größere Mengen Speichel im Mund. Die Patienten profitieren von Krankengymnastik und logopädischem Training, wo sie unter professioneller Anleitung beteiligte Muskeln trainieren.Damit Patienten mit neurologischen Erkrankungen keine Nahrung inhalieren und daraus möglicherweise eine Lungenentzündung (Aspirationspneumonie) entwickeln, sollten ihre Nahrungsmittel richtig zubereitet werden. Menschen mit Schluckbeschwerden haben mit einem dünnen Brei die wenigsten Probleme. Somit sind feste Speisen zu pürieren und Getränke und klare Suppen einzudicken. Beugen die Patienten beim Essen den Kopf leicht nach vorne, sinkt das Risiko, sich zu verschlucken ebenfalls. Diese Patienten können in speziellen Programmen ihre Zungen- und Gesichtsmuskeln sowie Muskelpartien im Rachen trainieren, um so das Schlucken wieder zu lernen.

Dysphagien: Die Symptome im Überblick

  • Kloßgefühl im Hals
  • Kaustörungen
  • ständiger Speichelfluss
  • Husten
  • Würgereiz beziehungsweise Schmerzen beim Schluckakt
  • Hochwürgen von Nahrungs­bestandteilen

Enterale und parenterale Ernährung

Bestehen schwere Schluckstörungen trotz aller Therapieversuche weiter, bleibt als letzte Möglichkeit, die Patienten über eine nasale Magensonde oder über eine perkutane endoskopische Gastrostomie (PEG) zu ernähren. Magensonden werden durch Mund oder Nase bis zum Magen vorgeschoben, während PEG-Sonden direkt durch die Bauchdecke in den Magen führen. PEG-Sonden haben den Vorteil, dass sie die Patienten beim Schlucken nicht behindern. Trotzdem kann Speichel in die Atemwege gelangen und eine Lungenentzündung verursachen. In manchen Fällen entscheiden sich Chirurgen für einen Luftröhrenschnitt (Tracheotomie) und setzen eine Atemkanüle mit aufblasbarer Sperre ein. Durch dieses Hilfsmittel gelangt kein Speichel mehr in die Lunge. Um die Speichel­pro­duk­tion selbst zu verringern, spritzen Ärzte Botulinumtoxin in die Speicheldrüsen oder verordnen Anticholinergika. Deren häufigste Nebenwirkung, die Mundtrockenheit, ist hier der gewünschte Effekt. /

Mit Homöopathie gegen Hals- und Rachenleiden

Präparat Leitsymptom
Ammonium bromatum D6 Anfangs Heiserkeit; später Bronchitis
Apis mellifica D6 Brennende, stechende Halsschmerzen; Schluckbeschwerden
Guaiacum D6 Starke Halsschmerzen, geschwollene Mandeln
Phytolacca D6 Akute Entzündungen mit starken Halsschmerzen und Schluckbeschwerden
Spongia D6 Trockener Husten, häufiges Räuspern

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