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Depression

Die gelähmte Seele

29.08.2016
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Von Hildegard Tischer / Keine psychische Krankheit tauchte in jüngster Zeit so oft in den Medien auf wie die Depression. Spätestens seit dem Amoklauf von München Ende Juli wissen auch medizinische Laien, dass es sich hierbei um ein ernsthaftes Leiden handelt, nicht nur um eine Befindlichkeitsstörung. Aber entstand in der Öffentlichkeit nicht ein falsches Bild dieser Erkrankung? Macht sie Menschen wirklich zu tickenden Zeitbomben? Oder handelt es sich bei solchen Ausbrüchen nicht eher um Ausnahmeerscheinungen einer Depression?

Als sich vor acht Jahren der bekannte Fußballspieler Robert Enke umbrachte, geriet die Depression zum ersten Mal in den Blickpunkt der breiten Öffentlichkeit. Der Freitod dieses Mannes, der nach außen glücklich, gesund und erfolgreich wirkte, überraschte nicht nur die Fußballwelt. Über die Last, die auf seiner Seele lag, hatte er – wie die meisten Betroffenen – nie gesprochen. Kurz darauf erschütterte der Suizid von Andreas Biermann, ebenfalls Fußballer, die Öffentlichkeit. Im vergangenen Jahr schließlich steuerte der Co-Pilot Andreas Lubitz einen Airbus absichtlich gegen einen Berg, um das Flugzeug zum Absturz zu bringen. Im Gegensatz zu Enke und Biermann nahm dieser Mann allerdings 149 weitere Menschen mit in den Tod. Ende Juli setzte sich die Reihe fort: Im Münchner Olympia-Center erschoss der 18-jährige Schüler David S. neun andere Jugendliche und schließlich sich selbst. Auch er hatte unter Depressionen gelitten.

Dennoch war diese Erkrankung weder bei ihm noch bei Lubitz der Grund für seine Tat. In einer Pressemitteilung stellte die Stiftung »Deutsche Depressionshilfe« klar: »Mit großer Sicherheit kommt eine Depression des Täters als Ursache für den Amoklauf in München nicht in Frage«, so der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Professor Dr. Ulrich Hegerl. Es gebe keine Hinweise, dass an Depressionen Erkrankte häufiger Gewalttaten begehen als andere. »Eher sogar im Gegenteil«, erklärt Hegerl. »Depressiv erkrankte Menschen sind im gesunden Zustand meist besonders verantwortungsvolle und fürsorgliche Menschen. In der depressiven Krankheitsphase neigen sie zu übertriebenen Schuldgefühlen, und dies ist sogar ein zentrales Diagnosemerkmal. Den Amoklauf fälschlicherweise als Folge einer Depression darzustellen, verstärkt die Stigmatisierung depressiv Erkrankter. Dies erhöht für diese die Hürde, sich professionelle Hilfe zu holen.« Schlecht oder gar nicht behandelte Depressionen verursachen laut Hegerl jährlich etwa 10 000 Suizide in Deutschland. Die Erkrankung ist demnach sehr wohl Ursache für die Selbsttötung der beiden Fußballer, nicht aber für den Amokflug und die Schüsse in München.

Wären Enke und Biermann zu einem Arzt oder Psychologen gegangen, hätte ihnen dieser vermutlich geholfen. Doch trotz aller Aufklärung ist die Depression keine Krankheit, über die Betroffene so leicht sprechen wie über Diabetes, einen überstandenen Herzinfarkt oder Burn-out, der in manchen Symptomen der Depression ähnelt und auch in eine solche übergehen kann, wenn nicht gegengesteuert wird. Menschen mit Burn-out haben vorher viel gearbeitet, unter hohem Druck gestanden und alles gegeben. Im Grunde ist der Burn-out also Ausdruck besonderer Leistungsfähigkeit und großen Fleißes, das kann jeder wissen.

