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Campher

Besser äußerlich als innerlich

24.08.2015
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Von Ernst-Albert Meyer / Seit etwa 2000 Jahren gehört Campher zum Arzneischatz vieler Kulturen. Aufgrund seiner zahlreichen pharmakologischen Eigenschaften hat er auch heute noch einen festen Platz in der medikamentösen Therapie.

Schon in der Antike gewannen und benutzten die Chinesen Campher. Von China aus gelangte er in die arabischen Länder. Wie sehr die Araber Campher wertschätzten, belegt seine Erwähnung im Koran: Die Getränke der Seligen im Paradies werden mit Campher gewürzt. Der venezianische Kaufmann Marco Polo (1254–1324) lernte Campher während seines Chinaaufenthalts kennen und beschrieb, dass die Chinesen ihn damals mit Gold aufwogen. Vermutlich handelte es sich dabei um Campher, der aus dem Holz des Baumes Dryobalanops aromatica gewonnen wurde. Erst im 16. Jahrhundert kam nur noch der Campher des heute noch offizinellen Baumes Cinnamomum camphora (L.) auf den Markt.

Cinnamomum camphora ist an der ost%shy;asiatischen Küste von Vietnam bis zur Mündung des Jangtsekiang heimisch, wächst aber auch auf Japan und Taiwan. Er ist ein immergrüner Baum mit einem auf­rechten Stamm und stark verzweigten Ästen und erinnert in seinem Erscheinungsbild an die in unseren Breiten heimische Linde. Je nach Wachstums%shy;bedingungen erreicht er eine Höhe von bis zu 50 m und einen Umfang von 5 m. Die Blätter stehen wechselständig an langen Blattstielen. Sie sind oval-lanzettlich, ganzrandig und glänzend, auf der Oberseite hell gelbgrün und auf der Unterseite blasser gefärbt. Die kleinen weißen Blüten sitzen auf bis zu 1,5 mm langen Stielchen. Die purpurfarbene bis fast schwarze Frucht ist eine 10 bis 12 mm große Steinfrucht.

Die Europäer lernten den Campher ebenfalls schätzen. Als Bestandteil einer äußerlich anzuwendenden Arznei empfahl der griechische Arzt Aetius von Amida (6. Jh.) Campher gegen Rheumatismus und Gicht. Auch Hildegard von Bingen (1098–1179) teilte die allgemeine Begeisterung ihrer Zeit: Campher helfe nicht nur gegen Fieber, sondern sei ein wunderbares Stärkungsmittel für Kranke. Es befreie sie von ihrer Schwachheit, so wie »die Sonne den trüben Tag erleuchtet«. Damit hatte die heilkundige Äbtissin bereits damals eine wichtige pharmakologische Eigenschaft der Droge erkannt: Campher gehört zu den ältesten Analeptika, das heißt, zu den Arzneimitteln, die die Erregbarkeit des Zentralnervensystems steigern, vor allem des Atem- und Kreislaufzentrums.

Bei Schwindel bewährt

Früher setzten Ärzte Campher häufig als zentrales Analeptikum ein, also zur Anregung von Herz und Atmung bei akuter Kreislaufschwäche, bei Kollaps, Herzkrankheiten und Lungen­entzündung (Pneumonie). Obwohl Campher diese Bedeutung verloren hat, bleibt unabhängig davon die Tatsache, dass die Substanz bei oraler Anwendung an verschiedenen Teilen des Stammhirns angreift. Indem Campher das Kreislauf- und Atemzentrum erregt, wirkt er kreislauftonisierend, atemanaleptisch und bronchospasmolytisch.

Eine 2,5-prozentige ethanolische Lösung von D-Campher in Kombination mit Weißdornextrakt (in Korodin®) verbesserte in klinischen Studien deutlich die Beschwerden bei Kreis%shy;lauf­regulations%shy;störungen, denn der Blutdruck stieg signifikant an. Hervorzuheben ist zum einen der schnelle Wirkungseintritt und zum anderen die Beobachtung, dass der kreislauftonisierende Effekt des Camphers auch bei längerer Anwendung nicht nachlässt. Das Phytopharmakon hat sich als pflanzliche »Notfalltropfen« bei Schwäche und kreislaufbedingtem Schwindel bewährt, insbesondere bei älteren Menschen. Wenn diese abrupt aufstehen oder länger gestanden haben, sinkt das Blut häufig in die Bein- und Beckenvenen und ihr Blutdruck fällt ab. Diese orthostatische Hypotonie wird für Stürze von Senioren verantwortlich gemacht. Führt ein solcher Sturz zum Oberschenkelhalsbruch, so ist anschließend ein Krankenhausaufenthalt erforderlich. Aus den unterschiedlichsten Gründen sterben viele Senioren letztlich an den Folgen.

Campher wird schnell über die Haut und Schleimhäute resorbiert und gelangt über das Blutplasma vor allem ins Fettgewebe. Er passiert die Blut-Hirn-Schranke, die Blut-Milch-Schranke und die Plazenta.

Konzentration entscheidend

Die Wirkung des Camphers auf der Haut hängt von seiner Konzentration ab: In Kon­zentrationen von 0,1 bis 0,3 Prozent hemmt Campher die Hautrezeptoren und wird deshalb in Rezepturen verwendet, die lokal analgetisch und anästhetisch wirken sollen. Enthalten Externa über 3 Prozent Campher, reizt er die Haut lokal, verursacht ein Wärmegefühl und fördert die Durchblutung (Hyperämie). In den sogenannten Rheumasalben wird Campher in Kon­zen­trationen um 10 Prozent bei arthrotischen Gelenkschmerzen, Hexenschuss, Muskelschmerzen, Neural­gien und Schleimbeutelentzündungen (Bursitis) eingesetzt. Häufig ist Campher auch Bestandteil von Einreibungen gegen Katarrhe der Atemwege, zum Beispiel in Tiger Balsam weiß oder in Kombination mit Latschenkiefernöl in Euflux Creme, sowie von Erkältungsbädern. Bei einem Vollbad wirkt Campher zwar direkt auf der Haut, aber die zusätzliche Inhalation fördert die Schleimlösung.

