PTA-Forum online
Vielseitige Kost

Mit der Ernährung Entzündungen ausbremsen

24.08.2015
Datenschutz

Von Ulrike Becker / Entzündungsreaktionen im Körper sind wichtig und gehören zum Repertoire unserer Abwehrkräfte. Problematisch wird es, wenn diese Prozesse chronisch werden. Eine abwechslungsreiche Kost mit viel Obst und Gemüse liefert potente Gegenspieler.

Bakterien, Viren, offene kleine Verletzungen, Prellungen, Al­lergene – solche Reize setzen die Abwehrstrategien des menschlichen Immunsystems in Gang. Entzündungen sind eine Maßnahme des Körpers, Krankheitserreger zu bekämpfen und die Regeneration von geschädigtem Gewebe zu unterstützen. Kurzfristig führt die Entzündung zu den klassischen Symptomen: Schmerz, Rötung, Wärme und Schwellung. Im Normalfall heilt eine Entzündung – von Medizinern als Inflammation bezeichnet – vollständig aus. Manchmal bleiben jedoch unbemerkt sogenannte subklinische Entzündungsherde zurück. Solche andauernden entzünd­lichen Reaktionen bedeuten Stress für den Körper, denn die dabei zirkulierenden entzündungsfördernden Botenstoffe richten auf Dauer Schaden an.

Chronische Prozesse

Vor gut 20 Jahren entdeckten Forscher bei Menschen mit Übergewicht eine solche unterschwellige entzündliche Reaktion. Im Unterschied zur klassischen Entzündung stellten die Wissenschaftler allerdings folgendes fest: Die typischen Entzündungsmarker steigen nur gering an und diese hartnäckige, chronische Entzündung tritt nicht lokal begrenzt auf, sondern im ganzen Stoffwechsel. Daher ist sie so problematisch. Als Gründe nennen Wissenschaftler zum großen Teil Faktoren, die mit dem modernen Leben in Industriegesellschaften einhergehen: Umweltverschmutzung, Lärm, Stress, Schlafmangel und Übergewicht infolge zu geringer Bewegung bei zu hoher Energiezufuhr. Gleichzeitig nehmen viele Menschen mit ihren Mahlzeiten weniger entzündungshemmende Substanzen auf.

Möglicherweise erklären diese Annahmen, dass entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa oder auch die entzünd­liche Erkrankung des Nervensystems Multiple Sklerose heute häufiger auftreten, in den USA wird über einen deutlichen Anstieg der Patienten mit entzündlichem Rheuma berichtet. Auch an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes sind Entzündungsprozesse beteiligt. Dasselbe gilt vermutlich ebenso für Veränderungen im Gehirn, die zu Morbus Alzheimer führen. Latente Entzündungsreaktionen erhöhen folglich das Risiko für chronische Erkrankungen.

Neben der genetischen Veranlagung beeinflusst die Zusammensetzung der täglichen Nahrung direkt das Entzündungsgeschehen im Körper.

Damit der Organismus Entzündungen wirkungsvoll bekämpfen kann, muss er grundsätzlich mit allen Nährstoffen gut versorgt sein. Wer zu wenige Proteine, essenzielle Fettsäuren, Vitamine und Mineralstoffe aufnimmt, schwächt seine Abwehrkräfte.

