PTA-Forum online
Gicht

Nicht angemessen versorgt

24.08.2015  11:04 Uhr

Von Gudrun Heyn / Gicht, plagt häufig diejenigen, die sich zu üppig ernähren. Daher litten schon in der Antike Menschen unter den Beschwerden der Erkrankung. Wie Gicht entsteht, ist heute weitgehend aufgeklärt: Das Stoffwechselprodukt Harnsäure löst die Krankheit aus. Gichtkranke benötigen eine umfassende Therapie, sie müssen zudem auf ihre Ernährung achten und ihren Serumharnsäurespiegel regelmäßig überwachen lassen. Dennoch ist die Behandlung der Patienten bislang nicht optimal.

Gicht ist eine Gelenk- und Stoffwechselerkrankung. Wie bei der Rheumatoiden Arthritis sind Gelenke der Kranken schmerzhaft entzündet. Mediziner sprechen daher auch von einer Gichtarthritis (Arthritis urica). Wenn sie nicht regelmäßig kontrolliert und behandelt wird, verläuft sie chronisch. Die Kranken leiden fortschreitend unter schubförmig auftretenden Gichtattacken und außerdem werden die Gelenke immer stärker zerstört.

»Trotzdem erhalten Kranke in Deutschland zumeist keine fachärztliche Behandlung«, sagte Dr. Rieke Alten, Chefärztin an der Schlosspark Klinik Berlin im Vorfeld des 42. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) in Berlin. Und selbst die angemessene Versorgung durch einen Hausarzt sei oft nicht gewährleistet. »Meist behandeln Hausärzte nur den akuten Anfall und vernachlässigen die anschließende notwendige Überwachung und Therapie«, so Alten.

Aber auch Erkenntnisse und Fortschritte der Gicht-Forschung der letzten Jahre würden bislang noch zu wenig beachtet. So wurden beispielsweise die Diätempfehlungen verändert und ein neuer Arzneistoff in die Therapie eingeführt.

Häufig und schmerzhaft

Derzeit sind in Deutschland mehr als 2 Prozent der Bevölkerung an Gicht erkrankt. Die Krankheitshäufigkeit steigt mit dem Alter. Bei den über 65-jährigen Männern liegt sie bei etwa 7 Prozent. Doch oft ist die Gicht nicht die alleinige Krankheit. »Bei 8000 Kranken wurden 2011 mehr als 51.500 Nebendiagnosen gestellt«, sagte Alten. Dazu zählen vor allem Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen sowie Übergewicht.

Der erste akute Gichtanfall beginnt fast immer plötzlich, mitten in der Nacht. Extreme Gelenkschmerzen sind sein Leitsymptom. Selbst das Gewicht der Bettdecke ertragen die Betroffenen dann meist nicht mehr. In über 90 Prozent der Fälle ist zunächst nur ein Gelenk betroffen (Monoarthritis), am häufigsten das Großzehengrundgelenk (Podagra). Aber auch jedes andere Gelenk kann sich entzünden, anschwellen und schmerzen, hauptsächlich jedoch Fuß-, Knie- und Handgelenke. Neben dem Schmerz treten klassische Entzündungszeichen wie Wärme, Schwellung und Rötung auf. Frösteln und mäßiges Fieber sind weitere Symptome. Auch auf die umgebenden Sehnenscheiden und Faszien kann die Entzündung übergreifen. In manchen Fällen dauert ein Anfall Stunden, in anderen Tage.

Wie entstehen die typischen Gichtknoten?

Gichtknoten, in der Fachsprache Tophi genannt, gelten als typische Zeichen der chronischen Gicht. Tophi sind lokale, meist schmerzfreie Ablagerungen von Natrium­uratkristallen, die sich an den Fingern und Füßen bilden. Treten sie an den wulstartigen Umrandungen der Ohrmuscheln auf, heißen sie im Volksmund Gichtperlen.

In der folgenden sogenannten interkritischen Phase bleiben die Kranken über Wochen oder sogar Jahre symptomfrei. Dennoch setzen sich die krankhaften Veränderungen an den Gelenken unbemerkt fort. In der chronischen Phase wechseln sich symptomfreie Zeiten mit akuten Anfällen ab. Vor allem aber leiden die Kranken unter Schmerzen, wenn sie ihre Gelenke belasten.

Stoffwechsel und Immunabwehr

Gicht ist eine rheumatische Erkrankung, bei der Harnsäurekristalle, also ein Stoffwechselprodukt, immunologische Reaktionen auslösen. Aufgrund eines erhöhten Harnsäure­spiegels lagern sich bei den Kranken Harnsäurekristalle (Natriumuratkristalle) in den Gelenken oder auch in Organen ab. Besonders stark davon betroffen sind Körperstellen mit einer niedrigen Temperatur oder einem sauren pH-Wert, da dies die Löslichkeit der Harnsäure verringert und zum Ausfall der Urate führt.

Vor allem in den Gelenken rufen die abgelagerten mikroskopisch kleinen Nadeln extrem schmerzhafte Entzündungen hervor. Zwar nehmen Makrophagen die Nadeln in ihr Inneres auf, um sie enzymatisch aufzulösen, doch stattdessen zerstören die Kristalle die Immunzellen. Die austretenden Enzyme führen dann im umgebenden Gewebe zu Läsionen und entzündlichen Reaktionen. Außerdem bewirken die Harnsäurekristalle, dass der entzündungsfördernde Botenstoff Interleukin-1-beta übermäßig produziert und freigesetzt wird.