Unter einer Decke aus Blei

Wer Depressionen hat, ist für nichts zu gebrauchen. Zumindest fühlt er sich so. In einer Gesellschaft, in der Arbeitsleistung als hohes Gut gilt, fällt es schwer zuzugeben, dass man den Anforderungen nicht entsprechen kann. Schon das Aufstehen morgens gleicht unter Umständen einer Herkulesaufgabe.

Zunächst erkennen viele Erkrankte gar nicht, dass sie unter einer psychischen Störung leiden. Sie fühlen sich müde, können sich kaum konzentrieren, sind nach zwei Stunden Arbeit bereits erschöpft oder schlafen schlecht. Wenn sie überhaupt einen Arzt aufsuchen, dann eher wegen der Müdigkeit, wegen Schlafstörungen oder körper­licher Beschwerden wie Rücken- oder Kopfschmerzen.

Manche Menschen beschreiben ihre Stimmung als große Leere, Teilnahms-, Hoffnungs- und Interesselosigkeit. Sie empfinden keine Freude mehr an Hobbys, Unternehmungen und im Zusammensein mit ihren Lieben. Andere fühlen sich niedergeschlagen, grundlos traurig und einsam. Wieder andere klagen, dass sie keine Entscheidung mehr treffen können, ihre Post nicht öffnen, weil ein Schreiben dabei sein könnte, auf das sie reagieren müssten. Bei manchen Erkrankten schlägt sich die gedämpfte Gefühlsfähigkeit im Ausdruck nieder: Ihre Mimik ist starr, die Stimme monoton, die Gestik sehr zurückhaltend.

Ausprägungen der Krankheit

Treffen aus beiden Gruppen (siehe Kasten) mindestens zwei Faktoren zusammen, diagnostiziert der Arzt eine Depression. Wenn über zwei Wochen konstant alle drei Hauptsymptome auftreten und zusätzlich mindestens vier Nebensymptome, gilt die Depression als schwer. Das heißt jedoch nicht, dass der Patient ständig depressiv ist, denn die Beschwerden schwanken gewöhnlich sowohl langfristig als auch im Wochen- und Tagesverlauf. Einer depres­siven Phase können Wochen, Monate, sogar Jahre folgen, in denen es dem Patienten gutgeht. In schweren Fällen kann eine Depression mit Angst- und Panikzuständen einher­gehen, in besonders schweren Fällen mit psychotischen Wahnvorstellungen. Bei etwa einem Fünftel der Patienten wechseln sich depressive und manische Perioden ab, sie schwanken zwischen »himmelhoch jauchzend« und »zu Tode betrübt«, denn in der manischen Phase können sie genauso grundlos aufgedreht und überaktiv sein, wie sie sich in der depressiven Phase abkapseln. Diese Form der Depression wird als bipolare Störung bezeichnet.

Ursachen der tiefen Schwermut

Grundsätzlich kann jeder Mensch in jedem Alter an einer Depression erkranken. Am häufigsten tritt sie zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr und dann wieder im Renten­alter auf. Insgesamt leiden rund 5 Prozent der Bevölkerung an depressiven Episoden, Frauen doppelt so häufig wie Männer. Bei den Frauen überwiegt der Anteil älteren, möglicherweise, weil sie aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung im Alter öfter alleine leben. Das Alleinsein ist einer der Faktoren, die eine Depression begünstigen. Es ist jedoch selten ein Faktor allein, der die krankhafte Schwermut auslöst, es spielen genetische, psycho-soziale und möglicherweise physiologische Faktoren zusammen.

Wie eine Depression sich äußert

Haupt­symptome nach ICD-10:

  • niedergeschlagene Stimmung,
  • Verlust der Interessen, Freudlosigkeit,
  • schnelle Ermüdbarkeit, fehlender Antrieb.


Nebensymptome:

  • Konzentrations- und Aufmerksamkeitsschwäche,
  • herabgesetztes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen,
  • Schuldgefühle,
  • Pessimismus,
  • Selbstmordgedanken oder -versuch,
  • Schlafstörungen, erhöhtes oder vermindertes Schlafbedürfnis,
  • verminderter Appetit und
  • Verlust des sexuellen Interesses.