Entzündungshemmer

Zu den potenten Entzündungshemmern gehören die langkettigen Omega-3-Fettsäuren. Aus der pflanzlichen Alpha-Linolensäure bildet der Körper die zwei stoffwechselaktiven Verbindungen Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaenäure (DHA), aus denen wiederum entzündungshemmende Sig­nalstoffe entstehen. Omega-6-Fettsäuren hemmen hingegen die Bildung von EPA und DHA und begünstigen zugleich die Bildung der entzündungs­fördernden Arachidonsäure. Für die tägliche Ernährung bedeutet das, vermehrt Omega-3-reiche Pflanzenöle wie Lein-, Raps- oder Walnussöl in der kalten Küche zu verwenden, zum Beispiel für Salate oder Kräuterquark, und einmal pro Woche fettreichen Meeresfisch wie Hering oder Makrele auf den Speiseplan zu setzen. Denn fettreicher Fisch ist die beste Nahrungsquelle für EPA und DHA. Agrarwissenschaftler konnten in Vergleichsstudien außerdem zeigen, dass Milch und Fleisch von Tieren aus Weidehaltung sowie das Fleisch von Wildtieren mehr Omega-3-Fettsäuren enthält als von Tieren, die in Ställen gehalten werden und Kraftfutter bekommen.

Omega-6-Fettsäuren finden sich in tierischen Produkten sowie in Distel-, Maiskeim-, Sonnenblumen- und Sojaöl, die nur in mäßigen Mengen verzehrt werden sollten. Da tierische Fette außerdem reichlich entzündungsfördernde Arachidonsäure enthalten, sollten fettreiche Lebensmittel wie Fertiggerichte, Wurstwaren, Fleisch eher selten auf den Tisch kommen. Zahlreiche klinische Studien belegen, dass Menschen mit entzündlichen Erkrankungen von einer fleischarmen Kost und einer adäquaten Zufuhr an Omega-3-Fettsäuren profitieren. Nahrungsergänzungsmittel wie Omega-3-Fettsäure-reiche Fischölkapseln sollten Patienten nur in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt einnehmen.

Sekundäre Pflanzenstoffe

In Entzündungsprozesse greifen auch die vor allem in Gemüse und Obst enthaltenen sekundären Pflanzenstoffe ein. Innerhalb dieser großen, sehr komplexen Gruppe an Substanzen gelten unter anderem die Flavonoide als entzündungshemmend. Die zur Gruppe der Polyphenole zählenden Flavonoide induzieren beispielsweise ein Leberenzym, das die Oxidation des LDL-Cholesterols verhindert und so die Gefäße schützt. Das gut untersuchte Quercetin reduziert dosisabhängig deutlich die Ausschüttung des Tumornekrosefaktors Alpha (TNF-α). Die Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, setzen TNF-α frei, der für die klassischen Entzündungssymptome wie Rötung, Schwellung und Erhitzung verantwortlich ist.

Positiver Einfluss messbar

Flavonoide verleihen vielen Lebensmitteln ihre Farbe, unter anderem Äpfeln, Birnen, Trauben, Kirschen, Pflaumen, Beerenobst sowie Zwiebeln, Grünkohl und Auberginen. Auch die Carotinoide, die gelb-orangen Farbstoffe in Karotten, Tomaten, Aprikosen und Paprika, wirken nachweislich entzündungshemmend, ebenso die Monoterpene in Zitronenöl, Orangensaft oder Ingwer und die Sulfide, die in Lauch­gewächsen wie Zwiebeln, Knoblauch und Lauch vorkommen. Viele weitere sekundäre Pflanzenstoffe sind bis dato nicht ausreichend erforscht, haben aber möglicherweise ebenfalls entzündungshemmendes Potenzial.

Große epidemiologische Studien belegen einen Zusammenhang zwischen der Aufnahme an sekundären Pflanzenstoffen und Entzündungsmediatoren im Blut. Dabei betonen Ernährungsexperten, dass es weniger auf einzelne Pflanzenstoffe ankommt als auf eine insgesamt gemüse- und obstreiche Ernährung. Eine US-amerikanische Studie bestätigte zum Beispiel: Bei denjenigen, die mehr Äpfel und Gemüse als der Durchschnitt aßen, lagen die Blutwerte des C-reaktiven Proteins (CRP) niedriger als beim Rest der Teilnehmer. Dieser unspezifische Entzündungsmarker dient oft als Kenngröße für eine Entzündung im Körper. Auch Probanden, die während einer Interventionsstudie acht Portionen Gemüse und Obst am Tag verzehrten, hatten signifikant geringere CRP-Werte im Blut. Aus diesen Ergebnissen folgern die Forscher, dass reichlich Obst und Gemüse entzündliche Prozesse messbar positiv beeinflusst.

