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Abhärten

Schutz vor Infekten

11.11.2014
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Von Annett Zündorf / Saunagänger werden niemals krank und Winterbarfußläufer wehren jede Erkältung sofort ab. Ist das ein Mythos oder helfen Sauna, Wechselduschen und Sport tatsächlich dabei, im Winter gesund zu bleiben?

»Abhärten«, erklärt der Tübinger Arzt Johannes Naumann, »ist die Fähigkeit, äußere Reize besser auszuhalten – länger, stärker und öfter.« Das klingt abstrakt. Ein Beispiel: Jeder, der zum ersten Mal in die Sauna geht, schafft es kaum, 15 Minuten auf der unteren Bank zu sitzen. Er traut sich anschließend nur mit viel Motivation unter die kalte Dusche, während gewohnte Saunagänger ungerührt auf den oberen Bänken schwitzen und anschließend entspannt ins eisige Becken springen.

Jeder kann sich daran gewöhnen. Allerdings gilt wie überall: Langsam anfangen. Die Blutgefäße müssen erst trainiert werden. Das Entscheidende dabei ist nicht die Sauna. Die erste heiße Phase sehen manche Ärzte sogar kritisch. Entscheidend ist der Wechsel zwischen Warm und Kalt. »Das trainiert die Gefäße besonders gut«, sagt Naumann.

Normalerweise reicht es, die Hände in kaltes Wasser zu stecken und schon ziehen sich die Blutgefäße im gesamten Körper zusammen. Nach einer Weile weiten sie sich wieder. »Trainierte Gefäße reagieren dagegen nicht so stark. Sie ziehen sich weniger zusammen und weiten sich schneller wieder«, erklärt Naumann. Das heißt, abgehärtete Menschen frieren bei Kälte nicht so schnell, und ihnen wird auch schneller wieder warm. Ein wichtiger Effekt. Denn kalte Füße sind nicht nur unangenehm, sondern dann fließt in Nasenschleimhäuten und auch in der Harnblase weniger Blut. Viren und Bakterien kann der Körper so schlechter abwehren.

Bringt Abhärten wirklich etwas? »Ja, auf jeden Fall«, sagt André Schubert, Leiter der Therapieeinrichtung des Staatsbades Pyrmont. »Auch wenn sich Wissenschaftler darüber streiten, wie lange der Effekt des Abhärtens anhält – es gibt auf jeden Fall nachweisbare Effekte.« So zeigte beispielsweise eine Studie, bei der die Teilnehmer ein halbes Jahr lang regelmäßige Kneipp-­Anwendungen erhielten, dass sie sel­tener erkrankten und Erkältungen schneller überwanden. Warum das Abhärten hilft, ist bisher aber nicht geklärt. »Veränderungen im Blut waren in dieser Studie nicht nachweisbar«, sagt Schubert. »Auch in anderen Studien hat man untersucht, ob und wie Abhärten das Immunsystem verändert. Aber eine eindeutige Antwort gibt es bisher nicht«, ergänzt Naumann.

Aber wie sollte man nun genau vorgehen, um den eigenen Körper abzuhärten? Der erste Schritt in eine Zukunft mit weniger Erkältungen ist einfach. »Ziehen Sie sich nicht ganz so warm an und bewegen Sie sich an der frischen Luft«, rät Naumann. Wichtige Faktoren sind auch Duschen und Güsse. Zum Beispiel bei einer Kneipp-­Anwendung, die auf den Pfarrer Sebastian Kneipp zurückgeht, wird kaltes Wasser auf Arme, Beine oder den ganzen Körper gegossen.

Heiß und kalt

Naumann empfiehlt Wechselduschen für das heimische Abhärtungsprogramm. Dabei wird nach einigen Minuten unter warmem Wasser die Dusche kühl gedreht. »Starten Sie langsam. Steigern Sie allmählich die Zeit, bis Sie es eine Minute aushalten«, rät der Experte. Dann wechselt man wieder zu warm. Die Dusche endet immer mit einer kühlen Phase. »Dann kommt man herrlich erfrischt heraus.«

Solch eine Hydrotherapie wirkt blutdrucksenkend, man sollte sie daher vorsichtig beginnen. Für Menschen mit Herzproblemen sind Ganzkörpergüsse nicht immer geeignet. »Patienten mit Angina pectoris bekommen dann schnell Probleme«, sagt Schubert. Im Zweifel sollte immer ein Arzt oder Therapeut zu Rate gezogen werden. Eine gute Alternative bieten auch Teilgüsse. »Auch diese härten ab, sind aber für alle Patienten unproblematisch«, erklärt Schubert.

