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Sodbrennen

Zu viel Säure

13.11.2013
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Von Katja Renner / Saures Aufstoßen, Brennen in der Speiseröhre und Unwohlsein in der Magengegend kennen 30 bis 40 Prozent der Deutschen. Häufig suchen die Betroffenen Hilfe in der Apotheke. PTA und Apotheker haben die verantwortungsvolle Aufgabe, diese Kunden bedarfsgerecht zu beraten.

Der Winter ist die Zeit von Gänsebraten, Plätzchen und süßen Leckereien. Doch leider bringt der Genuss oft Magenbeschwerden und Sodbrennen mit sich. Wer nur sporadisch unter diesen Problemen leidet, dem hilft meist ein Antacidum, ein Magentee oder ein Hausmittel, das den Magen beruhigt. Allerdings können sich hinter den scheinbar harmlosen Symptomen auch ernsthafte Erkrankungen verbergen, zum Beispiel ein Ulkus oder ein Magenkarzinom.

Der Magen ist ein großer Muskel, in den die zerkleinerte Nahrung aus dem Mundraum über die Speiseröhre und den Ösophagussphinkter gelangt. Hat der Nahrungsbrei den Mageneingang passiert, beginnen wichtige Prozesse der Verdauung. Sein Fassungsvermögen beträgt bei Erwachsenen etwa 1 bis 1,5 Liter. Mehrere Muskelschichten ermöglichen die Anpassung des Verdauungsorgans an sein Füllungsvolumen und vollziehen peristaltische Bewegungen, um den Speisebrei zu durchmischen, größere Bestandteile zu zerkleinern und homogenisieren. Der Pylorus, der Magenpförtner, sorgt seinerseits dafür, dass der Mageninhalt kontrolliert und portionsweise in den Zwölffingerdarm transportiert wird. Abhängig von der Zusammensetzung und der Temperatur des Speisebreis entleert sich der Magen schnell oder langsam. In die dicke Magenschleimhaut eingebettete Mucosazellen bilden eine schützende Schleimschicht, die die Säure des Magensaftes abpuffert und den Magen vor der Selbstverdauung bewahrt.

Die Verdauungssäfte

Der Magen produziert Salzsäure und Verdauungsenzyme wie Pepsin und Kathepsin sowie fettspaltende Lipasen. Dadurch leitet er den hydrolytischen Abbau der Nahrungsbestandteile ein und bereitet diese für die Resorption im Dünndarm vor. Der saure Magensaft mit einem pH-Wert von 0,8 bis 1,5 ist Voraussetzung für die Aktivierung und Funktion der Verdauungsenzyme. Außerdem tötet die Säure zahlreiche Erreger wie Bakterien oder Viren ab und beugt so Infektionen vor.

Pro Tag bildet der Magen etwa 2 bis 3 Liter Salzsäure, gesteuert vom vegetativen Nervensystem. Das heißt, Stress, Ärger und andere psychische Belastungen können die Magenfunktionen negativ beeinflussen. Nicht umsonst lautet das Sprichwort: »Das schlägt mir auf den Magen«. Ist der Para­sympathikus dauerhaft aktiv, produziert der Magen häufig mehr Säure als zur Nahrungsverdauung benötigt wird.

Botenstoffe wie Histamin oder das Hormon Gastrin stimulieren die Säureproduktion. Aber auch die aufgenommene Nahrung und der Füllungszustand des Magens beeinflussen die Menge des Magensaftes. Ort der Salzsäureproduktion sind die Magen­drü­sen, die in kleinen Grübchen im Magenfundus und Magenkorpus liegen. Sie setzen sich aus Neben-, Haupt- und Belegzellen zusammen. In den Belegzellen gibt die Protonenpumpe (H+/K+-ATPase) Protonen in den Extra­zellulär­raum ab, die zusammen mit Chloridionen Salzsäure bilden. Außerdem produzieren die Belegzellen den Intrinsic Factor, ein Glykoprotein, das sich im Magen an Vitamin B12 bindet und so dessen Weitertransport in den unteren Dünndarm gewährleistet.

Außer Balance

Normalerweise befinden sich aggressive Faktoren wie Salzsäure und Verdauungsenzyme im Gleichgewicht mit schützenden Faktoren wie Prostaglandin E2, Hydrogencarbonat-Ionen und der Schleimbildung. Fettreiche Ernährung, Nikotin, übermäßiger Alkoholgenuss, Stress, Medikamente oder die Infektion mit dem Bakterium Helicobacter pylori können allerdings das Gleichgewicht auf die Seite der aggressiven Faktoren verschieben. Dann entstehen Reizungen und leichte Entzündungen der Schleimhaut, die sich beim Patienten als Sodbrennen oder in Form eines Reizmagens äußern.

