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Baby-Blues

Stimmungstief nach der Geburt

29.08.2016
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Von Clara Wildenrath / Nach der Geburt eines Kindes ist nicht immer alles eitel Sonnenschein: Mit der körperlichen Umstellung gerät auch die Psyche aus dem Gleichgewicht. Zwar gehen die typischen Heultage in der Regel ohne Behandlung spätestens nach zwei Wochen vorüber. Eine echte Wochenbettdepression gehört jedoch in professionelle Hände.

Endlich ist das ersehnte Baby da – die Freude ist riesengroß. Doch plötzlich kommt das heulende Elend: Die frischgebackene Mutter leidet an Versagensängsten, lähmender Erschöpfung und unerklärlicher Traurigkeit.

Fast jede Wöchnerin kennt diese widerstrebenden Gefühle nach der Geburt eines Kindes. Meist beginnt der Baby-Blues drei bis fünf Tage nach der Entbindung. Mediziner sprechen auch vom postpartalen Stimmungstief. Drei von vier Frauen sind mehr oder weniger stark davon betroffen. Grund ist zum einen die enorme Hormonumstellung: Estrogen- und Progesteronspiegel fallen schlagartig ab, während die Prolaktin-Produktion in die Höhe geht. Dazu kommen der Schlafmangel, die körperlichen Strapazen der Geburt und die neue Verantwortung für das Baby. Die ganze Lebenssituation, vielleicht auch das eigene Rollenverständnis hat sich von einem Tag auf den anderen verändert; die »Frau« wird zur »Mutter«.

Zum Glück hält das Wechselbad der Gefühle meist nicht lange an. Nach spätestens zwei Wochen sind die Heultage vorbei, die Stimmungslage stabilisiert sich wieder. Eine Behandlung ist nicht nötig. Freunde und Familie können helfen, das seelische Tief schnell zu überwinden: Was die junge Mutter jetzt braucht, sind Geduld und Verständnis, ein offenes Ohr für ihre Nöte und tatkräftige Unterstützung bei der Versorgung des Babys. Ab und zu ein bisschen Freiraum von den Mutterpflichten bringt das seelische Gleichgewicht leichter wieder ins Lot. Spaziergänge an der frischen Luft und Sonnenlicht tun ebenfalls gut.

Professionellen Beistand kann eine erfahrene Nachsorgehebamme leisten, die sich nicht nur um das Wohl des Kindes, sondern auch um das der Mutter kümmert. Wichtig ist aber vor allem, dass die Wöchnerin ihre ambivalenten Empfindungen akzeptiert. Manchmal erleichtert es sie schon, wenn sie den Tränen freien Lauf lässt und darauf vertraut, dass es bald wieder besser wird. Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, weil sich das Babyglück nicht wie erwartet einstellt, verschlimmern die Situation nur.

Einige Studien deuten zudem darauf hin, dass ein Mangel an Omega-3-Fettsäuren den Baby-Blues begünstigen kann. Offenbar besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Schwangerschaft, dem Omega-3-Fettsäurenspiegel im Blut und der Ausschüttung von Serotonin – einem Hormon, das Stimmungen reguliert. Während seiner Entwicklung im Mutterleib benötigt der Fetus große Mengen der Fettsäuren, die er aus dem mütterlichen Blutkreislauf bezieht. Der bei vielen Menschen ohnehin schon niedrige Omega-3-Spiegel sinkt daher in der Schwangerschaft und Stillzeit. Ob jedoch eine fischreiche Ernährung oder die Einnahme von Omega-3-Präpa­raten tatsächlich den Baby-Blues verhindern oder seinen Verlauf mildern können, ist bislang nicht bewiesen.

Wenn die Heultage nicht vorübergehen

Hält die Stimmungskrise länger als vier Wochen an, ist die junge Mutter mög­licherweise an einer Wochenbett- oder postpartalen Depression erkrankt. Sie tritt bei etwa jeder siebten Mutter auf. Manchmal beginnt sie auch erst Wochen oder Monate nach der Entbindung. Zu den typischen Krankheits­zeichen gehören – ähnlich wie bei Depressionen in jeder anderen Lebensphase – ein Gefühl innerer Leere, Interesse- und Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Schlafstörungen, Nervosität und scheinbar grundlose Traurigkeit. Dazu kommen oft zwiespältige Gedanken dem Kind gegenüber und Schwierigkeiten, eine liebevolle Beziehung zu ihm aufzubauen. Manche Frauen entwickeln zudem Zwangsgefühle, Panik­attacken oder Selbstmordgedanken.

Viele Mütter schieben ihre körper­liche Erschöpfung und ihr Stimmungstief jedoch auf die allgemeine Belastung durch die neue Lebenssituation. Dass sie an einer behandlungsbedürftigen Erkrankung leiden, ist ihnen nicht bewusst. Oft glauben sie, eine schlechte Mutter zu sein, und trauen sich nicht, mit jemandem über ihre Gefühle zu sprechen. Deshalb nehmen immer noch viel zu wenig Betroffene professionelle Hilfe in Anspruch.

Eine unerkannte und unbehandelte postpartale Depression kann die Entwicklung einer stabilen Mutter-Kind-Beziehung ernsthaft gefährden. Studien zeigen, dass die Kinder betroffener Frauen oft unter Schlafstörungen leiden, verzögert wachsen oder fehl­ernährt sind. Außerdem ist ihr Risiko ­höher, später selbst Depressionen, Atemwegs- und Magen-Darm-Erkrankungen zu bekommen oder verhal­­­tens­auffällig zu werden.