Da Depressionen in manchen Familien gehäuft vorkommen, liegt der Schluss nahe, dass die Veranlagung vererbt wird. Zu den psycho-sozialen Faktoren gehören Belastungen in der Kindheit, wie der Verlust eines Elternteils, Vernachlässigung oder Ablehnung durch Mutter oder Vater, aber auch das Gegenteil: überbehütende, ängstliche Eltern, denn sie vermitteln ihrem Kind das Gefühl, dass es selbst zu nichts fähig ist. Zur Depression neigende Menschen können einschneidende Erlebnisse schwerer verkraften als andere, der Tod eines Nahestehenden, der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Trennung vom Partner können sie in ein tiefes Loch stürzen. Oft führen aber auch lang anhaltende moderate Belastungen, beispielsweise ein latenter Konflikt, irgendwann zur Depression. Bei manchen Frauen lösen hormonelle Veränderungen nach einer Schwangerschaft oder in den Wechseljahren eine depressive Phase aus.

Entzündungsprozesse im Gehirn

Möglicherweise nicht ursächlich, aber für die Behandlung wichtig ist schließlich eine dritte Komponente: der Stoffwechsel im Gehirn. Psychiater und Neurologen gehen davon aus, dass bei Depressionen das Zusammenspiel zwischen den Botenstoffen Serotonin, Dopamin und Noradrenalin gestört ist. Die Botenstoffe werden von den Nervenzellen benötigt, um Impulse zu übertragen. Ist ihre Konzentration oder Aktivität zu niedrig, funktioniert die Übertragung nicht richtig. Kürzlich fanden Wissenschaftler heraus, dass im Hirn von Depressiven Entzündungsprozesse stattfinden. Auch verändert sich während einer depres­siven Phase ein Gehirnbereich, der für die Verarbeitung von Gefühlen und Stress zuständig ist.

Ob die Depression die Stoffwechselstörungen im Hirn hervorruft oder umgekehrt, lässt sich nicht sicher sagen. Werden die Hirnaktivitäten mit Medikamenten normalisiert, bessert sich jedoch in den meisten Fällen der Zustand des Patienten.

Zwei Ebenen

Da die Erkrankung auf verschiedenen Faktoren beruht, setzt auch die The­rapie verschieden an: auf der psychischen und der physischen Ebene. Bei leichter bis mittelschwerer Depres­sion hilft gewöhnlich eine Psychotherapie allein, hier hat sich vor allem die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie bewährt. Sie zielt darauf ab, dass der Patient alte, schädigende Denk- und Gefühlsmuster erkennt und sich neue, heilsame aneignet. In der Therapie lernt er, Situationen anders zu bewerten und somit anders darauf zu reagieren, beispielsweise eine kritische Bemerkung nicht mehr als Ablehnung seiner gesamten Person zu interpretieren.

Je nach Patient und Krankheitsbild werden andere Methoden angewandt, etwa die Gesprächstherapie oder die tiefenpsychologisch orientierte, das heißt von der Psychoana­lyse abgeleitete, Therapie. Die Psychotherapie hat den Vorteil, dass sie nicht nur hilft, die depressive Phase zu bewältigen, sondern auch einer Wiedererkrankung vorbeugt.

Bei schwereren Formen der Krankheit hat sich die Kombination von Antidepressivum und Psychotherapie bewährt. Ohnehin sprechen Menschen mit leichter Depression kaum auf eine medikamentöse Behandlung an, während einer schweren Krankheitsphase dagegen sind Antidepressiva der Psychotherapie leicht überlegen.

Ein weiterer Baustein der Behandlung, der sich jedoch nur in einer Klinik einsetzen lässt, ist Schlafentzug. Denn obwohl sich Menschen mit einer Depression müde fühlen, bringt Schlaf ihnen keine Erholung, im Gegenteil, er macht sie noch antriebsloser. Das liegt daran, dass vor allem in der zweiten Nachthälfte die Aktivität der Hormone, die eine Depression begünstigen, besonders hoch ist. Schlafentzug eignet sich naturgemäß nicht zur Dauerbehandlung, aber die Patienten erleben zumindest am folgenden Tag ein Stimmungshoch. Diese zeitweilige Besserung gibt den Betroffenen Mut und Hoffnung, gesunde Lebensphasen wiedererlangen zu können.