Bevor PTA oder Apotheker ein Arzneimittel empfehlen, sollten sie nach Art des Schmerzes und nach den Symptomen fragen. Beispielsweise müssen Patienten mit schweren und rezidivierenden Oberbauchbeschwerden, schwarzem Stuhl, Gewichtsverlust oder Schmerzen, die gürtelartig in den Rücken ausstrahlen, möglichst direkt den Arzt aufsuchen.

Der Begriff »gastroösopheagale Refluxbeschwerden« ist Ausdruck für eine Reihe von Störungen, die den Säurerückfluss betreffen. Als Schließmuskel hat der Ösophagussphinkter die Funktion, den Rückfluss des Speisebreis in die Speiseröhre zu verhindern. Hundertprozentig gelingt das meist nicht. Ein gelegentlicher Rückfluss ist normal und noch nicht pathologisch. Patienten mit einer Muskelschwäche des Sphinkters leiden häufig unter Sodbrennen, besonders nachts in liegender Position.

Fließen größere Mengen Magensaft regelmäßig in die Speiseröhre zurück, sprechen Experten von einem krankhaften Reflux, der sich als Sodbrennen bemerkbar macht. Viele Betroffene spüren ein brennendes Gefühl in der Brust, häufig begleitet von einem unangenehmen sauren Geschmack. Treten die Beschwerden nur selten und in milder Form auf, weisen sie auf eine leichte Form der Refluxkrankheit hin. Dann helfen oft schon Änderungen der Lebensgewohnheiten. Ursache sind in den meisten Fällen falsche Essgewohnheiten und Übergewicht. Experten sprechen von einer gastroösophagealen Refluxerkrankung (GERD, gastroesophageal reflux disease), wenn die Patienten häufiger als zweimal in der Woche unter Sodbrennen leiden.

Zu den weiteren Symptomen zählen trockener Reizhusten, Kehlkopfentzündungen oder säurebedingte Schäden im Mund- und Rachenraum sowie erhöhte Kariesneigung. Etwa 50 Prozent der Patienten mit chronischem Reflux entwickeln Entzündungen der Speiseröhre bis hin zu Ulzerationen. Ständige Reizungen der Schleimhäute begünstigen Zellveränderungen, zum Beispiel einen Barrett-Ösophagus mit dem Risiko der Karzinombildung. Ziel jeder therapeutischen Maßnahme ist es, den Überschuss an Säure zu reduzieren, denn es gilt: Ohne Säure kein Ulkus.

Helicobacter pylori

Die Infektion mit dem Bakterium Helicobacter pylori ist ein wichtiger Risikofaktor für zahlreiche Erkrankungen des Gastro-Intestinal-Trakts. Sie ist eine der häufigsten Ursachen für die chronische Gastritis und erhöht außerdem das Risiko für Ulzerationen und Magenkarzinome. Die meisten Menschen infizieren sich bereits im Kindesalter über ihre Eltern. Das besondere Merkmal des Erregers ist seine Überlebensfähigkeit im sauren Milieu. Mithilfe des Enzyms Urease wandelt das spiralförmige Bakterium in der Magenschleimhaut vorhandenen Harnstoff in Ammoniak und Kohlendioxid um. So umgibt es sich mit einer pH-neutralen Umgebung und wiedersteht dem Angriff des stark sauren Magenmilieus. Sowohl der vom Bakterium gebildete Ammoniak als auch spezifische Zytotoxine schädigen die Mucosazellen. Dies kann zu einer chronischen Gastritis führen. Die Infektion kann ein Arzt mit unterschiedlichen Untersuchungsmethoden feststellen: einem Bluttest, dem Urease-Atemtest oder aus einer Gewebeprobe im Rahmen einer Magenspiegelung. Bei positivem Nachweis verordnet der Arzt zur Eradikationstherapie zwei Antibiotika und einen Protonenpumpenhemmer.

Antacida neutralisieren

Zur Selbstmedikation unkomplizierter säurebedingter Beschwerden steht eine Reihe von Medikamenten zur Verfügung. Mittel der ersten Wahl sind Antacida, basische Salze, die Protonen binden und so die Magensäure neutralisieren. Antacida erhöhen den pH-Wert im Magen auf Werte zwischen 3 und 5. Wirkstoffe wie Aluminium­hydroxid, Magnesiumhydroxid und Calciumcarbonat haben zwar einen schnellen Wirkungseintritt, aber eine auf wenige Stunden begrenzte Wirkdauer.