Der Vitamin-D-Spiegel

Auch das Vitamin D soll sich positiv auf Entzündungsprozesse auswirken. In Laborversuchen bildeten bestimmte Immunzellen nach Zugabe von Vitamin D mehr anti-entzündliches Interleukin 10 und gleichzeitig sank die Konzentration an entzündungsförderndem Interferon. Aussagekräftige Studien mit Menschen fehlen jedoch. Die Gabe von Vitamin-D-Supplementen erbrachte nicht den erhofften Erfolg. So konnte eine aktuelle systematische Übersichts­arbeit nicht belegen, dass die regelmäßige Einnahme von Vitamin-D-Präparaten vor Atemwegsinfekten schützt. Allerdings war der Vitamin-D-Spiegel der Probanden relativ ausgeglichen. Möglicherweise sind Effekte bei Menschen mit Vitamin-D-Mangel denkbar, beispielsweise bei vielen Älteren.

Wichtiger Entzündungsmarker

Das C-reaktive Protein (CRP) ist ein Bestandteil der körpereigenen Abwehrkräfte und wird in der Leber gebildet. Das zu den sogenannten Akute-Phase-Proteinen zählende Eiweiß aktiviert Makrophagen, die eindringende Bakterien oder Allergene aufnehmen und unschädlich machen. Da das CRP schnell und in hoher Konzentration gebildet wird, gilt es als frühzeitige Kenngröße für eine Entzündung, noch bevor Symptome auftreten. Bei einer entzündlichen Reaktion im Körper können die CRP-Werte bis zu 1000-fach über den Normalwert ansteigen. Klingt die Entzündung ab, sinkt auch die Konzentration an CRP rasch wieder. Über eine CRP-Bestimmung lässt sich zudem kontrollieren, ob eine Behandlung erfolgreich verläuft.

Das Bauchfett

Neben der Möglichkeit, mit entzündungshemmenden Wirkstoffen Entzündungsreaktionen günstig zu beeinflussen, besteht die zweite Strategie darin, das Entstehen entzündlicher Prozesse zu verhindern. Dazu gehört ganz entscheidend, Übergewicht zu vermeiden. Mittlerweile gilt es als gesichert, dass eine erhöhte Fettmasse mit dem vermehrten Auftreten von Entzündungsstoffen einhergeht. Fettzellen sind mehr als eine Energiereserve. Erst seit rund 20 Jahren ist bekannt, das Fettgewebe auch Immunzellen enthält und Botenstoffe produziert, die das Immunsystem beeinflussen. Besonders stoffwechselaktiv scheint das Bauchfett zu sein, denn dessen vergrößerte Fettzellen geben unter anderem freie Fettsäuren ab. Diese Fettsäuren wiederum aktivieren eine Signalkette, die letztlich zur vermehrten Freisetzung pro-inflammatorischer Faktoren führt. Warum sie dies tun, ist den Forschern noch unklar. Derzeit gehen sie davon aus, dass beim Absterben dieser vergrößerten Fettzellen zum einen Immunzellen ins Gewebe einwandern, um die Zelltrümmer abzubauen, die absterbenden Zellen zum anderen aber auch direkt Botenstoffe freisetzen.

Dass ein erhöhter Bauchumfang eng mit dem Risiko für Typ-2-Diabetes, Herzinfarkt und Schlaganfall korreliert, ist durch Studien eindeutig belegt. Männer sind hier deutlich gefährdeter, da sie eher Fettdepots am Bauch anlegen als Frauen. Es lässt sich zudem ein Zusammenhang zwischen Entzündungsmarkern im Blut und einer Insulinresistenz herstellen. Anhand weiterer Entzündungsmarker können Ärzte mittlerweise das Risiko für die Entstehung eines Typ-2-Diabetes relativ gut vorhersagen.

