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Mangelernährung im Alter

Zu wenig Nährstoffe

11.11.2014
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Von Katja Lüers / Kaubeschwerden, Appetitlosigkeit, Einsamkeit – es gibt viele Gründe, warum ältere Menschen zu wenig oder falsch essen. Langfristig hat eine Mangelernährung erhebliche Auswirkungen: Die Senioren werden unter anderem gebrechlich und anfälliger für Krankheiten und bauen Fett- und Muskelmasse ab. Kräfteverfall und Gewichtsverlust müssen aber nicht sein.

Übergewicht ist in Deutschland längst ein Volksleiden – Mangelernährung hingegen weitgehend unbekannt. Der Laie verbindet mit Mangelernährung am ehesten Menschen mit Essstörungen oder hungernde Kinder in Dritte-Welt-Ländern. »Doch Mangelernährung im Alter ist in Deutschland keine Randerscheinung«, sagt Professor Dr. Ralf-Joachim Schulz von der Klinik für Geriatrie am St. Marien-Hospital in Köln. Nach Schätzung des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) leiden in Deutschland 1,6 Millionen der Über-60-Jährigen unter chronischer Mangel­ernährung. Davon leben 1,3 Millionen zu Hause und 330 000 in Altenpflegeheimen.

Der Körper wird nicht mehr ausreichend mit Energie, Eiweiß und lebensnotwendigen Nährstoffen versorgt. Experten sprechen von einer Malnutrition. »Bei reiner Mangelernährung kommt es aufgrund der ungenügenden Aufnahme von Nährstoffen zu einem Gewichtsverlust. Es wird vor allem die Fettmasse reduziert«, erklärt Schulz. Die fettfreie Körpermasse, sprich die Muskulatur, bleibt zunächst unverändert. Dennoch hat die Mangelernährung für Betroffene erhebliche Auswirkungen: Langfristig wird das Immunsystem geschwächt, die Menschen sind anfälliger für Krankheiten, Wunden heilen schlechter, sie erholen sich schwerer von Krankheiten und müssen häufiger länger im Krankenhaus bleiben, die Muskelkraft nimmt schließlich auch ab. Das Risiko, an Krankheiten zu sterben, ist zudem deutlich erhöht. Außerdem sind mangelernährte Patienten eher müde und geistig weniger leistungsfähig, auch der Antrieb und die Lebensfreude gehen zurück. Grundsätzlich gilt: Eine Mangelernährung im Alter lässt sich – frühzeitig erkannt – relativ leicht the­rapieren: Sobald die Senioren wieder ausgewogen essen, gehen die Beschwerden zurück.

Schleichender Prozess

Das Problem: Im Alter ist Mangelernährung ein schleichender Prozess, den der Arzt oft nicht erkennt. Körperliche Begleitphänomene wie Schwäche, Kopfschmerzen, Apathie und Demenz werden von vielen Medizinern als sogenannte Alterserscheinungen verkannt. »Um herauszufinden, ob jemand mangelernährt ist, reicht es nicht, lediglich den Body Mass Index zu ermitteln«, erklärt Schulz. Er habe schon Menschen erlebt, die selbst mit 100 Kilogramm mangelernährt waren. Sie leiden – trotz eines unauffälligen BMI – unter Vitaminmangel und ihnen fehlen wichtige Spurenelemente. Oft essen diese Menschen zu eiweißarm. Um auf eine Mangelernährung schließen zu können, sollte der Arzt im Gespräch mit seinem Patienten einige wichtige Fragen klären: Gab es einen Gewichtsverlust in den vergangenen Monaten? Wie steht es um die Mobilität der Person? Isst sie selbstständig und vor allem regelmäßig mehrmals am Tag? Auch die Flüssigkeitszufuhr sollte geklärt werden.

»Die Ursachen für eine Mangelernährung im Alter sind vielfältig«, erklärt Schulz. Manchmal leiden ältere Menschen unter depressiven Gemütszuständen, weil sie ihren Partner verloren haben. Damit löst sich ihre Tagesstruktur auf: Es gibt niemanden mehr, für den sie mitkochen können. Allein zu kochen und zu essen macht den Betreffenden keine Freude, deshalb verringern sie ihre Mahlzeiten nach und nach immer mehr. »Auch eine beginnende Demenz kann Auslöser einer Mangelernährung sein«, so der Kölner Experte. Die Betroffenen vergessen zu essen, gehen nur noch selten einkaufen und das, was sie kaufen, ist möglicherweise ungesund.