Entstehung säurebedingter Magenbeschwerden

Aggressive Faktoren Protektive Faktoren
Magensäure, Salzsäure Schleimsekretion
Pepsin Bikarbonat
Gallensäuren Gute Durchblutung der Schleimhaut
Prostaglandin E2

Gut verträglich und etwas länger wirksam sind Schichtgitter-Antacida, beispielsweise Hydrotalcit oder Magaldrat. Sie weisen eine gute Säurebindungskapazität auf. Steigt der pH-Wert über 4,6, verlangsamt sich die Neutralisationsgeschwindigkeit der Wirkstoffe, sodass eine reflektorische Produktion von Magensäure verhindert wird.

Antacida sollten vorzugsweise etwa ein bis drei Stunden nach den Hauptmahlzeiten eingenommen werden, da der Speisebrei selbst bis etwa eine Stunde nach der Nahrungsaufnahme ausreichend puffernd wirkt. Ferner ist die Einnahme vor dem Schlafengehen vorteilhaft, um die nächtlich produzierte Säure zu neutralisieren. Eine wichtige Nebenwirkung der Antacida ist, dass sie durch Komplexbindung die Aufnahme und Wirksamkeit von anderen Medikamenten verändern können. Deshalb sollten PTA und Apotheker die Patienten darauf hinweisen, dass sie andere Arzneimittel frühestens zwei Stunden nach Einnahme des Antacidums nehmen. Schwangere dürfen gegen Sodbrennen Schichtgitterantazida kurzfristig, Calciumcarbonat auch häufiger zur Linderung einnehmen.

Die Patienten können zwischen verschiedenen Darreichungsformen wählen: Tabletten, Suspensionen oder Kautabletten in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen von Pfefferminz über Zimt bis Karamell stehen zur Auswahl. Tabletten sollte der Patient erst im Mund zerfallen lassen, bevor er sie herunterschluckt. Nur so kann der Wirkstoff seine gesamte Neutralisationskapazität entfalten. Patienten mit Niereninsuffizienz dürfen in der Selbstmedikation keine Antazida einnehmen.

Physikalisch wirksam

Die Kombination aus Kaliumhydrogencarbonat und Natriumalginat ist eine Alternative für Patienten mit leichten gastroösophagalen Refluxbeschwerden. Anders als bei Antacida basiert die Wirkung dieser Kombination auf einem physikalischen Effekt. Nach der Einnahme bildet sich mit der Magensäure ein Alginsäure-Schaum mit nahezu neutralem pH-Wert. Dieser schwimmt wie ein Gel-Deckel auf dem Mageninhalt und verhindert wirksam den gastroösophagalen Reflux. In schweren Fällen steigt die Schaumschicht anstatt des Mageninhaltes in den Ösophagus auf und lindert dort die Beschwerden. Eine Studie mit 146 Schwangeren ergab keine Hinweise auf unerwünschte Wirkungen bei Mutter und Ungeborenem.

Dosis für Selbstmedikation

H2-Rezeptorantagonisten wie Ranitidin und Famotidin sind eine weitere Behandlungsoption für die Selbstmedikation der unkomplizierten akuten Gastritis. Diese Arzneistoffgruppe wirkt auf die Säureproduktion nicht lokal im Magen, sondern erst nach der Resorption. Die Wirkstoffe blockieren Histamin-Rezeptoren im Magen und verhindern so, dass Histamin, einer der Hauptstimuli für die Sekretion von Salzsäure, seine Wirkung entfalten kann. Im Vergleich zu Antacida tritt die Wirkung später ein, etwa nach 30 bis 60 Minuten, dafür hält sie jedoch bis zu zwölf Stunden an. In der Selbstmedikation beträgt die Dosis von Ranitidin üblicherweise 75 Milligramm zweimal täglich unabhängig von den Mahlzeiten, am Morgen und vor dem Schlafengehen.

Risikofaktoren für säurebedingte Magenbeschwerden

  • Genussmittel (Nikotin, Alkohol, Koffein)
  • fett- und zuckerreiche Ernährung
  • Unregelmäßige Mahlzeiten, hastiges Essen
  • Medikamente (NSAR, Corticoide, Eisenpräparate)
  • Stress, seelische Belastungen

Menschen mit Refluxbeschwerden dürfen H2-Blocker nicht länger als 14 Tage ohne Rücksprache mit dem Arzt einnehmen. Für die Selbstmedikation sind die Arzneimittel ab 16 Jahren zugelassen. Aufgrund ihrer langen Wirkdauer sind H2-Blocker besonders vorteilhaft für Patienten mit nächtlichen Säurebeschwerden.