Bei bipolaren und psychotischen Depressionen, die einer sofortigen Linderung bedürfen, etwa weil der Patient sein eigenes Leben oder das anderer gefährdet, wird die Elektrokrampf­therapie eingesetzt. Sie löst im Nervensystem einen kurzen Krampfanfall aus, der es quasi zu einem Neustart zwingt. Das Gehirn schüttet daraufhin vermehrt Hormone wie Dopamin und Serotonin aus, was die Stimmung stabilisiert. Der Patient erhält eine Narkose, sodass ihm die Elektroschocks keine bewussten Schmerzen bereiten. Menschen mit bipolarer und psychotischer Depression müssen dauerhaft Medikamente einnehmen.

Kein abruptes Absetzen

Bei mittelschweren Formen der Erkrankung werden Psychopharmaka hingegen nur eingesetzt, um den Gehirnstoffwechsel während der depressiven Episode zu normalisieren. Hat sich die Stimmung wieder aufgehellt und stabilisiert, haben sie ihren Dienst erfüllt. Der Patient muss sie zwar noch einige Monate einnehmen, um einem Rückfall vorzubeugen, doch dann kann er sie allmählich über einige Wochen verteilt ausschleichen – immer unter ärztlicher Begleitung. Antidepressiva dürfen niemals eigenmächtig und abrupt abgesetzt werden, sonst kann es zu schweren Nebenwirkungen oder einem Rückfall kommen, weil sich der Hormonstoffwechsel nicht so schnell umstellt.

Typische Absetzwirkungen sind Schlafstörungen und Verdauungsprobleme wie Durchfall oder Verstopfung, auch Schwindel und Benommenheit können auftreten. Es handelt sich dabei jedoch nicht um Entzugserscheinungen, denn Antidepressiva machen nicht süchtig, was viele Menschen befürchten. Sie verändern auch nicht die Persönlichkeit, ganz im Gegenteil, sie helfen den Betroffenen, wieder sie selbst zu sein.

Die am häufigsten verschriebenen Antidepressiva sind trizyklische Anti­depressiva (TZA), selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI). TZA sind sogenannte Antidepressiva der ersten Generation, zur zweiten Generation gehören die neueren Substanzen der SSRI- und SSNRI-Gruppe. Sie unterscheiden sich unter anderem darin, dass die TZA, wie Amitriptylin und Imipramin, ein breiteres Wirkspektrum haben als SSRI und SSNRI, was leider auch die Nebenwirkungen erhöht. SSRI, wie Citalopram, Fluoxetin, Sertralin, und SSNRI, wie Venlafaxin oder Duloxetin, sind verträglicher, dafür auch häufiger unwirksam bei einzelnen Patienten.

Unwirksam bei Gesunden

In manchen Fällen müssen zwei, drei Präparate ausprobiert werden, bis das passende gefunden ist. Das kann sich recht lange hinziehen, manchmal mehrere Wochen, denn Antidepressiva brauchen Zeit, um ihre Wirkung zu entfalten. In vielen Fällen wählt der Arzt aber beim ersten Mal das individuell richtige Arzneimittel.

Es gibt jedoch auch Menschen, die auf gar kein Antidepressivum ansprechen. Gründe dafür können sein, dass das Zusammenspiel der Botenstoffe bei ihnen anderweitig gestört ist oder dass bei ihnen nur eine leichte Depression vorliegt. Bei Gesunden wirken Antidepressiva grundsätzlich nicht, das Arzneimittel versetzt sie weder in einen Glücksrausch noch macht es sie zum strahlenden Mittelpunkt der Party. Doch die Medikamente helfen Kranken, Lebensfreude, Genussfähigkeit und Vitalität wiederzuerlangen. /