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Winterdepression

Tageslicht gegen trübe Stimmung

11.11.2014
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Von Inga Richter / Gedrückte Stimmung in der kalten Jahreszeit ist nicht ungewöhnlich. Tritt diese jedoch häufig auf und beeinträchtigt das tägliche Leben, könnte eine Winterdepression vorliegen. Viel Tageslicht und gegebenenfalls eine Lichttherapie helfen gegen die Symptome.

Es ist dunkel, wenn der Wecker klingelt. Hell wird es erst Stunden später. Bereits am Nachmittag beginnt die Nachtdämmerung. Oft ist der Himmel trüb, manchmal fällt Regen oder es friert. Es gibt wohl nur wenige Menschen, welche die Herbst- und Wintermonate mit allen Facetten genießen und trotz dessen vor Tatendrang sprühen. Einige Menschen leiden ab Oktober jedoch besonders unter den Umweltbedingungen.

»Die Winterdepression ist eine saisonal abhängige Depression, die jährlich wiederkommend in der dunklen Jahreszeit auftritt«, sagt Professor Dr. Ulrich Hegerl, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig. 1984 prägte das National Institute of Mental Health (NIMH) dafür den Begriff Seasonal Affective Disorder (SAD). Bis in den Frühling hinein zeigen die Betroffenen die Symptome einer klassischen Depression: Sie fühlen sich erschöpft, bedrückt und hoffnungslos, sind auch bei guten Nachrichten nicht in der Lage, Freude zu empfinden, können sich nicht konzentrieren, nicht entspannen. Meist kommen Störungen des Appetits und des Schlafes hinzu. »Sind über einen Zeitraum von 14 Tagen mindestens vier dieser Symptome vorhanden, handelt es sich um eine Depression«, so Hegerl.

Von einer klassischen Depression unterscheidet sich die SAD hinsichtlich der Appetit- und Schlafstörungen: Während bei der typischen Depression die Betroffenen nur schwer ein- oder durchschlafen können sowie unter Appetitlosigkeit leiden und deshalb meist ein paar Kilo abnehmen, schlafen SAD Patienten in dieser Zeit überdurchschnittlich viel, verspüren vermehrt Heißhunger auf Süßes und nehmen an Gewicht zu. Ab März verschwinden die Beschwerden plötzlich, als wären sie nie da gewesen. Die SAD tritt in gemäßigten Zonen relativ selten auf im Vergleich zu nördlicheren Breiten wie Kanada, Nord-Russland oder Skandinavien. In südlichen Ländern ist die Erkrankung weitgehend unbekannt. »Doch auch bei uns sind die Depressionen im Winter meist keine SAD, sondern depressive Episoden, die eben im Winter auftreten«, so Hegerl.

Obwohl über Stimmungstiefs in der dunklen Jahreszeit seit altersher berichtet wird, sind die Ursachen noch nicht vollständig geklärt. Die Länge des Tageslichtes dürfte eine Rolle spielen. Diese ist ausschlaggebend für sämtliche Rhythmen der Natur. Pflanzen gedeihen oder verwelken je nach Lichtlänge und Temperatur, Zugvögel wandern im Winter aus, Igel oder Bären halten Winterschlaf. Der Grund: Im Winter ist die Nahrung knapp, es gilt, Energie einzusparen. Manche vermuten auch beim Menschen genetische Überbleibsel aus der Steinzeit. Möglicherweise ist winterliche Ruhe ein Grundbedürfnis, welches im Erbgut einiger noch mehr verankert ist als bei anderen. Vielleicht auch wächst die Zahl der Erkrankten, weil die äußeren und psychosozialen Belastungen der heutigen Zeit solche Ruhe­phasen nicht erlauben.