Achtung: Der Körper sollte vor allen kalten Güssen und Duschen immer warm sein. Wer schon kalte Füße hat, nimmt lieber ein Fußbad. Warmes Wasser ist dann besonders angenehm. Sind die Füße durchgewärmt, sorgt ein kurzes Tauchen in kaltes Wasser – genau wie bei den Wechselduschen – dafür, dass kalte Füße bald der Vergangenheit angehören. Naumann empfiehlt Wechselfußbäder besonders vor dem Einschlafen.

Die Sauna treibt den Kontrast zwischen heiß und kalt auf die Spitze. »Das ist ein wunderbarer Wechsel der Reize«, sagt Naumann. Er empfiehlt den wöchentlichen Saunagang. Aber wer sich dort nicht wohlfühlt, muss sich nicht zwingen. Wechselduschen wirken auch ohne zusätzlichen Saunabesuch.

Auch die Haut braucht Schutz

  • Wasser und Kälte laugen die im Herbst und Winter ohnehin gestresste Haut weiter aus. Zum Duschen eignet sich ein rückfettendes Produkt, zum Beispiel mit Harnstoff oder ein Duschöl.
  • Nicht mit zu heißem Wasser duschen, um Fette in der Haut zu speichern.
  • Im Winter eignen sich besonders fetthaltige Cremes.
  • Für Tage auf der Piste oder für den Schneesturm sind sogenannte Wind- und Wettercremes die richtige Wahl. Sie bilden durch ihren hohen Fettgehalt einen Schutzfilm auf der Haut. Werden sie dick aufgetragen, müssen sie nach dem Aufenthalt im Freien entfernt werden.
  • Sonnenschutz ist auch im Winter wichtig. Im Alltag reicht eine normale Creme mit UV-Schutz, für den Wintersport sollte es eine gehaltvolle Sonnencreme sein.

Viel bewegen

Ganz wichtig und ebenfalls schon von Pfarrer Kneipp angepriesen: Sport. »Wandern, Schwimmen oder Radeln, zwei- bis dreimal die Woche mindestens 45 Minuten. Das stärkt die Abwehrkräfte«, sagt Schubert. Der Experte empfiehlt zudem, Stressfaktoren soweit wie möglich zu reduzieren: »Unter Stress funktioniert die körpereigene Infektabwehr nicht adäquat. Das Immunsystem ist mit anderen Dingen beschäftigt«, erklärt Schubert. Er rät, ausreichend zu schlafen und sich nur so viel zuzumuten, wie man abarbeiten kann.

Wen die Erkältung doch erwischt hat, dem können Solebäder oder Aufenthalte in Salzgrotten helfen. Das fein vernebelte Salz dringt tief in die Atemwege und zieht Wasser aus den Schleimhautzellen. Die Schleimhäute schwellen ab, verdünnter Schleim wird leichter abgehustet oder ausgeniest. Erkrankte können besser atmen. Dieser Effekt lässt sich in der Nase auch mit einer Salzspülung erreichen. Achtung: »Salzgrotten und Solebäder dürfen nicht bei Fieber genutzt werden«, warnt Schubert. Am besten entscheidet ein Arzt, ob der Patient diese Therapieangebote nutzen darf.

Ausflug ans Meer

Ein Spaziergang am Meer vereint abhärtende Reize – kühler Wind auf der Haut, eiskaltes Wasser – mit Bewegung und der wohltuenden Wirkung fein vernebelter Sohle. Die rauschende Brandung und der Blick auf die See wirken wohltuend und beruhigend. Die Heilkräfte des Meeres werden zum Beispiel bei der Thalasso-Therapie genutzt. Für manche Menschen sind eisige Nordseewinde bei sehr niedrigen Temperaturen jedoch zuviel. »Schwache Menschen sollten erst an die Ostsee oder ins Mittelgebirge fahren, um sich an stärkere Reize zu gewöhnen«, sagt Naumann. »Spüren Sie immer in sich hinein!« Auch wenn man den Körper trainieren und abhärten kann – überlasten dürfe man ihn nicht. /