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Testosterontherapie

Nur bei erwiesenem Mangel sinnvoll

11.11.2014
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Von Barbara Erbe / Ältere Männer, die sich müde und antriebsschwach fühlen oder Erektionsprobleme haben, führen dies oft auf einen niedrigen Testosteronspiegel zurück. Der kann, muss aber nicht für ihre Beschwerden verantwortlich sein. Testosteronpräparate sind wegen ihrer möglichen Risiken nur bei nach­gewiesenem Mangel und klinischen Symptomen sinnvoll.

Seit nunmehr 80 Jahren behandeln Ärzte Testosteronmangel beim Mann (Hypogonadismus) mit Testosteron­ersatzpräparaten, berichtet Professor Dr. Eberhard Nieschlag, Arzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Andrologie am Universitätsklinikum Münster. »Dabei geht es um einen kleinen Kreis von Patienten, der unter klar definierten Symptomen leidet: Verlust der ­Libido beziehungsweise erektile Dysfunktion, Abnahme von Muskelmasse, Muskelkraft und auch Knochendichte. Außerdem gehören schwindende körperliche Leistungsfähigkeit, starke ­Zunahme des Bauchfetts, schwindender Bartwuchs, Antriebsarmut bis hin zur Depression sowie Konzentrations- und Gedächtnisprobleme dazu.« Betroffen von einem nachgewiesenen Mangel sind 3 bis 5 Prozent der Über-60-Jährigen.

Haben Männer mit diesen Symptomen nachweislich sehr wenig Testosteron im Blut, ist es sehr wahrscheinlich, dass dieser Mangel für die Beschwerden verantwortlich ist, erläutert der ehemalige Direktor des Instituts für Reproduktionsmedizin und Andrologie am Universitätsklinikum Münster. »Denn das Sexualhormon steuert nicht nur die unmittelbare Virilität des Mannes, sondern spielt auch eine entscheidende Rolle bei Muskelaufbau und Knochenstoffwechsel, Körperbehaarung und Bartwuchs. Außerdem wirkt es sich im Gehirn positiv auf Stimmung, Vitalität und geistige Auffassungsgabe aus.«

Renaissance der Testosterontherapie

Wegen dieser von Männern sehr geschätzten Auswirkungen auf Körper und Geist sei die Versuchung schon immer groß gewesen, Testosteron auch ohne körperliche Beschwerden als Jungbrunnen zu missbrauchen, berichtet Nieschlag. Schließlich nimmt der Anteil des Androgens im Blut bei Männern ab 40 kontinuierlich ab. Fallen die Werte unter den unteren Normwert von 12 nmol/L ab, kann ein altersbedingter Testosteronmangel oder Altershypogonadismus entstehen.

Von Altershypogonadismus sprechen Ärzte jedoch erst, wenn erniedrigte Testosteronwerte mit entsprechenden Symptomen kombiniert auftreten, erklärt Nieschlag. »Trotzdem hatten und haben Männer häufig den Wunsch, ihrem Hormonhaushalt mit Testosteronpräparaten auf die Sprünge zu helfen.«

Dass sie diesen Wunsch früher eher selten äußerten, liegt seiner Meinung nach vor allem daran, dass das Hormon in zuverlässiger Dosierung lange Zeit nur als Implantat im Handel war oder der Arzt es injizieren musste. Doch das hat sich geändert: »Seit Ende der 1990er-Jahre sind die Präparate wesentlich benutzerfreundlicher geworden.« Als Gel, Pflaster oder Spray lassen sie sich leicht vom Patienten selbst auftragen und genau dosieren. »Das hat zu einer Renaissance der Testosterontherapie geführt«, berichtet der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. »Heute sprechen deutlich mehr – vor allem ältere – Männer ihren Arzt auf die Möglichkeit einer solchen Behandlung an.«

Kreislauf und Gefäße

Trotz neuer Applikationsformen, ist die Indikation aber dieselbe geblieben, betont Nieschlag. »Deshalb ist bei uns in Deutschland die tatsächliche Verschreibungspraxis nur mäßig und in Einklang mit entsprechenden Labor­unter­suchungen angestiegen.« Anders als etwa in den USA, wo inzwischen deutlich mehr Testosteronpräparate verschrieben würden als entsprechende Laborbefunde vorlägen. Diese Entwicklung bezeichnet er angesichts der möglichen Neben- und Wechselwirkungen von Testosteronpräparaten als »sehr gefährlich«. Denn mittelfristig können zu stark erhöhte Testosteronspiegel durch eine unsachgemäße Ersatztherapie bei Männern nicht nur zu Akne, sondern auch zu Thrombosen, erhöhtem Blut­druck und Herz-Kreislauf-Problemen führen. Dieses Phänomen ist von Bodybuildern bekannt, die extrem hohe Dosen zu Dopingzwecken benutzen. Zudem fördert die Testosteronbehandlung zwar nicht die Entstehung, aber das Wachstum eines bestehen­den Prostatakarzinoms. »Deshalb muss vor jeder Behandlung ein Prostatakarzinom ausgeschlossen werden«, betont Nieschlag.