Letztendlich, so weiß man heute, spielt ein Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn bei Depressionen eine große Rolle. Ein wichtiger Botenstoff ist beispielsweise Serotonin. »Für eine Beteiligung von Serotonin spricht, dass Antidepressiva die Funktion des Serotonins aber auch anderer Botenstoffe im Gehirn beeinflussen« sagt Hegerl. Dies gilt zum Beispiel für die selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRI). »Von einem Serotoninmangel zu sprechen, wäre aber eine zu grobe Vereinfachung«, sagt Hegerl.

Licht und Hormone

Warum manche Menschen an Depressionen leiden, wissen Mediziner nicht. Gesichert ist hingegen, dass sich die Aktivität der Serotoninneurone in Abhängigkeit vom Schlaf-Wach-Rhythmus ändert. Lichtreize lösen an der Netzhaut Signale aus, die über Nervenverbindungen an den Hypothalamus weitergeleitet werden, welcher wiederum die Sekretion vieler Hormone und anderer Botenstoffe reguliert. Andererseits blockiert Licht die Bildung von Melatonin. Dieses »Schlafhormon« macht müde und erleichtert tiefen Schlaf. »An kurzen und dunklen Wintertagen trifft jedoch wenig Tageslicht auf die Netzhaut der Augen«, erklärt Hegerl. Das bringt die innere Uhr aus dem Takt. Bei zu geringer Lichtstärke wird morgens die Melatoninproduktion nicht blockiert, sondern läuft auch am Tage weiter. Möglicherweise ist dies eine Erklärung dafür, dass die Menschen sich müde und schlapp fühlen. Etwa jeder Dritte verspürt eine Veränderung seiner Energie und seines Antriebs, sobald die Tage kürzer werden. Ob es sich dabei um einen milden Winter Blues oder eine echte SAD-Erkrankung handelt, zeigt die Ausprägung der Symptome, sagt Hegerl: »Bei einer echten Winterdepressionen besteht großer Leidensdruck.« Im Extremfall sei ein geregelter Arbeitstag nicht mehr möglich, und auch der Alltag und das familiäre Miteinander sind für die Betroffenen kaum noch zu bewältigen. In diesem Fall sollte dringend ein Arzt aufgesucht werden.

Anwendung der Lichttherapie

  • Vorher augenärztlich untersuchen lassen, bei bestimmten Augen­erkrankungen ist Vorsicht geboten
  • Schäden und ernste Nebenwirkungen wurden bisher nicht beobachtet
  • Gelegentliche und vorübergehende Nebenwirkungen: Augenreizungen, Kopfschmerzen, trockene Haut. Therapieabbrüche wegen Nebenwirkungen sind selten
  • Um Augenschäden durch UV-Licht zu vermeiden, wird stets eine Glasscheibe als UV-Filter benutzt.
  • Johanniskraut macht die Haut lichtüberempfindlich. Die gleichzeitige Einnahme kann juckende Haut­rötungen verursachen.
  • Jeden Morgen vor Sonnaufgang je nach Lux Leistung des Gerätes 40 Minuten bis zwei Stunden im Abstand von etwa 50 cm vor die Lampe setzen, dabei jede Minute etwa 5 Sekunden in das Licht schauen.
  • Erfolge stellen sich oft bereits nach kurzer Zeit ein.

Dieser wird Laboruntersuchungen des Blutes durchführen, manchmal auch eine bildgebende Untersuchung des Gehirns wie eine Kernspintomografie, um mögliche Grunderkrankungen auszuschließen, etwa einen Vitamin B12-Mangel, Demenzerkrankungen oder eine Schilddrüsenunterfunktion. Diagnostiziert der Arzt eine Winterdepression, »setzt er in schwereren Fällen Antidepressiva ein«, so Hegerl, meist SSRI: »Im Gegensatz zu den Befürchtungen vieler Patienten machen Antidepressiva nicht süchtig.« Nachteil sei allerdings, dass sie nicht sofort wirken, sondern erst nach etwa zwei Wochen. Wie lange die Behandlung bei SAD fortgeführt werden sollte, muss jeweils mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. Eine Psychotherapie komme nur für wenige Patienten in Frage, so Hegerl.