Da diese Auffälligkeiten im Blut lange unbemerkt bleiben, entwickelt sich die Insulinresistenz schleichend und endet ohne rechtzeitiges Gegensteuern im Typ-2-Diabetes. Übergewichtige sollten daher regelmäßig ihr Blut kontrollieren lassen. Allerdings führt starkes Übergewicht nicht bei jedem zu Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes, und nicht bei allen adipösen Menschen lassen sich erhöhte Entzündungswerte im Blut nachweisen. Aber bei allen stark Übergewichtigen mit erhöhten Entzündungsmarkern im Blut ist das Diabetesrisiko eindeutig erhöht.

Auch das Cholesterol im Blut beeinflusst das Entzündungsgescehen. Wer seinen Cholesterolwert beurteilen möchte, muss verschiedene Fraktionen unterscheiden. Das LDL-Cholesterol ist auch als »schlechtes« Cholesterol bekannt. Erhöhte Entzündungswerte wirken sich bei zu hohen LDL-Werten besonders ungünstig aus, denn sie rufen freie Radikale auf den Plan, die das im Blut vorhandene LDL-Cholesterol oxidieren. Um oxidierte LDL-Partikel zu beseitigen, nehmen Makrophagen diese auf. Dabei entstehen sogenannte Schaumzellen, die sich bevorzugt an Gefäßwänden ablagern und Athero­sklerose begünstigen.

Das gute Cholesterol

Das HDL-Cholesterol dagegen transportiert überschüssiges Cholesterol aus den Gefäßen ab. Es hemmt zudem gleichzeitig die Entzündungsreaktionen in den geschädigten Gefäßwänden und wirkt anti-entzündlich auf Immunzellen. Wissenschaftler der Universität Bonn konnten die molekularen Mechanismen dieser Schutzwirkung aufklären: Das HDL greift in komplizierte Regulationsmechanismen ein und schützt den Körper letztlich vor andauernden Entzündungen. Die Forscher folgern daraus, dass hohe HDL-Spiegel dazu beitragen, chronischen Erkrankungen vorzubeugen. Übersetzt in Ernähr­ungs­empfehlungen heißt das: die Fettmenge der Nahrung zu reduzieren und das richtige Fett zu wählen. Besonders problematisch sind Trans-Fettsäuren, die bei der Fetthärtung entstehen und vor allem in frittierten Produkten, industriellen Backwaren und Fertiggerichten vorkommen. Lebensmittel mit überwiegend gesättigten Fettsäuren, wie fettreiche Fleisch- und Wurst­waren sowie Käse, sollten ebenfalls nur in mäßigen Mengen gegessen werden. Günstig sind einfach ungesättigte Fettsäuren wie die Ölsäure in Olivenöl sowie die bereits erwähnten mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren in Lein-, Raps- oder Walnussöl.

Eine weitere gute Möglichkeit, den HDL-Spiegel zu erhöhen, ist sportliche Aktivität. Insbesondere moderater Ausdauersport wirkt sich hier positiv aus. Zudem wiesen Forscher nach, dass Muskeln entzündungshemmende Stoffe bilden. Bei Anstrengung steigen die Werte kurzfristig um das Hundertfache an. Aus diesem Grund liegen die Entzündungswerte im Blut körperlich aktiver Menschen niedriger als bei Bewegungsmuffeln. Die Wissenschaft liefert also überzeugende Hinweise, dass eine abwechslungsreiche Ernährung, die ihren Schwerpunkt auf pflanzliche Lebensmittel setzt, wirksame entzündungshemmende Inhaltsstoffe beinhaltet. Vor allem Patienten mit chronisch entzündlichen Erkrankungen können von einer entsprechend angepassten Ernährung und mehr Bewegung profitieren. /