Plötzlich unverarbeitete Erfahrungen präsent

Die Auslöser für eine Wochenbett­depression sind vielfältig. Manchmal ist es ein besonders traumatisches Geburtserlebnis, zum Beispiel ein Notkaiserschnitt oder eine besonders langwierige und schmerzhafte Entbindung. Oft kommen durch das Mutterwerden unverarbeitete Erfahrungen aus der eigenen Lebensgeschichte wieder hoch. Das Gefühl von Kontrollverlust, mangelnde Unterstützung in der Familie, Beziehungsprobleme und der eigene Perfektionismus begünstigen ebenfalls eine psychische Krise nach der Geburt. Besonders groß ist die Gefahr bei Frauen, die bereits während der Schwangerschaft oder früher einmal an Depressionen gelitten hatten. Auch Rauchen während der Schwangerschaft und Übergewicht gelten als Risikofaktoren.

Vermutlich häufiger als bisher angenommen steckt hinter der postpartalen Depression eine noch nicht entdeckte Schilddrüsenunterfunktion. ­Etwa jede fünfte Frau trägt die genetische Veranlagung für die sogenannte Autoimmun-Thyreoiditis oder Hashimoto-Erkrankung in sich. Die Hormonumstellung während und nach der Schwangerschaft kann ihren Ausbruch fördern. Bei vielen Betroffenen machen sich die Beschwerden deshalb erstmals nach der Geburt bemerkbar. Die Symptome ähneln denen einer Depression: chronische Müdigkeit, Leistungsschwäche, Schlafstörungen und Stimmungskrisen. Studien weisen darauf hin, dass die Unterversorgung mit dem Spurenelement Selen die Schilddrüsenentzündung und die Wochenbettdepression ebenfalls fördern kann.

Genetische Veranlagung wahrscheinlich

Meist kommen mehrere Umstände zusammen, wenn die Mutter in eine postpartale Depression schlittert. Auch die hormonellen Umstellungen nach der Geburt tragen ihren Teil dazu bei. Darunter leiden zwar alle Frauen, doch scheinen genetische Veränderungen die Ursache dafür zu sein, dass bei manchen die Psyche darauf empfind­licher reagiert. Diese höhere Anfälligkeit lässt sich sogar schon im letzten Schwangerschaftsdrittel anhand des Ablesemusters bestimmter Gene vorhersagen, wie Münchener Forscher kürzlich entdeckten.

Eine postpartale Psychose, die schwerste Form der Stimmungskrise im Wochenbett, entwickelt sich zum Glück nur bei wenigen Frauen: Die Erkrankungsrate liegt bei etwa drei von  1000. Sie äußert sich durch Wahnvorstellungen, Halluzinationen und völligen Realitätsverlust. Oft wechseln sich Phasen rastloser Aktivität mit Teilnahmslosigkeit und Antriebsschwäche ab (bipolare, manisch-depressive Erkrankung). Meist entsteht die postpartale Psychose direkt in den ersten beiden Wochen nach der Entbindung; eine entsprechende Veran­lagung ist oft bereits aus der Vorgeschichte bekannt.

Die gute Nachricht: Bei den meisten Frauen gehen die Stimmungs­krisen im Wochenbett vorüber. Anders als der normale Baby-Blues gehört eine echte Depression jedoch in professionelle Behandlung. Leichte Formen lassen sich meist mit psycho­therapeutischen Maßnahmen in den Griff bekommen. Oft reicht schon eine Kurzzeittherapie mit wenigen Sitzungen. Kompetente, meist sogar kostenlose Hilfe bieten auch Schwangerenberatungsstellen und psychosoziale Dienste. Gespräche mit anderen betroffenen Müttern in einer Selbsthilfegruppe wirken oft erleichternd. Zusätz­liche Entlastung kann eine verlängerte Nachsorgezeit durch eine Hebamme bringen. Studien belegen darüber hinaus, dass auch körperliches Training die depressiven Symptome bei Wöchnerinnen verbessern kann.

Bei schweren Depressionen ist in der Regel eine medikamentöse Therapie notwendig. Praktisch alle Anti­depressiva gehen allerdings mehr oder weniger stark in die Muttermilch über. Verlässliche Daten, ob das Baby dadurch Schaden nehmen könnte, gibt es bislang nur wenig. Lediglich MAO-(Monoaminooxidase)-Hemmer gelten in der Stillzeit als kontrain­diziert. Entsprechend der Nationalen Versorgungsleitlinie ist Stillen nach einer guten Nutzen-Risiko-Abwägung für Mutter und Kind grundsätzlich mit einer antidepressiven Medikation vereinbar. Denn: Wenn die Mutter stillen möchte, kann ein erzwungenes Abstillen aufgrund der Hormonumstellung und ausgeprägter Versagensgefühle die Depression noch verstärken.

Suizidgedanken und postpartale Psychose

Möglicherweise verbessert auch die transdermale Estrogentherapie depressive Symptome in der Postpartalzeit. Die Studienlage ist jedoch noch recht dürftig, sodass die Fachgesellschaften hierzu bislang keine Empfehlung aussprechen. Zum Einsatz von ­Johanniskraut in der Stillzeit liegen ebenfalls keine größeren klinischen Studien vor. Zwar sehen viele Ärzte den Einsatz dieses pflanzlichen Antidepressivums bei Stillenden als gerechtfertigt an – zur Selbstmedikation mit OTC-Präparaten sollen PTA und Apotheker jedoch nicht raten.

Suizidgedanken oder eine postpartale Psychose machen eine stationäre Behandlung unumgänglich. Zu groß ist sonst das Risiko, dass die Mutter sich und das Baby gefährdet. Die Therapie in einer Mutter-Kind-Einrichtung ist zudem sinnvoll, wenn das familiäre Umfeld die Erkrankte zusätzlich stark belastet. /