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Bipolare Störung

Der Januskopf unter den Krankheiten

29.08.2016
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Von Nicole Schuster / Patienten mit bipolaren Störungen durch­leben einen steten Wechsel aus euphorischen und depressiven Phasen. Die Stimmungsextreme machen ihnen ein normales ­Leben oft unmöglich. Viele Fragen zur Ursache und zur Ent­stehung sind noch ungeklärt. Die Erkrankung erfordert eine ­lebenslange adäquate medikamentöse Therapie.

Der Name der Krankheit deutet schon auf die zwei Extreme (Pole) hin, zwischen denen sich die Patienten bewegen: übersteigerte Euphorie und tiefe Depression. In Deutschland sind circa 1,5 bis 3 Prozent der Bevölkerung von einer solchen manisch-depressiven Erkrankung betroffen. Damit gehört sie zu den häufigsten psychiatrischen Leiden. Bipolare Störungen manifestieren sich meist erstmals im dritten Lebensjahrzehnt, bei Frauen und Männern gleichermaßen oft.

»Erste Symptome einer bipolaren affektiven Störung können bereits bei Jugendlichen in der Pubertät und hier verstärkt in der Abiturphase auftreten«, sagt Professor Dr. Jens M. Langosch, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aus Greifswald im Gespräch mit PTA-Forum. Umstritten seien hingegen Diagnosen bei Kindern.

Die Ursachen sind multifaktoriell. »Die Disposition, eine bipolare Störung zu entwickeln, ist erbbar«, berichtet Langosch. Studien an eineiigen Zwillingen zeigen jedoch, dass sich die Krankheit nicht bei jedem ausbilden muss, der die Veranlagung hat. »Umwelteinflüsse wie traumatische Erlebnisse können zum Krankheitsausbruch führen.« Eigene Forschungen des Experten ergaben auch eine immunologische Komponente, beispielsweise die erhöhte Präsenz von Antikörpern gegen Erreger wie das Herpes-simplex-Virus. Die Zusammenhänge sind hier aber noch ebenso unklar wie die genaue Pathologie.

In bildgebenden Verfahren lassen sich Veränderungen im Gehirn erkennen, beispielsweise eine abnorme Aktivität im limbischen System, das für die Gefühlsverarbeitung zuständig ist. Abweichungen zu Gesunden fanden Forscher zudem im Neurotransmitterstoffwechsel der Erkrankten, vor allem bei Vor­gängen, die durch Dopamin, Noradrenalin, Serotonin oder GABA gelenkt sind. Veränderungen bei diesen Botenstoffen sind auch bei anderen psychischen Erkrankungen bekannt.

Verschiedene Verlaufsformen möglich

Der Diagnosekatalog der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10) fordert für das Vorliegen einer bipolaren Störung, dass der Arzt bei dem Patienten mindestens zwei Episoden feststellt, also eine manische Phase mit erhöhtem Antrieb und eine depressive mit stark verringerter Aktivität. Die Länge einer Episode kann nur wenige Tage, in manchen Fällen sogar einige Jahre dauern. Der Durchschnitt bei einem unbehandelten Patienten beträgt vier bis zwölf Monate.

Auffällig ist der Zusammenhang mit den Jahreszeiten: So leiden Patienten statistisch gesehen häufiger in der dunklen Jahreszeit unter depressiven Phasen, im Sommer mehr unter Manien. Möglicherweise spielt hier der Einfluss des Sonnenlichts auf den Serotonin-Stoffwechsel eine Rolle.

Gemäß ICD-10 teilen Ärzte bipolare Störungen in Gruppen ein, je nachdem welche der folgenden drei Kriterien vorliegen: Erstes Kriterium ist die Polarität, wobei zwischen depressiv, manisch und gemischt unterschieden wird, das zweite ist die Stärke der Ausprägung und das dritte die Anwesenheit von psycho­tischen Symptomen wie Wahn oder Halluzinationen. Auch symptomfreie Lebensphasen bei bekannter bipolarer Störung sind beschrieben.

Im klinischen Alltag unterscheiden Ärzte in der Regel zwei Formen. Eine Bipolar-I-Störung liegt vor, wenn auf eine mehr als 14 Tage andauernde manische Episode mindestens eine depressive folgt. Die Bipolar-II-Störung liegt vor, wenn ein Patient mindestens eine über 14 Tage andauernde depressive Episode erlebt und danach mindestens eine Episode, in der er unter einer leichteren Form der Manie, der sogenannten Hypomanie, leidet.

Davon abzugrenzen ist die sogenannte Zyklothymie, bei der sich über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren ständig leichte manische und depressive Stimmungsschwankungen abwechseln. Hier erfüllen die einzelnen Episoden allerdings nicht alle Kriterien einer Manie oder Depression.

Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt

In der Manie erleben die Patienten ein intensives Hochgefühl, sprühen vor oft ziellosem Tatendrang, Kreativität und guter Laune. Ihr Schlaf- und Erholungsbedürfnis ist äußerst gering. Distanzlosigkeit, Rededrang und Gedankensprünge beim Sprechen, gesteigerte Libido sowie Enthemmung etwa beim Geldausgeben sind weitere typische Merkmale.

Mitunter nehmen sie die Realität verzerrt wahr und es treten psychotische Symptome wie Halluzinationen auf. Widerspruch ertragen sie kaum, dann schlägt ihre Stimmung leicht in eine empfindliche Gereiztheit um. »Im manischen Zustand überschätzen sich die Betroffenen und wollen oft mit aller Gewalt das durch die Depression Versäumte wieder ausgleichen. Sie neigen in ihrer Selbstüberschätzung zu hochriskanten Wagnissen und das kann ebenso wie Tatenlosigkeit während der depressiven Phase in den Ruin führen«, so Langosch.