Fit, aktiv und viril

Auch Thomas Altgeld, Geschäftsführer und Experte für Männergesundheit der Landesvereinigung Gesundheit Niedersachsen, sieht die steigende Nachfrage von Männern nach Testosteronpräparaten skeptisch. »Testosteronmangel bei älteren Männern ist ja eigentlich eine ganz normale Erscheinung, die nur selten und bei deutlichen Beschwerden einer Therapie bedarf.« Das wachsende Interesse und die gestiegenen Verkaufszahlen entsprechender Produkte sieht der Psychologe vor allem als Teil der Bemühungen älterer Männer, dem Trendbild des »stets fitten, aktiven und virilen Mannes« zu genügen. »Dazu passt, dass wir momentan auch einen noch nie dagewesenen Anstieg von Schönheitsoperationen an Männern erleben.« Nach Altgelds Erfahrung verschreiben Hausärzte und Urologen entsprechende Präparate auf Drängen der Patienten hin zuweilen auch dann, wenn sie nicht nötig sind. »In der Apotheke würde ich einem Kunden deshalb immer dazu raten, den eigenen Testosteronspiegel und seine möglichen Auswirkungen von einem ausgewiesenen Experten untersuchen zu lassen – also möglichst von einem Endokrinologen.«

Labordiagnose: Wann wird therapiert?

Im Blut ist Testosteron zu über 95 Prozent an Sexualhormonbindendes Globulin (SHBG) gebunden. Diese Bindung schützt das Testosteron vor einem zu raschen Abbau. Aktiv wird es aber erst, wenn es als sogenanntes freies Testosteron in ungebundener Form am Zielort angekommen ist.

Bei der Testosteronuntersuchung wird standardmäßig das Gesamt-Testosteron in einer Blutserumprobe bestimmt, also die Summe aus freiem und an SHBG gebundenem Testosteron. Gemessen wird möglichst in den frühen Morgenstunden, denn da sind die Werte am repräsentativsten.

Laut Richtlinien nationaler und internationaler andrologischer Gesellschaften bedarf ein Gesamttestosteronwert über 12 nmol/L (350 ng/dL) keiner Substitution. Ebenso sicher sind sich die Experten, dass Patienten mit Gesamttestosteronwerten unterhalb 8 nmol/L (230 ng/dL) von einer Therapie profitieren.

Darüber hinaus verweist der Androloge Nieschlag darauf, dass sich erfahrungsgemäß eine Substitution auch schon bei Werten unter 12 nmol/L positiv auf die Gesundheit des Mannes auswirkt. Denn der Libidoverlust, der häufigste Grund, warum Männer eine Therapie wünschen, setzt bereits bei Werten unter 12 nmol/L ein.

Wechselwirkungen ansprechen

Da Männer über 60 häufig wegen anderer Beschwerden weitere Medikamente einnehmen, sollten PTA oder Apotheker einem Kunden mit Testosteron-Rezept mögliche Wechselwirkungen erläutern, betont Altgeld. Schließlich ist auch der Hinweis angebracht, die Gele so zu verwenden, dass Familienmitglieder auf keinen Fall Hautkontakt damit bekommen, da sie bei Frauen und Kindern sonst zu Vermännlichungserscheinungen führen könnten.

Fest steht auch: Jede Testosterontherapie sollte intensiv von einem Arzt begleitet werden, da eine (eigenmächtige) überhöhte Dosierung hohe Risiken birgt. »Dann, und nur dann bringt sie für Patienten mit bewiesenem Testosteronmangel große gesundheitliche Vorteile.«

Diese Vorteile gelten über den bislang genannten Patientenkreis hinaus auch für Männer mit Übergewicht, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, verschlechterter Glucosetoleranz und Insulinresistenz, wenn ihr Testosteronspiegel erwiesenermaßen zu niedrig ist, betont der Androloge Nieschlag. »So haben neuere Studien einen Zusammenhang zwischen Gewichtsabnahme und Gesamttestosteron nachgewiesen: Nicht nur führt Gewichtsabnahme zu einem höheren Testosteronwert, sondern auch umgekehrt kann die Testosteronsubstitution bei erniedrigten Werten zu einer deutlichen Gewichtsabnahme führen.«

Auch die Behandlung des metabolischen Syndroms und des Typ-2-Diabetes mit Testosteron als unterstützende Therapie habe in den letzten Jahren Fortschritte erzielt. »Bei einer Placebo-kontrollierten Studie an Männern mit metabolischem Syndrom und Diabetes mellitus vom Typ 2 sowie erniedrigten Testosteronwerten zeigte sich ein zusätzlicher günstiger Effekt auf die HbA1c-Konzentrationen durch die Gabe von Testosteron.« Diese Substitutionstherapie beeinflusst gleichzeitig auch die häufig bei Typ-2-Diabetes bestehende erektile Dysfunktion signifikant positiv. Ein großer Vorteil, denn die gefäßbedingte erektile Dysfunktion gilt heute generell als ein Vorzeichen für koronare Herzkrankheit und Herzinfarkt.

Schließlich kann die Testosteronsubstitution präventiv auf die Weiterentwicklung einer Arteriosklerose wirken und in begrenztem Umfang sogar die Koronardurchblutung und Herzleistung verbessern.

»Eine Testosterontherapie kann viel Gutes bewirken«, resümiert Nieschlag, »vorausgesetzt, der Patient hat einen erwiesenen Testosteronmangel und Symptome, die damit zusammenhängen.« /