Wichtig und oft unterschätzt sind Geruchs- und Geschmacksstörungen: Sie vermindern den Genuss beim Essen und führen dazu, dass die Senioren Mahlzeiten auslassen. Auch Kau- und Schluckbeschwerden sind häufig Ursachen einer zu geringen Nahrungsaufnahme. Darüber hinaus verursacht manchmal auch die regelmäßige Einnahme von Medikamenten einen Appetitmangel oder Übelkeit: An Essen will da niemand mehr denken.

Aktiv bleiben

Um einer Mangelernährung vorzubeugen, empfiehlt Schulz vor allem regelmäßige körperliche Aktivität: Keine Spitzenbelastung, sondern leichten Ausdauersport, um die Muskulatur aufrecht zu erhalten oder aufzubauen, denn: »Selbst 80-Jährige können Muskelmasse aufbauen. Muskelschwund im Alter muss nicht sein«, sagt Schulz. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die vermehrte Aufnahme von Proteinen: Die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin und der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie empfehlen älteren Menschen, 1,2 Gramm Proteine pro Kilogramm Körpergewicht zu sich zu nehmen. Der Durchschnittswert für Erwachsene liegt bei 1 Gramm.

Übermäßiger Muskelabbau

Je nachdem, wie sich Körperzusammensetzung und Körpergewicht verändern, definieren Mediziner für alte Menschen neben der Malnutrition zwei weitere Krankheitsbilder: die Sarkopenie und die Kachexie. Wer sich im Alter über Monate mangelernährt, muss damit rechnen, dass sich aus der reinen Malnutrition eine Sarkopenie entwickelt. »Während bei der Mangelernährung in erster Linie Fettgewebe verloren geht, ist bei der Sarkopenie ein starker Muskelabbau zu beobachten«, erklärt Schulz. Dabei wird das Funktionsgewebe der Muskulatur mehr und mehr durch Fettgewebe ersetzt, verminderte Muskelkraft und/oder Muskelfunktionalität sind die Folge. Die Betroffenen werden gebrechlich, sie stürzen häufiger und verletzen sich stärker. Der Verlust an Muskelmasse und Muskelkraft ist untrennbar verbunden mit mehr oder weniger stark ausgeprägten körperlichen Beeinträchtigungen. Eine Einschränkung der Selbstständigkeit, eine verminderte Lebensqualität und ein erhöhtes Risiko für Immobilität sind die Folgen.

»Aber Sarkopenie wird nicht zwangsweise durch eine Mangelernährung verursacht«, warnt Schulz, »denn inzwischen wissen wir, dass auch jemand eine Sarkopenie entwickeln kann, der sich ausgewogen ernährt.« Die Gründe dafür sind noch weitestgehend unbekannt. Fest steht, dass bei Sarkopenie-Patienten Stoffe im Blut auftreten, die auf eine chronische Entzündung im Körper hinweisen. Offensichtlich lösen sich die Muskeln in diesem Zusammenhang auf. Im Gegensatz zur Sarkopenie kann die reine Malnutrition durch eine alleinige Ernährungstherapie rückgängig gemacht werden.

Die Kachexie, auch Auszehrung genannt, ist in der Regel die Folge einer schweren Grunderkrankung wie Krebs. Charakteristisch ist ein übermäßiger Abbau von Muskelmasse, der zu einem fortschreitenden Gewichtsverlust führt. Hinzu kommt eine übermäßige Abnahme der Körperfettmasse. Appetitverlust und starke Müdigkeit sind weitere Kennzeichen einer Kachexie. »Aber auch hier gilt: Eine Kachexie hat nicht zwingend etwas mit einer Mangelernährung zu tun«, sagt Schulz. Auch ein 26-Jähriger, der an Lungenkrebs erkrankt, könne dieses Krankheitsbild entwickeln. Ähnlich wie bei der Sarkopenie sind bei der Kachexie bestimmte Stoffe im Blut erhöht, die auf eine Entzündung schließen lassen.

Faktor Muskelmasse

Mangelernährung, Sarkopenie oder Kachexie sind die wesentlichen Ursachen für einen Gewichtsverlust und Veränderungen der Körperzusammensetzung im Alter. Die drei Syndrome verschlechtern die Lebensqualität älterer und alter Menschen erheblich. »Muskelmasse ist der entscheidende Faktor für mehr Lebensqualität und Selbstständigkeit bis ins hohe Alter«, resümiert Schulz. /