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Darmkrebs

Das Risiko senken

29.08.2016  11:27 Uhr

Von Katrin und Tim Schüler / In Deutschland betrifft fast jede achte Krebserkrankung den Darm. Die Neuerkrankungsrate liegt bei etwa 30 bis 35 auf 100 000 Einwohner mit einem Alters­höhepunkt im 65. Lebensjahr. Auch wenn die Möglichkeiten der Therapie in den letzten Jahren immer erfolgreicher wurden, bleibt es doch das Ziel, die Erkrankung durch effektive Prävention möglichst ganz zu verhindern.

Der Dickdarm (Kolon) beginnt im rechten Unterbauch als Anschluss des Dünndarms. Den Übergang von Dünn- und Dickdarm markiert die sogenannte Ileozökalklappe, in deren Nähe sich auch der Blinddarm und der anhängende Wurmfortsatz befinden. Nach dem aufsteigenden, dem quer verlaufenden und dem absteigenden Teil geht das Kolon im linken Unterbauch nach einem kurvigen Abschnitt (Sigmaschlinge) in den Mastdarm (Rektum) über. Dieser endet im Analkanal. Generell können an jeder Stelle des 1,5 Meter langen und 6 Zentimeter dicken Dickdarms Krebserkrankungen auftreten. Im Dickdarm bilden sich sehr viel häu­figer Tumore als im Dünndarm. Etwa zwei Drittel der colorektalen Karzi­nome entstehen im Dickdarm und circa 30 Prozent im Enddarm. Dies liegt zum einen daran, dass sich hier das Gewebe nur langsam erneuert und sich dadurch einmalige Entartungen stärker auswirken. Zum anderen verbleiben potenziell toxische Nahrungsinhaltstoffe im Dickdarm vergleichsweise lange, manchmal Stunden oder sogar Tage.

Darmtumore entwickeln sich nach einem klassischen Pathogeneseweg, auch »Adenom-Karzinom-Sequenz« ge­nannt. Der Begriff beschreibt den Übergang gesunder Darmschleimhaut über die Krebsvorstufe eines Darmpolypen zur gutartigen Wucherung eines Adenoms bis hin zum bösartigen Kar­zinom (siehe Kasten). Dieser Vorgang geht mit charakteris­tischen Zellveränderungen einher. Je mehr Adenome im Darm vorhanden und je voluminöser sie sind, desto größer ist auch das Darmkrebsrisiko.

Ursache einer Darmkrebserkrankung können bestimmte Genmutationen sein, die in manchen Familien vermehrt vorkommen. Bei Menschen mit familiärer adenomatöser Polyposis (FAP) treten gehäuft Darmpolypen auf, die mit einer hohen Wahrscheinlichkeit entarten. Ohne frühzeitige Vorsorge erkranken nahezu 100 Prozent dieser Patienten an Darmkrebs. Ein weiteres Beispiel ist das Lynch-Syndrom, das ebenfalls familiär gehäuft auftritt. Bei diesen Patienten entstehen fast immer im mittleren Lebens­alter bösartige Krebsgeschwüre, jedoch ohne vorherige Ausbildung von Darmpolypen. Außerhalb dieser beiden Ursachen spielen bei einem Großteil der Darmkrebserkankungen weitere Risikofaktoren eine große Rolle.

Alter als Risikofaktor

Circa jeder vierte Darmkrebs tritt in bestimmten Familien gehäuft auf. Waren bereits Verwandte ersten Grades (Eltern, Geschwister) betroffen, ist das Risiko für enge Familienmitglieder ebenfalls erhöht. Generell steigt mit dem Lebensalter das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken. Die meisten Betroffenen sind über 70 Jahre alt. Auch die Lebensart hat einen wichtigen Einfluss (siehe Kasten).

Auch Vorerkrankungen können das Darmkrebsrisiko erhöhen, beispielsweise die chronisch-entzündlichen Darm­er­krank­ungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Nach operativer Entfernung von Tumoren besteht zudem ein Rückfallrisiko, das umso größer ist, je weiter fortgeschritten der Krebs vor der Operation war.