In diesem Zustand empfinden sich die Patienten alles andere als krank und sind oft uneinsichtig, dass sie Hilfe und eine medikamen­töse Behandlung brauchen. Um sie vor sich selbst zu schützen, ist bei manchen die Aufnahme in die beschützte Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses erforderlich.

In der depressiven Phase scheinen bei den Betroffenen sämtliche Emo­tionen, also sowohl Freude als auch Traurigkeit, verschwunden zu sein. Wie bei der unipolaren Depression sind sie anhaltend betrübt, pessimistisch, antriebslos, entwickeln Schuldgefühle und verlieren das Interesse an ihrer Umgebung. Zu den typischen Symptomen zählen außerdem Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen ebenso wie psychosoma­tische Beschwerden im Magen-Darm-Bereich oder Schlafstörungen. In dieser Phase ist die Suizidgefahr hoch.

In einer gemischten Episode treten manische und depressive Phasen entweder im kurzzeitigen Wechsel oder nebeneinander auf. Der gesteigerte Antrieb gemischt mit Mutlosigkeit, dem Gefühl der Wert- und Hoffnungslosigkeit erhöht zudem noch die Gefahr eines Suizids.

Zwischen den Krankheitsepisoden verhalten sich die Patienten häufig monate- oder jahrelang klinisch unauffällig, sind voll leistungsfähig und ihre Stimmungslage ist stabil.

Diagnose kommt oft erst spät

Viele Patienten schrecken aus Scham davor zurück, einen Arzt aufzusuchen. In der depressiven Phase suchen viele die Schuld bei sich und werden darin noch bestärkt, wenn Freunde und die Familie sie auffordern, sich zusammenzureißen und nicht so gehen zu lassen. In der Manie wiederum haben die Patienten kein Problembewusstsein und auch viele Menschen ihrer Umgebung bewerten die – übersteigerte – Hochstimmung nicht als Krankheitszeichen.

Da bei einer bipolaren Störung Marker oder Parameter wie Blutwerte fehlen, an denen sie festzustellen wäre, ist die Gefahr der Fehldiagnose groß. »In der depressiven Phase ist es ohne weitere Hintergründe meist nicht möglich, zu unterscheiden, ob eine uni- oder bipolare Depression vorliegt«, sagt Langosch. Es sei anzunehmen, dass einige Patienten mit der Diagnose einer unipolaren Depression tatsächlich an einer bipolaren Störung leiden. »Akute Manien können wiederum mit psychotischen Erkrankungen verwechselt werden.«

Der erste Ansprechpartner ist zwar oft der Hausarzt, der sollte den Patienten jedoch bei Verdacht auf eine manisch-depressive Erkrankung an einen Psychiater oder Psychotherapeuten überweisen. Diese verfügen über die nötige Erfahrung, um nach eingehender Anamnese, während der der Patient seine Leidensgeschichte erzählt, die Diagnose zu stellen. Dazu kann mehr als ein Arztbesuch erforderlich sein und möglicherweise erwägt der Mediziner auch das Gespräch mit den Angehörigen.

Spät gestellte Diagnosen wirken sich meist negativ auf die Prognose aus. Denn je früher die Behandlung eingeleitet wird, desto besser sprechen Patienten in der Regel darauf an, und desto eher kann die Therapie eine Selbstgefährdung verhindern.

Fingerspitzengefühl erforderlich

»Die richtige medikamentöse Behandlung von bipolaren Störungen ist eine Herausforderung«, erklärt Langosch. »Gibt man Patienten beispielsweise in der depressiven Phase ausschließlich bewährte Antidepressiva wie trizyk­lische Antidepressiva, kann das Stimmungsumschwünge in die Manie ­be­günstigen und es wird eine neue Krankheitsepisode ausgelöst. Die Kombination mit einem stimmungs­­stabili­sierenden Medikament ist hier zu empfehlen.«

Ziel der Behandlung ist es, in der akuten Erkrankungsphase ausgleichend auf die übersteigerte Stimmungslage einzuwirken. Als stimmungsstabilisierende Medikamente verordnen Ärzte den Patienten sowohl in der Phase der Manie als auch in der depressiven Episode neben dem Klassiker Lithium die Antiepileptika Carbamazepin, Valproat und Lamotrigin, mitunter setzen sie auch Quetiapin und Olanzapin als atypische Neuroleptika ein. Erzielen diese Arzneimittel nicht die erhoffte Wirkung, kommen Interventionsmedikamente zum Einsatz, beispielsweise bestimmte Neuroleptika, Antidepressiva, Hypnotika und Sedativa. In manchen Fällen haben sich auch die Wach- und Elektrokrampftherapie bewährt.

In der Erhaltungstherapie verschreiben Ärzte meist Stimmungs­stabilisierer in angepasster Dosierung. Auch in einem längeren symptom­losen Intervall rät Langosch, die Medikamente nie ganz abzusetzen. »Der Patient bleibt dadurch weiterhin mit dem Arzt in Kontakt und Verschlechterungen können schneller bemerkt und aufgefangen werden.« Es ist allerdings Motivationsarbeit erforderlich, um Patienten, die sich für genesen halten, weiterhin von der regelmäßigen Einnahme zu überzeugen.

Ein weiterer Baustein der Therapie sind psychotherapeutische Methoden. Dabei soll der Patient lernen, mit der Störung zu leben und rechtzeitig den Beginn einer neuen Episode zu bemerken. Beim Erkennen einer neuen Krankheitsphase ist zudem die Aufmerksamkeit der Angehörigen wichtig, nicht zuletzt wegen der oft fehlenden Krankheitseinsicht. Der Besuch einer Selbsthilfegruppe kann sowohl den Betroffenen als auch ihren Angehörigen helfen. /