Wertvolle Naturmedizin

Bei Senioren sind außerdem sogenannte Herzsalben beliebt, die synthetischen oder natürlichen Campher allein oder in Kombination mit anderen ätherischen Ölen enthalten. So mancher belächelt diese Herzsalben als »Rentner-Medizin« mit Placebo-Effekt. Doch dafür gibt es keinen Grund. Campher-haltige Herzsalben haben sich bei funktionellen (nervösen) Herzbeschwerden bewährt, denn die kardiovaskuläre Wirkung von Campher ist seit Langem anhand von kontrollierten Studien belegt. Typisch für nervöse Herzbeschwerden sind Schmerzen in der Herzgegend verbunden mit Beklemmungsgefühl, Herzstolpern, Tachykardie und Kurzatmigkeit. Hinzu kommen oft psychovegetative Beschwerden wie Schlafstörungen, Nervosität und innere Unruhe. Kann der Arzt keine organische Herzerkrankung feststellen, lohnt ein Versuch mit Herzsalbe. Diese wird etwa eine Handbreit zwischen Brustbein und Achselhöhle in die Haut eingerieben. Gemäß der Segmenttherapie ist dieses Hautareal über Nerven mit dem Herzen verbunden. Die hier durch den Campher ausgelöste lokale Reizung wird nervlich weitergeleitet und führt zu einer Verbesserung der Herzdurchblutung und damit zu einer Abnahme der funktionellen Beschwerden.

Die Camphergewinnung erfolgt seit Jahrtausenden auf die gleiche Weise: Das zerkleinerte Holz des Stammes und der Wurzeln wird der Wasser­dampf­­destillation unterworfen. Derzeit ist China der bedeutendste Campher-Produ­zent. Arznei­buchkon­forme Qua­lität erfordert die zweifache Wasser­dampf­destillation und anschließende Sublimation.

Der so gewonnene D-Campher ist ein biogenes, festes ätherisches Öl. Die farblosen oder weißen Campher­kristalle riechen charakteristisch und schmecken brennend-scharf und bitter. Um den Unterschied von natürlichem D-Campher zu dem synthetisch gewonnenen racemischen DL-Campher zu verdeutlichen, enthalten die aktuellen amtlichen Arzneibücher zwei getrennte Monographien. Pharmakologisch unterscheiden sich beide Campher- Arten nicht.

Empfohlene Indikationen

Die Kommission E beim ehemaligen Bundesgesundheitsamt hielt den natürlichen Campher für so wichtig, dass sie ihn bearbeitet und im Jahr 1990 eine Positiv-Monographie verabschiedet hat. Als Indikationen nennen die Experten:

  • Muskelrheumatismus (äußere Anwendung)
  • Herzbeschwerden (äußere Anwendung)
  • Hypotonie (innere Anwendung)
  • Katarrhe der Luftwege (innere und äußere Anwendung)

Bei Säuglingen und Kleinkindern sollten die Eltern Campher-haltige Präparate nicht im Bereich des Gesichts, speziell der Nase, auftragen, da hier die Gefahr des sogenannten Kratschmer-Holmgren-Reflexes besteht. Der Campher reizt die Nasenschleimhaut derart stark, dass es zu einem Krampf der Stimmritzen, der Kehlkopfmuskulatur oder sogar zum reflektorischen Atem­stillstand mit der Gefahr des Erstickungstods kommen kann. Daher sollten die Eltern vor der Anwendung Campher-haltiger Erkältungseinreibungen und -bäder die Gebrauchsinformation sorgfältig lesen, denn hier nennt der Hersteller die produktspezifischen Altersgrenzen.

Auf geschädigte Haut dürfen Campher-haltige Externa niemals aufgetragen werden. Als Nebenwirkung können Kontaktekzeme auftreten. Bei Berichten über Vergiftungserscheinungen nach oraler Anwendung Campher-haltige Externa handelt es sich vor allem um suizidale oder unbeabsichtigte Einnahmen hoher Dosen. Die orale toxische Dosis liegt für Kinder bei circa 1 Gramm Campher und für Erwachsene bei etwa 5 bis 20 Gramm. Als Dosierung für die innerliche Anwendung empfiehlt die Kommission E 30 bis 300 mg. Vergiftungssymptome sind Übelkeit, Erbrechen, Koliken, Kopfschmerzen, Schwindel sowie Krämpfe und Atemnot.

Einsatz in der Homöopathie

Homöopathen setzen das Einzelmittel Camphora bei Patienten mit leichten Ohnmachtsanfällen mit Luftnot, Angst und schwachem Puls ein. Außerdem hat es sich bei krampfartigen Bauchschmerzen mit Durchfall, bei Schnupfen und Grippe im Anfangsstadium mit Niesen und Frieren bewährt. Im Apothekenalltag fehlt oft die Zeit, ein geeignetes Einzelmittel aus­zu­wählen. Dann empfehlen sich bei leichten Herz-Kreislaufbeschwerden Kombinations­präparate, beispielsweise mit Crataegus in Corselect N Tropfen oder auch Corvipas SL Tropfen. /