Frühe und späte Anzeichen

Im Frühstadium führt die Krebserkrankung nur zu unspezifischen Symp­tomen, unter anderem zu mehr oder weniger stark ausgeprägten Bauchschmerzen. Mitunter bemerken die Betroffenen einen Wechsel zwischen Verstopfung und Durchfall. Okkultes Blut im Stuhl kann zu Blutarmut führen. Schildert ein Kunde oder Patient in der Apotheke Symptome wie Leistungsminderung, Müdigkeit, Gewichtsverlust oder Fieber, denken PTA oder Apotheker nicht unbedingt sofort an einen mög­lichen Darmkrebs. Diese Beschwerden weisen aber auf eine neoplastische Erkrankung hin. Daher ist in einer solchen Situation der einfühlsame Rat, einen Arzt aufzusuchen, stets angezeigt.

Warnzeichen, die zwingend der ärztlichen Abklärung bedürfen, sind sichtbare Blutauflagerungen am Stuhl oder ein verminderter Durchmesser (Bleistiftstuhl).

Im Spätstadium der Erkrankung geht Stuhl manchmal auch über Blase oder Scheide ab. Dies ist dann der Fall, wenn der Tumor bereits umfangreich in das benachbarte Gewebe eingedrungen ist. Bei manchen Erkrankten ­blockiert der Tumor den Harnabfluss, sodass sich Harn in die Nieren rückstaut. Ischiasartige Schmerzen ent­stehen, wenn der Krebs in das Nervengeflecht im Kreuzbein eingedrungen ist. Die Perforation der Darmwand mit einer Bauchfellentzündung als Folge gefährdet das Leben der Erkrankten. Metastasen in anderen Organen oder Geweben werden mitunter erst bei Röntgenaufnahmen der Lunge, bei einer Blasenspiegelung, bei einer Computertomografie des Beckens oder bei einer Ultraschalluntersuchung des Bauchraumes entdeckt.

Vorsorgeuntersuchungen

Darmkrebs ist deshalb eine äußerst tückische Erkrankung, weil die Betroffenen in frühen Stadien meist keine oder nur unspezifische Beschwerden bemerken. Wird der Tumor erst spät entdeckt, ist oft keine Heilung mehr möglich. Nur bis zu einem bestimmten Tumorausmaß und einer gewissen Metastasenanzahl führen Therapiemaßnahmen wie Tumorentfernung in Kombination mit einer Strahlenchemotherapie zum gewünschten Erfolg.

Zentrale Risikofaktoren

  • zu wenig Bewegung
  • Übergewicht (BMI >25)
  • Nikotinkonsum
  • ausgeprägter Alkoholgenuss
  • häufiger Konsum von rotem Fleisch und daraus ­ hergestellten Produkten
  • fettreiche und ballaststoffarme ­Ernährung
  • geringer Verzehr von Obst und ­Gemüse.

Die gesetzlichen Krankenkassen haben ein umfangreiches Maßnahmenbündel in ihre Leistungskataloge aufgenommen, um ein frühes Erkennen der Krebsvorstufen zu ermöglichen. Ab dem 55. Lebensjahr kann jeder Bundesbürger auch ohne besonderes Erkrankungsrisiko eine kostenlose Dickdarmspiegelung (Koloskopie) durchführen lassen. Dabei trägt der Facharzt gutartige Schleimhautwucherungen ab, um Krebs vorzubeugen. Ist der Befund unauffällig, wird die Koloskopie spätestens alle zehn Jahre wiederholt.

Menschen mit familiärer adenomatöser Polyposis oder Lynch-Syndrom sollten noch früher zur Darmspiegelung gehen. Auch wenn ein Angehöriger an Darmkrebs erkrankt, sollten sich die Familienmitglieder ersten Grades bereits vor dem 55. Lebensjahr untersuchen lassen. Experten empfehlen dann, die Koloskopie bereits zehn Jahre vor dessen Erkrankungsalter durchzuführen, spätestens jedoch im Alter von 50 Jahren.

Kapselendoskopie

In Ausnahmesituationen wird eine Kapselendoskopie durchgeführt: Dabei schluckt der Patient eine kleine Kapsel, in der sich eine Kamera befindet. Diese filmt die komplette gastrointestinale Passage. Aufwand, Kosten und Effek­tivität begrenzen derzeit jedoch noch den Einsatz dieses patientenfreundlicheren Verfahrens.

Bei manchen Patienten kombiniert der Facharzt Teile der Darmkrebsvorsorge mit anderen Vorsorgemaßnahmen. So tastet er beispielsweise im Rahmen der Früherkennung von Prostatakrebs auch den mit dem Finger erreichbaren Enddarm auf Mastdarm­tumore ab. Bei Frauen führen manche Frauenärzte dies ebenfalls bei der gynäkologischen Untersuchung durch. Hierbei ertastet der Arzt Vorwölbungen im Darminneren oder wird auf Unregelmäßigkeiten der Darmwand aufmerksam. Bleibt zum Beispiel Blut am Untersuchungshandschuh beziehungsweise Fingerling zurück, wird er weitere Untersuchungen veranlassen.