Seitdem Protonenpumpeninhibitoren (PPI) auf dem Markt sind, haben H2-Blocker nach und nach an Bedeutung verloren. Die Vertreter dieser Arzneitstoffgruppe sind bei säurebedingten Magenschmerzen stärker wirksam und eignen sich für Patienten mit anhaltenden oder wiederholt auftretenden Beschwerden. Sie wirken am Ort der Säureproduktion, indem sie die H+/K+-ATPase, die Protonenpumpe, irreversibel hemmen und so die Säure­sekretion dauerhaft drosseln. PPI gelten als gut verträglich und relativ stark wirksam.

Akutes Sodbrennen lindern jedoch Antacida besser, denn Wirkstoffe wie Omeprazol oder Pantoprazol hemmen erst ein bis zwei Tage nach der ersten Einnahme genügend Pumpen und erzielen damit verzögert einen deutlich spürbaren Effekt. Protonenpumpenhemmer werden auf ärztliche Verschreibung in der Langzeittherapie von säurebedingten Magenbeschwerden, zum Beispiel GERD, aber auch als Magenschutz bei Patienten eingesetzt, die eine Vielzahl von Medikamenten einnehmen müssen.

Der Rezeptpflicht unterliegen Esomeprazol, Lansoprazol und Rabeprazol sowie Omeprazol und Pantoprazol in höheren Dosierungen für die langfristige Behandlung. Zur Selbstmedikation sind Omeprazol und Pantoprazol in Dosierungen von 20 Milligramm zugelassen, allerdings nur für maximal 14 Tage. Einen PPI sollte der Patient am besten morgens eine halbe bis eine Stunde vor dem Frühstück einnehmen. So bleibt genug Zeit, damit der Wirkstoff in die Belegzellen gelangt, H+/K+-ATPasen blockiert und die Säureproduktion nach der ersten Nahrungsaufnahme reduziert. Mit 20 bis 40 Milligramm Pantoprazol oder Omeprazol lassen sich pH-Werte zwischen 3 und 4 erreichen. So verbleibt im Magen immer noch genug Säure, um die Verdauungsfunktion zu erfüllen. Ärzte verordnen höhere Dosierungen, zum Beispiel Patienten mit einem schweren Magengeschwür.

Da die Belegzellen immer neue aktive Pumpen bilden, ist das Ursprungsmilieu nach Absetzen der Therapie mit PPI schnell wieder erreicht. Die dauerhafte Einnahme von PPI kann die Aufnahme von Magnesium und Calcium aus der Nahrung beeinträchtigen und so zum Beispiel das Osteoporoserisiko erhöhen. Aufgrund ihrer Bindungsfähigkeit an Enzyme des Cytochrom-P450-Systems können PPI mit anderen Arzneistoffen interagieren.

Die Ergebnisse zweier Kohortenstudien legen laut Stellungnahme der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) und der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG) den Verdacht nahe, dass die kardioprotektive Wirkung des Blutgerinnungshemmers Clopidogrel reduziert wird, wenn Patienten gleichzeitig einen PPI einnehmen. Dabei scheint bei Pantoprazol das Risiko für eine Interaktion mit Clopidogrel geringer zu sein als bei Omeprazol, Lansoprazol oder Rabeprazol. Für die Beratung gilt: Möchte ein Patient in der Selbstmedikation einen PPI kaufen, sollten PTA und Apotheker ihn bei bestehendem Interaktionsrisiko auf einen H2-Blocker oder ein Antacidum verweisen. Im Zweifel müssen sie ihm zum Arztbesuch raten.

Hilfen aus der Natur

Extrakte aus Kamille, Pfefferminze, Melisse, Schafgarbe, Anis, Salbei und Fenchel wirken beruhigend auf den Magen-Darm-Trakt. Die heilenden Wirkstoffe dieser Phytopharmaka können als Tee getrunken oder als Extrakte in Fertigpräparaten eingenommen werden. Ein Kombinationsmittel mit bitterer Schleifenblume ist eine gute Empfehlung bei gelegentlichem Völlegefühl und unbestimmten Magenbeschwerden nach dem Essen. Die Tropfen werden dreimal täglich vor oder zu einer Mahlzeit mit etwas Flüssigkeit eingenommen.

Unterstützend können PTA Hausmittel wie Haferschleim oder in Wasser aufgeschwemmte Heilerde zur Beruhigung des Magens empfehlen.

Die landläufige Meinung, dass ein Verdauungsschnaps die Funktion des Magens unterstützen könne, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Im Gegenteil ist bekannt, dass hochprozentige Spirituosen Schleimhautschäden und Sod­brennen fördern. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin
k.k.renner@t-online.de