Rolle der Gene

Ein hoher Harnsäurespiegel ist zumeist die Folge einer gestörten Harnsäureausscheidung der Nieren, einer zu purinreichen Ernährung und übermäßigem Alkoholkonsum. Vor allem bei Männern in wohlhabenden Ländern ist das Risiko, an Gicht zu erkranken, erhöht. Bei rund 30 Prozent dieser Männer, aber nur bei 3 Prozent der Frauen liegen die Serumharnsäurewerte über dem Referenzwert (Männer: 3,5-7,1 mg/dl beziehungsweise 210–420 µmol/l, Frauen: 2,5–5,9 mg/dl beziehungsweise 150–350 µmol/l).

Doch nur etwa 10 Prozent der Menschen mit erhöhtem Harnsäurespiegel erkranken an Gicht. Der Grund dafür ist eine genetische Disposition, die bei der Entstehung der Gicht eine wichtige Rolle spielt. »Gicht als Wohlstandskrankheit zu begreifen, ist zu kurz gegriffen«, sagte Alten. Dennoch ist erwiesen, dass üppige Mahlzeiten einen Gichtanfall aus­lösen können, aber auch Medikamente wie Diuretika.

Harnsäure entsteht im Körper bei der Ver­stoff­wechselung von Purinen. Diese kommen in tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln vor. Besonders purinreich sind rotes Fleisch, Innereien und Bier.

Geänderte Diätempfehlungen

Um den Harnsäurespiegel möglichst niedrig zu halten, ist die bewusste Ernährung fester Bestandteil der Therapie. Allerdings haben sich die Diätempfehlungen in den letzten Jahren geändert: Aktuell sind die Diätvorschriften nicht mehr so streng. »Gichtkranke müssen nicht auf Spinat, Brokkoli und Hülsenfrüchte verzichten«, informierte Alten. Auch die deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM) rät trotz des relativ hohen Puringehalts zu Gemüse und Salat. Empfehlenswert sind zudem Obst wie Pfirsiche und Kirschen, Oliven- und Rapsöl, Nüsse und magere Milchprodukte. 

Dagegen sind süße Getränke und frucht­zucker­reiche Nahrungsmittel wie Äpfel und Orangen weniger empfehlenswert. Außerdem sollten die Kranken fettreiche Mahlzeiten von ihrer Speisekarte verbannen, ihren Alkoholkonsum in Grenzen halten und auf ihr Körpergewicht achten. »Alle in Maßen genossenen Lebensmittel sind vernünftig, denn die Lebensfreude darf nicht zerstört werden«, so Alten. Dies gelte ebenfalls beim Bier. Jedoch sollten Übergewichtige ihr Gewicht gezielt und unter Aufsicht reduzieren. Wenig tolerant ist die Rheumatologin beim Nikotin: Auf das Rauchen sollten Gichtkranke konsequent verzichten.

Gichtpatienten benötigen eine phasenabhängige Behandlung. Bei einem akuten Gichtanfall gilt es, Schmerzen zu lindern und weitere Schäden an den Gelenken zu verhindern. Während eines symptom­freien Intervalls und bei chronischer Gicht zielt die Therapie darauf ab, hohe Serum­harn­säure­werte zu verringern und weitere Gichtanfälle zu verhindern.

»Mit mittel- bis hochdosierten Glucocorticoiden lässt sich ein akuter Schub innerhalb weniger Tage steuern und zur Ruhe bringen«, sagte Alten. Akute Attacken sollten so schnell wie möglich behandelt werden.

Arzneimittel der ersten Wahl

Laut der europäischen Fachgesellschaft EULAR (European League Against Rheumatism) sind Glucocorticoide und/oder Colchicin und/oder nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) die Be­handlungs­optionen der ersten Wahl. Die indivi­duelle Therapie hängt von den weiteren Erkrankungen und den jeweiligen möglichen Nebenwirkungen ab. Glucocor­ticoide wie Prednisolon wirken rasch entzündungshemmend und verzögert immunsuppressiv. NSAR lindern entzündlich bedingte Schmerzen, wirken antiinflammatorisch und fiebersenkend. Colchicin hemmt die Aktivität der Makrophagen. Auch für Patienten mit häufigen Gichtschüben, bei denen die genannten Arzneistoffe kontraindiziert sind, gibt es eine neue Behandlungsoption: den Interleukin-1-beta-Inhibitor Canakinumab. Laut Alten wird der neue Wirkstoff bislang zu wenig beachtet.

Nach einem akuten Schub sollten die Patienten sechs Monate lang niedrig dosiertes Colchicin einnehmen, um weiteren Attacken vorzubeugen. »Dies ist die Phase, in der die meisten Fehler passieren, denn es werden entscheidende Weichen für den weiteren Krankheitsverlauf gestellt«, informierte Alten. Wichtig ist außerdem die regelmäßige Kontrolle des Harnsäurespiegels.

Falls sich durch Ernährungsumstellung die Harnsäurewerte nicht dauerhaft senken lassen, ist die medikamentöse Dauerbehandlung angezeigt. Mittel der Wahl ist Allopurinol. Der Wirkstoff aus der Gruppe der Urostatika senkt die Harnsäure leicht, da er die Harnsäurebildung verringert. Sprechen die Patienten nicht auf Allopurinol an, oder leiden sie unter Niereninsuffizienz sollte der Arzt das Urostatikum Febuxostat verordnen, so Alten. Weitere Alternativen bei Patienten mit normaler Nierenfunktion sind Urikosurika wie Probenecid. Die Arzneistoffe dieser Arzneimittelgruppe senken die Serumharnsäurewerte, indem sie die Harnsäureausscheidung erhöhen. /

Eine bewusste Ernährung ist fester Bestandteil der Therapie. Insbesondere Kirschen, Pfirsiche, Olivenöl und Nüsse helfen, den Harnsäurespiegel niedrig zu halten.

TEILEN
Datenschutz