Test auf okkultes Blut

Die zahlreichen Blutgefäße der Tumoren oder Polypen im Dick- und Enddarm sind leicht verletzbar, sodass immer wieder geringe Mengen Blut in den Stuhl gelangen. Bereits ab dem ­Alter von 50 Jahren bezahlt die gesetzliche Krankenversicherung deshalb den Schnelltest auf okkultes Blut im Stuhl. Dieser Test erfasst Blutmengen, die mit bloßem Auge nicht sichtbar sind. Wichtig ist: Nehmen Patienten oder Kunden, die einen solchen Test in der Apotheke kaufen, Eisenpräparate ein, müssen sie darauf hingewiesen werden, dass dadurch das Testergebnis »falsch-positiv« ausfallen kann. Arzneimittel wie NSAR oder Glucocorticoide führen ebenfalls zu einem falsch-positiven Ergebnis, wenn sie Blutungen im Magen-Darm-Kanal ausgelöst haben.

Hohe Dosen von Vitamin C können dagegen ein positives Testergebnis verschleiern. Zitrusfrüchte oder Vitamin-C-haltige frische Früchte wie Erd- oder Johannisbeeren führen möglicherweise zum selben Effekt. Auch wenn der Polyp oder der Tumor zum Zeitpunkt der Stuhluntersuchung nicht blutet, kann der Test die Person fälschlich in Sicherheit wiegen. Deshalb sind sich Experten einig: Der Test ersetzt nicht die Koloskopie!

Mit chemischen Tests auf Guajak-Basis (gFOBT) werden kleinere Blutmengen von 20 bis 40 Milliliter nach­gewiesen. Hämoglobin aus Blutungen des oberen Gastrointestinaltrakts ­(zum Beispiel Mundhöhle, Speiseröhre, ­Magen oder Dünndarm) wird in der Regel durch Bakterien und Verdauungsenzyme vor Erreichen des Dickdarms abgebaut und ist daher nicht mehr nachweisbar. Im unteren Gastrointestinaltrakt wird das Hämoglobin weniger stark abgebaut und ist im Stuhl noch nachweisbar.

Darmpolyp und Tumorrisiko

Als Darmpolypen werden Vorwölbungen der Darmschleimhaut ­bezeichnet, die in das Darminnere hineinragen. Dieses neu gebildete Gewebe (Neoplasie) ist nicht zwingend bösartig, aber die potenzielle Vorstufe eines Tumors. Verschiedene Formen von Polypen sind bekannt. Am häufigsten bilden sich die adenomen Polypen. Bei 5 Prozent der Betroffenen ent­wickelt sich daraus ein bösartiger ­Tumor.

Die im Vergleich zum ­Guajak-Test noch genaueren immunologischen Tests (iFOBT) werden gemäß Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen (G-BA) ab dem 1. Oktober 2016 zur Kassen­leistung und revolutionieren damit die Dickdarmkrebs-Vorsorge. In anderen europäischen Ländern sind diese Tests bereits Standard. iFOB-Tests verfügen über eine erhöhte biologische Spezifität. Weitere Vorteile dieser Tests sind, dass sie nicht auf Vitamin C und Peroxidasen aus der Nahrung sowie nicht-menschliches Hämoglobin reagieren. Von Nachteil ist, dass Proben bis zum analysierenden Labor in einer Kühlkette transportiert werden müssen.

Expertenrat gefragt

Ausschlaggebend für die Entscheidung des G-BA war jedoch das Studien­ergebnis des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg aus dem Jahr 2013: Mit immunologischen Tests lassen sich etwa doppelt so viele Krebserkrankungen und dreimal so viele Krebsvorstufen aufspüren wie mit Guajak-Tests. Laut G-BA sollen die Screeningmaßnahmen künftig erweitert werden, unter anderem durch neue Patienteninformationen über Nutzen und Risiken der Screening-Teilnahme und ein verbessertes Einladungsverfahren für die Versicherten.

Mit kompetenter Aufklärung und Kundenbetreuung zum Thema Krebsvorsorge, leisten PTA oder Apotheker einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen diese Tumorentität und gewinnen sicher neue Stammkunden. /