Sehr gut wirken auch einige Maßnahmen, die mehr oder weniger Eigeninitiative erfordern. »Wichtig ist es, auf den Zusammenhang zwischen Schlaf und Stimmung zu achten«, erläutert Hegerl, denn zuviel Schlaf würde erstaunlicherweise die Depressionen oft verstärken. Bei einer stationären Behandlung wird den Betroffenen oft Schlafentzug angeboten, das heißt, die Patienten bleiben eine Nacht lang oder zumindest die zweite Nachthälfte wach. Zu ihrer Überraschung erleben circa 60 Prozent eine abrupte Besserung in den frühen Morgenstunden. Diese hält allerdings meist nur bis zum nächsten Schlaf in der darauf folgenden Nacht an. »Doch bei manchen hallt allein die Hoffnung auf bessere Zeiten länger nach und gibt ihnen Aufschwung.« Einige lernen dadurch, der aufgrund ihrer Depression starken Versuchung zu widerstehen, früher ins Bett zu gehen und länger liegen zu bleiben. Die Hoffnung, ständig so erfrischt und erholt aufzuwachen, erfüllt sich allerdings so gut wie nie, so Hegerl.

Prävention

  • Täglich im Freien bewegen: Radfahren, Joggen, Langlauf, Skifahren, Nordic Walking oder mindestens eine Stunde spazieren gehen, am besten morgens. Selbst ein bedeckter Himmel ist deutlich heller als jede künstliche Licht­quelle. Außerdem kurbelt Bewegung die Serotoninproduktion zusätzlich an
  • Sofern möglich, draußen keine Sonnen­brille tragen
  • Bei ersten Anzeichen eine Licht- oder Psychotherapie beginnen
  • Sofern notwendig: antidepressive Therapie das ganze Jahr hindurch
  • Hilfreich ist auch ein gut strukturierter Tagesablauf. So vermeidet man Phasen, in denen trübe Gedanken Überhand nehmen können

Als wirksam erwiesen hat sich besonders bei SAD, aber auch bei klassischen Depressionen, die Lichttherapie. Zum Einsatz kommen spezielle Tageslichtlampen, welche die spektrale Zusammensetzung sowie die Intensität des Sonnenlichtes nachahmen. Ein Sommertag in Deutschland bietet zwischen 10 000 (Schatten) und 100 000 Lux (Sonne) Helligkeit, die Therapielampen strahlen je nach Gerät mit 2000 bis 10 000 Lux. Zum Vergleich: Zimmerlampen bringen nur etwa 300 bis 800 Lux. »Die Wirkung der Lichttherapie ist durch profunde Studien belegt«, sagt Hegerl. Die Anwendungen sollten täglich und bestenfalls vor Sonnenaufgang stattfinden, um der alternierenden Botenstoffproduktion im Gehirn zu signalisieren: Jetzt ist Tag. Neuere Untersuchungen beschäftigen sich mit der Kombination von Lichttherapie und Schlafentzug. Frühes Aufstehen und unmittelbare Lichttherapie könnten womöglich die stimmungsaufhellende Wirkung beider Maßnahmen verstärken.

Allerdings werden entsprechende Lampen von den Krankenkassen nicht erstattet. »Bedeutsam ist eine Anschaffung für Menschen, die nicht raus können«, sagt Hegerl. Dazu zählen nicht nur bettlägerige oder sehr alte Menschen, sondern auch solche, die ganztägig in geschlossenen Räumen arbeiten. Die Lichteinstrahlung durch Fensterscheiben reicht nicht aus. Experten empfehlen, sich jeden Tag möglichst viel draußen aufzuhalten. Sport an der frischen Luft oder ein täglicher einstündiger Spaziergang wirken genauso effektiv wie die Lichttherapie. Selbst an bedeckten Wintertagen beträgt die Helligkeit zwischen 2000 bis 4000 Lux. /